Markus Jakob

24. September 2005

Jean Nouvels Torre Agbar eingeweiht

Am 17. September wurde an der Plaça de les Glories im Beisein des spanischen Königspaars die Torre Agbar eingeweiht, Jean Nouvels erster Wolkenkratzer und Hauptsitz des Konzerns Aguas de Barcelona. Ich habe die Baufortschritte von meinem Fenster aus photographiert – hier die Bilder. Demnächst wird hoffentlich auch eine Besichtigung möglich und darüber zu berichten sein. Hier die etwas flatterhafte Website, die das Unternehmen dem Turm widmet.








Sittenverwilderung 1

Die grosse Sommerdebatte in Barcelona – sie hält weiter an – wurde vom Architekten Oriol Bohigas angerissen, der sich in einem Artikel in «El País» über die zunehmende Verwahrlosung seines Wohnviertels grämte. Wie schlecht sich die andern benehmen, davon kann ja fast jeder ein Liedchen singen, und so avancierte das Thema unter dem Stichwort «incivismo» zum Dauerbrenner, der bald auch die Stadtpolitiker beschäftigte. Rüpel und Schmutzfinken hat es freilich schon immer und überall gegeben, doch schienen sie sich – so sah es jedenfalls Bohigas – diesen Sommer gerade in der Umgebung seiner Wohnung auf nicht mehr tolerierbare Weise zusammenzurotten. Dazu muss man wissen, dass der Architekt vor Jahren sein Domizil an die Plaza Real verlegt hat, den schönsten, freilich nicht erst seit gestern auch belebtesten und lautesten Platz der Altstadt, rundum von Strassencafés und Clubs gesäumt und stets schon bevorzugter Aufenthalt auch von Individuen, die nicht derselben Gesellschaftsschicht wie Bohigas angehören. Diese wohnt üblicherweise in den ruhigen, höheren Stadtteilen und verirrt sich höchstens zum Opernbesuch in diese Niederungen.

Ist es denn in den letzten Jahren ärger geworden mit Wandalismus und Gammlertum, mit dem Dreck und dem Lärm? Ein bisschen schon, das ist kaum zu bestreiten. Barcelona preist sich selbst als leichtlebige und tolerante Stadt, und damit zieht es auch scharenweise Touristen an, die nicht in Viersternehotels absteigen und sich hier in erster Linie amüsieren wollen. Wenn es üblich geworden ist, dass ganze Flugzeugladungen aus Bradford oder Liverpool zum Polterabend Kurs auf Barcelona nehmen, weil sich’s dort so schön feiern lässt, kann man nicht erwarten, dass sie dann an den Ramblas nicht Rambazamba machen. Gerade als Musterknaben gebärdet sich freilich auch die einheimische Jugend nicht durchweg. So kam es diesen August beim Quartierfest von Gracia, dem grössten und beliebtesten der Stadt, spätnachts mehrmals zu schweren Ausschreitungen, weil sich ganze Horden nicht damit abfinden wollten, dass die Party jeweils um drei Uhr vorbei ist, damit die zehn Tage lang dauerbelärmten Anwohner auch einmal zum Schlafen kommen.

Gewiss, nicht jeder empfindet dasselbe als störend. Ich habe es immer als rührend empfunden, nachts in den Vorräumen von Banken und Sparkassen Obdachlose lagern, ihre Joints rauchen oder sich vielleicht sogar lieben zu sehen; andere finden es vielleicht eher anrüchig als anrührend, in solcher Gesellschaft an den Geldautomaten zu treten. Hingegen hört bei mir der Spass auf, wenn sich sämtliche Familienväter am Sonntag zur selben Stunde verschworen zu haben scheinen, ihre Lieben im Auto Richtung Hafen und Strand zu chauffieren und dann im Stau unter meinem Fenster ein Hupkonzert loslassen.

Die Diskussion darüber, was tolerierbar ist und was nicht, wer die wirklichen Rüpel und Störefriede sind, ob und wann die Ordnungskräfte durchzugreifen haben und ob Barcelona sich dieses Problem mit seinen Bemühungen um ein Image als lebensfrohe Stadt selbst eingebrockt hat, wird weitergehen. Denn sie tangiert nicht nur Bereiche wie den der Erziehung und der Kanalisierung des Tourismus, sondern führt direkt zu Fragen wie: Ist das Überborden die logische Folge dessen, dass Barcelona den öffentlichen Raum zu seinem Liebkind gemacht, gehätschelt und dafür ja auch viel Lob eingeheimst hat? In welchem Masse darf eine Stadt sich selbst zur Dauerkirmes stilisieren? Ist die von Amtes wegen geförderte Eventkultur, bei der kein Wochenende ohne irgendeinen Volkslauf oder ein Festival vergeht, an der Verluderung der Sitten zumindest mit schuldig?

