Markus Jakob

18. August 2001

Bienvenidos a una nueva realidad. Mediterrane Monster

[2001, Fortsetzung der im Text "Trasvase" begonnenen Fahrt]


 

Gen Süden. Das Ebrodelta blieb als schillernde Geometrie in der Erinnerung haften: Reisfelder, Lagunen, Feuchtbiotope, bedroht nun durch Spaniens Nationalen Bewässerungsplan (vgl. NZZ vom 15.9.2001). Wir fuhren weiter südwärts, der Küste entlang, die dereinst vom Ebrowasser profitieren soll. Wo die A-7 die Orangenhaine von Valencia durchquert, verliessen wir die Autobahn, gerieten aber statt in die Huerta in die Hafen- und Industriezone der einstigen Römerstadt Sagunt: Ladekrane, zerfallende Speicher, ein Multiplexkino namens Alucine. Keine Halluzination hatten die drei Frauen, die vor den Trümmern eines abgebrochenen Hauses standen. «Was da hinkommt? Ein Autobahnzubringer. Sie», so die eine, auf ihre Freundin weisend, «wohnte bis vor ein paar Tagen hier. Hat sechs Millionen (55 000 Franken) Abfindung gekriegt, eine lächerliche Summe, finden Sie nicht? Da ist übrigens noch ihre Katze. Sie hat wohl Angst, weil sie nicht herunter kann.» Und hakten sich unter, während das Tier, allein auf dem hohen Mauerbruchstück, weiter miaute.

Es war Sonntag. Hinter Sagunt standen Autos kreuz und quer auf einem Stück Ödland, von dem aus schon, eine gezackte Skyline wie aus einem Cartoon, die Aussenbezirke von Valencia zu sehen waren. Im Vordergrund in Auflösung begriffene Picknick-Gesellschaften; Gejohle hinter einer weiss getünchten Mauer, die eine kleine Arena umschloss: Es waren Halbwüchsige, die ein Kälbchen reizten oder eher einschüchterten, um feig auseinanderzustieben, sooft es einen Schritt vorwärts wagte. Man kann den Stierkampf, gerade in seiner stümperhaften kindlichen Spielart, von Herzen verabscheuen und sich trotzdem an diesem Vorstadttableau freuen. Zeigt es doch, dass man noch so viele «Alucines» hinbauen und «traditionelle Volksfeste» erfinden kann, es wird immer ein paar Irre geben, die lieber auf dem letzten nicht kommerziell genützten Flecken ihre Würste braten.

Ich erinnere mich, dass wir dann am Strand von Valencia, der Playa de la Malvarrosa, ein Bier trinken wollten, aber nun das Auto mit dem ganzen Gepäck nicht einfach stehen lassen konnten. Schliesslich parkten wir direkt vor einer Bar, in der abends um acht, wie wir beim Eintreten feststellten, noch die Überreste eines wohl seit der Mittagsstunde andauernden Banketts schwelten, und zwar eines Zigeunerbanketts. Nun wagten wir das Auto natürlich gerade in dieser Zigeunerumgebung keine Minute aus den Augen zu lassen, bestellten unser Bier an der Theke und tranken es draussen eilig aus, ohne das herrliche Bild des Gelages, all dieser markanten Köpfe und imposanten Décolletés, richtig in uns aufzunehmen. Wäre ein Thema für eine Glosse, wie das nach Pittoresken  gierende Auge am eigenen – ausserdem rassistisch bedingten? – Sicherheitsdenken scheitert.

Hierauf sind wir in die unglaubliche Stadt Valencia hineingefahren. Es ist eine Stadt von einer Wucht, über die man immer wieder staunt. Valencia seinen gewaltigen Achsen entlang wachsen sehen, heisst einen Bodybuilder mit Stahlsehnen und Betonmuskeln bestaunen. Womit auch, aber nicht nur die kolossale «Ciudad de las Artes» gemeint ist, die der in Zürich ansässige Architekt Santiago Calatrava für seine Geburtsstadt geplant hat. Valencia ist heute, obwohl auch Bilbao und Sevilla enorme Anstrengungen unternommen haben, unter Spaniens Städten die unangefochtene Nummer drei. Allerdings artet die Prallheit, die zu seinem Charakter gehört, in Zeiten wirtschaftlicher Blüte schon fast zum Pralltum aus. Selbst der Kellner, der uns abends bediente, harmonierte mit seiner sprunghaften, geölten, hypereffizienten Art mit dieser Bauweise.

Und nun als nächstes gleich eine Leichenhalle, auch wieder im selben Stil, clean, rosig, mit einem natürlichen, gewinnenden Auftreten gleichsam. Sie stand an einer achtspurigen Ausfallstrasse zwischen Hobbycenters, Puticlubs und Pneulagern, erkennbar an der Aufschrift «Tanatorio» in pietätvoller Typographie. Die erste dieser Leichenhallen inmitten der vorstädtischen Paraphernalia, in Valencia, wirkte noch befremdlich; aber dann schwebte auch in Benidorm, in Alicante, in Murcia je ein postmodernes Tanatorio an der Windschutzscheibe vorbei. Die einzigen Leichen, die vermutlich nicht zu befürchten haben, sie würden je in einem so scheusslichen Tempel aufgebahrt, sind die an die andalusische Küste geschwemmten Afrikaner, die gescheiterten Immigranten. Davon später.

*


Hoch hinaus. Nennen wir ihn JPC, bei seinen Initialen. Von Beruf: Hotelier oder eher: Baulöwe. Hemdsärmlig, jovial, bedenkenlos – man muss JPC einfach mögen, auch wenn man seine Ansichten nicht unbedingt teilt. Aber was sind schon Ansichten, wenn man eine solche Aussicht hat. Wir standen im 53. Stockwerk eines von ihm mitfinanzierten Rohbaus, auf der Dachterrasse von Europas höchstem Wohnhaus; unter uns die Betonstengel von Spaniens Tourismusdestination Nummer eins: Delirious Benidorm.

