Markus Jakob
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19. August 2012

Madrider Hypotheken

[April 2004]

Zur Bauwut in der Peripherie



Hölle, doppelköpfig. Die Bilder dieser Reportage wurden kurz vor den Madrider Anschlägen vom 11. März aufgenommen. Wäre es frivol, das Inferno in den drei Bahnhöfen mit den gebauten Greueln, die uns hier beschäftigen, in Zusammenhang zu bringen? Allenfalls der könnte es sein, dass die Bahnlinie, die in Atocha endet und die für das Massaker gewählt wurde, die östlichen Ausläufer eben jener Madrider Peripherie durchläuft, in der sich heute ein in Europa beispielloses urbanistisches Desaster abspielt. So grob diese Zeichnung einer doppelköpfigen Hölle erscheint, sie führt uns mitten hinein in die Wahllosigkeit, mit der hier Raumplanung und Wohnungsbau betrieben werden, in die Verheerungen der Spekulation mithin, die das Leben unzähliger Spanier direkt betreffen und die für ihre Städte, allen voran Madrid, zunehmend eine schwere Hypothek bilden.

Wenn wir von unseren Vorstadtexpeditionen zurückkehrten, waren wir jeweils so ermattet, als hätten wir uns mit der Machete durch den Dschungel geschlagen. In Wirklichkeit hatten wir nur in einem Dickicht von Autobahnen jeweils die richtige Verzweigung oder Ausfahrt erwischen müssen. Das Madrider U-Bahnnetz ist eines der perfektesten der Welt. Wir aber wollten in Territorien vorstossen, in denen der Mensch ohne seinen vierrädrigen Freund verloren ist. Er ist es, so schien uns Suburbia-Ungewohnten, auch mit dem Auto.


Der Spanier und sein Eigentum. Es gibt in Madrid einige hunderttausend Wohnungen, in denen höchstens Gespenster hausen: sie stehen leer. Andererseits hat sich die Einwohnerzahl der Stadt bei drei Millionen, die der Agglomeration bei etwas über fünf Millionen stabilisiert – ohne Immigration wäre sie längst rückläufig. Wie kommt es also, dass heute rund um Madrid ganze Landstriche von Kranen und Stahlskeletten überzogen sind und die Zahl der zurzeit geplanten oder im Bau befindlichen Wohnungen auf dreihunderttausend beziffert wird? Entstehen da lauter Geisterstädte? Wer soll sie dereinst bevölkern? Die unbemittelten Immigranten jedenfalls werden es kaum sein, die Afrikaner, Südamerikaner und Asiaten, die heute das Strassenbild ganzer Viertel der noch vor zwanzig Jahren fast provinziellen Stadt prägen. Wie könnten sie sich Wohnungen leisten, deren Preisniveau dem der teuersten Städte Europas kaum mehr nachsteht? Zumal in Spanien «sich eine Wohnung leisten» fast gleichbedeutend ist mit: «sie besitzen».

Ohne diese Besonderheit wäre alles folgende, bis hin zu den gigantischen Baulandschaften Madrids, nicht erklärbar: 81 Prozent der Wohnungen des Landes werden von ihren Eigentümern bewohnt. Zur Miete zu wohnen, erachten Spanier für hinausgeworfenes Geld; nicht zuletzt, weil Eigentümer von beträchtlichen Steuerbegünstigungen profitieren. Zu einem normalen Leben gehört der Moment, in dem man sich als Eigentümer ins Grundbuch eintragen lässt – genauso, und traditionell ungefähr zum selben Zeitpunkt, in dem man eine Familie gründet. Ein so ordentlicher Lebensplan, in den exakt ein Gatte, ein Domizil und ein Arbeitsplatz passen, hat natürlich einen ideologischen Hintergrund. Es war der Diktator Franco, der das Wohneigentum der Spanier nach Kräften und, wie man sieht, sehr erfolgreich förderte. So erfolgreich, dass Spaniern ihre Wohnungen heute keineswegs ideologisch befrachtet erscheinen, wohl aber mit Hypotheken – das Kreditvolumen des Wohnungsmarkts beläuft sich auf 62 Prozent des Volkseinkommens. Mehr als die Hälfte des Bruttolohns fliesst üblicherweise zu den Kreditgebern. Während das vergleichsweise arme Familienoberhaupt in den sechziger oder siebziger Jahren seine Behausung nach einigen Jahren abbezahlt hatte, sind die Wohnungspreise in einem ersten Schub in den späten achtziger Jahren und erneut seit 1996 in solche Höhen geklettert, dass oft ein ganzes Leben für die Tilgung der Hypothekarschuld nicht mehr ausreicht.

Etwas ist faul am spanischen Wohnungsmarkt. Denn durch die unablässige Wertsteigerung haben Wohnungen zusätzlich zu der Funktion, Menschen ein Obdach zu bieten, längst eine andere erhalten – und manchmal nur noch diese: So wie der Grossspekulant mit den Bodenpreisen, spekuliert der Kleinanleger, anstatt sein Geld an der Börse zu riskieren, mit einzelnen Immobilien. Kaum eine andere Zahl wird von so vielen Spaniern so aufmerksam verfolgt wie der entsprechende Preisindex, laut dem sich der Verkehrswert in den letzten acht Jahren mehr als verdoppelt hat. Noch im Jahr 2003, als eine so unverdächtige Quelle wie der «Economist» davor warnte, die spanische Immobilienblase könnte demnächst platzen, zogen die Wohnunspreise in Madrid um 23 Prozent an.

Geprellt sieht sich bei dieser Entwicklung, wer wirklich eine Unterkunft benötigt. In einem verrückt gewordenen Markt, in dem Angebot, Nachfrage und Preise gleichzeitig steigen, können nicht nur Immigranten nicht mehr mitbieten. Sosehr sich die spanische Gesellschaft vom Kleinfamilienmodell, erst recht von der Illusion eines lebenslänglichen Arbeitsplatzes, wegentwickelt hat, eines ist sich gleichgeblieben: Man kommt vom Elternhaus kaum eher weg, als bis man selbst heiratet. Letzteres aber tun junge Spanier, wenn überhaupt, immer später. Ein unseliges Amalgam aus gedanklicher Trägheit, die das Wort Wohnung mit dem Begriff des Eigentums gleichsetzt, aus exorbitanten Kaufpreisen und einem beschränkten Angebot an Mietwohnungen, hat eine Wohnungskrise ausgerechnet in dem Land ausgelöst, das den jährlichen Ausstoss an Neubauwohnungen auf fast 500'000 gesteigert hat, weit mehr als jedes andere in Europa.


Ville radieuse, stumpfe Version. Die M-30 war Madrids erster Autobahnring. Seine Ostflanke führt so nahe am Zentrum vorbei, dass er heute als eine Art Boulevard erscheint – dem bis zu sechzehnspurigen Verkehr vorbehalten, versteht sich –, aber mit dem postmodernen Pomp der ihn säumenden Gebäude durchaus an die madrilenische Tradition der Gran Vía anknüpfend. Von dieser Ringstrasse zweigen die sechs Autobahnen ab, die ganz Spanien von seinem Zentrum aus radial erschliessen. Drei davon sind neuerdings durch gebührenpflichtige Entlastungsautobahnen ergänzt worden – ein paar Nebenstrecken dazugerechnet, sind es etwa zwölf solcher Strahlen. Aber auch die nächstfolgenden Autobahnringe sind bereits gebaut: die M-40, die nur die südliche Stadthälfte umfahrende M-45 sowie die M-50, während die Ausschreibung der 170 Kilometer langen M-60 eben begonnen hat. Macht viereinhalb Autobahnringe und, über den Daumen gepeilt, etwa sechzig Autobahnkreuze. Es lebe die europäische Stadt! Wohlwollend betrachtet, erinnert dieses Modell an Le Corbusiers Ville radieuse. Ein bisschen von gestern jedenfalls.

Die Madrider Stadtentwicklung spielt sich auf den Flecken Land ab, die zwischen den Schnellstrassen übrigbleiben. Keines dieser Reststücke erreicht auch nur annähernd die Grösse der von der M-30 umgürteten Kernstadt. Es sind vielmehr teils eher erbärmliche, allseits eingezingelte Quadranten, Stümpfe oder Waben, die auch in dichter Bebauung nicht mehr als je zehn- bis zwanzigtausend Wohnungen hergeben. Eines davon hört auf den hässlichen Namen Sanchinarro, von der A-1, der M-30 und der M-40 begrenzt, also schon numerisch privilegiert: da fuhren wir zuerst hin.


Von Fisac zum degenerativen Wohnungsbau. Ich kannte die Gegend im Norden der Stadt schon von einem Besuch bei dem grossen spanischen Architekten Miguel Fisac, etwa acht Jahre zuvor. Fisac hat dort, auf einem Cerro del Aire genannten Hügel, sein eigenes Haus und Studio gebaut, und unweit davon zwei weitere sehr schöne Ensembles, ein Schulhaus und ein Dominikanerkloster. Als ich ihn anrief, antwortete er, er habe die Übel des Madrider Urbanismus seit fünfzig Jahren angeprangert, dafür auch schwer gebüsst – mehrere seiner Häuser, darunter die emblematische «Pagode» beim Flughafen, sind zum Entsetzen der Architekturliebhaber abgerissen worden. Jetzt indessen, neunzig Jahre alt, fühle er sich nicht mehr dazu berufen, gegen eine Entwicklung aufzubegehren, die angesichts dessen, was sich vor seiner Haustür abspiele, unaufhaltsamer denn je erscheine.

Die Gegend war in der Tat nicht wiederzuerkennen. Das Barrio Sanchinarro ist ein Beispiel dafür, wie ein Stück Ödland zwischen Autobahnschlingen in ein Viertel «in Madrids bester Zone», «mit idealer Verkehrsanbindung» und mit Wohnungen de «alto standing», wie es heisst, verwandelt werden kann. Ein Beispiel auch dafür, wie die Stadt ihre letzten Landreserven den Baulöwen vorwirft, indem sie ihre Flächennutzungspläne – Flächendeckungspläne, könnten sie auch heissen – kurzerhand ändert; und wie mit routinierter Hand das zur Bebauung freigegebene Feld trassiert wird, womit sich, nebst einigen Infrastrukturen, die Beteiligung der Öffentlichkeit auch schon erledigt hat. Der Schacher um den Boden, den sich die Spekulanten liefern, ist zwar nicht die einzige, aber doch die Hauptursache des Preisauftriebs des «Endprodukts» Wohnung. Sind die Grundstücke einmal verteilt, werden sie mit Wohnblöcken gefüllt, deren Banalität einem das Herz brechen könnte. 13'568 Wohnungen in diesem Fall, die weggehen wie warme Semmeln, wobei, wie jeder Spanier weiss, Trug und Schwindel, Schmiergelder und Schwarzgelder, Baumängel und Säumigkeiten mit in Kauf zu nehmen sind.

Der Klüngel hat Methode, von den politischen Entscheidungsträgern bis zum einfachen Wohnungssuchenden ist dabei jedem seine Rolle gegeben. Der Filzokratie entgehen auch die Sozialwohnungen nicht, für die lange Wartelisten bestehen, deren Anteil am gebauten Volumen aber auf bloss noch etwa zehn Prozent gesunken ist: ein weiteres Indiz dafür, wie hemmungslos die nun abgewählte Regierung ihr Heil in einer ultraliberalen Wohnbaupolitik suchte. Ohne die zuvor, unter sozialistischem Regime, erbauten Wohnviertel idealisieren zu wollen, ist doch offensichtlich, dass etwa hinter den Strassen von Valbernardo ein Plus an Planung steckt, dass da an öffentliche Räume und öffentliche Einrichtungen gedacht wurde, vom Gemeindezentrum bis zum Metroanschluss. Sogar ein Blumengeschäft haben wir dort entdeckt – wiewohl es nur Trockenblumen feilhält. In Sanchinarro wird es vorläufig nichts dergleichen geben.

Stattdessen wurde in der Rekordzeit von dreizehn Monaten ein Einkaufszentrum hochgezogen, praktisch die Garantie dafür, dass die Strassen des Viertels Totgeburten sind. Symptomatisch für diesen degenerativen Urbanismus – das Wort stammt von Oriol Bohigas – ist auch, dass die sonst totale Abwesenheit von Architektur oder architektonischer Intelligenz durch einen Vorzeigebau verschleiert wird, einen einundzwanziggeschossigen farbigen Wohnkasten der holländischen Equipe MVRDV, dem die Ödheit der Umgebung jetzt schon ein – über mehrere Stockwerke reichendes – Loch in die Wand gestarrt zu haben scheint.

Wir brauchten nun nur die eine oder andere Autobahn zu überqueren, was aber naturgemäss nicht so einfach ist, um zu den nächsten Grossüberbauungen zu gelangen: im Westen Las Tablas, wo unter anderem der Hauptsitz des mächtigsten Konzerns des Landes, Telefónica, geplant ist; daran angrenzend die Gleisüberbauung des Bahnhofs Chamartín und, schon an der Avenida Castellana, die einstige Ciudad Deportiva, das Trainingszentrum von Real Madrid, auf dem vier 215 Meter hohe Wolkenkratzer errichtet werden sollen, wobei sich die Beteiligung internationaler Architekturstars von selbst versteht; so wie auch die dazu nötige Nutzungsplanänderung vom Präsidenten von Real Madrid, Florentino Pérez, mit der ihm eigenen Nonchalance bewirkt wurde.

