Markus Jakob

30. Juni 2006

Messi, Migranten, Spanien und die WM

«Das Problem der spanischen Nationalmannschaft besteht darin, dass ihre Symbolkraft viel schwächer ist als die von Real Madrid und Barça. Wieviel Lärm die Medien bei jeder WM auch zu machen versuchen, es bleibt ein künstliches Getöse, und der Ballon platzt beim ersten Nadelstich», schreibt Josep Ramoneda heute in El País. Diesen Nadelstich verabreichten den jungen Spaniern am Dienstag Frankreichs abgebrühte Senioren, bekanntlich ein multikulturelles Unternehmen, dessen gutes Image eben auf dieser Tatsache beruht. Ein anderer spanischer Essayist, Vicente Verdú, stellt im selben Blatt ziemlich Buy tamiflu online wirrselige Mutmassungen darüber an, ob die Marke Spanien mit dem permanenten Scheitern ihrer Fussballmannschaft nicht an Wert einbüsst – und was dagegen zu unternehmen wäre.

Höchstwahrscheinlich wird auch die spanische Auswahl in zehn, spätestens zwanzig Jahren grossenteils aus Immigranten oder ihren Nachkommen bestehen. Die Einwanderung aus der Dritten Welt, auch aus Osteuropa, hat hier spät, dafür umso heftiger eingesetzt, wie die im vorstehenden Posting genannten Zahlen beweisen (es sind die offziellen Zahlen und sie dürften mithin eher zu niedrig sein). Obwohl Spanien zusammen mit Italien seit Jahren die niedrigste Geburtenrate der Welt aufweist (zwischen 1,2 und 1,3), ist die Bevölkerungszahl seit 2000 von knapp 40 auf über 44 Millionen geschnellt.

Wird aber eine aus Rumänen, Kolumbianern, Marokkanern und Chinesen bestehende selección dereinst die symbolische Vorherrschaft der beiden grossen Clubs, Real Madrid und Barça, zu brechen vermögen? Eine Antwort auf diese Frage gibt auch dieser von mir für das NZZ Folio (die WM-Nummer) übersetzte Artikel von Guillem Martínez nicht. Die Übersetzung war für die Publikation ziemlich rüde redigiert worden – hier das Original, das auf einigermassen witzige Weise erklärt, warum der spanische Ballon immer platzen muss.

Und wie bringen wir jetzt hier Messi noch ins Spiel? Morgen wird er das grosse Fahneneinrollen in Deutschland auslösen, sei hier mal vorausgesagt (obwohl mein Freund Markus Grob so schön gedichtet hat: mi-ma-messi/diesen da vergess-i/denn schweini ist viel bessi). Ausserdem ist ja auch Messi ein Immigrant – wurde schon im zarten Alter von dreizehn Jahren nach Barcelona transferiert und hat inzwischen sogar einen spanischen Pass. Aber er will ja Weltmeister werden, und da hat er in Blau-Weiss natürlich die besseren Chancen.

Ich werde mir das Spiel im Female Viagra Online target="_blank">maumau club ansehen, voraussichtlich von Scharen von Argentiniern umgeben (in Katalonien dürften ihrer inzwischen fast 100'000 leben – ein andermal mehr darüber). Mögen sie bloss morgen nicht in die tiefe Melancholie verfallen, die neben der grossen Röhre ihr zweiter wesentlicher Charakterzug ist.

28. Juni 2006

Maragalls Untergang im Nationalsumpf

Während ich bei 47° durch Córdoba schlurfte, vollführte in Barcelona die Politik ihre Bocksprünge (vgl. Posting vom 6. Februar). Der Präsident der katalanischen Generalitat, wie die Obrigkeit hierzulande heisst, wurde von seinen sozialistischen Parteigenossen sanft entsorgt, nämlich zum Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur bei den kommenden Regionalwahlen genötigt. Pasqual Maragall – so heisst der Mann – hatte als barcelonesischer Bürgermeister zwischen 1983 und 1997 eine wesentliche Rolle bei der urbanistischen Erneuerung der Stadt gespielt, als deren Kulmination gemeinhin die Olympischen Spiele von 1992 gelten. 2003 war Maragall im zweiten Anlauf Präsident der Regionalregierung geworden, einer tripartito genannten Koalition, in der sich die Sozialisten (PSC) mit den Buy elavil erznationalistischen Linksrepublikanern (ERC) und dem postkommunistisch-grünen Bündnis (ICV) zu arrangieren hatten.