Gewiss, Benidorm ist nichts für Zartbesaitete: diese Ballung zerstörter Physiognomien, Akkumulation von Europas Zukurzgekommenen oder einfach: Urlaubsverkommenen; eine einzige, Bierhumpen stemmende Menschheit. «Da sie schon morgens um zehn zu trinken anfangen, können sie nicht gut edle Malts konsumieren», wie der Soziologe José Miguel Iribas trocken anmerkt. Und doch ist nach seinem Dafürhalten diese Stadt in ökonomischer und ökologischer, in struktureller und urbanistischer Hinsicht das Klügste, was der Massentourismus hervorgebracht hat. Anstatt in die Breite ist sie in die Höhe gewachsen: achtzig, neunzig Meter sind hier guter Durchschnitt. Nun blickten wir von 185 Metern Höhe auf das Land jenseits der hochverdichteten Stadt, der einem Fiebertraum gleichenden Balkonwaben: eine weitgehend leere, braune, von Bulldozern kahlrasierte Fläche. Was hier präpariert wird, JPC skizzierte es mit dem Daumen in die sandige Brüstung, ist eine neue Traumlandschaft. 1998 hat die Regionalregierung rund um Benidorm zehn Quadratkilometer Land aufgekauft. Zunächst wurde für über 700 Millionen Franken (inklusive Erschliessung) der Themenpark «Terra Mítica» aus dem Boden gestampft, der im ersten Betriebsjahr allerdings Riesenverluste eingefahren hat – entsprechend der These von José M. Iribas, dass Terra Mítica ebenso wenig mit Benidorm konkurrieren kann wie Eurodisney mit Paris. Der Erlebnispark soll nun von Paramount flottgemacht werden. Geplant sind aber auch drei Golfplätze, ein Zoo, ein Trainingszentrum für Spitzensportler sowie neue Hotels: nicht mehr proletarisch himmelstürmend, sondern flach, luxuriös, Land fressend. Kurz, genau das Gegenteil dessen, was Benidorm zu einem – wiewohl verkannten – Modell gemacht hat.

Kann sein, dass Golfplätze für eine so karge Natur eine Verschönerung bedeuten; weniger gut sehen sie in ökologischer Hinsicht aus. Bisher verbrauchte der Tourismus, entgegen seinem Ruf, in der Comunidad Valenciana keine 3 Prozent des Wassers, trug aber 16 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei (nicht mitgerechnet etwa die Möbelindustrie in Alicante, die von all diesen fürchterlichen Hotelausstattungen lebt). Die Landwirtschaft, die 4 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt, verbraucht hingegen 85 Prozent der knappen Ressource Wasser. Gerade Benidorm hat sich bisher durch seinen sparsamen Umgang damit ausgezeichnet: 97 Prozent werden als Brauchwasser wiederverwendet. JPC wies hinaus auf die kahlgeschorenen Flächen, wo man neben dem Millionenklacks namens Terra Mítica auch das Klärwerk erkennen konnte, und fragte: «Wollt ihr eine Tour machen?»

Gleich darauf chauffierte er uns in seinem Cherokee über Beverly-Hills-artige Asphaltbänder; nur dass hier statt Stretch-Limos ganze Brigaden von Cars unterwegs waren, und dass statt üppiger Hecken nackte, schlauchdurchzogene Erdwälle die Strassen säumten: die Tröpfchenbewässerung für das künftige Arkadien. So stolz man in Benidorm darauf ist, das Wasserproblem in den Griff bekommen zu haben – «hier, wo nie ein Tropfen Regen fällt!» –, so wenig verhehlt man, dass der geplante Transfer von Ebrowasser nun sehnlichst erwartet wird: «Der Ebro und der TGV, das sind die Motoren unserer Zukunft.»

JPC steuerte uns durch die fünf skulpturalen Rondells, die die im Entstehen begriffene Landschaft strukturieren, und parkte dann wieder vor seinem 185 Meter hohen Riesenbaby, dem künftigen Hotel Marina. Im Volksmund heisst es Bali, nach einem aus den sechziger Jahren stammenden Hotel, das damit verbunden ist und zurzeit umgebaut wird. Noch waren Teile der alten Fassade intakt: wunderbar feingliedrige, art-déco-artige Balkons, die nun einem dumpfen Einerlei aus abgeschrägten Kanten und braunen Glasblenden weichen müssen. «Nicht wiederzuerkennen, wie?» brummte treuherzig der Bauherr und schüttelte uns die Hand. Im Grunde greift, wie wir ausgangs Benidorm feststellten, jetzt bloss der neue Leichenhallenstil auch auf die Betonburgen der lebendig Begrabenen über. Nicht weit davon ein Grossplakat für eine weitere Grossüberbauung: Bienvenidos a una nueva realidad. «Halt mal!» Der Photograph wünschte das im Bild festzuhalten. Ich schwenkte auf einen staubigen Platz vor einer von zehntausend Autoreifen gesäumten Kartbahn. Links brauste der Verkehr. Hinter uns ragte JPC’s Monster aus Dutzenden anderer Etagenschachteln hervor. Im Schatten einiger Eukalypten bastelte ein junger Mensch auf diesem vorläufigen Niemandsland an seinem alten Corsa. Wenn er nicht gerade den Motor aufheulen liess, schepperte Eminem aus einem Kofferradio: «Cause Shady will fuckin kill you!» Der Fotograf verzweifelte an seinem Cadrage: eigentlich hätte er 360 Grad benötigt.