Nicht umsonst leitet Pérez, wenn er nicht gerade galaktische Fussballer einkauft, Spaniens grössten Baukonzern ACS-Dragados, hervorgegangen aus dem Fusionsfieber, das die Bauunternehmen des Landes vor einigen Jahren erfasste und so gewichtige Firmenverbindungen hervorbrachte, dass heute fünf der sieben kapitalkräftigsten Baukonzerne Europas spanisch sind (die Ränge eins und zwei bleiben den französischen Firmen Bouygues und Vinci vorbehalten). Spanien ist nun einmal das Schlaraffenland der Baubranche, dafür spricht nicht nur der Augenschein, sondern Zahlen wie die, dass vierzig Prozent der Neubauwohnungen in der EU jenseits der Pyrenäen entstehen. Die Bauwut – und die Beiläufigkeit, mit der das Bauministerium Milliardenaufträge verteilt – ist aber auch ein Zeichen dafür, dass die Hauptstadt des Königreichs mit allen Mitteln zur Weltstadt gepusht wird.

Einer dieser Aufträge, angeblich Europas grösste Baustelle, ist der Flughafen Barajas, dessen Kapazität auf 70 Millionen Passagiere erweitert wird. Die ganze Fläche von Sanchinarro bis zu den neuen Terminals, etwa zehn Kilometer östlich davon, ist auch bereits verplant. Einst war hier eine enorme Grünzone vorgesehen, analog zur Casa de Campo im Südwesten. Doch zwischen der Airport City, der Messeerweiterung und einer Wohnüberbauung wird zuletzt nur ein grösserer Park übrigbleiben.

So ist der weite Norden von Madrid, wie es so schön auf Amtsdeutsch heisst, umgewidmet worden. Das Siedlungsgebiet erstreckt sich längst bis zum kühlen Guadarrama-Gebirge – bevorzugte Wohnlage, im Gegensatz zum proletarischen Süden, und hinter ihren Hecken verbergen sich denn auch die gated communities, in denen Minister und Fussballer und die Stars des Regenbogenfernsehens residieren. Schöne neue Welt. Etwas bedenklich stimmt nur die künftige Verkehrsdichte der Richtung Stadtzentrum heute schon hoffnungslos überlasteten Nordeinfahrten.


Durchs wilde Vallecas – Seitenansichten. Um von Sanchinarro aus in die östliche, westliche oder südliche Peripherie zu gelangen, stand uns hingegen ein ganzes Sortiment an Autobahnen zur Auswahl. Die M-40 Richtung Südosten mutet über weite Strecken wie ein Stadtgraben an: festungsartig ragen die roten Blöcke einer scheinbar zu Ende gebauten Stadt auf. Doch wo die Meseta auf der andern Seite der Autobahn gleichsam als Glacis daliegt, ist sie mit Sicherheit inzwischen zur Überbauung freigegeben. Auch den klangvollen Namen der Quadranten jenseits der M-45 – Los Ahijones, Los Berrocales, El Cañaveral – folgt in den Plänen in Klammern jeweils eine fünfstellige Zahl: 20'466, 14'067, 13'298 – gemeint sind Wohneinheiten. Und wenn man sich auf der M-50 momentweise in der Wüste wähnen könnte, so weisen doch schon überall Erdbewegungen auf das Kommende hin. Phantastische Vorstellung, die komplette Silhouette von Madrid auf einen Blick sehen zu können: alle Fraktale exakt erfasst, ergäbe es ein fast endloses photographisches Band.

Eine Bauabsperrung bildet den Rand der alten Arbeitervorstadt Vallecas; dahinter – bis zum Horizont reichend und irgendwie an präkolumbianische Erdzeichnungen erinnernd – die terrassierte Leere des künftigen Ensanche de Vallecas (20'975 Wohnungen). Eine einsame Gestalt stand in einiger Entfernung bei einem künftigen Verkehrskreisel. Das war Guy, ein freundlicher Kongolese, der sich uns als Wachmann dieser Unermesslichkeit präsentierte. Er wünschte jedoch nicht photographiert zu werden und erklärte bedauernd, uns im Namen seines Arbeitgebers überhaupt das Photographieren hier verbieten zu müssen. Anscheinend betrachtet das Baukonsortium selbst die (noch nicht einmal gebauten) Strassen als sein Privateigentum.


Vaciamadrid: Zieglein Zieglein an der Wand... Bei der Stadtplanung stehen sich zwei Kräfte gegenüber: eine Baulobby, die sehr genau weiss, was sie will, nämlich möglichst ungehemmt möglichst viel Geld verdienen, und die dafür über sehr viel Kapital verfügt; und eine Öffentlichkeit, die viel diffuser ist, mit einem limitierten Budget und vertreten durch Abgeordnete, die als Mittler äusserst korruptionanfällig sind, wie der Madrider Wahlskandel im vergangen Sommer zeigte.

Man kann rund um Madrid Neubauviertel in jedem Stadium ihrer Entstehung studieren. Reihen kugelförmiger Strassenlampen, die den blauen Himmel punktieren. Schemen, die vorzeichnen, was dereinst eine wohl ebenso gespenstische Wohnstrasse sein wird. Denn was man in den neuen Stadtteilen, auch den schon bewohnten, selten sieht, sind Menschen. Bauarbeiter allenfalls. Am Samstag mag man manchmal ein junges Paar erblicken, das sich nach der Baracke umsieht, von der aus man sie zu einem piso piloto begleiten und ihnen anschliessend einen Ordner überreichen wird, in dem ihre künftigen Lebensumstände vom Pfandbrief bis zum schwimmenden Parkett vorgezeichnet sind. Entsetzlich, im Grunde, dass Menschen ihr in den nächsten Jahrzehnten erst zu verdienendes Vermögen und zugleich ihren Geschmack an eine gesichtslose Macht verpfänden, die nur auf ihr Geld aus ist. Es gibt freilich auch die Investoren, die solche 08/15-Wohnungen kaufen, ohne sie überhaupt gesehen zu haben.

Über die A-3 kamen wir in eine Ortschaft, deren Name wie ein schlechter Scherz klang: Vaciamadrid, das «leere Madrid» oder eher, die «Leererin Madrids». Sie besteht aus Clustern immer gleicher Einfamilienhäuser – die auf spanisch lustigerweise chalets heissen – beziehungsweise Reihenhäuser – adosados genannt: Rücken an Rücken. Es ist ja auch die gebaute Inkommunikation. Rund um Madrid gibt es Hunderte solcher Siedlungen, vor allem im Westen der Stadt, in denen sich die Mittelklasse ihren Traum vom naturnahen Leben zu erfüllen hofft, wobei dem stilistischen Aberwitz der Häuser keine Grenzen gesetzt sind: Zieglein Zieglein an der Wand... Noch in der schönsten dieser ziegelsteinernen Persiflagen ihrer selbst beschränkt sich das öffentliche Leben indessen auf den Gang zum «KiosCan», dem Automaten für Hundekotbeutel.

Wenn all diese Reihenhaussiedlungen aber keine Öffentlichkeit haben, so haben sie doch eine Identität. Eine solche stiften ihr die Verkehrskreisel. Verkehrskreisel sind die Kirchtürme der neuen Suburbia. Manche sind mit authentischen Katarakten ausgestattet, andere stellen mit wuchtigen Eisenplastiken oder erheblichem gärtnerischem Aufwand die Solvenz der Gemeindekasse unter Beweis. In Vaciamadrid sahen wir einen Kreisel mit einigen Stelen, auf jeder davon ein Storchennest. In dieser Umgebung zweifelte ich nicht daran, dass es Nachbildungen von Störchen waren, die so reglos auf diesen Pfeilern sassen. Bis einer der Vögel plötzlich die Flügel spreizte und davonflog.

Das ändert natürlich nichts daran, dass solche Siedlungen ein ökologischer Wahnsinn sind. Für die Eigenheimbesitzer in Vaciamadrid wäre es beruhigend zu wissen – wahrscheinlich wissen es die wenigsten –, dass die Region Madrid nicht weit von ihren Balustern und Gartenzwergen entfernt eine der grössten Recyclinganlagen Europas gebaut hat, Valdemingómez, die von verschiedenen Architekturzeitschriften ausführlich vorgestellt wurde. Seltsame Welt, in der die Baukunst mit Mülltrennungsanlagen brilliert, während einem der Wohnungsbau nur ein sarkastisches Gelächter entlockt.

Der Weg nach Valdemingómez – wo wir wie erwartet am Tor abgewiesen wurden – führte durch eine kilometerlange Zigeunersiedlung, in der sich die Kunst des Ziegelbaus in bedeutend wilderen Varianten als in Vaciamadrid manifestierte; und ebenso, wiewohl fast zu klischeehaft, auch das Leben. Vor einer bunt bemalten Bar tanzten da mitten am Nachmittag zwei Weiber in langen Röcken zu dem aus einem Ghettoblaster scheppernden Flamenco, daneben fuchtelte ein junger Typ mit einem Messer mit einer furchterregend langen Klinge. Wir hielten an, worauf sich sofort ein schwarz gewandeter Mensch aus der Gruppe löste. Er kam über die Strasse geeilt, lehnte sich ins offene Autofenster und fragte, was wir hier suchten. Stoff vielleicht? – Stoff immer, aber doch nicht von dem.


Bei den Bestadtungsunternehmern. Der Kalauer Bestadtungsunternehmer fiel mir ein, als wir einmal, es war wohl in Sanchinarro, zwei gleichfalls in dunklen Anzügen steckende Männer erblickten, die sich vor einem noch unbewohnten Neubau von einer Frau verabschiedeten und dann in ein Auto stiegen. Sie gehörten zweifellos zu jener Unterspezies der Totengräber der Stadt, die man gewöhnlich Makler nennt.

Zurück im Norden, nachdem wir einmal ganz Madrid umrundet hatten, zog es mich nochmals zum Haus des Architekten Fisac, obwohl er mich nicht zu empfangen gedachte. Eher zufällig fand ich es endlich wieder, und seine in rohen Beton gefassten Panoramafenster schienen wie die Augen eines Ausserirdischen auf das verbrämte Ziegelmauermeer namens Sanchinarro hinunterzuschauen. Die Zufahrtstrasse endete überraschenderweise nicht in einer Sackgasse, sondern führte durch einen schlammigen Tunnel auf die andere Seite irgendeines Damms, irgendeiner Trasse, vielleicht war es auch die M-40. Eine andere Welt tat sich da auf: ein Bidonville, so notdürftig zusammengezimmert, dass die Zigeunersiedlung vom Vortag dagegen luxuriös erschien. Mittellose Rumänen hausten da. Madrid ist eines der Zentren der rumänischen Emigration, die bei den Attentaten vom 11. März allein elf Opfer zu beklagen hatte.

Was nun, keine zweihundert Meter hinter dem Elendsviertel, ins Blickfeld rückte, hielten meine Begleiterin und ich zuerst für eine Schimäre. Es waren französische Landhäuser aus der Zeit um 1800, oder vielmehr: eine jämmerliche Karikatur davon, zweiundsiebzig an der Zahl, alle identisch und um eine Landschaft aus Paddleplätzen und künstlichen Wasserfällen gruppiert. Zwei davon waren noch verkäuflich, und ein Musterhaus folglich zu besichtigen. Es war überheizt, aber der Schweiss konnte einem allein bei der Idee ausbrechen, dass es Menschen gibt, die für eine solche Travestie des gehobenen Geschmacks Geld auszugeben bereit sind, wobei sie nicht einmal die Marke der Waschmaschine selbst bestimmen dürfen. «Wieviel denn?» erkundigte ich mich, als wir im Kinderzimmer oben angelangt waren, und sah meine Begleiterin dabei vielsagend an. Es waren etwas über zwei Millionen Franken. «Dazu kommt natürlich noch die Mehrwertsteuer», sagte der nette Herr von der Firma «Nuevo Mundo». Sind Stadtmodelle, fragt man sich in Madrid manchmal erschüttert, vielleicht auch nur eine Geschmacksfrage?

17. August 2012

Onkel Hos Hütte vs. Thieus Crypto Section




Mir träumte, ich lebe in einer Holzhütte, einer Art Pfahlbau, wo mir Ho Chi Minh einen Besuch abstattete. Alles spielte sich aufs Manierlichste, Zivilisierteste ab. Beim Erwachen fiel mir auf, dass in Wirklichkeit Onkel Ho in einer Holzhütte gelebt hatte, die ich kurz zuvor in Hanoi besucht hatte. Bei Ho scheint alles verkehrt herum zu laufen. Damit meine ich weniger die urbane Legende, laut der er 1913 in London, als er dort im Hotel Carlton unter keinem Geringeren als Escoffier die Confiseurskunst erlernte, in einem Flur Mae West gekreuzt und sie angesprochen haben soll, worauf es zu einem so hastigen wie heftigen Techtelmechtel zwischen dem grazilen Asiaten und der üppigen Blondine gekommen sei, was in seltsamem Gegensatz zu Hos späterem, als spröd zu bezeichnenden Lebensstil zu stehen scheint, sondern den sonderbaren Sachverhalt, dass sich in Hanoi heute in nächster Nähe zu seiner Hütte die dem Lenin-Mausoleum nachempfundene Grabstätte befindet, die wir anders als seine Hütte nicht besuchen konnten, weil der dort ausgestellte einbalsamierte Leichnam des kommunistischen Führers gerade zur einmal jährlich fälligen Revision nach Moskau verfrachtet worden war.