Während ich dies tippe, ertönt von fern das Geböller eines Feuerwerks. Dieses Wochenende wird ja die «Mercè» gefeiert, das Stadtfest par excellence, mit Hunderten von Konzerten, vom Auftritt der Blechkapelle bis zum Rave im Morgengrauen auf dem Forumgelände. Millionen besinnungslos durch die Strassen torkelnder Menschen, und ich will es gern zugeben: auch ich befand mich heute früh um sechs, und liess dabei erst noch mehrmals schallendes Gelächter ertönen, auf dem Heimweg durch die aus tausenderlei blechernem und gläsernem und papierenem Mülll bestehende Hinterlassenschaft des Festes, Uringerüche einatmend und den Weg mir bahnend zwischen den Equipen des städtischen Reinigungsdienstes, der den netten Namen BCNeta trägt.

15. September 2005

Hochparterre meets world!

Herzlich willkommen bei Hochparterre International "Barcelona". Dieser Blog wird laufend über die neusten Begebenheiten, Trends und Stimmungen zu den Themen Architektur, Design und Kunst in Barcelona berichten. Kommentare erwünscht. Viel Spass wünscht HOCHPARTERRE - Zeitschrift für Architektur und Design www.hochparterre.ch

18. August 2001

Bienvenidos a una nueva realidad. Mediterrane Monster

[2001, Fortsetzung der im Text "Trasvase" begonnenen Fahrt]


 

Gen Süden. Das Ebrodelta blieb als schillernde Geometrie in der Erinnerung haften: Reisfelder, Lagunen, Feuchtbiotope, bedroht nun durch Spaniens Nationalen Bewässerungsplan (vgl. NZZ vom 15.9.2001). Wir fuhren weiter südwärts, der Küste entlang, die dereinst vom Ebrowasser profitieren soll. Wo die A-7 die Orangenhaine von Valencia durchquert, verliessen wir die Autobahn, gerieten aber statt in die Huerta in die Hafen- und Industriezone der einstigen Römerstadt Sagunt: Ladekrane, zerfallende Speicher, ein Multiplexkino namens Alucine. Keine Halluzination hatten die drei Frauen, die vor den Trümmern eines abgebrochenen Hauses standen. «Was da hinkommt? Ein Autobahnzubringer. Sie», so die eine, auf ihre Freundin weisend, «wohnte bis vor ein paar Tagen hier. Hat sechs Millionen (55 000 Franken) Abfindung gekriegt, eine lächerliche Summe, finden Sie nicht? Da ist übrigens noch ihre Katze. Sie hat wohl Angst, weil sie nicht herunter kann.» Und hakten sich unter, während das Tier, allein auf dem hohen Mauerbruchstück, weiter miaute.

Es war Sonntag. Hinter Sagunt standen Autos kreuz und quer auf einem Stück Ödland, von dem aus schon, eine gezackte Skyline wie aus einem Cartoon, die Aussenbezirke von Valencia zu sehen waren. Im Vordergrund in Auflösung begriffene Picknick-Gesellschaften; Gejohle hinter einer weiss getünchten Mauer, die eine kleine Arena umschloss: Es waren Halbwüchsige, die ein Kälbchen reizten oder eher einschüchterten, um feig auseinanderzustieben, sooft es einen Schritt vorwärts wagte. Man kann den Stierkampf, gerade in seiner stümperhaften kindlichen Spielart, von Herzen verabscheuen und sich trotzdem an diesem Vorstadttableau freuen. Zeigt es doch, dass man noch so viele «Alucines» hinbauen und «traditionelle Volksfeste» erfinden kann, es wird immer ein paar Irre geben, die lieber auf dem letzten nicht kommerziell genützten Flecken ihre Würste braten.