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Unten durch. Am 6. Februar 2000 geriet El Ejido, Provinz Almería, in die Schlagzeilen. Ein Mord, verübt durch einen geistesgestörten Marokkaner, bot der einheimischen Bevölkerung Anlass zur Hatz auf den «moro». Es waren die bislang übelsten rassistischen Ausschreitungen in einem Land, das noch unlängst selbst Massen von Emigranten produziert hat, nun aber nach Schätzungen von Ökonomen jährlich über 200 000 neue Immigranten benötigt. Sie kommen aus allen Erdteilen, besonders zahlreich aber aus dem Maghreb: die «moros» eben. Vielen wird schon die nächtliche Überfahrt an die andalusische oder kanarische Küste in überladenen «pateras» zum Verhängnis: Hunderte von ihnen – die spanische Öffentlichkeit nimmt es mit Konsternation zur Kenntnis – ertrinken so Jahr für Jahr. Auch die Zahl der sofortigen Rückschaffungen steigt dauernd, sie dürfte dieses Jahr 30 000 erreichen. Wer durch die Maschen der Küstenwache und der Guardia Civil schlüpft, gerät alsbald in die des neuen, restriktiven Fremdengesetzes, das die Umstände, in denen Spanien seine Einwanderer aufnimmt, nur noch verschlimmert. Nirgendwo haben diese drastischere Formen angenommen als in El Ejido.

Der Bürgermeister von El Ejido spricht nicht mehr mit ausländischen Journalisten. Laut dem Büttel, der das Telefon abnahm, ist El Ejido ein ganz normales Städtchen: «Keine besonderen Vorkommnisse.» Gewiss, das Stigma, mit dem es behaftet ist, bleibt heute im Alltag verborgen. Aber bediente uns der Kellner in dem Restaurant, in dem wir mit dem Berber Hamil zu Abend assen, nicht eben deshalb so unwirsch, weil er dachte: «Schon wieder diese Ausländer, die die moros ausfragen, nur um uns schlecht zu machen»?

Dass El Ejido nicht ein Städtchen wie irgendein anderes ist, das sieht jeder schon von der Autobahn aus. Kurz nach Almería verwandelt die Landschaft sich in ein glitzerndes Meer aus Plastic. Vor dreissig Jahren gab es hier nichts als einige ärmliche, von Agaven umstandene Höfe. Seither sind Zehntausende von Hektaren Land unter Gewächshäusern verschwunden: ein Milliardengeschäft. Die Einwohnerzahl hat sich vervielfacht, mindestens ein Viertel davon sind legale Immigranten: 21 000 allein in El Ejido, nebst Tausenden, die noch so gern das entsprechende Papierchen schwenken würden. In der Stadt aber treten sie kaum in Erscheinung: man hält sie fern, als wären sie wirklich nur auf dieser Welt, um in stickigen Treibhäusern die Konten der spanischen, teils auch nordeuropäischen Grundbesitzer zu äufnen.

Dabei ist es seltsamerweise eine Landwirtschaft nicht nur ohne Himmel, sondern auch ohne Erde: Moderne Nutzpflanzen wachsen in an Gestängen hängenden Gefässen. Dank der Hydroponik, der Kultivierung in Nährlösungen, ist der Ertrag etwa bei Tomaten von einst drei bis vier auf über zwanzig Kilo pro Quadratmeter gestiegen. Ein Geäder staubiger Wege erschliesst dieses Eden aus Plasticplanen, mit Kalk geweisst, um wenigstens die ärgste Hitze abzuhalten. Ältere Konstruktionen aus Holzpflöcken neben topmodernen, aus Korea importierten Aluminiumstrukturen. Die Fertigung der Planen, die alle zwei bis drei Jahre ersetzt werden müssen, ist hingegen anscheinend in einheimischer Hand: Von der Autobahn aus ist jedenfalls die Fabrik «Plastimar» unübersehbar. In dem Meer selbst herrscht eine gespenstische Stille; es sei denn, es ist gerade ein Besprühungsfahrzeug unterwegs, oder es zischt eine undichte Wasserleitung. Da die Grundwasservorräte inzwischen nahezu erschöpft sind, wundert es nicht, dass der geplante Transfer von Ebrowasser eben bis in das 500 Kilometer entfernte Almería reicht. Die für die Bewässerung zuständige Genossenschaft hat bei Umfragen festgestellt, dass die meisten der 6000 Grundbesitzer keine Ahnung haben, woher ihr Wasser überhaupt kommt.

Lange fuhren wir in dieser unweltlichen Landschaft herum, ohne auf Menschen zu treffen. Stoppten hier vor einer Halde leerer Kanister (darauf: «metan-sodio» und «750-1200 l/ha» und ein Totenkopf), da bei einem Feld aus niedergebranntem Plastic (Thema verantwortungslose Entsorgung), endlich bei einer Müllhalde, aus der ein stinkiger Truck hervorkrabbelte: ein Loch mitten in Europas Gemüsegarten. Nur einmal streckte ein alter Araber den Kopf aus einem Transformatorhäuschen und erwiderte auf die Frage, ob er bei all dem Gift nicht für seine Gesundheit fürchte: «Gift? Warum auch? Nein, was ich fürchte, sind Diebe.» Er meinte damit seine weniger arrivierten Landsleute. Dieser Mann lebte seit 1988 in Spanien und hatte in dem Transformatorhäuschen, das er mutterseelenallein bewohnte, eine Behausung gefunden, um die ihn in El Ejido mancher beneidet. Andere richten sich in Brunnenlöchern ein. Die können wenigstens nicht abgefackelt werden.