Vietnam zog mich aus verschiedenen Gründen an: aus einer Ahnung seiner Schönheiten und seines unbändigen Straßenlebens, aber gewiss spielte da auch Nostalgie herein: als knapp Fünfzehnjährige waren wir 1969 durch die Straßen von Bern gezogen und hatten Ho-Ho-Ho-Chi-Minh” skandiert, um uns beim Besuch des Generals Westmoreland – so hieß der amerikanische Oberbefehlshaber wirklich – von Wasserwerfern unsere Levi’s-Jacken versauen zu lassen. Was ein fast so wichtiges Ereignis wie der Vietnamkrieg selbst war.

Der Vietnamkrieg wird in in Vietnam logischerweise der Amerikanische Krieg genannt. Würden wir alle amerikanischen Kriege nach 1945 als solche bezeichnen, könnte uns ein wenig schwindlig werden.

Onkel Hos Hütte habe ich im November 2011 bei meiner zweiten Reise nach Vietnam besucht. Sie steht in einem von teils fast modernen Kolonialbauten charakterisierten Stadtteil in einem Park, der wie gesagt auch Hos Mausoleum sowie das unsäglich überkandidelte Ho Chi Minh Museum aufnimmt, und in dem man vietnamesische Soldaten in ihren tadellosen Uniformen teils in mehr oder weniger strammer Formation herummarschieren, teils locker Eiscrèmes schlecken sieht.







 

Das Stelzenhaus Ho Chi Minhs – vietnamesisch Nha San Bac Ho – evoziert zwar die Pfahlbauten, in denen ein Großteil der ländlichen Bevölkerung des Landes lebt; aber natürlich ist es anders als die Hütten des Volks aus den feinsten Hölzern gebaut und in seiner Einfachhheit so bezaubernd, dass mir unweigerlich der Gegensatz zum Präsidentenpalast, heute Wiedervereinigungspalast in Saigon, den ich bei meiner ersten Reise im Juli 2005 gesehen hatte, auffallen musste.





Dieser Gegensatz zwischen dem Habitat des damaligen nord- und des südvietnamesischen Herrschers – Nguyen Van Thieu – ist allerdings bestürzend. Wir sprechen von den 1960er Jahren. Thieus Vorgänger Diem hatte den von abtrünnigen Kampfpiloten zur Ruine gebombten Präsidentenpalast 1962 neu aufbauen lassen. Der Vietnam bzw. Amerikanische Krieg endete, als ein nordvietnamesischer Panzer die Pforten dieses Palastes am 30. April 1975 durchbrach. Er wurde, wie Onkel Hos Hütte in Hanoi, tel quel erhalten und als “Wiedervereinigungspalast” in ein Museum umgewandelt. Und so wandelt man nun durch die plüschigen Gemächer der amerikanischen Marionette Thieu – und durch das düstere, mit seinen Funkanlagen wie die Karikatur einer Spionagefilmkulisse anmutende Untergeschoß.

Onel Ho:



Nguyen Van Thieu:



Onkel Ho:



Nguyen Van Thieu:







26. September 2011

Transit im Transistor



Ich lief einige Schritte einer Dame nach; nicht um sie einzuholen, sondern eigentlich nur, um ihre pelzberüschte Erscheinung abzulichten. Sie verschwand im Hauptbahnhof von Helsinki und schien mir dort schon entwischt, als ich sie plötzlich auf einer Wartebank in der Halle sitzen sah, kummervoll – oder nur nachdenklich? – vor sich hin blickend in dem monumentalen Bau von Eliel Saarinen, der von außen wie ein überdimensionierter Radioapparat aussieht.
Am folgenden Tag nahm ich eine jener Straßenbahnen, die scheinbar so verlässlich durch Helsinki rascheln – rascheln? mehr als rattern jedenfalls. Ich war ganz im Süden der Stadt, bei einem der Embleme des finnischen Jugendstils, der 1905 von Lars Sonck entworfenen Klinik Eiran Sairaala, in die Elektrische der Linie 3 eingestiegen, die zirkulär verläuft.



Etwa zehn Haltestellen weiter gab‘s Probleme. Der Tramführer stoppte mitten auf der Strecke, an einer Kreuzung, und kam ebenso hurtig wie gemütlich durch das Gefährt gerannt, löste am andern Ende die Bremse und ließ es einige Meter rückwärts rollen, um es dann rechtzeitig, eben als ein Aufschrei durch die Kabine zu gellen drohte, wieder zu stoppen. Oh! Abenteuerurlaub in der Straßenbahn! Dann stieg er aus und versuchte, die widerspenstige Weiche so zu stellen, dass er die vorgesehene Route einhalten konnte. Vergeblich – und also kommentierte er auf japanisch, vielmehr finnisch die missliche Lage (Finnisch klingt ein wenig wie Japanisch). Im Nu verließen die Fahrgäste das Tram und zerstreuten sich in alle Richtungen. Auch ich stieg schließlich aus, unschlüssig darüber, was zu tun sei.
Ging einige Minuten an der Kreuzung auf und ab, überquerte endlich die Fahrbahn, eben als sich die ins Stadtzentrum zurückführende Straßenbahn in Gegenrichtung in Bewegung gesetzt hatte. Warum und wohin hatte sich bloß die ganze Passagierschaft verzogen? Denn nun tauchte ja schon der nächste nordwärts strebende Konvoi der Linie 3 auf. Wahrscheinlich war der Kondukteur über Funk bzw. Nokia bereits über das Weichenproblem informiert worden, denn er hielt vor der Abzweigung und stieg, mit einer Eisenstange ausgerüstet, aus seiner Kabine. Aus der Ferne beobachtete ich, wie er da eine ganze Weile herumhebelte, ehe er wieder einstieg und ich im letzten Moment hinzueilte, um ihn zu fragen, ob er statt der Kurve nun die vorgesehene Gerade nehmen, und ob ich – obwohl es keine Haltestelle war – zusteigen könne. Selbstverständlich, mein Herr!
Das war der Moment, da mir von einem der vordersten Sitzplätze eine pelzberüschte Dame zuzwinkerte. Ich ließ mich, ohne sie weiter zu beachten, weiter hinten nieder. Das Tram folgte seinem Streckenplan, aber schon nach vier oder fünf Haltestellen, am nördlichen Wendepunkt der Route schätzungsweise, lief wieder etwas schief: kleine Ansprache des Tramführers, und die Reihen lichteten sich, jeder machte sich in wer weiß welche Richtung davon. Nur Madame und ich blieben sitzen. Bevor wir gleichfalls ausstiegen, sprach ich sie auf Englisch an, ob sie eventuell wisse, ob und wie es weitergehe. Da erst wurde ich gewahr: es war die Frau vom Hauptbahnhof. Und ihre Antwort war denkbar einfach: »Komm zu mir, für hundert Euro bin ich ganz die Deine!«
Ihr Kummer, die Trauer vom Vortag waren verflogen. Ich sagte dennoch nein; meine Frau warte nämlich am Hauptbahnhof auf mich, und in diesem Augenblick klingelte wie zum Beweis mein Handy, womit der Fall erledigt war. Sie kritzelte zwar noch ihre Telephonnummer auf einen Zettel, aber der Kondukteur – dem sie sich inzwischen gleichfalls anerboten hatte – kündigte schon an, in spätestens drei Minuten gehe die Fahrt weiter. Die Hure stieg an der nächsten Haltestelle aus, und zehn Minuten später schloss mich unter der Antenne – sprich dem Turm – des Bahnhofs von Saarinen dem Älteren lachend meine Liebste in die Arme.

18. August 2001

Bienvenidos a una nueva realidad. Mediterrane Monster

[2001, Fortsetzung der im Text "Trasvase" begonnenen Fahrt]


 

Gen Süden. Das Ebrodelta blieb als schillernde Geometrie in der Erinnerung haften: Reisfelder, Lagunen, Feuchtbiotope, bedroht nun durch Spaniens Nationalen Bewässerungsplan (vgl. NZZ vom 15.9.2001). Wir fuhren weiter südwärts, der Küste entlang, die dereinst vom Ebrowasser profitieren soll. Wo die A-7 die Orangenhaine von Valencia durchquert, verliessen wir die Autobahn, gerieten aber statt in die Huerta in die Hafen- und Industriezone der einstigen Römerstadt Sagunt: Ladekrane, zerfallende Speicher, ein Multiplexkino namens Alucine. Keine Halluzination hatten die drei Frauen, die vor den Trümmern eines abgebrochenen Hauses standen. «Was da hinkommt? Ein Autobahnzubringer. Sie», so die eine, auf ihre Freundin weisend, «wohnte bis vor ein paar Tagen hier. Hat sechs Millionen (55 000 Franken) Abfindung gekriegt, eine lächerliche Summe, finden Sie nicht? Da ist übrigens noch ihre Katze. Sie hat wohl Angst, weil sie nicht herunter kann.» Und hakten sich unter, während das Tier, allein auf dem hohen Mauerbruchstück, weiter miaute.

Es war Sonntag. Hinter Sagunt standen Autos kreuz und quer auf einem Stück Ödland, von dem aus schon, eine gezackte Skyline wie aus einem Cartoon, die Aussenbezirke von Valencia zu sehen waren. Im Vordergrund in Auflösung begriffene Picknick-Gesellschaften; Gejohle hinter einer weiss getünchten Mauer, die eine kleine Arena umschloss: Es waren Halbwüchsige, die ein Kälbchen reizten oder eher einschüchterten, um feig auseinanderzustieben, sooft es einen Schritt vorwärts wagte. Man kann den Stierkampf, gerade in seiner stümperhaften kindlichen Spielart, von Herzen verabscheuen und sich trotzdem an diesem Vorstadttableau freuen. Zeigt es doch, dass man noch so viele «Alucines» hinbauen und «traditionelle Volksfeste» erfinden kann, es wird immer ein paar Irre geben, die lieber auf dem letzten nicht kommerziell genützten Flecken ihre Würste braten.

Ich erinnere mich, dass wir dann am Strand von Valencia, der Playa de la Malvarrosa, ein Bier trinken wollten, aber nun das Auto mit dem ganzen Gepäck nicht einfach stehen lassen konnten. Schliesslich parkten wir direkt vor einer Bar, in der abends um acht, wie wir beim Eintreten feststellten, noch die Überreste eines wohl seit der Mittagsstunde andauernden Banketts schwelten, und zwar eines Zigeunerbanketts. Nun wagten wir das Auto natürlich gerade in dieser Zigeunerumgebung keine Minute aus den Augen zu lassen, bestellten unser Bier an der Theke und tranken es draussen eilig aus, ohne das herrliche Bild des Gelages, all dieser markanten Köpfe und imposanten Décolletés, richtig in uns aufzunehmen. Wäre ein Thema für eine Glosse, wie das nach Pittoresken  gierende Auge am eigenen – ausserdem rassistisch bedingten? – Sicherheitsdenken scheitert.

Hierauf sind wir in die unglaubliche Stadt Valencia hineingefahren. Es ist eine Stadt von einer Wucht, über die man immer wieder staunt. Valencia seinen gewaltigen Achsen entlang wachsen sehen, heisst einen Bodybuilder mit Stahlsehnen und Betonmuskeln bestaunen. Womit auch, aber nicht nur die kolossale «Ciudad de las Artes» gemeint ist, die der in Zürich ansässige Architekt Santiago Calatrava für seine Geburtsstadt geplant hat. Valencia ist heute, obwohl auch Bilbao und Sevilla enorme Anstrengungen unternommen haben, unter Spaniens Städten die unangefochtene Nummer drei. Allerdings artet die Prallheit, die zu seinem Charakter gehört, in Zeiten wirtschaftlicher Blüte schon fast zum Pralltum aus. Selbst der Kellner, der uns abends bediente, harmonierte mit seiner sprunghaften, geölten, hypereffizienten Art mit dieser Bauweise.

Und nun als nächstes gleich eine Leichenhalle, auch wieder im selben Stil, clean, rosig, mit einem natürlichen, gewinnenden Auftreten gleichsam. Sie stand an einer achtspurigen Ausfallstrasse zwischen Hobbycenters, Puticlubs und Pneulagern, erkennbar an der Aufschrift «Tanatorio» in pietätvoller Typographie. Die erste dieser Leichenhallen inmitten der vorstädtischen Paraphernalia, in Valencia, wirkte noch befremdlich; aber dann schwebte auch in Benidorm, in Alicante, in Murcia je ein postmodernes Tanatorio an der Windschutzscheibe vorbei. Die einzigen Leichen, die vermutlich nicht zu befürchten haben, sie würden je in einem so scheusslichen Tempel aufgebahrt, sind die an die andalusische Küste geschwemmten Afrikaner, die gescheiterten Immigranten. Davon später.

*


Hoch hinaus. Nennen wir ihn JPC, bei seinen Initialen. Von Beruf: Hotelier oder eher: Baulöwe. Hemdsärmlig, jovial, bedenkenlos – man muss JPC einfach mögen, auch wenn man seine Ansichten nicht unbedingt teilt. Aber was sind schon Ansichten, wenn man eine solche Aussicht hat. Wir standen im 53. Stockwerk eines von ihm mitfinanzierten Rohbaus, auf der Dachterrasse von Europas höchstem Wohnhaus; unter uns die Betonstengel von Spaniens Tourismusdestination Nummer eins: Delirious Benidorm.