Ich erinnere mich, dass wir dann am Strand von Valencia, der Playa de la Malvarrosa, ein Bier trinken wollten, aber nun das Auto mit dem ganzen Gepäck nicht einfach stehen lassen konnten. Schliesslich parkten wir direkt vor einer Bar, in der abends um acht, wie wir beim Eintreten feststellten, noch die Überreste eines wohl seit der Mittagsstunde andauernden Banketts schwelten, und zwar eines Zigeunerbanketts. Nun wagten wir das Auto natürlich gerade in dieser Zigeunerumgebung keine Minute aus den Augen zu lassen, bestellten unser Bier an der Theke und tranken es draussen eilig aus, ohne das herrliche Bild des Gelages, all dieser markanten Köpfe und imposanten Décolletés, richtig in uns aufzunehmen. Wäre ein Thema für eine Glosse, wie das nach Pittoresken  gierende Auge am eigenen – ausserdem rassistisch bedingten? – Sicherheitsdenken scheitert.

Hierauf sind wir in die unglaubliche Stadt Valencia hineingefahren. Es ist eine Stadt von einer Wucht, über die man immer wieder staunt. Valencia seinen gewaltigen Achsen entlang wachsen sehen, heisst einen Bodybuilder mit Stahlsehnen und Betonmuskeln bestaunen. Womit auch, aber nicht nur die kolossale «Ciudad de las Artes» gemeint ist, die der in Zürich ansässige Architekt Santiago Calatrava für seine Geburtsstadt geplant hat. Valencia ist heute, obwohl auch Bilbao und Sevilla enorme Anstrengungen unternommen haben, unter Spaniens Städten die unangefochtene Nummer drei. Allerdings artet die Prallheit, die zu seinem Charakter gehört, in Zeiten wirtschaftlicher Blüte schon fast zum Pralltum aus. Selbst der Kellner, der uns abends bediente, harmonierte mit seiner sprunghaften, geölten, hypereffizienten Art mit dieser Bauweise.

Und nun als nächstes gleich eine Leichenhalle, auch wieder im selben Stil, clean, rosig, mit einem natürlichen, gewinnenden Auftreten gleichsam. Sie stand an einer achtspurigen Ausfallstrasse zwischen Hobbycenters, Puticlubs und Pneulagern, erkennbar an der Aufschrift «Tanatorio» in pietätvoller Typographie. Die erste dieser Leichenhallen inmitten der vorstädtischen Paraphernalia, in Valencia, wirkte noch befremdlich; aber dann schwebte auch in Benidorm, in Alicante, in Murcia je ein postmodernes Tanatorio an der Windschutzscheibe vorbei. Die einzigen Leichen, die vermutlich nicht zu befürchten haben, sie würden je in einem so scheusslichen Tempel aufgebahrt, sind die an die andalusische Küste geschwemmten Afrikaner, die gescheiterten Immigranten. Davon später.

*


Hoch hinaus. Nennen wir ihn JPC, bei seinen Initialen. Von Beruf: Hotelier oder eher: Baulöwe. Hemdsärmlig, jovial, bedenkenlos – man muss JPC einfach mögen, auch wenn man seine Ansichten nicht unbedingt teilt. Aber was sind schon Ansichten, wenn man eine solche Aussicht hat. Wir standen im 53. Stockwerk eines von ihm mitfinanzierten Rohbaus, auf der Dachterrasse von Europas höchstem Wohnhaus; unter uns die Betonstengel von Spaniens Tourismusdestination Nummer eins: Delirious Benidorm.