Nach den rassistischen Ausbrüchen des letzten Jahres – wobei daran zu erinnern ist, dass nicht die Diskriminierten, sondern die Diskriminierer durchdrehten, mit Baseballstöcken herummarschierten und Feuer legten – richtete das Rote Kreuz Notunterkünfte für die Immigranten ein. Geschmackvollerweise waren es Plasticgehäuse, assortiert zur Umgebung; viele davon ohne Küche – wozu auch, in diesem Schlaraffenland? Der Bürgermeister, der seine Stadt für eine ganz normale hält, verhinderte zudem mit allen Mitteln, dass sie in Stadtnähe aufgebaut wurden. Von Integration hält er nicht viel, denn für die örtliche Unternehmerschaft ist ja der Status quo – bei Tagesansätzen von höchstens 35 Franken – kein Unglück; und eine Idee von Verantwortung scheint ihn noch nie gestreift zu haben. Dieser Mann gehört dem in Madrid regierenden Partido Popular an, der sich fast gleichzeitig munter den Rügen gegen Haider-Österreich anschloss.

Den Schlüsselsatz zum Verständnis der Geschehnisse von El Ejido sprach ganz beiläufig Hamil aus: jener Vorzeige-Immigrant, den wir durch die NGO «Almería acoge» kennengelernt hatten. Hamil hatte als Treibhausarbeiter angefangen, bevor er einen Job bei jener Hilfsorganisation erhielt, deren Büros bei dem Pogrom im Februar 2000 gleichfalls zerstört und erst diesen Frühling wieder eröffnet worden sind. Wir lernten durch ihn die finstersten, aber auch einige hellere Seiten der Immigration kennen.

Irgendwo im Plasticmeer ein Gemäuer, aus dem bei unserem Erscheinen nach und nach an die zwanzig zerlumpte Gestalten ans Tageslicht traten. Es war ihre Zahl, die zunächst geisterhaft erschien, denn das Gemäuer mass keine fünf mal fünf Meter, war allerdings, wie wir dann sahen, doppelstöckig belegt. Diese Männer hatten nichts zu tun. Sie warteten, wie man ihren mit einzelnen spanischen Vokabeln gespickten Reden entnahm, auf den «precontrato», eine Arbeitszusicherung, mit der sich auch die begehrte Aufenthaltsgenehmigung erlangen lässt. «Precontrato, incha’allah lawkan indi precontrato», tönte es ein ums andere Mal auf diesem Vorplatz zum Nichts in einem Meer von Plastic. Und, bei allen sprachlichen Schwierigkeiten, erfuhren wir auch, dass jeder für die lebensgefährliche Überfahrt mindestens 2000 Dollar bezahlt hatte und um nichts in der Welt die Schande auf sich nehmen möchte, als Gescheiterter in sein Dorf zurückzukehren. Dann kam wie ein Überlebensprophet einer der wenigen, die Arbeit hatten, zwischen den Gewächshäusern zurück und brachte eine grosse Melone mit, schnitt für jeden ein saftiges Stück ab.

Hamil stand in dieser Runde als Ratgeber, als Doyen; ein armer Immigrant wie sie, nur dass er gewissermassen eine Traumkarriere hinter sich hat. Tags darauf führte er uns ja auch bereitwillig zu seinem einstigen Arbeitgeber: Wie zum Beweis, dass nicht sämtliche andalusischen Gemüsebauern herzlose Rassisten sind, sondern dass einige ihren Hof – bestehe er auch bloss aus einigen Gewächshäusern – Hand in Hand mit Nordafrikanern, Südamerikanern und Osteuropäern führen. Allerdings doch gewöhnlich lieber mit blonden Ukrainern als mit den Nachbarn von jenseits der Meerenge.

Wochen später, am Telephon, erzählte Hamil, wie sich der 11. September in El Ejido ausgewirkt hat: «Zum Beispiel gab es Probleme mit dem Spanischunterricht für Immigranten. Es sind gewöhnlich Abendkurse, und nun gab es auf einmal Klagen der Anwohner, sie trauten sich nicht mehr, nach Einbruch der Dunkelheit ihren Müll auf die Strasse hinauszustellen.»

Da fiel mir jener vernichtende Satz wieder ein, den Hamil ganz beiläufig ausgesprochen hatte, als wir den Erwachsenenunterricht für die Einheimischen streiften: «Lesen und Schreiben lernen sie natürlich vor allem, um den Führerschein machen zu können.»

Es ist sicher eine grobe, aber nicht ganze falsche Sicht der Dinge, wenn man die Probleme von El Ejido so zusammenfasst: Binnen zwanzig Jahren sind hier ein paar tausend elende analphabetische Taglöhner zu stinkreichen Sklavenhaltern aufgestiegen. Und das Steuern eines protzigen Geländewagens, der Verzehr frischer Langusten, das Umrechnen des Peperonipreises in Euro, selbst die Ängste der Reichen sind nun einmal leichter erlernbar als der tunliche Umgang mit dem elenden Emigranten, der man selbst hätte sein können: die Begegnung mit seinesgleichen in der Worst-Case-Version.

 

Trasvase oder Wem das Wasser abgegraben wird

[2001]


Spaniens Nationaler Bewässerungsplan und seine Opponenten – ein Bericht aus dem Ebro-Delta


Der Satz ist fast schon eine Binsenwahrheit: «Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt werden.» Möglicherweise werden es auch nur Handelskriege sein, denn Wasser, Inbegriff des Gemeinguts, ist im Begriff zur Handelsware in der Hand multinationaler Konzerne zu werden. Ein kostbares Gut: Alle Flüsse dieser Erde zusammen enthalten nur 1,5 Millionstel der gesamten Wasserressourcen: 0,00015 Prozent. Dass Trinkwasser knapp ist, erfahren heute schon Millionen Menschen in der Dritten Welt am eigenen Leib. Von Riszard Kapuscinski stammt das Aperçu, dass es für Schwarzafrika kaum eine segensreichere Erfindung gab als die des Plasticeimers. Zwar muss das Trinkwasser nach wie vor oft kilometerweit herbeigeschleppt werden, aber wenigstens der Behälter hat nun praktisch kein Gewicht mehr.