Gewiss, Benidorm ist nichts für Zartbesaitete: diese Ballung zerstörter Physiognomien, Akkumulation von Europas Zukurzgekommenen oder einfach: Urlaubsverkommenen; eine einzige, Bierhumpen stemmende Menschheit. «Da sie schon morgens um zehn zu trinken anfangen, können sie nicht gut edle Malts konsumieren», wie der Soziologe José Miguel Iribas trocken anmerkt. Und doch ist nach seinem Dafürhalten diese Stadt in ökonomischer und ökologischer, in struktureller und urbanistischer Hinsicht das Klügste, was der Massentourismus hervorgebracht hat. Anstatt in die Breite ist sie in die Höhe gewachsen: achtzig, neunzig Meter sind hier guter Durchschnitt. Nun blickten wir von 185 Metern Höhe auf das Land jenseits der hochverdichteten Stadt, der einem Fiebertraum gleichenden Balkonwaben: eine weitgehend leere, braune, von Bulldozern kahlrasierte Fläche. Was hier präpariert wird, JPC skizzierte es mit dem Daumen in die sandige Brüstung, ist eine neue Traumlandschaft. 1998 hat die Regionalregierung rund um Benidorm zehn Quadratkilometer Land aufgekauft. Zunächst wurde für über 700 Millionen Franken (inklusive Erschliessung) der Themenpark «Terra Mítica» aus dem Boden gestampft, der im ersten Betriebsjahr allerdings Riesenverluste eingefahren hat – entsprechend der These von José M. Iribas, dass Terra Mítica ebenso wenig mit Benidorm konkurrieren kann wie Eurodisney mit Paris. Der Erlebnispark soll nun von Paramount flottgemacht werden. Geplant sind aber auch drei Golfplätze, ein Zoo, ein Trainingszentrum für Spitzensportler sowie neue Hotels: nicht mehr proletarisch himmelstürmend, sondern flach, luxuriös, Land fressend. Kurz, genau das Gegenteil dessen, was Benidorm zu einem – wiewohl verkannten – Modell gemacht hat.

Kann sein, dass Golfplätze für eine so karge Natur eine Verschönerung bedeuten; weniger gut sehen sie in ökologischer Hinsicht aus. Bisher verbrauchte der Tourismus, entgegen seinem Ruf, in der Comunidad Valenciana keine 3 Prozent des Wassers, trug aber 16 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei (nicht mitgerechnet etwa die Möbelindustrie in Alicante, die von all diesen fürchterlichen Hotelausstattungen lebt). Die Landwirtschaft, die 4 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt, verbraucht hingegen 85 Prozent der knappen Ressource Wasser. Gerade Benidorm hat sich bisher durch seinen sparsamen Umgang damit ausgezeichnet: 97 Prozent werden als Brauchwasser wiederverwendet. JPC wies hinaus auf die kahlgeschorenen Flächen, wo man neben dem Millionenklacks namens Terra Mítica auch das Klärwerk erkennen konnte, und fragte: «Wollt ihr eine Tour machen?»

Gleich darauf chauffierte er uns in seinem Cherokee über Beverly-Hills-artige Asphaltbänder; nur dass hier statt Stretch-Limos ganze Brigaden von Cars unterwegs waren, und dass statt üppiger Hecken nackte, schlauchdurchzogene Erdwälle die Strassen säumten: die Tröpfchenbewässerung für das künftige Arkadien. So stolz man in Benidorm darauf ist, das Wasserproblem in den Griff bekommen zu haben – «hier, wo nie ein Tropfen Regen fällt!» –, so wenig verhehlt man, dass der geplante Transfer von Ebrowasser nun sehnlichst erwartet wird: «Der Ebro und der TGV, das sind die Motoren unserer Zukunft.»

JPC steuerte uns durch die fünf skulpturalen Rondells, die die im Entstehen begriffene Landschaft strukturieren, und parkte dann wieder vor seinem 185 Meter hohen Riesenbaby, dem künftigen Hotel Marina. Im Volksmund heisst es Bali, nach einem aus den sechziger Jahren stammenden Hotel, das damit verbunden ist und zurzeit umgebaut wird. Noch waren Teile der alten Fassade intakt: wunderbar feingliedrige, art-déco-artige Balkons, die nun einem dumpfen Einerlei aus abgeschrägten Kanten und braunen Glasblenden weichen müssen. «Nicht wiederzuerkennen, wie?» brummte treuherzig der Bauherr und schüttelte uns die Hand. Im Grunde greift, wie wir ausgangs Benidorm feststellten, jetzt bloss der neue Leichenhallenstil auch auf die Betonburgen der lebendig Begrabenen über. Nicht weit davon ein Grossplakat für eine weitere Grossüberbauung: Bienvenidos a una nueva realidad. «Halt mal!» Der Photograph wünschte das im Bild festzuhalten. Ich schwenkte auf einen staubigen Platz vor einer von zehntausend Autoreifen gesäumten Kartbahn. Links brauste der Verkehr. Hinter uns ragte JPC’s Monster aus Dutzenden anderer Etagenschachteln hervor. Im Schatten einiger Eukalypten bastelte ein junger Mensch auf diesem vorläufigen Niemandsland an seinem alten Corsa. Wenn er nicht gerade den Motor aufheulen liess, schepperte Eminem aus einem Kofferradio: «Cause Shady will fuckin kill you!» Der Fotograf verzweifelte an seinem Cadrage: eigentlich hätte er 360 Grad benötigt.

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Unten durch. Am 6. Februar 2000 geriet El Ejido, Provinz Almería, in die Schlagzeilen. Ein Mord, verübt durch einen geistesgestörten Marokkaner, bot der einheimischen Bevölkerung Anlass zur Hatz auf den «moro». Es waren die bislang übelsten rassistischen Ausschreitungen in einem Land, das noch unlängst selbst Massen von Emigranten produziert hat, nun aber nach Schätzungen von Ökonomen jährlich über 200 000 neue Immigranten benötigt. Sie kommen aus allen Erdteilen, besonders zahlreich aber aus dem Maghreb: die «moros» eben. Vielen wird schon die nächtliche Überfahrt an die andalusische oder kanarische Küste in überladenen «pateras» zum Verhängnis: Hunderte von ihnen – die spanische Öffentlichkeit nimmt es mit Konsternation zur Kenntnis – ertrinken so Jahr für Jahr. Auch die Zahl der sofortigen Rückschaffungen steigt dauernd, sie dürfte dieses Jahr 30 000 erreichen. Wer durch die Maschen der Küstenwache und der Guardia Civil schlüpft, gerät alsbald in die des neuen, restriktiven Fremdengesetzes, das die Umstände, in denen Spanien seine Einwanderer aufnimmt, nur noch verschlimmert. Nirgendwo haben diese drastischere Formen angenommen als in El Ejido.

Der Bürgermeister von El Ejido spricht nicht mehr mit ausländischen Journalisten. Laut dem Büttel, der das Telefon abnahm, ist El Ejido ein ganz normales Städtchen: «Keine besonderen Vorkommnisse.» Gewiss, das Stigma, mit dem es behaftet ist, bleibt heute im Alltag verborgen. Aber bediente uns der Kellner in dem Restaurant, in dem wir mit dem Berber Hamil zu Abend assen, nicht eben deshalb so unwirsch, weil er dachte: «Schon wieder diese Ausländer, die die moros ausfragen, nur um uns schlecht zu machen»?

Dass El Ejido nicht ein Städtchen wie irgendein anderes ist, das sieht jeder schon von der Autobahn aus. Kurz nach Almería verwandelt die Landschaft sich in ein glitzerndes Meer aus Plastic. Vor dreissig Jahren gab es hier nichts als einige ärmliche, von Agaven umstandene Höfe. Seither sind Zehntausende von Hektaren Land unter Gewächshäusern verschwunden: ein Milliardengeschäft. Die Einwohnerzahl hat sich vervielfacht, mindestens ein Viertel davon sind legale Immigranten: 21 000 allein in El Ejido, nebst Tausenden, die noch so gern das entsprechende Papierchen schwenken würden. In der Stadt aber treten sie kaum in Erscheinung: man hält sie fern, als wären sie wirklich nur auf dieser Welt, um in stickigen Treibhäusern die Konten der spanischen, teils auch nordeuropäischen Grundbesitzer zu äufnen.

Dabei ist es seltsamerweise eine Landwirtschaft nicht nur ohne Himmel, sondern auch ohne Erde: Moderne Nutzpflanzen wachsen in an Gestängen hängenden Gefässen. Dank der Hydroponik, der Kultivierung in Nährlösungen, ist der Ertrag etwa bei Tomaten von einst drei bis vier auf über zwanzig Kilo pro Quadratmeter gestiegen. Ein Geäder staubiger Wege erschliesst dieses Eden aus Plasticplanen, mit Kalk geweisst, um wenigstens die ärgste Hitze abzuhalten. Ältere Konstruktionen aus Holzpflöcken neben topmodernen, aus Korea importierten Aluminiumstrukturen. Die Fertigung der Planen, die alle zwei bis drei Jahre ersetzt werden müssen, ist hingegen anscheinend in einheimischer Hand: Von der Autobahn aus ist jedenfalls die Fabrik «Plastimar» unübersehbar. In dem Meer selbst herrscht eine gespenstische Stille; es sei denn, es ist gerade ein Besprühungsfahrzeug unterwegs, oder es zischt eine undichte Wasserleitung. Da die Grundwasservorräte inzwischen nahezu erschöpft sind, wundert es nicht, dass der geplante Transfer von Ebrowasser eben bis in das 500 Kilometer entfernte Almería reicht. Die für die Bewässerung zuständige Genossenschaft hat bei Umfragen festgestellt, dass die meisten der 6000 Grundbesitzer keine Ahnung haben, woher ihr Wasser überhaupt kommt.

Lange fuhren wir in dieser unweltlichen Landschaft herum, ohne auf Menschen zu treffen. Stoppten hier vor einer Halde leerer Kanister (darauf: «metan-sodio» und «750-1200 l/ha» und ein Totenkopf), da bei einem Feld aus niedergebranntem Plastic (Thema verantwortungslose Entsorgung), endlich bei einer Müllhalde, aus der ein stinkiger Truck hervorkrabbelte: ein Loch mitten in Europas Gemüsegarten. Nur einmal streckte ein alter Araber den Kopf aus einem Transformatorhäuschen und erwiderte auf die Frage, ob er bei all dem Gift nicht für seine Gesundheit fürchte: «Gift? Warum auch? Nein, was ich fürchte, sind Diebe.» Er meinte damit seine weniger arrivierten Landsleute. Dieser Mann lebte seit 1988 in Spanien und hatte in dem Transformatorhäuschen, das er mutterseelenallein bewohnte, eine Behausung gefunden, um die ihn in El Ejido mancher beneidet. Andere richten sich in Brunnenlöchern ein. Die können wenigstens nicht abgefackelt werden.

Nach den rassistischen Ausbrüchen des letzten Jahres – wobei daran zu erinnern ist, dass nicht die Diskriminierten, sondern die Diskriminierer durchdrehten, mit Baseballstöcken herummarschierten und Feuer legten – richtete das Rote Kreuz Notunterkünfte für die Immigranten ein. Geschmackvollerweise waren es Plasticgehäuse, assortiert zur Umgebung; viele davon ohne Küche – wozu auch, in diesem Schlaraffenland? Der Bürgermeister, der seine Stadt für eine ganz normale hält, verhinderte zudem mit allen Mitteln, dass sie in Stadtnähe aufgebaut wurden. Von Integration hält er nicht viel, denn für die örtliche Unternehmerschaft ist ja der Status quo – bei Tagesansätzen von höchstens 35 Franken – kein Unglück; und eine Idee von Verantwortung scheint ihn noch nie gestreift zu haben. Dieser Mann gehört dem in Madrid regierenden Partido Popular an, der sich fast gleichzeitig munter den Rügen gegen Haider-Österreich anschloss.

Den Schlüsselsatz zum Verständnis der Geschehnisse von El Ejido sprach ganz beiläufig Hamil aus: jener Vorzeige-Immigrant, den wir durch die NGO «Almería acoge» kennengelernt hatten. Hamil hatte als Treibhausarbeiter angefangen, bevor er einen Job bei jener Hilfsorganisation erhielt, deren Büros bei dem Pogrom im Februar 2000 gleichfalls zerstört und erst diesen Frühling wieder eröffnet worden sind. Wir lernten durch ihn die finstersten, aber auch einige hellere Seiten der Immigration kennen.

Irgendwo im Plasticmeer ein Gemäuer, aus dem bei unserem Erscheinen nach und nach an die zwanzig zerlumpte Gestalten ans Tageslicht traten. Es war ihre Zahl, die zunächst geisterhaft erschien, denn das Gemäuer mass keine fünf mal fünf Meter, war allerdings, wie wir dann sahen, doppelstöckig belegt. Diese Männer hatten nichts zu tun. Sie warteten, wie man ihren mit einzelnen spanischen Vokabeln gespickten Reden entnahm, auf den «precontrato», eine Arbeitszusicherung, mit der sich auch die begehrte Aufenthaltsgenehmigung erlangen lässt. «Precontrato, incha’allah lawkan indi precontrato», tönte es ein ums andere Mal auf diesem Vorplatz zum Nichts in einem Meer von Plastic. Und, bei allen sprachlichen Schwierigkeiten, erfuhren wir auch, dass jeder für die lebensgefährliche Überfahrt mindestens 2000 Dollar bezahlt hatte und um nichts in der Welt die Schande auf sich nehmen möchte, als Gescheiterter in sein Dorf zurückzukehren. Dann kam wie ein Überlebensprophet einer der wenigen, die Arbeit hatten, zwischen den Gewächshäusern zurück und brachte eine grosse Melone mit, schnitt für jeden ein saftiges Stück ab.