Die Koalition zerbrach just in dem Moment, in dem sie das hehre Hauptziel ihrer ersten Legislaturperiode erreicht hatte. Das neue Autonomiestatut, eine Art Regionalverfassung, welche u.a. die Einordnung Kataloniens im spanischen Staatsganzen regelt und die Satzung von 1979 ersetzt, war von den Madrider Cortes gutgeheissen worden. Nun brauchte es bloss noch dem katalanischen Stimmvolk zur Absegnung vorgelegt zu werden. Am 18. Juni wurde der Entwurf, wie nicht anders zu erwarten, mit 74% Ja-Stimmen angenommen; allerdings bei einer Stimmbeteiligung von unter 50%, was den unendlichen Überdruss der Bevölkerung an dem Thema spiegelt. Und mehr noch: die pathetische Überflüssigkeit der ganzen Übung. Das Statut von 1979 war bei einer Stimmbeteiligung von 88% von 60% gutgeheissen worden, mithin von weit über der Hälfte der Stimmberechtigten. Jetzt war es noch gerade ein Drittel. Wie legitim ist ein solches Grundgesetz überhaupt?

Irrwege

Schon vor der Abstimmung hatte Maragall die Linksrepublikaner aus seiner Regierung entlassen und vorgezogene Neuwahlen ankündigen müssen. Grund: die ewigen Stunkmacher von ERC, die ein unabhängiges Katalonien anstreben, waren im letzten Moment aus der Koalition ausgeschert und hatten die Nein-Parole ausgegeben, weil ihnen der in Madrid zurückgestutzte Entwurf nicht weit genug ging. Aus entgegengesetzten Gründen lehnte auch der in Katalonien praktisch einflusslose Partido Popular (PP) den Text ab. Die Konservativen hatten Zeter und Mordio geschrien, ist doch nach ihrer Lesart dieses Statut der Anfang vom Ende der spanischen Einheit.

Es gibt freilich noch andere, wesentlich stichhaltigere Gründe als die von ERC und PP angeführten, diese Satzung für einen Irrweg zu halten. Und nicht allein, weil ihre Ausarbeitung und parlamentarische Diskussion die spanische Politik während des ganzen letzten Jahres vergiftet, die Reformpolitik der katalanischen Regierung gelähmt und im übrigen Spanien eine ins Deliriöse tendierende antikatalanische Stimmung angefacht hat. Nicht Spanien jedoch wird an diesem Machwerk zerbrechen, sondern Katalonien selbst droht sich damit in eine Sackgasse zu manöverieren – die Sackgasse einer imaginären Identität, die mit der sozialen Wirklichkeit nichts zu tun hat, und deren Apologeten sich einen Deut um die Komplexität der katalanischen Gesellschaft scheren.


Identitätskrise eines Einwandererlands par excellence?

Das Statut geht über die Tatsache schlicht hinweg, dass Katalonien seit fünfzig Jahren ein Einwandererland ist, dessen Bevölkerung längst mehrheitlich aus andern Teilen Spaniens und mittlerweile zu Buy Prednisone Online 13 Prozent aus dem Ausland stammt (allein in den letzten sechs Jahren haben sich 770'000 Ausländer in den vier katalanischen Provinzen niedergelassen, etwa eine halbe Million davon im Grossraum Barcelona). Die Katalanen sind zu einer Minderheit in ihrem Land geworden – ohne Immigration wäre Katalonien heute eine Region von zwei bis drei Millionen Einwohnern; in Wirklichkeit sind es sieben. In mancher Hinsicht ist die Integration dieser Zuwanderer seit den 1950er Jahren vorbildlich verlaufen. Sie hat auch die katalanische Identität keineswegs geschwächt – wie sonst hätte der sogenannte catalanismo die classe politique von links bis rechts in diesem Ausmass erfasst? Die Hege der katalanischen Wesensreinheit wird von ihr seit dreissig Jahren nachgerade obsessiv betrieben, und die entsprechende, schon in der Grundschule einsetzende Indoktrinierung hat denn auch einen Teil der Bevölkerung – im wesentlichen die katalanischstämmige – auf eine Weise infiziert, die beim Einzelnen ein wenig wie ein Tick anmutet: dieses bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit hervorbrechende Insistieren auf «mein Katalanentum«, «unsere Eigenart», die sich in der Tautologie erschöpft: «Som lo que som».