Auch in Europa gibt es mittlerweile Menschen, die sich auf diese Weise mit Wasser versorgen müssen. Wir trafen sie am Ende dieser Reise entlang der spanischen Mittelmeerküste, zwischen den Gewächshäusern von Almería, in einer unwirklich anmutenden, vollkommen künstlichen Landschaft; wurde doch hier – Christo müsste vor Neid erblassen – ein etwa fünfzig Kilometer langer Küstenstreifen fast lückenlos mit Plasticplanen überdeckt. Darunter reifen die Tomaten, Peperoni und Melonen, von denen sich halb Europa ernährt. Die Arbeit wird überwiegend von Immigranten verrichtet. Die Elendesten von ihnen hausen unter Bedingungen, die aller Menschenwürde spotten. Kilometerweit nichts als Treibhäuser; kein Strom, auch kein Wasser, was um so grausamer und absurder anmutet, als hier – im trockensten Winkel des Kontinents – jede Tomatenstaude künstlich bewässert wird. Doch davon mehr in einer zweiten Reportage. Dort wird es um die Nutzniesser des Nationalen Bewässerungsplans gehen, der im Juni vom spanischen Parlament verabschiedet wurde; hier hingegen um den PHN (Plan Hidrológico Nacional) selbst, um seine Opponenten und deren Argumente.

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Las dos Españas. Der Ebro entspringt im Kantabrischen Gebirge, unweit der Atlantikküste, und mündet im Süden Kataloniens ins Mittelmeer: 927 Kilometer, parallel zu den Pyrenäen, vom feuchten Norden durch das trockene Aragonien bis an jene Küste, an die alles drängt, gerade weil dort kaum je Regen fällt.

Bisher war mit den «dos Españas», den beiden Spanien, meist die ideologische Spaltung des Landes in eine national-klerikale und eine anarchisch-rote Front gemeint, wie sie im Bürgerkrieg aufeinanderprallten. Aber vielleicht ist für die Zukunft der Gegensatz zwischen dem feuchten und dem trockenen Spanien gravierender. Nun verspricht der Bewässerungsplan der spanischen Rechtsregierung, dieses Ungleichgewicht ein für allemal zu beheben. Milliarden und Milliarden Franken sollen in – nicht zwei, nicht vier, nicht zwölf, sondern: 112 neue Staudämme und 26 Meerwasserentsalzungsanlagen (16 davon auf den Inseln) investiert werden, ausserdem in Kanäle und Pipelines, um bis zum Jahr 2008 die ganze Mittelmeerküste von Barcelona bis Almería mit Wasser aus dem Ebro zu versorgen. Vorläufig hat der «trasvase», wie die geplante Umleitung auf spanisch heisst, das Land jedoch nur erneut in zwei Hälften geschieden: die der Befürworter des PHN und die seiner erbitterten Gegner. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um ein so «trockenes» Thema wie Wasser mag dabei zunächst überraschen. Zu den Grossdemonstrationen in Saragossa, Barcelona und Madrid marschierten dieses Frühjahr jeweils Hunderttausende auf. Am vehementesten ist der Widerstand dort, wo die vom Trasvase direkt Betroffenen leben: am Unterlauf des Ebro, und besonders im Delta.

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Histoires d’eau. Auf einer kleinmassstäblichen Spanienkarte ist das Ebro-Delta nur ein Zipfel, ungefähr in der Mitte zwischen Barcelona und Valencia. Genauer betrachtet, ist es ein sogenanntes Flügeldelta, das mit seinen Landzungen und Lagunen an ein Meeresungeheuer erinnert. Schon die Umrisse lassen keinen Zweifel darüber, dass es ein lebendiger Organismus ist.

Auf einem Grossteil der Fläche wird heute Reis angebaut, namentlich auch die seltene, da nicht sehr ertragreiche, dafür von Kochkünstlern auf der ganzen Welt geschätzte Sorte «Bomba». Als wir im April erstmals hinfuhren, war da nichts als eine bräunliche Ebene, in meist längliche und von schmalen Kanälen gesäumte Felder geteilt. Ende Mai waren diese Gevierte geflutet worden, und in den herrlichsten Grünschattierungen schillernd hatte darin der Reis zu spriessen begonnen. Im Juni ist es dann eine einzige, grün wogende Fläche, in der vereinzelt die meist kleinen weissen Gehöfte wie geometrische Halluzinationen erscheinen.

Die frühen Siedler, heisst es, sind zu Tausenden am Sumpffieber gestorben: in jener Zeit, zwischen 1860 und 1912, als die Bewässerungskanäle angelegt wurden. Heute werden im Delta 25 000 Hektaren bewirtschaftet. Gut die Hälfte davon ist in der Hand einiger weniger, meist ortsfremder Latifundisten, den Rest teilen sich 7 200 in Genossenschaften organisierte Kleinbauern. Das Delta ist aber auch Europas zweitgrösstes Feuchtbiotop (nach Doñana). Die Illa de Buda darf nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Der Strandtourismus hält sich in den Grenzen, die ihm die restriktiven, einem Naturschutzgebiet gebührenden Baugesetze auferlegen. Wer nicht mit dem Fahrrad unterwegs ist, unternimmt etwa eine Tour auf einem der Ausflugsschiffe. Da hört man schon am Landungssteg, während man auf den majestätischen Fluss blickt, die ersten Meinungen zum Plan der Regierung, fünfzig Kilometer landeinwärts den grössten Staudamm Spaniens zu errichten und dort jährlich 1050 Kubikhektometer Wasser abzuzweigen: «Und darüber entscheiden die, die bloss ihren mickrigen Manzanares haben» – die in Madrid eben.