Hamil stand in dieser Runde als Ratgeber, als Doyen; ein armer Immigrant wie sie, nur dass er gewissermassen eine Traumkarriere hinter sich hat. Tags darauf führte er uns ja auch bereitwillig zu seinem einstigen Arbeitgeber: Wie zum Beweis, dass nicht sämtliche andalusischen Gemüsebauern herzlose Rassisten sind, sondern dass einige ihren Hof – bestehe er auch bloss aus einigen Gewächshäusern – Hand in Hand mit Nordafrikanern, Südamerikanern und Osteuropäern führen. Allerdings doch gewöhnlich lieber mit blonden Ukrainern als mit den Nachbarn von jenseits der Meerenge.

Wochen später, am Telephon, erzählte Hamil, wie sich der 11. September in El Ejido ausgewirkt hat: «Zum Beispiel gab es Probleme mit dem Spanischunterricht für Immigranten. Es sind gewöhnlich Abendkurse, und nun gab es auf einmal Klagen der Anwohner, sie trauten sich nicht mehr, nach Einbruch der Dunkelheit ihren Müll auf die Strasse hinauszustellen.»

Da fiel mir jener vernichtende Satz wieder ein, den Hamil ganz beiläufig ausgesprochen hatte, als wir den Erwachsenenunterricht für die Einheimischen streiften: «Lesen und Schreiben lernen sie natürlich vor allem, um den Führerschein machen zu können.»

Es ist sicher eine grobe, aber nicht ganze falsche Sicht der Dinge, wenn man die Probleme von El Ejido so zusammenfasst: Binnen zwanzig Jahren sind hier ein paar tausend elende analphabetische Taglöhner zu stinkreichen Sklavenhaltern aufgestiegen. Und das Steuern eines protzigen Geländewagens, der Verzehr frischer Langusten, das Umrechnen des Peperonipreises in Euro, selbst die Ängste der Reichen sind nun einmal leichter erlernbar als der tunliche Umgang mit dem elenden Emigranten, der man selbst hätte sein können: die Begegnung mit seinesgleichen in der Worst-Case-Version.

 

Trasvase oder Wem das Wasser abgegraben wird

[2001]


Spaniens Nationaler Bewässerungsplan und seine Opponenten – ein Bericht aus dem Ebro-Delta


Der Satz ist fast schon eine Binsenwahrheit: «Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt werden.» Möglicherweise werden es auch nur Handelskriege sein, denn Wasser, Inbegriff des Gemeinguts, ist im Begriff zur Handelsware in der Hand multinationaler Konzerne zu werden. Ein kostbares Gut: Alle Flüsse dieser Erde zusammen enthalten nur 1,5 Millionstel der gesamten Wasserressourcen: 0,00015 Prozent. Dass Trinkwasser knapp ist, erfahren heute schon Millionen Menschen in der Dritten Welt am eigenen Leib. Von Riszard Kapuscinski stammt das Aperçu, dass es für Schwarzafrika kaum eine segensreichere Erfindung gab als die des Plasticeimers. Zwar muss das Trinkwasser nach wie vor oft kilometerweit herbeigeschleppt werden, aber wenigstens der Behälter hat nun praktisch kein Gewicht mehr.

Auch in Europa gibt es mittlerweile Menschen, die sich auf diese Weise mit Wasser versorgen müssen. Wir trafen sie am Ende dieser Reise entlang der spanischen Mittelmeerküste, zwischen den Gewächshäusern von Almería, in einer unwirklich anmutenden, vollkommen künstlichen Landschaft; wurde doch hier – Christo müsste vor Neid erblassen – ein etwa fünfzig Kilometer langer Küstenstreifen fast lückenlos mit Plasticplanen überdeckt. Darunter reifen die Tomaten, Peperoni und Melonen, von denen sich halb Europa ernährt. Die Arbeit wird überwiegend von Immigranten verrichtet. Die Elendesten von ihnen hausen unter Bedingungen, die aller Menschenwürde spotten. Kilometerweit nichts als Treibhäuser; kein Strom, auch kein Wasser, was um so grausamer und absurder anmutet, als hier – im trockensten Winkel des Kontinents – jede Tomatenstaude künstlich bewässert wird. Doch davon mehr in einer zweiten Reportage. Dort wird es um die Nutzniesser des Nationalen Bewässerungsplans gehen, der im Juni vom spanischen Parlament verabschiedet wurde; hier hingegen um den PHN (Plan Hidrológico Nacional) selbst, um seine Opponenten und deren Argumente.

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Las dos Españas. Der Ebro entspringt im Kantabrischen Gebirge, unweit der Atlantikküste, und mündet im Süden Kataloniens ins Mittelmeer: 927 Kilometer, parallel zu den Pyrenäen, vom feuchten Norden durch das trockene Aragonien bis an jene Küste, an die alles drängt, gerade weil dort kaum je Regen fällt.

Bisher war mit den «dos Españas», den beiden Spanien, meist die ideologische Spaltung des Landes in eine national-klerikale und eine anarchisch-rote Front gemeint, wie sie im Bürgerkrieg aufeinanderprallten. Aber vielleicht ist für die Zukunft der Gegensatz zwischen dem feuchten und dem trockenen Spanien gravierender. Nun verspricht der Bewässerungsplan der spanischen Rechtsregierung, dieses Ungleichgewicht ein für allemal zu beheben. Milliarden und Milliarden Franken sollen in – nicht zwei, nicht vier, nicht zwölf, sondern: 112 neue Staudämme und 26 Meerwasserentsalzungsanlagen (16 davon auf den Inseln) investiert werden, ausserdem in Kanäle und Pipelines, um bis zum Jahr 2008 die ganze Mittelmeerküste von Barcelona bis Almería mit Wasser aus dem Ebro zu versorgen. Vorläufig hat der «trasvase», wie die geplante Umleitung auf spanisch heisst, das Land jedoch nur erneut in zwei Hälften geschieden: die der Befürworter des PHN und die seiner erbitterten Gegner. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um ein so «trockenes» Thema wie Wasser mag dabei zunächst überraschen. Zu den Grossdemonstrationen in Saragossa, Barcelona und Madrid marschierten dieses Frühjahr jeweils Hunderttausende auf. Am vehementesten ist der Widerstand dort, wo die vom Trasvase direkt Betroffenen leben: am Unterlauf des Ebro, und besonders im Delta.

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Histoires d’eau. Auf einer kleinmassstäblichen Spanienkarte ist das Ebro-Delta nur ein Zipfel, ungefähr in der Mitte zwischen Barcelona und Valencia. Genauer betrachtet, ist es ein sogenanntes Flügeldelta, das mit seinen Landzungen und Lagunen an ein Meeresungeheuer erinnert. Schon die Umrisse lassen keinen Zweifel darüber, dass es ein lebendiger Organismus ist.

Auf einem Grossteil der Fläche wird heute Reis angebaut, namentlich auch die seltene, da nicht sehr ertragreiche, dafür von Kochkünstlern auf der ganzen Welt geschätzte Sorte «Bomba». Als wir im April erstmals hinfuhren, war da nichts als eine bräunliche Ebene, in meist längliche und von schmalen Kanälen gesäumte Felder geteilt. Ende Mai waren diese Gevierte geflutet worden, und in den herrlichsten Grünschattierungen schillernd hatte darin der Reis zu spriessen begonnen. Im Juni ist es dann eine einzige, grün wogende Fläche, in der vereinzelt die meist kleinen weissen Gehöfte wie geometrische Halluzinationen erscheinen.

Die frühen Siedler, heisst es, sind zu Tausenden am Sumpffieber gestorben: in jener Zeit, zwischen 1860 und 1912, als die Bewässerungskanäle angelegt wurden. Heute werden im Delta 25 000 Hektaren bewirtschaftet. Gut die Hälfte davon ist in der Hand einiger weniger, meist ortsfremder Latifundisten, den Rest teilen sich 7 200 in Genossenschaften organisierte Kleinbauern. Das Delta ist aber auch Europas zweitgrösstes Feuchtbiotop (nach Doñana). Die Illa de Buda darf nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Der Strandtourismus hält sich in den Grenzen, die ihm die restriktiven, einem Naturschutzgebiet gebührenden Baugesetze auferlegen. Wer nicht mit dem Fahrrad unterwegs ist, unternimmt etwa eine Tour auf einem der Ausflugsschiffe. Da hört man schon am Landungssteg, während man auf den majestätischen Fluss blickt, die ersten Meinungen zum Plan der Regierung, fünfzig Kilometer landeinwärts den grössten Staudamm Spaniens zu errichten und dort jährlich 1050 Kubikhektometer Wasser abzuzweigen: «Und darüber entscheiden die, die bloss ihren mickrigen Manzanares haben» – die in Madrid eben.

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Dann lernten wir Enric kennen. Enric Pedret handelt mit Bacalao, ist Präsident des Ruderklubs Tortosa und weiss einfach alles über den Ebro. Er weiss auch alles über Bacalao, aber das tut hier leider nichts zur Sache, denn Kabeljau wird ja aus dem hohen Norden importiert. Als Spezialität des Deltas gilt eher Aal: sonnengetrocknet, nicht etwa geräuchert. Aber auch frisch zubereitet ist er, wenn er so von seinen Gräten flutscht, eine Delikatesse. Ausserdem gibt es hier eine kleine Glasaalindustrie. Glasaale, spanisch «angulas», sind die in den Tiefen der Sargasso-See – nördlich der Antillen – geborenen und bis an Europas Küsten gewanderten, dort sofort dem Süsswasser der Flüsse zustrebenden Jungaale, die auf gewissen Touristenmenus «little baby-eels» heissen und deren Kilopreis zwischen 400 und 800 Franken liegt. Was uns nicht nur aufgrund der wackeren Schwimmleistung dieser kaum zwei Centimeter langen Tierchen, sondern auch wegen ihrer unvergleichlichen Konsistenz gerechtfertigt scheint. Sie werden im Winter gefangen, angelockt durch Scheinwerfer, die nachts auf den Fluss gerichtet werden. Enric bekam leuchtende Augen: Wie eine Landebahn sehe dann der Ebro aus, mit all den talwärts gerichteten Lichtkegeln.

Wir assen – dank Enrics kundiger Führung – noch anderes im Delta: Seebrennnesseln (eine Art Qualle), Froschschenkel, Entenleberbrösel (und einen Schenkel dieser Prachtvögel, die vor dem Restaurant L’Estany an der Lagune Encanyissada paradieren), die Rogen einer besonderen Karpfensorte und – die waren zwar nicht besonders – auch die fritierten Spermien derselben.

Aber ich schweife ab, will sagen: ich greife vor – weiter als dieser Artikel je gelangen wird. Wir hatten Enric vormittags in der Bar Nuri in einem der wenigen im Delta selbst gelegenen Dörfer, Jesús i Maria mit Namen, kennengelernt. Da trank er seinen tallat. Natürlich gäbe es auch über einen so wunderbaren Brauch wie den, den Milchkaffee im Glas zu trinken, mancherlei zu sagen; aber jetzt bitte wirklich ins kalte Wasser. Wir hatten uns mit Enric am Landungsplatz des Ruderklubs in Tortosa verabredet, um ein wenig auf dem Fluss herumzuschippern. Dass auf das winzige Schlauchboot ein 30-PS-Evenrude montiert war, entging unserer Aufmerksamkeit; bis wir beinahe über Bord kippten, als Enric Gas gab. Vorerst ging’s flussabwärts: vorbei an dicht bewachsenen Auen, vorbei an einer Insel, von der uns einige Stiere entgegenstarrten, bis Enric in der Nähe eines Pumpwerks plötzlich den Motor abstellte: «Von hier bis zur Mündung sind es noch gut dreissig Kilometer. Aber wir sind praktisch auf Meereshöhe, und deshalb dringt bis hierher Salzwasser in den Fluss». Er warf den Motor wieder an. Zurück ging’s, unter den Brücken der Stadt Tortosa hindurch und vorbei an dem grässlichen franquistischen Denkmal, mit dem an die Schlacht am Ebro erinnert wird.

Es können hier nur Blitzlichter auf die Geschichte des Flusses geworfen werden, der der iberischen Halbinsel ihren Namen verliehen hat, der im 9. und 10. Jahrhundert die Grenze des Emirats von Córdoba bildete, über den später das Holz der Monegros – heute eine Wüste, selbstverständlich eine bewässerte – nach Tortosa geschifft wurde, Holz, aus welchem wiederum die spanische Armada gebaut wurde. Einstweilen ist der Ebro mit seinen zahlreichen Staudämmen nur noch beschränkt schiffbar. Schon einige Kilometer nördlich von Tortosa, bei Xerta, verhindert ein erstes Wehr die Weiterfahrt. Und eben hier, wo der links- und der rechtsufrige Kanal zur Bewässerung des Deltas ihren Anfang nehmen, ist nun auch die Abzweigung von Ebro-Wasser, sind die bewussten Trasvases, nordwärts bis nach Barcelona und südwärts – in der Luftlinie über 500 Kilometer – bis nach Almería geplant.