Sie sind aber eben gerade nicht mehr, was sie glauben, zu sein: die Migration hat die Identität nicht geschwächt, sie hat sie schlicht liquidiert, in ein Nebelgebilde in den Köpfen der Gläubigen aufgelöst. Im Grunde gehört die litaneihafte Beschwörung der katalanischen «Nation» ins Kapitel der kollektiven Psychopathologie.

Die andere Bevölkerungshälfte sieht diesem Katalarifari ziemlich distanziert, ja unbeteiligt zu. Es ist kein reiner Zufall, dass die Stimmenthaltung am 18. Juni bei jenen 51 Prozent lag, die dem Bevölkerungsanteil entsprechen, der nicht katalanischer Muttersprache ist. Das neue Statut postuliert eine katalanische Kulturnation katalanischer Sprache, die als Schimäre zu entlarven ein zweiminütiger Spaziergang durch Barcelonas Strassen genügt. Dennoch werden nun die sprachpolizeilichen Massnahmen, stets unter dem Deckmäntelchen der Sprachförderung und schon bisher teils fragwürdig, nochmals verschärft – anscheinend mit dem absurden Ziel, aus einer zweisprachigen eine einsprachige Gesellschaft zu machen. Dies aber wird schon aus wirtschaftlichen Gründen ein Traum (eher Albtraum) bleiben. In der Praxis ist ja irgendwo die Grenze erreicht, wo eine Gesellschaft sich vor lauter Heimatliebe selbst ins Abseits befödert. Wie es ein von zahlreichen katalanischen und spanischen Intellektuellen unterzeichnetes Manifest gegen das Statut formuliert: «In der Politik ist die Synekdote – einen Teil für das Ganze zu nehmen – keine poetische Lizenz, sondern die Negation der pluralistischen Wirklichkeit.»

Für Spaniens sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero war das Statut ein schwieriger Balanceakt, aus dem er nicht ungeschoren, aber letztlich erfolgreich hervorgegangen ist; sein Partei- und Amtskollege Maragall in Katalonien hingegen, der ihm dieses Ding eingebrockt hatte, muss nun abtreten. Er wird als tüchtiger Bürgermeister der Stadt in Erinnerung bleiben. Doch nach dem erratischen Kurs, den er als Präsident der Generalitat gesteuert hat, hätte er bei den nächsten Wahlen kaum eine Chance gegen den Kandidaten der bürgerlichen Nationalisten (CiU), die Katalonien schon von 1980 bis 2003 wie ihr Privateigentum regiert haben.

Die sozialistische Partei sucht ihr Heil nun erstmals in einem Kandidaten, der selbst jener charnegos genannten Schicht von Einwanderern entstammt, die den Regionalwahlen mehrheitlich fernzubleiben pflegen (was erklärt, dass die Linke in Katalonien zwar bei gesamtspanischen wie bei städtischen Wahlen meist klar vorneliegt, im katalanischen Parlament – in welches fast ausschliesslich Träger katalanischer Namen einzuziehen pflegen – hingegen chronisch untervertreten ist). Im Herbst wird sich weisen, ob der aus Andalusien stammende PSC-Kandidat, der derzeitige Industrieminister José Montilla, jene überwiegend suburbanen Massen zu mobilisieren vermag, die die katalanische Politik bisher für eine Sache der alteingesessenen Katalanen hielten. Sollte er gewinnen, so würde vielleicht auch die irritierende katalanische Heimattümelei zumindest vorübergehend dorthin verbannt, wo sie hingehört, nämlich ins Privatleben.

27. Juni 2006

"On your left, you can see Málaga through the dust"

Buy cardura online class="alignleft size-full wp-image-883" />Ich war in Andalusien. Darüber später mehr. Hier nur das Bild zu Campari Soda, dem schönsten schweizer Popsong aller Zeiten. Gemeint ist natürlich das Original von Taxi, nicht die pathetische Viagra Super Active+ Online Coverversion von Stephan Eicher, in welcher der camparibeduselte Passagier ja auch nicht mehr auf Málaga, sondern - wenn ich recht höre - auf Belfort hinunterblickt durch den Dunst.

Für Nostalgiker ist die Costa del Sol im übrigen heute ein harter Brocken...