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Dann lernten wir Enric kennen. Enric Pedret handelt mit Bacalao, ist Präsident des Ruderklubs Tortosa und weiss einfach alles über den Ebro. Er weiss auch alles über Bacalao, aber das tut hier leider nichts zur Sache, denn Kabeljau wird ja aus dem hohen Norden importiert. Als Spezialität des Deltas gilt eher Aal: sonnengetrocknet, nicht etwa geräuchert. Aber auch frisch zubereitet ist er, wenn er so von seinen Gräten flutscht, eine Delikatesse. Ausserdem gibt es hier eine kleine Glasaalindustrie. Glasaale, spanisch «angulas», sind die in den Tiefen der Sargasso-See – nördlich der Antillen – geborenen und bis an Europas Küsten gewanderten, dort sofort dem Süsswasser der Flüsse zustrebenden Jungaale, die auf gewissen Touristenmenus «little baby-eels» heissen und deren Kilopreis zwischen 400 und 800 Franken liegt. Was uns nicht nur aufgrund der wackeren Schwimmleistung dieser kaum zwei Centimeter langen Tierchen, sondern auch wegen ihrer unvergleichlichen Konsistenz gerechtfertigt scheint. Sie werden im Winter gefangen, angelockt durch Scheinwerfer, die nachts auf den Fluss gerichtet werden. Enric bekam leuchtende Augen: Wie eine Landebahn sehe dann der Ebro aus, mit all den talwärts gerichteten Lichtkegeln.

Wir assen – dank Enrics kundiger Führung – noch anderes im Delta: Seebrennnesseln (eine Art Qualle), Froschschenkel, Entenleberbrösel (und einen Schenkel dieser Prachtvögel, die vor dem Restaurant L’Estany an der Lagune Encanyissada paradieren), die Rogen einer besonderen Karpfensorte und – die waren zwar nicht besonders – auch die fritierten Spermien derselben.

Aber ich schweife ab, will sagen: ich greife vor – weiter als dieser Artikel je gelangen wird. Wir hatten Enric vormittags in der Bar Nuri in einem der wenigen im Delta selbst gelegenen Dörfer, Jesús i Maria mit Namen, kennengelernt. Da trank er seinen tallat. Natürlich gäbe es auch über einen so wunderbaren Brauch wie den, den Milchkaffee im Glas zu trinken, mancherlei zu sagen; aber jetzt bitte wirklich ins kalte Wasser. Wir hatten uns mit Enric am Landungsplatz des Ruderklubs in Tortosa verabredet, um ein wenig auf dem Fluss herumzuschippern. Dass auf das winzige Schlauchboot ein 30-PS-Evenrude montiert war, entging unserer Aufmerksamkeit; bis wir beinahe über Bord kippten, als Enric Gas gab. Vorerst ging’s flussabwärts: vorbei an dicht bewachsenen Auen, vorbei an einer Insel, von der uns einige Stiere entgegenstarrten, bis Enric in der Nähe eines Pumpwerks plötzlich den Motor abstellte: «Von hier bis zur Mündung sind es noch gut dreissig Kilometer. Aber wir sind praktisch auf Meereshöhe, und deshalb dringt bis hierher Salzwasser in den Fluss». Er warf den Motor wieder an. Zurück ging’s, unter den Brücken der Stadt Tortosa hindurch und vorbei an dem grässlichen franquistischen Denkmal, mit dem an die Schlacht am Ebro erinnert wird.

Es können hier nur Blitzlichter auf die Geschichte des Flusses geworfen werden, der der iberischen Halbinsel ihren Namen verliehen hat, der im 9. und 10. Jahrhundert die Grenze des Emirats von Córdoba bildete, über den später das Holz der Monegros – heute eine Wüste, selbstverständlich eine bewässerte – nach Tortosa geschifft wurde, Holz, aus welchem wiederum die spanische Armada gebaut wurde. Einstweilen ist der Ebro mit seinen zahlreichen Staudämmen nur noch beschränkt schiffbar. Schon einige Kilometer nördlich von Tortosa, bei Xerta, verhindert ein erstes Wehr die Weiterfahrt. Und eben hier, wo der links- und der rechtsufrige Kanal zur Bewässerung des Deltas ihren Anfang nehmen, ist nun auch die Abzweigung von Ebro-Wasser, sind die bewussten Trasvases, nordwärts bis nach Barcelona und südwärts – in der Luftlinie über 500 Kilometer – bis nach Almería geplant.

Was das für das Delta bedeutet, Enric schrie es in das Dröhnen der 30 PS, ist ganz klar: ein Fiasko. Denn schon jetzt sei ja die Versalzung der Böden, der Lagunen, auch des Grundwassers nicht aufzuhalten. Wegen der zahlreichen Staudämme führe der Fluss kaum mehr Geröll mit sich, so dass sich das delikate System allmählich zurückbilde. Sollte nun der Trasvase im geplanten Umfang verwirklicht werden, dann würde auch die Bodenerosion weiter zunehmen, und zugleich die Kontaminierung des Wassers, etwa durch die Abschwemmung von Düngemitteln, und damit der Sauerstoffmangel sowie, durch die damit einhergehende Nährstoffzunahme, die Algenentwicklung, was für die Fisch- und Muschelbänke katastrophale Folgen haben könnte, wovon wiederum die Vögel, darunter viele heute seltene Arten, betroffen wären. Kurz, der PHN sei für das Delta unheilvoll, und wenn sich die katalanische Regierung für ihre Zustimmung zum PHN von Madrid happige wirtschaftliche Kompensationen ausbedungen habe, so sei das nichts als ein schändlicher Kuhhandel. Denn keine noch so kostspielige neue Autobahn, kein noch so gut gestyltes Schwimmbad werde das fehlende Wasser ersetzen können. Laut den Berechnungen von Hydrologen der Universität Barcelona führte der Ebro nur in fünf der letzten zwanzig Jahre die für die Aufrechterhaltung seines Ökosystems notwendige Wassermenge. Andere Studien warnen, dass sich seine Wassermenge wegen der Klimaentwicklung weiter verringern wird.