Was das für das Delta bedeutet, Enric schrie es in das Dröhnen der 30 PS, ist ganz klar: ein Fiasko. Denn schon jetzt sei ja die Versalzung der Böden, der Lagunen, auch des Grundwassers nicht aufzuhalten. Wegen der zahlreichen Staudämme führe der Fluss kaum mehr Geröll mit sich, so dass sich das delikate System allmählich zurückbilde. Sollte nun der Trasvase im geplanten Umfang verwirklicht werden, dann würde auch die Bodenerosion weiter zunehmen, und zugleich die Kontaminierung des Wassers, etwa durch die Abschwemmung von Düngemitteln, und damit der Sauerstoffmangel sowie, durch die damit einhergehende Nährstoffzunahme, die Algenentwicklung, was für die Fisch- und Muschelbänke katastrophale Folgen haben könnte, wovon wiederum die Vögel, darunter viele heute seltene Arten, betroffen wären. Kurz, der PHN sei für das Delta unheilvoll, und wenn sich die katalanische Regierung für ihre Zustimmung zum PHN von Madrid happige wirtschaftliche Kompensationen ausbedungen habe, so sei das nichts als ein schändlicher Kuhhandel. Denn keine noch so kostspielige neue Autobahn, kein noch so gut gestyltes Schwimmbad werde das fehlende Wasser ersetzen können. Laut den Berechnungen von Hydrologen der Universität Barcelona führte der Ebro nur in fünf der letzten zwanzig Jahre die für die Aufrechterhaltung seines Ökosystems notwendige Wassermenge. Andere Studien warnen, dass sich seine Wassermenge wegen der Klimaentwicklung weiter verringern wird.

Aber noch ist der Ebro ein stolzer Fluss, nicht nur für spanische Verhältnisse. Man hört Enric gern zu, wenn er ins Schwärmen gerät und, nachdem er eben noch über Pegelstände und Verschmutzungsgrade referiert hat, plötzlich einen Sonnenuntergang auf dem Fluss schildert – den Zirrostratusfilter vor der orange glühenden Kugel – oder, noch herrlicher, eine Morgendämmerung im Winter anschaulich macht: jeden Tautropfen, das Nebelchen dort hinten, den dunklen Spiegel des Wassers. Man darf annehmen, dass er dann seinen Evenrude abgestellt hat.

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Politsumpf. Der Widerstand gegen den «Pe-Atsche-Enne» (so wird der PHN ausgesprochen) ist ein gruppendynamisches Phänomen. Dass im Delta viele eine nahezu symbiotische Beziehung zum Fluss haben, versteht sich. Aber die Empörung hat auf die ganze Bevölkerung übergegriffen. Davon zeugen nicht nur unzählige Sprayinschriften und Transparente gegen den Trasvase bzw. – katalanisch – das «transvasament». Wer immer darauf angesprochen wird, verteidigt mehr oder weniger eloquent die gute Sache. Die Ausnahme bilden einige Politiker.

Am ärgsten in die Nesseln gesetzt haben sich dabei die katalanischen Nationalisten, die das Kunststück fertigbrachten, den PHN zunächst pro forma abzulehnen – im Parlament in Barcelona –, um ihm vierzehn Tage später im Madrider Kongress zuzustimmen. Solche Windbeutelei quittierte das Volk mit wütenden Aufläufen, sooft sich ein Parteiführer in der Gegend zeigte – Präsident Pujol wurde mit «Figo! Figo!»-Rufen empfangen –, und etliche Lokalpolitiker aus den eigenen Reihen haben desertiert. Jene, die es nicht taten, gelten als Verräter. Einer von ihnen ist Joan Roig, Bürgermeister von Amposta, der «Stadt ohne Bürgermeister», wie eine Sprayinschrift schon bei der Einfahrt mitteilt. Roig versucht den Standpunkt seiner Partei, der von aussen eher nach einem Lavieren aussieht, zu erklären. Natürlich sei es legitim, rundweg nein zu sagen. Die katalanischen Nationalisten zögen es jedoch vor, zu verhandeln, um den «zugegeben: schlechten» Plan zu verbessern. Das Problem ist nur, dass sie gegenüber Aznars Partido Popular am kürzeren Hebel sitzen: Während dieser in Madrid die absolute Mehrheit hat, können sie in Barcelona nur mit PP-Unterstützung regieren. Die Regierung Aznar ging denn auch über alle Abänderungsanträge schlicht hinweg. Hatte nicht Spaniens Landwirtschaftsminister schon vor Monaten angekündigt, im Parlament werde der PHN ein Spaziergang («un paseo militar») und «por cojones», was wir lieber nicht zu übersetzen versuchen, angenommen werden?

So war’s denn auch. Der katalanische Vorschlag etwa, das Wasser für die Region Barcelona künftig nicht aus dem Ebro, sondern aus der Rhone zu beziehen, hat in Madrid kein Gehör gefunden; wobei fraglich bleibt, ob Barcelona dieses Wasser überhaupt braucht. Schon vor dreissig Jahren stand die Stadt angeblich wegen Wassermangels vor dem Kollaps, und obgleich sie sich nach wie vor hauptsächlich aus dem kleinen Fluss Ter versorgt, hat sie sich doch prächtig entwickelt und es liesse sich schwerlich behaupten, sie habe gedarbt.

An dem hypothetischen Transfer von Rhonewasser nach Katalonien erweist sich, wie komplex das Thema ist. Ob Barcelona besser mit Rhone- oder mit Ebrowasser beliefert wird (oder mit keinem von beiden), ist nicht nur eine technische oder ökologische Frage. Genauso wie die katalanischen Nationalisten mit der Option Rhone ihre Unabhängigkeit von Madrid unterstreichen möchten, ist der PHN für den zentralistisch gesinnten PP auch ein Kohäsionsmittel. Zu beachten sind aber noch andere Aspekte. Die Wasserrechte an der Rhone besitzt heute ein Konsortium, zu dem Konzerne wie Vivendi und Alstom gehören. In Frankreich ist also genau jener Wassermarkt, den die sozialistische Opposition hinter dem PHN beargwöhnt, teilweise schon Wirklichkeit. Die spanischen Sozialisten hatten indessen Anfang der neunziger Jahre selbst einen Bewässerungsplan entwickelt, der dem heutigen PHN verblüffend glich, der vom damals oppositionellen PP jedoch heftig bekämpft wurde. Was ein Hinweis darauf ist, dass politische Macht, namentlich wenn absolut ausgeübt, gern einen Hang zu wassertechnischen Grossbauwerken entwickelt. Man darf an Stalin, an die chinesischen Kommunisten oder, hier näherliegend, an Franco denken...

Denn der PHN ist ja nicht der erste Versuch, Spaniens Wasserprobleme mit Beton in den Griff zu bekommen. Über tausend Staudämme, mehr als in jedem andern europäischen Land, prägen die iberische Topographie, haben Täler und Dörfer zum Verschwinden und dafür neue, teils berückende Seelandschaften hervorgebracht. Viele dieser Stauseen sind allerdings auf immer halb, einige sogar ganz leer geblieben, weil die Zuflüsse die in sie gesteckten Erwartungen nicht erfüllten. Das Musterbeispiel für die Folgen eines in vielem dem PHN verwandten Werks aus der späten Franco-Zeit ist die Umleitung von Tajo-Wasser in die Region von Murcia, der «Trasvase Tajo-Segura»: Hat er doch den Wassermangel dort, wo er ihm abhelfen sollte, schlicht verdoppelt. Nicht nur weil heute lediglich ein Viertel der ursprünglich vorgesehenen Menge (1000 Kubikhektometer, fast identisch mit dem nun geplanten Aderlass des Ebro) nach Süden geleitet werden kann; sondern mehr noch, weil er, bevor er überhaupt gebaut war, die Nachfrage angeheizt, neuen hochintensiven Landwirtschaftsbetrieben und der Spekulation im Tourismussektor Vorschub geleistet hat.

Mit andern Worten: der normale Bürger braucht keinen Trasvase, um weiterhin jeden Morgen seine Dusche zu nehmen. Über drei Viertel des spanischen Wasserverbrauchs gehen in die Landwirtschaft. Sollte sich diese das Ebrowasser, das der PHN mit einem Kubikmeterpreis von 52 Peseten veranschlagt (das aber nach Meinung vieler Experten mindestens doppelt so teuer ausfallen wird), gar nicht leisten können, so würde es immerhin die Wasserversorgung der Zweitresidenzen der EU-Bürger mit den zugehörigen Golfplätzen sicherzustellen. Und das einwandfreie Funktioneren einer Unmenge Hoteltoilettenspülungen. So oder so: viel öffentliches Geld – in diesem Fall zu einem schönen Teil aus dem EU-Kohäsionsfonds stammend – im Dienst privater Spekulanten und Küstenverschandler.

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Saragossa-Brüssel-Lourdes. Dagegen vermögen ein paar Reisbauern im Delta wenig auszurichten. Aber sie stehen nicht allein. Auch in Aragonien ist die Ablehnung des PHN fast einhellig, obwohl die Aragonesen vom Trasvase überhaupt nicht betroffen sind; sie haben, und dabei gibt es immer auch einige Profiteure, bloss etwa zwanzig neue Staudämme zu gewärtigen. Schliesst man die eher unwahrscheinliche Deutung aus, dass sie den PHN aus rein rationalen Erwägungen für untauglich befinden, bleiben zwei Erklärungsmöglichkeiten: erstens, sie seien dem Fluss, der ihr Land durchfliesst, so zugetan, dass sie ihn als jene Einheit sehen, die er tatsächlich ist. Und zweitens – weniger romantisch –, dass da auch Neid im Spiel ist: weil die dürre, unter Entvölkerung leidende Region einmal mehr mit ansehen muss, welche Privilegien die Mittelmeerküste geniesst.

Jedenfalls scheint man gerade im Hinterland zu spüren, dass hier ein Staat auf eine Weise neu strukturiert wird, wie es sonst höchstens Autobahnen und TGV-Linien bewirken; und dass dabei bestimmte Regionen zu den Gewinnern, andere zu den Verlierern zählen werden. In der aragonesischen Hauptstadt Saragossa protestierte eine halbe Million Menschen gegen den PHN. Nun aber, nachdem der «paseo miltar» durch beide Kammern des spanischen Parlaments stattgefunden hat, richten sich die Augen der Opponenten nach Brüssel. Läuft dieser Plan doch offensichtlich nicht nur allen Grundsätzen modernen Gewässerschutzes zuwider, sondern auch der EU-Wasserpolitik, wie sie im Vertrag von Amsterdam (Nachhaltigkeit) und in der sogenannten – man entschuldige das Wortungetüm – Wasserrahmenrichtlinie entworfen wurde, die – es kommt noch besser – auf dem Schlüsselbegriff des Flusseinzugsgebietsmanagements beruht.

Auf deutsch: anstatt zum Entzücken der Bauindustrie durch ein künstlich geschaffenes Angebot eine ebenso künstliche Nachfrage zu schaffen, soll nach dieser Richtlinie die knappe Ressource Wasser auf eine Art und Weise verwaltet werden, die den vorhandenen Ökosystemen Rechnung trägt: wo wieviel Grundwasser vorhanden ist und wo mit Kläranlagen und einer Verbesserung der Bewässerungssysteme wieviel Wasser gewonnen bzw. gespart werden kann. Der PHN sieht zwar immerhin 26 (freilich sehr energieintensive) Meerwasserentsalzungsanlagen vor; aber das Sparpotential von Brauchwasser und Tröpfchenbewässerung übersieht er. Hydrologen haben berechnet, dass allein die Ersetzung der in Spanien weitherum üblichen Sprühberegnungsanlagen, bei denen ein Grossteil des Wasser verdunstet, bevor es auf den Boden kommt, wirtschaftlich sinnvoller wäre und die ganze Betonorgie überflüssig machen würde. Aber der PHN stellt ja auch die Klimaänderung nicht in Rechnung, er ignoriert die Unvorhersehbarkeit des EU-Agrarmarkts, und am allerwenigsten schert er sich darum, ob denn Ebrowasser in Almería auch kostendeckend sein wird.

Das Madrider Umweltministerium, das für diesen Plan verantwortlich zeichnet, hat über hundert Expertisen von Hydrologen und Ökologen eingeholt, diese dann aber wohlweislich totgeschwiegen. Denn ihr Tenor lautete: der PHN ist ein ein Plan für bestimmte Bauwerke, aber «hydrologisch» verdient er nicht genannt zu werden. Der nationalistische Bürgermeister von Amposta, der von seinen Mitbürgern nicht mehr als solcher angesehen wird, glaubt dennoch, seine Partei trage zu dem für ein solches Mammutprojekt nötigen Konsens bei. Und wenn diesen Sommer die halbe Bevölkerung des Deltas mit Autocars nach Brüssel fahren wird, um dort ihren Protest kundzutun, so kann er als Realpolitiker darüber nur schmunzeln: «Die scheinen Brüssel für eine Art Lourdes zu halten.»