Gewiss, Benidorm ist nichts für Zartbesaitete: diese Ballung zerstörter Physiognomien, Akkumulation von Europas Zukurzgekommenen oder einfach: Urlaubsverkommenen; eine einzige, Bierhumpen stemmende Menschheit. «Da sie schon morgens um zehn zu trinken anfangen, können sie nicht gut edle Malts konsumieren», wie der Soziologe José Miguel Iribas trocken anmerkt. Und doch ist nach seinem Dafürhalten diese Stadt in ökonomischer und ökologischer, in struktureller und urbanistischer Hinsicht das Klügste, was der Massentourismus hervorgebracht hat. Anstatt in die Breite ist sie in die Höhe gewachsen: achtzig, neunzig Meter sind hier guter Durchschnitt. Nun blickten wir von 185 Metern Höhe auf das Land jenseits der hochverdichteten Stadt, der einem Fiebertraum gleichenden Balkonwaben: eine weitgehend leere, braune, von Bulldozern kahlrasierte Fläche. Was hier präpariert wird, JPC skizzierte es mit dem Daumen in die sandige Brüstung, ist eine neue Traumlandschaft. 1998 hat die Regionalregierung rund um Benidorm zehn Quadratkilometer Land aufgekauft. Zunächst wurde für über 700 Millionen Franken (inklusive Erschliessung) der Themenpark «Terra Mítica» aus dem Boden gestampft, der im ersten Betriebsjahr allerdings Riesenverluste eingefahren hat – entsprechend der These von José M. Iribas, dass Terra Mítica ebenso wenig mit Benidorm konkurrieren kann wie Eurodisney mit Paris. Der Erlebnispark soll nun von Paramount flottgemacht werden. Geplant sind aber auch drei Golfplätze, ein Zoo, ein Trainingszentrum für Spitzensportler sowie neue Hotels: nicht mehr proletarisch himmelstürmend, sondern flach, luxuriös, Land fressend. Kurz, genau das Gegenteil dessen, was Benidorm zu einem – wiewohl verkannten – Modell gemacht hat.

Kann sein, dass Golfplätze für eine so karge Natur eine Verschönerung bedeuten; weniger gut sehen sie in ökologischer Hinsicht aus. Bisher verbrauchte der Tourismus, entgegen seinem Ruf, in der Comunidad Valenciana keine 3 Prozent des Wassers, trug aber 16 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei (nicht mitgerechnet etwa die Möbelindustrie in Alicante, die von all diesen fürchterlichen Hotelausstattungen lebt). Die Landwirtschaft, die 4 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt, verbraucht hingegen 85 Prozent der knappen Ressource Wasser. Gerade Benidorm hat sich bisher durch seinen sparsamen Umgang damit ausgezeichnet: 97 Prozent werden als Brauchwasser wiederverwendet. JPC wies hinaus auf die kahlgeschorenen Flächen, wo man neben dem Millionenklacks namens Terra Mítica auch das Klärwerk erkennen konnte, und fragte: «Wollt ihr eine Tour machen?»

Gleich darauf chauffierte er uns in seinem Cherokee über Beverly-Hills-artige Asphaltbänder; nur dass hier statt Stretch-Limos ganze Brigaden von Cars unterwegs waren, und dass statt üppiger Hecken nackte, schlauchdurchzogene Erdwälle die Strassen säumten: die Tröpfchenbewässerung für das künftige Arkadien. So stolz man in Benidorm darauf ist, das Wasserproblem in den Griff bekommen zu haben – «hier, wo nie ein Tropfen Regen fällt!» –, so wenig verhehlt man, dass der geplante Transfer von Ebrowasser nun sehnlichst erwartet wird: «Der Ebro und der TGV, das sind die Motoren unserer Zukunft.»

JPC steuerte uns durch die fünf skulpturalen Rondells, die die im Entstehen begriffene Landschaft strukturieren, und parkte dann wieder vor seinem 185 Meter hohen Riesenbaby, dem künftigen Hotel Marina. Im Volksmund heisst es Bali, nach einem aus den sechziger Jahren stammenden Hotel, das damit verbunden ist und zurzeit umgebaut wird. Noch waren Teile der alten Fassade intakt: wunderbar feingliedrige, art-déco-artige Balkons, die nun einem dumpfen Einerlei aus abgeschrägten Kanten und braunen Glasblenden weichen müssen. «Nicht wiederzuerkennen, wie?» brummte treuherzig der Bauherr und schüttelte uns die Hand. Im Grunde greift, wie wir ausgangs Benidorm feststellten, jetzt bloss der neue Leichenhallenstil auch auf die Betonburgen der lebendig Begrabenen über. Nicht weit davon ein Grossplakat für eine weitere Grossüberbauung: Bienvenidos a una nueva realidad. «Halt mal!» Der Photograph wünschte das im Bild festzuhalten. Ich schwenkte auf einen staubigen Platz vor einer von zehntausend Autoreifen gesäumten Kartbahn. Links brauste der Verkehr. Hinter uns ragte JPC’s Monster aus Dutzenden anderer Etagenschachteln hervor. Im Schatten einiger Eukalypten bastelte ein junger Mensch auf diesem vorläufigen Niemandsland an seinem alten Corsa. Wenn er nicht gerade den Motor aufheulen liess, schepperte Eminem aus einem Kofferradio: «Cause Shady will fuckin kill you!» Der Fotograf verzweifelte an seinem Cadrage: eigentlich hätte er 360 Grad benötigt.