Aber noch ist der Ebro ein stolzer Fluss, nicht nur für spanische Verhältnisse. Man hört Enric gern zu, wenn er ins Schwärmen gerät und, nachdem er eben noch über Pegelstände und Verschmutzungsgrade referiert hat, plötzlich einen Sonnenuntergang auf dem Fluss schildert – den Zirrostratusfilter vor der orange glühenden Kugel – oder, noch herrlicher, eine Morgendämmerung im Winter anschaulich macht: jeden Tautropfen, das Nebelchen dort hinten, den dunklen Spiegel des Wassers. Man darf annehmen, dass er dann seinen Evenrude abgestellt hat.

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Politsumpf. Der Widerstand gegen den «Pe-Atsche-Enne» (so wird der PHN ausgesprochen) ist ein gruppendynamisches Phänomen. Dass im Delta viele eine nahezu symbiotische Beziehung zum Fluss haben, versteht sich. Aber die Empörung hat auf die ganze Bevölkerung übergegriffen. Davon zeugen nicht nur unzählige Sprayinschriften und Transparente gegen den Trasvase bzw. – katalanisch – das «transvasament». Wer immer darauf angesprochen wird, verteidigt mehr oder weniger eloquent die gute Sache. Die Ausnahme bilden einige Politiker.

Am ärgsten in die Nesseln gesetzt haben sich dabei die katalanischen Nationalisten, die das Kunststück fertigbrachten, den PHN zunächst pro forma abzulehnen – im Parlament in Barcelona –, um ihm vierzehn Tage später im Madrider Kongress zuzustimmen. Solche Windbeutelei quittierte das Volk mit wütenden Aufläufen, sooft sich ein Parteiführer in der Gegend zeigte – Präsident Pujol wurde mit «Figo! Figo!»-Rufen empfangen –, und etliche Lokalpolitiker aus den eigenen Reihen haben desertiert. Jene, die es nicht taten, gelten als Verräter. Einer von ihnen ist Joan Roig, Bürgermeister von Amposta, der «Stadt ohne Bürgermeister», wie eine Sprayinschrift schon bei der Einfahrt mitteilt. Roig versucht den Standpunkt seiner Partei, der von aussen eher nach einem Lavieren aussieht, zu erklären. Natürlich sei es legitim, rundweg nein zu sagen. Die katalanischen Nationalisten zögen es jedoch vor, zu verhandeln, um den «zugegeben: schlechten» Plan zu verbessern. Das Problem ist nur, dass sie gegenüber Aznars Partido Popular am kürzeren Hebel sitzen: Während dieser in Madrid die absolute Mehrheit hat, können sie in Barcelona nur mit PP-Unterstützung regieren. Die Regierung Aznar ging denn auch über alle Abänderungsanträge schlicht hinweg. Hatte nicht Spaniens Landwirtschaftsminister schon vor Monaten angekündigt, im Parlament werde der PHN ein Spaziergang («un paseo militar») und «por cojones», was wir lieber nicht zu übersetzen versuchen, angenommen werden?

So war’s denn auch. Der katalanische Vorschlag etwa, das Wasser für die Region Barcelona künftig nicht aus dem Ebro, sondern aus der Rhone zu beziehen, hat in Madrid kein Gehör gefunden; wobei fraglich bleibt, ob Barcelona dieses Wasser überhaupt braucht. Schon vor dreissig Jahren stand die Stadt angeblich wegen Wassermangels vor dem Kollaps, und obgleich sie sich nach wie vor hauptsächlich aus dem kleinen Fluss Ter versorgt, hat sie sich doch prächtig entwickelt und es liesse sich schwerlich behaupten, sie habe gedarbt.

An dem hypothetischen Transfer von Rhonewasser nach Katalonien erweist sich, wie komplex das Thema ist. Ob Barcelona besser mit Rhone- oder mit Ebrowasser beliefert wird (oder mit keinem von beiden), ist nicht nur eine technische oder ökologische Frage. Genauso wie die katalanischen Nationalisten mit der Option Rhone ihre Unabhängigkeit von Madrid unterstreichen möchten, ist der PHN für den zentralistisch gesinnten PP auch ein Kohäsionsmittel. Zu beachten sind aber noch andere Aspekte. Die Wasserrechte an der Rhone besitzt heute ein Konsortium, zu dem Konzerne wie Vivendi und Alstom gehören. In Frankreich ist also genau jener Wassermarkt, den die sozialistische Opposition hinter dem PHN beargwöhnt, teilweise schon Wirklichkeit. Die spanischen Sozialisten hatten indessen Anfang der neunziger Jahre selbst einen Bewässerungsplan entwickelt, der dem heutigen PHN verblüffend glich, der vom damals oppositionellen PP jedoch heftig bekämpft wurde. Was ein Hinweis darauf ist, dass politische Macht, namentlich wenn absolut ausgeübt, gern einen Hang zu wassertechnischen Grossbauwerken entwickelt. Man darf an Stalin, an die chinesischen Kommunisten oder, hier näherliegend, an Franco denken...

Denn der PHN ist ja nicht der erste Versuch, Spaniens Wasserprobleme mit Beton in den Griff zu bekommen. Über tausend Staudämme, mehr als in jedem andern europäischen Land, prägen die iberische Topographie, haben Täler und Dörfer zum Verschwinden und dafür neue, teils berückende Seelandschaften hervorgebracht. Viele dieser Stauseen sind allerdings auf immer halb, einige sogar ganz leer geblieben, weil die Zuflüsse die in sie gesteckten Erwartungen nicht erfüllten. Das Musterbeispiel für die Folgen eines in vielem dem PHN verwandten Werks aus der späten Franco-Zeit ist die Umleitung von Tajo-Wasser in die Region von Murcia, der «Trasvase Tajo-Segura»: Hat er doch den Wassermangel dort, wo er ihm abhelfen sollte, schlicht verdoppelt. Nicht nur weil heute lediglich ein Viertel der ursprünglich vorgesehenen Menge (1000 Kubikhektometer, fast identisch mit dem nun geplanten Aderlass des Ebro) nach Süden geleitet werden kann; sondern mehr noch, weil er, bevor er überhaupt gebaut war, die Nachfrage angeheizt, neuen hochintensiven Landwirtschaftsbetrieben und der Spekulation im Tourismussektor Vorschub geleistet hat.