 

4. März 1993

Tick, Trick und Track oder Es werde Stadt

Berliner Freunde

Ein rückläufiges Tagebuch

Der siebente Tag. »Es gibt die englische, es gibt die französische Gartenkunst. Ein deutscher Park dagegen möchte im Grunde einfach ein deutscher Wald sein«, behauptete ich. – »So, so? Und Sanssouci? Ich bitte dich! Fürst Pückler!« – »Ich spreche nicht von künstlichen Originalen; geschweige denn von Baumschulen.«

Was wollte er mir zum Abschied vorführen, mein Freund Tick? Noch einmal hatten wir den Mauerstreifen überquert, an einem Waldrand angehalten, beim Treptower Park. Tiefe Nacht war’s, mondlos. Wir gingen über knirschende Kiesel, traten auf eine Lichtung: Vor uns erstreckte sich, flankiert von zwei gezackten, krumm in den Himmel ragenden Betonstümpfen, die Esplanade, die zum sowjetischen Ehrenmal führt. Nicht ein Stonehenge: ein Concretehenge aus Zeiten, als es noch Geschichte gab. Beidseits markierten reliefgeschmückte, den Truppengattungen gewidmete Steinfinsterlinge die Gedenkstätte. »Jeder Quader steht für 10‘000 Gefallene«, räusperte sich Tick, meine Beklemmung genießend.

Zwischen den Bäumen flackerten die Scheinwerfer eines Streifenwagens auf, der langsam längs der Esplanade näherkam. Ein Wartburg, war nun zu erkennen. »Da war’n es nur noch zwei«, bemerkte ich in die Stille, »die Ost-Autos fuhren. Die Polizei und die Parias.« Ich war fünf Jahre nicht in Berlin gewesen: Trabant und Konsorten hatten ausgeknattert.

Es war einmal ein unidentifizierbares historisches Objekt, Tauzeit genannt. Dann entpuppte sich die »Freiheit«, kaum aus der Tiefkühltruhe des Kommunismus geholt, selbst als Tiefkühltruhe bzw. Sechsyzlinder bzw. Mikrowellenherd. Aber selbst zum bloßen Verbrauchsgut und Statussymbol degradiert: Hätte sich die Freiheit nicht die Freiheit nehmen können, wenigstens die Trümmer jenes andern, jäh in sich zusammengebrochenen Blocks auf ihren Wert zu prüfen? – »Es war eben gar kein Wertesystem, sondern lediglich eine ziemlich dürftige Zeichensprache«, sagte Tick. »Und übrigens ist der Ostblock wirklich eher zerschmolzen als zerbrochen. Trotzdem staunst du, wie zügig die Demontage vonstatten ging. Reine Formsache. Man brauchte nur ein paar Ikonen von den enteisten Regalen zu holen und auf Stechschrittparaden zu verzichten, weil man Skrupel oder nicht genügend Geistesgegenwart hatte, sie gleich in ein historisches Disneyland zu integrieren.«

Stechschrittparaden: Hat man eine gesehen, so hat man sie wohl alle gesehen. Aber den sozialistischen Realismus hätte ich gern nochmals betrachtet, dessen breitspurige Präsentation wir damals auf der Museumsinsel belächelt hatten. Natürlich waren die Bilder im Keller verschwunden. »Berlin«, sagte ich, »das von seiner gewalttätigen Vergangenheit nur so triefte, scheint sich jetzt zum Musterfall posthistorischen Leerlaufs zu mausern.« – »Ja«, seufzte Tick, »der Schweiß der Geschichte hat sich als ziemlich geruchlos erwiesen.«

Er hatte an Berlin nämlich gerade dessen kräftige historische Duftnote geschätzt. Nicht zufällig führte er mich zuletzt an diesen von geschichtlicher Tragik vollgepumpten Ort, das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Schauerliche umwaldete Symmetrie inmitten des urbanen Chaos; wie geschaffen, um makabre Neigungen, um seine kraftmeierische Sinnlichkeit zu befriedigen. (Anderswo faszinierten ihn periphere Industriefossilien; hingegen die Vitalität, die theatralischen und ästhetischen Qualitäten eines Stadtzentrums, sagten ihm nichts.) Das Ende der Mauer erlebte er als Verhängnis, nicht erst als ihm klar wurde, dass sie uns besser vor dem Osten geschützt hatte als umgekehrt; auch nicht in erster Linie, weil die gegenseitige Kontaminierung der alten Blöcke wenig Gutes verhieß (das Gute kann nicht einfach das Gute bleiben, wenn das Böse auf einmal wegfällt); sondern weil damit das Kernstück seiner perversen Ästhetik, das uneingestehbare Rückgrat seiner Berlin-Liebe, zerbrochen war.

Nach dem »Bildersturm« (wie er geschichtsgierig die Blitzverschrottung des ikonischen Überbaus nannte) bleibt die gebaute DDRlichkeit. Auf die Öffnung folgte eine Saison der Entdeckungen. Man durchstöberte die Deutsche Demokratische Rumpelkammer, erschauerte vor ihren Plattenbaudelirien. Marzahn, Superlativ aller Architekturgreuel; Kraftprotze wie dieser Treptower Park, dem unser Abschlussbesuch galt; oder das einst jüdische Scheunenviertel, das wir gleich nach meiner Ankunft durchstreift hatten. Oh Wunder, dass es überhaupt noch steht, kriegsversehrt und nachkriegsverlottert (im Westen wäre es wiederaufbauverwüstet; man darf sich aber bei dieser Gelegenheit fragen, was eigentlich an unserer verpönten Nachkriegsarchitektur, mag sie auch mehr alte Bausubstanz gekostet haben als alle Bombardements, so viel schlimmer sein soll als an den Mietskasernen von dazumal). Im Scheunenviertel haben sich nun, unweit der glitzernden, Nolvadex Online frisch renovierten Synagoge, zum Beispiel Galerien eingenistet, eine junge Ost-Szene, die dem etablierten westlichen Kunsthandel die Stirn bietet. Derzeitiges Hauptquartier dieser Kulturguerilla ist das zerbombte Kaufhaus Wertheim an der Oranienburger Strasse, unter dem Namen »Tacheles« spektakulärer Exerzierplatz eines frisch erwachten, dem Tag (und den Nächten) verpflichteten Schöpferdrangs. »Ein subventionierter Höllenbreughel.« – »Lach nur. In Berlin ist aber alles Provisorische, Ungewisse, Schnellebige an sich ein Positivum«, hielt Tick fest. »Die Gefahr besteht gerade darin, dass solche Nischen, dass die ganzen Stadtbrachen jetzt im Hauruckverfahren zubetoniert werden, und statt der Mauer haben wir dann einen Büroriegel.«

Wir waren an jenem ersten Berliner Tag per S-Bahn in den Osten gefahren. Dem Tiergarten, dem Spreebogen entlang (»der Reichstag, bitte schön; und dort wird der Kanzler kanzeln«) präsentierte Tick das Panorama der künftigen Hauptstadt. Vorläufig ist das die Gesichtslosigkeit selbst. Die ganze Zersplitterung, das städtebauliche Dilemma Berlins im Rohzustand treten einem auf dieser Strecke vor Augen. Keinerlei bauliches Ensemble, an dem sich der Blick weiden könnte, kaum je auch nur eine geschlossene Fassadenfront. Wer käme auf die Vermutung, hier in einer europäischen Stadt zu sein? Blocksäume um Wiesengründe, ungestalter Häuserwald mit seinen Lichtungen... Die Strecke führte am Lehrter Bahnhof, an der Charité vorbei, man durfte an Döblin denken, an »pulsierendes Großstadtleben«. Aber ist angesichts der bestehenden Zerstückelung, eingedenk unserer eigenen Zerstückelung, der Rückgriff auf historische Stadtmodelle nicht einfach grotesk? Als könnte ein Vorkriegs-Berlin, Biberkopf und Liza Minelli inbegriffen, mimetisch nochmals erstehen. Müsste Stadtplanung nicht, nirgendwo wie hier, gerade das terrain vague zum Anlass und Vorbild nehmen? Die offene Unstadt, die viele in ihren Bann zieht (mich nicht). Vielleicht sollte man noch vor ihrer Erschaffung erst einmal ruhen.

Der sechste Tag. Wir glitten in Tricks Luxus-Cabriolet durch Ost-Berlin hinaus. Frankfurter Allee, zentrumwärts eines der Hauptwerke der Plattenbaukunst (so spannend wie ein Andy-Warhol-Film), und sogar die einzige Abwechslung war eine Wiederholung: »Linkerhand: Hollywood auf sozialistisch«, machte mich Trick mit genau denselben Worten, wie einige Tage vor ihm Tick, auf den Lichtspielpalast »International« aufmerksam. – Rem Kohlhaas hat recht, wenn er sagt, wir bräuchten einen neuen Walter Benjamin, der die Schönheit des Alexanderplatzes beschreibt, so wie er heute ist. Das Vorhandene ist so ungeheuerlich, das Ungeheure so total, dass man allmählich lernen müsste, damit zu leben.

Wo überhaupt die Stadt sei, fragt man sich von der S-Bahn aus. Nun erkundigte ich mich beiläufig, wo eigentlich die Berliner seien, die Millionen Einwohner, von denen sich kaum je einer auf der Straße blicken ließ. »Aber du siehst doch«, regte sich Trick über meine Naivität auf. »Was sollen die Leute draußen? Es gibt da ja nichts für sie.«

Und nun erst das Land. Wir hatten uns einen Gasthof mit Seeblick ausgemalt. Irrfahrt durch brandenburgische Dörfer, einige davon frisch renoviert, und in ihrer pedantisch aufgeputzten Ärmlichkeit wirkten sie um so betrüblicher. Wir folgten einem Wegweiser, der einen »Seepalast« mit »Fischspezialitäten« verhieß; erwies sich dann als eine Baustelle, vom See durch die neue Autobahn getrennt. In der DDR hatte man noch kopfsteingepflästerte Landstraßen instand gehalten.

Trick photographierte einige Kuriositäten: Die frivole Imbissbude beim KZ Sachsenhausen. Den Schriftzug »Wohnkultur« auf einem rattengrauen Kasten mit Satteldach. Das Denkmal »Dem Meisterfahrer Adolf Huschke«, der 1923 im Rennen rund um Berlin aus dieser Kurve geflogen war. Ich machte meinen Freund auf eine kokette Tankstelle aufmerksam, aber er winkte ab: »Zapfsäulen photographieren, das haben wir mit achtzehn schon hinter uns gebracht. Es wäre nur das Eingeständnis, zwanzig Jahre später noch denselben ästhetischen Marotten nachzuhängen.« – »Stimmt: sowas macht höchstens noch Wim Wenders.«

Endlich fanden wir, wenn auch keinen Seepalast, so doch eine Waldschenke und ließen uns unter märkischen Kiefern und gestreiften Markisen Schweinernes vorsetzen. Seit ich in Berlin war, hatte ich nichts als Quarkhäppchen und Spinatkuchen zu mir genommen; einmal einen »Eiersalat«, der sich als Mayonnaise erwies, in der einige Spargelschnipsel schwammen, das Ganze durch Gurkenstreifen unzugänglich gemacht, zwischen denen man sich mit Messer und Gabel in die Tunke vorzukämpfen hatte. Gewiss lebt auch die Bulettenkultur fort (inkl. Schlager aus einheimischen Kehlen), dies jedoch vornehmlich in den dem treudeutschen Publikum vorbehaltenen »Schultheiß«-Kneipen. Scharf ist die Abgrenzung zwischen diesem und der alternativen Fauna, welche Berlin den Ruf einer Hochburg aller Minderheiten, von Körnchenfressern bis Lederboys, eingetragen hat: Fortsetzung der Teilung mit andern Mitteln. Was fehlt, sind bürgerliche Nuancen.

Der fünfte Tag. Lauter adrett gekleidete Menschen, hatte Track gesagt, säßen in dem Café am Savigny-Platz, dessen Namen ihm entfallen war. Es war trotzdem leicht zu finden; ich brauchte nur davon auszugehen, er habe mich an den einzigen Ort in der näheren Umgebung bestellt, dessen Eigentümer schon mal das Wort Design gehört, wenn auch gründlich missverstanden hatten. Und nun diese »nett angezogene« Gästeschar: in abgesägten Jeans, grellbunten Blousons... Charlottenburgerinnen mit schlotternden Brüsten, sonnenlüsternen Gesichtern – ich wies Track höhnisch auf ihre reklamebeschrifteten Synthetiks hin, musste mir jedoch sagen lassen: »Es ist nicht gerade ein Zeichen von Originalität, sich darüber aufzuhalten, dass Deutsche sich möglichst teuer möglichst schrecklich anziehen.« – »Man scheint hier einem stillschweigenden Schlampigkeitsgebot zu gehorchen.« – »Du hast Wichtigeres zu sagen. Neben der Frage, wie die leidige deutsche Identität in Millionen Tonnen Beton repräsentiert werden soll, dürfte das nationale Faible für Mustermix ein zweitrangiges Problem sein.«

Ich fand es immerhin interessant, dass Deutsche an ihrer eigenen Geschmacklosigkeit leiden und trotzdem permanent Mustermix in inkompatiplen Farben tragen. »Man handelt wider die bessere Einsicht. Was mich in diesem Zusammenhang irritiert, ist zum Beispiel das fortwährende Gerede von einem pulsierenden Grossstadtleben. Der Bausenator, die Architekten, der Herausgeber der Berliner Zeitung, alle teilen sie diese Sehnsucht, wenn sie an die Zukunft Berlins denken; und dann streitet man sich endlos darüber, wer wo wie hoch bauen darf, um ›das Ding zum Leben zu kriegen‹. Es scheint gar niemandem aufzufallen, dass das Leben von den Leuten gemacht wird und nicht von der Traufhöhe. Wo das Geschehen gut ist, ist auch der Ort gut. Bei der ganzen Diskussion ist eine tiefsitzende Angst vor Konzentration spürbar, während das Grundproblem Berlins für mich gerade die fehlende Dichte ist«, argumentierte ich.