*


Unten durch. Am 6. Februar 2000 geriet El Ejido, Provinz Almería, in die Schlagzeilen. Ein Mord, verübt durch einen geistesgestörten Marokkaner, bot der einheimischen Bevölkerung Anlass zur Hatz auf den «moro». Es waren die bislang übelsten rassistischen Ausschreitungen in einem Land, das noch unlängst selbst Massen von Emigranten produziert hat, nun aber nach Schätzungen von Ökonomen jährlich über 200 000 neue Immigranten benötigt. Sie kommen aus allen Erdteilen, besonders zahlreich aber aus dem Maghreb: die «moros» eben. Vielen wird schon die nächtliche Überfahrt an die andalusische oder kanarische Küste in überladenen «pateras» zum Verhängnis: Hunderte von ihnen – die spanische Öffentlichkeit nimmt es mit Konsternation zur Kenntnis – ertrinken so Jahr für Jahr. Auch die Zahl der sofortigen Rückschaffungen steigt dauernd, sie dürfte dieses Jahr 30 000 erreichen. Wer durch die Maschen der Küstenwache und der Guardia Civil schlüpft, gerät alsbald in die des neuen, restriktiven Fremdengesetzes, das die Umstände, in denen Spanien seine Einwanderer aufnimmt, nur noch verschlimmert. Nirgendwo haben diese drastischere Formen angenommen als in El Ejido.

Der Bürgermeister von El Ejido spricht nicht mehr mit ausländischen Journalisten. Laut dem Büttel, der das Telefon abnahm, ist El Ejido ein ganz normales Städtchen: «Keine besonderen Vorkommnisse.» Gewiss, das Stigma, mit dem es behaftet ist, bleibt heute im Alltag verborgen. Aber bediente uns der Kellner in dem Restaurant, in dem wir mit dem Berber Hamil zu Abend assen, nicht eben deshalb so unwirsch, weil er dachte: «Schon wieder diese Ausländer, die die moros ausfragen, nur um uns schlecht zu machen»?

Dass El Ejido nicht ein Städtchen wie irgendein anderes ist, das sieht jeder schon von der Autobahn aus. Kurz nach Almería verwandelt die Landschaft sich in ein glitzerndes Meer aus Plastic. Vor dreissig Jahren gab es hier nichts als einige ärmliche, von Agaven umstandene Höfe. Seither sind Zehntausende von Hektaren Land unter Gewächshäusern verschwunden: ein Milliardengeschäft. Die Einwohnerzahl hat sich vervielfacht, mindestens ein Viertel davon sind legale Immigranten: 21 000 allein in El Ejido, nebst Tausenden, die noch so gern das entsprechende Papierchen schwenken würden. In der Stadt aber treten sie kaum in Erscheinung: man hält sie fern, als wären sie wirklich nur auf dieser Welt, um in stickigen Treibhäusern die Konten der spanischen, teils auch nordeuropäischen Grundbesitzer zu äufnen.

Dabei ist es seltsamerweise eine Landwirtschaft nicht nur ohne Himmel, sondern auch ohne Erde: Moderne Nutzpflanzen wachsen in an Gestängen hängenden Gefässen. Dank der Hydroponik, der Kultivierung in Nährlösungen, ist der Ertrag etwa bei Tomaten von einst drei bis vier auf über zwanzig Kilo pro Quadratmeter gestiegen. Ein Geäder staubiger Wege erschliesst dieses Eden aus Plasticplanen, mit Kalk geweisst, um wenigstens die ärgste Hitze abzuhalten. Ältere Konstruktionen aus Holzpflöcken neben topmodernen, aus Korea importierten Aluminiumstrukturen. Die Fertigung der Planen, die alle zwei bis drei Jahre ersetzt werden müssen, ist hingegen anscheinend in einheimischer Hand: Von der Autobahn aus ist jedenfalls die Fabrik «Plastimar» unübersehbar. In dem Meer selbst herrscht eine gespenstische Stille; es sei denn, es ist gerade ein Besprühungsfahrzeug unterwegs, oder es zischt eine undichte Wasserleitung. Da die Grundwasservorräte inzwischen nahezu erschöpft sind, wundert es nicht, dass der geplante Transfer von Ebrowasser eben bis in das 500 Kilometer entfernte Almería reicht. Die für die Bewässerung zuständige Genossenschaft hat bei Umfragen festgestellt, dass die meisten der 6000 Grundbesitzer keine Ahnung haben, woher ihr Wasser überhaupt kommt.