Mit andern Worten: der normale Bürger braucht keinen Trasvase, um weiterhin jeden Morgen seine Dusche zu nehmen. Über drei Viertel des spanischen Wasserverbrauchs gehen in die Landwirtschaft. Sollte sich diese das Ebrowasser, das der PHN mit einem Kubikmeterpreis von 52 Peseten veranschlagt (das aber nach Meinung vieler Experten mindestens doppelt so teuer ausfallen wird), gar nicht leisten können, so würde es immerhin die Wasserversorgung der Zweitresidenzen der EU-Bürger mit den zugehörigen Golfplätzen sicherzustellen. Und das einwandfreie Funktioneren einer Unmenge Hoteltoilettenspülungen. So oder so: viel öffentliches Geld – in diesem Fall zu einem schönen Teil aus dem EU-Kohäsionsfonds stammend – im Dienst privater Spekulanten und Küstenverschandler.

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Saragossa-Brüssel-Lourdes. Dagegen vermögen ein paar Reisbauern im Delta wenig auszurichten. Aber sie stehen nicht allein. Auch in Aragonien ist die Ablehnung des PHN fast einhellig, obwohl die Aragonesen vom Trasvase überhaupt nicht betroffen sind; sie haben, und dabei gibt es immer auch einige Profiteure, bloss etwa zwanzig neue Staudämme zu gewärtigen. Schliesst man die eher unwahrscheinliche Deutung aus, dass sie den PHN aus rein rationalen Erwägungen für untauglich befinden, bleiben zwei Erklärungsmöglichkeiten: erstens, sie seien dem Fluss, der ihr Land durchfliesst, so zugetan, dass sie ihn als jene Einheit sehen, die er tatsächlich ist. Und zweitens – weniger romantisch –, dass da auch Neid im Spiel ist: weil die dürre, unter Entvölkerung leidende Region einmal mehr mit ansehen muss, welche Privilegien die Mittelmeerküste geniesst.

Jedenfalls scheint man gerade im Hinterland zu spüren, dass hier ein Staat auf eine Weise neu strukturiert wird, wie es sonst höchstens Autobahnen und TGV-Linien bewirken; und dass dabei bestimmte Regionen zu den Gewinnern, andere zu den Verlierern zählen werden. In der aragonesischen Hauptstadt Saragossa protestierte eine halbe Million Menschen gegen den PHN. Nun aber, nachdem der «paseo miltar» durch beide Kammern des spanischen Parlaments stattgefunden hat, richten sich die Augen der Opponenten nach Brüssel. Läuft dieser Plan doch offensichtlich nicht nur allen Grundsätzen modernen Gewässerschutzes zuwider, sondern auch der EU-Wasserpolitik, wie sie im Vertrag von Amsterdam (Nachhaltigkeit) und in der sogenannten – man entschuldige das Wortungetüm – Wasserrahmenrichtlinie entworfen wurde, die – es kommt noch besser – auf dem Schlüsselbegriff des Flusseinzugsgebietsmanagements beruht.

Auf deutsch: anstatt zum Entzücken der Bauindustrie durch ein künstlich geschaffenes Angebot eine ebenso künstliche Nachfrage zu schaffen, soll nach dieser Richtlinie die knappe Ressource Wasser auf eine Art und Weise verwaltet werden, die den vorhandenen Ökosystemen Rechnung trägt: wo wieviel Grundwasser vorhanden ist und wo mit Kläranlagen und einer Verbesserung der Bewässerungssysteme wieviel Wasser gewonnen bzw. gespart werden kann. Der PHN sieht zwar immerhin 26 (freilich sehr energieintensive) Meerwasserentsalzungsanlagen vor; aber das Sparpotential von Brauchwasser und Tröpfchenbewässerung übersieht er. Hydrologen haben berechnet, dass allein die Ersetzung der in Spanien weitherum üblichen Sprühberegnungsanlagen, bei denen ein Grossteil des Wasser verdunstet, bevor es auf den Boden kommt, wirtschaftlich sinnvoller wäre und die ganze Betonorgie überflüssig machen würde. Aber der PHN stellt ja auch die Klimaänderung nicht in Rechnung, er ignoriert die Unvorhersehbarkeit des EU-Agrarmarkts, und am allerwenigsten schert er sich darum, ob denn Ebrowasser in Almería auch kostendeckend sein wird.

Das Madrider Umweltministerium, das für diesen Plan verantwortlich zeichnet, hat über hundert Expertisen von Hydrologen und Ökologen eingeholt, diese dann aber wohlweislich totgeschwiegen. Denn ihr Tenor lautete: der PHN ist ein ein Plan für bestimmte Bauwerke, aber «hydrologisch» verdient er nicht genannt zu werden. Der nationalistische Bürgermeister von Amposta, der von seinen Mitbürgern nicht mehr als solcher angesehen wird, glaubt dennoch, seine Partei trage zu dem für ein solches Mammutprojekt nötigen Konsens bei. Und wenn diesen Sommer die halbe Bevölkerung des Deltas mit Autocars nach Brüssel fahren wird, um dort ihren Protest kundzutun, so kann er als Realpolitiker darüber nur schmunzeln: «Die scheinen Brüssel für eine Art Lourdes zu halten.»