»Du siehst ja, welche Interessen jetzt in diese Lücken schießen«, wandte Track ein. »Zwanzig Prozent Wohnanteil, es klingt wie ein Hohn, scheint aber das Maximum zu sein, das heute finanzierbar ist. Damit ist von vornherein das Todesurteil für ein lebendiges Zentrum gesprochen, obwohl sich alle einig sind, dass das einzige Rezept dafür eine gute Durchmischung wäre. Die Stadt des 21. Jahrhunderts zu denken, die wahrscheinlich gar kein herkömmliches Zentrum braucht, davor schrecken die meisten zurück. Lieber träumt man von Gründerzeit und Döblinschen Hinterhöfen und verschachert den Boden einstweilen an die Konzerne, damit diese die Narbe ausmerzen, die der Krieg und die Teilung hinterlassen haben. Eine schreckliche Narbe, zugegeben, aber dabei werden aus toten Räumen nur wieder tote Räume entstehen, und der Stadtkörper als Ganzes siecht dahin. Es ist wie ein Schwarzes Loch, das planerische Energien absaugt, die besser auf den Berliner Großraum gelenkt würden. Wirtschaftlich steckt Berlin in einer schlimmen Lage: eine subventionierte Insel, abgehängt durch Krieg und Nachkriegszeit. Als ich vor einem Jahr aus Westfalen hierherzog, war ich zunächst fasziniert von der Ungeheuerlichkeit der Aufgaben. Aber allmählich vermisse ich die Beweglichkeit, die dichte dezentrale Vernetzung, die in Westdeutschland viele Dinge ermöglicht. Im Vergleich dazu erscheint Berlin schwerfällig. Falls es nicht gelingt, den Druck zu verteilen, unter dem die Stadt steht, wird sie ein Abbild jener Interessen werden, die jetzt ihre Klüngel um sie bilden.«

Der vierte Tag. »La flânerie, si chère aux peuples doués d'imagination...«, in Berlin ist darauf zu verzichten. Spaziergänger: eine ausgestorbene Spezies. Die Gewohnheit, bestimmte Ziele zu Fuß zu erreichen, wird man hier bald bereuen. Der Blick des Voyeurs geht ins Leere. Nicht die Distanzen sind das Problem: Quer durch Paris, längs durch Manhatten ist man auch stundenlang unterwegs.

Wenn man aus New York kommt, erscheint einem Paris wie eine irreale Kulisse. Mit dem New Yorker Bestiarium verglichen, wirken Pariser Straßenszenen harmlos, liebreizend, fast operettenhaft. Nun war ich via Paris nach Berlin gekommen, und aus diesem Blickwinkel kam mir Paris von nachgerade wilder Betriebsamkeit erfüllt vor. Diese Stadt sei bloß noch eine Maschine, um Geld zu machen? Immerhin mit einem vielgestaltigen, von Straße zu Straße wechselhaften Alltag gesegnet, wie es ihn nirgendwo in Berlin gibt. (Man höre die Gegenbeispiele. Tick: »In Kreuzberg hat gestern nacht ein Schwarzer einen Unfall gebaut. Der Polizei ist nichts Schlaueres eingefallen, als auf den Verletzten einzuknüppeln. Sofort haben sich die türkischen Anwohner in Schlafanzügen um die Szene versammelt und ihrerseits den Beamten die Hölle heiss gemacht.« – Trick: »Auf dem Arbeitsmarkt sind jetzt Polen im Sonderangebot. Malochen für drei Mark die Stunde.« – Track: »Bei uns im Erdgeschoß gibt es eine vietnamesische Bar. Der Besitzer hat sich geweigert, die Schutzgebühr zu bezahlen. Letzte Woche ist er von der Mafia abserviert worden.«) Ausländer sind in Berlin für Faits divers gut, im Straßenbild treten sie kaum in Erscheinung. Ein biederes Stück, das auf dieser Bühne gespielt wird (»Blutrecht« betitelt), und erst noch vor dürftiger Kulisse.

Ungefähr so, als bliebe von Paris nur die Peripherie. Durch die Mauer ist eine Bannmeile im Zentrum entstanden, das übriges schon vor dem Krieg zweipolig ausgebildet war, nur noch nicht ideologisch aufgeladen. (Hauptstadt der DDR versus Schaufenster des Westens. Eine Straße, die wirklich zum Heulen ist: der Kudamm.) Ostöde, Westöde. Diesseits der Mauer ist man der selbstverschuldeten Misere in den achtziger Jahren mit der Internationalen Bauausstellung begegnet: Reparatur, Heiligsprechung der Blockrandbebauung, einige Glanzlichter. Der Osten blieb dem Grau verschrieben. Wie oft man das Wort von den Verbrechen dieser Architektur auch aufgenommen hat, ihre Totalität spottet aller Beschreibung. Die Schönheit des Alexanderplatzes zu würdigen – »rüschengeschürzte Holländerinnen priesen ›Keese und Gemüüse‹ an, die's in einer Tombola zu gewinnen gab, gute Feen im Würstelbudenland unter dem Augapfel des Fernsehturms« –, fällt einem leichter, hat man erst den vierzigminütigen Fußmarsch vom Alex zum Potsdamer Platz hinter sich. Nur ein Irrer wie ich, der wähnt, er könne auf diesen Autobahnen ein Taxi abfangen, lässt sich auf ein solches Martyrium ein. Eine Polizeistreife, die an einer Ampel ihre Lautsprecher quäken liess, brachte endlich eine menschliche Note in die Blockschaften: »In der Stadt fahren wir mit 50.« Ansonsten: stumme Platte.

Der dritte Tag. »Sieh dir diesen Aschenbecher an, diese Lampen, diese Attrappe von Schreibtisch. Das war notabene der Arbeitsplatz nicht eines kleinen Beamten, sondern eines DDR-Spitzenfunktionärs. Jede Zahnarztpraxis in Zehlendorf hat mehr Niveau.« Wir waren in Tracks neuem Büro im Ostteil der Stadt. Er hatte sich in den Triumph der Hässlichkeit zu schicken.

»Eine ästhetische Tragödie, die ganze DDR, keine Frage. Sollte nicht daraus so etwas wie eine tragische Ästhetik zu entwickeln sein?«, wortspielte ich, auf die Schönheit des Alexanderplatzes gemünzt.

Richtung Alex gingen wir nun, um uns zwei Ausstellungen zur Berliner Zukunft anzusehen. Die Wettbewerbsentwürfe zum Regierungsviertel im Spreebogen (835 Teilnehmer, 835 Pappmodelle; womit zumindest die herrschende Konfusion einen adäquaten Ausdruck erfuhr) sowie die Vorschläge zur Neugestaltung des Alexanderplatzes, wo die Bauwut gigantischere Ausmaße als selbst am Potsdamer Platz anzunehmen droht. Wir kamen auch an der einstweilen größten Baugrube in Berlin-Mitte vorbei, an der Friedrichstrasse. Ein kurz vor der Vollendung stehender DDR-Großbau war dort demonstrativ abgerissen worden, um durch einen von westlichen Stararchitekten entworfenen Geschäftskomplex ersetzt zu werden. »Galeries Lafayette, usw. Jean Nouvel, Ungers, Pei bauen hier: ›Hoppla, jetzt kommen wir!‹ Man kann darin ebensogut einen Ausdruck westlicher Anmaßung wie östlicher Hoffnungen sehen. Den Investoren geht es darum, Brückenköpfe zu bilden, freilich nur bis zum Alexanderplatz. Die Gebiete jenseits davon scheinen noch als Indianerland zu gelten. Alles stürzt sich auf die Mitte, hie Kaufhof, hie Kinkel, und die gleiche besinnungslose Hast wie bei der Wiedervereinigung lässt jetzt in der Berliner Stadtplanung die schlimmsten Träume wahr werden«, so Track. Ich fügte hinzu: »Solche Prozesse sind wohl nicht steuerbar. Was hülfe es übrigens, wenn man sie wenigstens verlangsamen könnte? Später würde womöglich alles noch schlimmer.« – »Ein Vorgang, der sich nur in psychoanalytischen Begriffen fassen lässt, sagt Nikolaus Kuhnert: Genau das, was man am meisten fürchtet – amerikanische Schnickschnackarchitektur –, setzt sich in unvorstellbarem Ausmaß durch. Ein urbanistisches Kesseltreiben, untermalt wellbutrin sr vom Halali des Hauptstadtentscheids, und der Hase, der in die Enge getrieben wird, ist der Berliner Boden.«

Der zweite Tag. Trick holte mich in Charlottenburg ab. Kein Scherz: wir stiegen tatsächlich in ein weiß schimmerndes BMW-Cabriolet. Hm: ein so protziges Auto zu fahren, ich würde mich schämen. Als Berliner empfindet man es wohl als stilvoll, d.h. naturgegeben (wenn nicht, das andere Extrem, als unsittlich).

Es sollte ein längerer Abend werden, Gabelfrühstück im »Schwarzen Café« inbegriffen. Ich hätte gern mit der »Paris Bar« angefangen, jenes Hangs zum fortgesetzt albernen Giftsprühen wegen, Berliner Schnauze genannt, welche sich dort von akzentfrei kellnernden Langschürzen französisch abfüttern lässt. »Schultheiß auf geistreich«, sträubte sich Trick und ich trauerte zwar dem Sancerre nach, gab ihm aber recht: »Der Motzke als Einzelner, damit lässt sich leben, aber so en masse, als Erbgut und Sippe: mühsam.«

Es musste daher der Osten sein, wo auch westlich erblühte Mauerblümchen, die bei Tag für Land und Leute von drüben nicht viel übrig haben, durch die klaren Nächte nischen. Genauer gesagt: hin und hoch ging's wieder her, zwischen »Tresor« und »Caracas«; und es erwies sich, dass sogar preußisch-nüchterne Verkommenheit inzwischen einen Hang zur Erbsünde des Ornaments entwickelt hat. Entgegen Tricks lokalpatriotischer Behauptung, das sei in Berlin ausgeschlossen, traf ich einige alte Bekannte wieder: Raffi, der mir vor acht Jahren meinen halben Werkzeugkasten geklaut hatte (»Ich will meine Feile wieder haben!«), sowie den ewig zerzausten Egbert, der rotfleckig im Gesicht und Entschuldigungen murmelnd gleich zweimal, beim Hereinkommen wie beim Hinausgehen, über dieselbe Schwelle stolperte.

Auf märkischen Sand gebaute Nächte, geistige Verwehungen möglich. Das Besondere daran? Die Berliner halten wie alle Großstädter gerade das für besonders, was überall besonders besonders ist: zum Beispiel ihre Ausländer. »Gäbe es nur die Deutschen«, albträumte mir gegen fünf Uhr in dem Thai-Bordell, in dem wir den Vorletzten genehmigten, »so würde man zwischen Bulette und Spinatkuchen versacken, ungefähr so wie wir heute nacht zwischen Ost- und Westberlin.« Worauf Trick unter dem

Beifall der Animierdamen mit einem Handstand auf einem der Tischchen bewies, dass man für Kreuzberger Nächte auch körperlich fit sein muss. Und es ward Licht, wieder einmal.

Der erste Tag. Charlottenburger Schläfrigkeit. »How to write a successful Hollywood script« lag zuoberst auf dem Bücherstapel meiner Gastgeber. Luxuriös, diese Wohnung am Stuttgarter Platz, mit der Reihe Strassencafés gleich gegenüber. Damit freilich ein bisschen Betrieb aufkommt, wie er sich für eine Metropole ziemt, bedarf es in der deutschen Hauptstadt schon einer mittleren Katastrophe.

Einer Feuersbrunst, zum Beispiel. Als ich an der Yorckstrasse aus der U-Bahn stieg, verdunkelte eine Rauchwolke den Abendhimmel. Ich ging in die falsche Richtung, unter den zwanzig Brücken durch. Einen Moment lang befürchtete ich, in dem infernalischen Geheul der Löschzüge, die sich durch den Benz- und Audi-Stau zwängten, zusammenzubrechen. Ich ging zurück. Diesseits der Brücken tummelten sich die Schaulustigen. Es gab Schlägereien. Ich fand die Adresse und ging hinauf. Tick stand genießerisch am Fenster, neben sich die Videokamera, die das Ereignis festhielt. Aus der S-Bahn, die mitten auf der Strecke stehengeblieben war, stiegen die Fahrgäste und trotteten über den Viadukt davon.

»Kann sich sehen lassen, das Eröffnungsprogramm«, flachste mein Freund. Schwarz-rot-gold, so muss das sein, hat schon Nina Hagen die deutsche Dämmerung besungen. »Anderswo würde ein Feuer solchen Ausmaßes einen ganzen Stadtteil vernichten«, sagte ich. »Aber Berlin hat sein Brachland. Und wenigstens ist etwas los.«

Tick reichte die Aperitifs. Allmählich lösten wir den Blick von der apokalyptischen Szene vor dem Fenster, setzten uns zum Essen, blickten nur hin und wieder zu dem Feuerschein hinüber, der das Niemandsland zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Gleisdreieck erleuchtete. (Um Mitternacht war der Brand gelöscht.)

[NZZ, März 1993]

vgl. Berlin - Welt Online 101001