Lange fuhren wir in dieser unweltlichen Landschaft herum, ohne auf Menschen zu treffen. Stoppten hier vor einer Halde leerer Kanister (darauf: «metan-sodio» und «750-1200 l/ha» und ein Totenkopf), da bei einem Feld aus niedergebranntem Plastic (Thema verantwortungslose Entsorgung), endlich bei einer Müllhalde, aus der ein stinkiger Truck hervorkrabbelte: ein Loch mitten in Europas Gemüsegarten. Nur einmal streckte ein alter Araber den Kopf aus einem Transformatorhäuschen und erwiderte auf die Frage, ob er bei all dem Gift nicht für seine Gesundheit fürchte: «Gift? Warum auch? Nein, was ich fürchte, sind Diebe.» Er meinte damit seine weniger arrivierten Landsleute. Dieser Mann lebte seit 1988 in Spanien und hatte in dem Transformatorhäuschen, das er mutterseelenallein bewohnte, eine Behausung gefunden, um die ihn in El Ejido mancher beneidet. Andere richten sich in Brunnenlöchern ein. Die können wenigstens nicht abgefackelt werden.

Nach den rassistischen Ausbrüchen des letzten Jahres – wobei daran zu erinnern ist, dass nicht die Diskriminierten, sondern die Diskriminierer durchdrehten, mit Baseballstöcken herummarschierten und Feuer legten – richtete das Rote Kreuz Notunterkünfte für die Immigranten ein. Geschmackvollerweise waren es Plasticgehäuse, assortiert zur Umgebung; viele davon ohne Küche – wozu auch, in diesem Schlaraffenland? Der Bürgermeister, der seine Stadt für eine ganz normale hält, verhinderte zudem mit allen Mitteln, dass sie in Stadtnähe aufgebaut wurden. Von Integration hält er nicht viel, denn für die örtliche Unternehmerschaft ist ja der Status quo – bei Tagesansätzen von höchstens 35 Franken – kein Unglück; und eine Idee von Verantwortung scheint ihn noch nie gestreift zu haben. Dieser Mann gehört dem in Madrid regierenden Partido Popular an, der sich fast gleichzeitig munter den Rügen gegen Haider-Österreich anschloss.

Den Schlüsselsatz zum Verständnis der Geschehnisse von El Ejido sprach ganz beiläufig Hamil aus: jener Vorzeige-Immigrant, den wir durch die NGO «Almería acoge» kennengelernt hatten. Hamil hatte als Treibhausarbeiter angefangen, bevor er einen Job bei jener Hilfsorganisation erhielt, deren Büros bei dem Pogrom im Februar 2000 gleichfalls zerstört und erst diesen Frühling wieder eröffnet worden sind. Wir lernten durch ihn die finstersten, aber auch einige hellere Seiten der Immigration kennen.

Irgendwo im Plasticmeer ein Gemäuer, aus dem bei unserem Erscheinen nach und nach an die zwanzig zerlumpte Gestalten ans Tageslicht traten. Es war ihre Zahl, die zunächst geisterhaft erschien, denn das Gemäuer mass keine fünf mal fünf Meter, war allerdings, wie wir dann sahen, doppelstöckig belegt. Diese Männer hatten nichts zu tun. Sie warteten, wie man ihren mit einzelnen spanischen Vokabeln gespickten Reden entnahm, auf den «precontrato», eine Arbeitszusicherung, mit der sich auch die begehrte Aufenthaltsgenehmigung erlangen lässt. «Precontrato, incha’allah lawkan indi precontrato», tönte es ein ums andere Mal auf diesem Vorplatz zum Nichts in einem Meer von Plastic. Und, bei allen sprachlichen Schwierigkeiten, erfuhren wir auch, dass jeder für die lebensgefährliche Überfahrt mindestens 2000 Dollar bezahlt hatte und um nichts in der Welt die Schande auf sich nehmen möchte, als Gescheiterter in sein Dorf zurückzukehren. Dann kam wie ein Überlebensprophet einer der wenigen, die Arbeit hatten, zwischen den Gewächshäusern zurück und brachte eine grosse Melone mit, schnitt für jeden ein saftiges Stück ab.

Hamil stand in dieser Runde als Ratgeber, als Doyen; ein armer Immigrant wie sie, nur dass er gewissermassen eine Traumkarriere hinter sich hat. Tags darauf führte er uns ja auch bereitwillig zu seinem einstigen Arbeitgeber: Wie zum Beweis, dass nicht sämtliche andalusischen Gemüsebauern herzlose Rassisten sind, sondern dass einige ihren Hof – bestehe er auch bloss aus einigen Gewächshäusern – Hand in Hand mit Nordafrikanern, Südamerikanern und Osteuropäern führen. Allerdings doch gewöhnlich lieber mit blonden Ukrainern als mit den Nachbarn von jenseits der Meerenge.

Wochen später, am Telephon, erzählte Hamil, wie sich der 11. September in El Ejido ausgewirkt hat: «Zum Beispiel gab es Probleme mit dem Spanischunterricht für Immigranten. Es sind gewöhnlich Abendkurse, und nun gab es auf einmal Klagen der Anwohner, sie trauten sich nicht mehr, nach Einbruch der Dunkelheit ihren Müll auf die Strasse hinauszustellen.»

Da fiel mir jener vernichtende Satz wieder ein, den Hamil ganz beiläufig ausgesprochen hatte, als wir den Erwachsenenunterricht für die Einheimischen streiften: «Lesen und Schreiben lernen sie natürlich vor allem, um den Führerschein machen zu können.»

Es ist sicher eine grobe, aber nicht ganze falsche Sicht der Dinge, wenn man die Probleme von El Ejido so zusammenfasst: Binnen zwanzig Jahren sind hier ein paar tausend elende analphabetische Taglöhner zu stinkreichen Sklavenhaltern aufgestiegen. Und das Steuern eines protzigen Geländewagens, der Verzehr frischer Langusten, das Umrechnen des Peperonipreises in Euro, selbst die Ängste der Reichen sind nun einmal leichter erlernbar als der tunliche Umgang mit dem elenden Emigranten, der man selbst hätte sein können: die Begegnung mit seinesgleichen in der Worst-Case-Version.

 

Trasvase oder Wem das Wasser abgegraben wird

[2001]


Spaniens Nationaler Bewässerungsplan und seine Opponenten – ein Bericht aus dem Ebro-Delta


Der Satz ist fast schon eine Binsenwahrheit: «Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt werden.» Möglicherweise werden es auch nur Handelskriege sein, denn Wasser, Inbegriff des Gemeinguts, ist im Begriff zur Handelsware in der Hand multinationaler Konzerne zu werden. Ein kostbares Gut: Alle Flüsse dieser Erde zusammen enthalten nur 1,5 Millionstel der gesamten Wasserressourcen: 0,00015 Prozent. Dass Trinkwasser knapp ist, erfahren heute schon Millionen Menschen in der Dritten Welt am eigenen Leib. Von Riszard Kapuscinski stammt das Aperçu, dass es für Schwarzafrika kaum eine segensreichere Erfindung gab als die des Plasticeimers. Zwar muss das Trinkwasser nach wie vor oft kilometerweit herbeigeschleppt werden, aber wenigstens der Behälter hat nun praktisch kein Gewicht mehr.

Auch in Europa gibt es mittlerweile Menschen, die sich auf diese Weise mit Wasser versorgen müssen. Wir trafen sie am Ende dieser Reise entlang der spanischen Mittelmeerküste, zwischen den Gewächshäusern von Almería, in einer unwirklich anmutenden, vollkommen künstlichen Landschaft; wurde doch hier – Christo müsste vor Neid erblassen – ein etwa fünfzig Kilometer langer Küstenstreifen fast lückenlos mit Plasticplanen überdeckt. Darunter reifen die Tomaten, Peperoni und Melonen, von denen sich halb Europa ernährt. Die Arbeit wird überwiegend von Immigranten verrichtet. Die Elendesten von ihnen hausen unter Bedingungen, die aller Menschenwürde spotten. Kilometerweit nichts als Treibhäuser; kein Strom, auch kein Wasser, was um so grausamer und absurder anmutet, als hier – im trockensten Winkel des Kontinents – jede Tomatenstaude künstlich bewässert wird. Doch davon mehr in einer zweiten Reportage. Dort wird es um die Nutzniesser des Nationalen Bewässerungsplans gehen, der im Juni vom spanischen Parlament verabschiedet wurde; hier hingegen um den PHN (Plan Hidrológico Nacional) selbst, um seine Opponenten und deren Argumente.

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Las dos Españas. Der Ebro entspringt im Kantabrischen Gebirge, unweit der Atlantikküste, und mündet im Süden Kataloniens ins Mittelmeer: 927 Kilometer, parallel zu den Pyrenäen, vom feuchten Norden durch das trockene Aragonien bis an jene Küste, an die alles drängt, gerade weil dort kaum je Regen fällt.

Bisher war mit den «dos Españas», den beiden Spanien, meist die ideologische Spaltung des Landes in eine national-klerikale und eine anarchisch-rote Front gemeint, wie sie im Bürgerkrieg aufeinanderprallten. Aber vielleicht ist für die Zukunft der Gegensatz zwischen dem feuchten und dem trockenen Spanien gravierender. Nun verspricht der Bewässerungsplan der spanischen Rechtsregierung, dieses Ungleichgewicht ein für allemal zu beheben. Milliarden und Milliarden Franken sollen in – nicht zwei, nicht vier, nicht zwölf, sondern: 112 neue Staudämme und 26 Meerwasserentsalzungsanlagen (16 davon auf den Inseln) investiert werden, ausserdem in Kanäle und Pipelines, um bis zum Jahr 2008 die ganze Mittelmeerküste von Barcelona bis Almería mit Wasser aus dem Ebro zu versorgen. Vorläufig hat der «trasvase», wie die geplante Umleitung auf spanisch heisst, das Land jedoch nur erneut in zwei Hälften geschieden: die der Befürworter des PHN und die seiner erbitterten Gegner. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um ein so «trockenes» Thema wie Wasser mag dabei zunächst überraschen. Zu den Grossdemonstrationen in Saragossa, Barcelona und Madrid marschierten dieses Frühjahr jeweils Hunderttausende auf. Am vehementesten ist der Widerstand dort, wo die vom Trasvase direkt Betroffenen leben: am Unterlauf des Ebro, und besonders im Delta.

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Histoires d’eau. Auf einer kleinmassstäblichen Spanienkarte ist das Ebro-Delta nur ein Zipfel, ungefähr in der Mitte zwischen Barcelona und Valencia. Genauer betrachtet, ist es ein sogenanntes Flügeldelta, das mit seinen Landzungen und Lagunen an ein Meeresungeheuer erinnert. Schon die Umrisse lassen keinen Zweifel darüber, dass es ein lebendiger Organismus ist.

Auf einem Grossteil der Fläche wird heute Reis angebaut, namentlich auch die seltene, da nicht sehr ertragreiche, dafür von Kochkünstlern auf der ganzen Welt geschätzte Sorte «Bomba». Als wir im April erstmals hinfuhren, war da nichts als eine bräunliche Ebene, in meist längliche und von schmalen Kanälen gesäumte Felder geteilt. Ende Mai waren diese Gevierte geflutet worden, und in den herrlichsten Grünschattierungen schillernd hatte darin der Reis zu spriessen begonnen. Im Juni ist es dann eine einzige, grün wogende Fläche, in der vereinzelt die meist kleinen weissen Gehöfte wie geometrische Halluzinationen erscheinen.

Die frühen Siedler, heisst es, sind zu Tausenden am Sumpffieber gestorben: in jener Zeit, zwischen 1860 und 1912, als die Bewässerungskanäle angelegt wurden. Heute werden im Delta 25 000 Hektaren bewirtschaftet. Gut die Hälfte davon ist in der Hand einiger weniger, meist ortsfremder Latifundisten, den Rest teilen sich 7 200 in Genossenschaften organisierte Kleinbauern. Das Delta ist aber auch Europas zweitgrösstes Feuchtbiotop (nach Doñana). Die Illa de Buda darf nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Der Strandtourismus hält sich in den Grenzen, die ihm die restriktiven, einem Naturschutzgebiet gebührenden Baugesetze auferlegen. Wer nicht mit dem Fahrrad unterwegs ist, unternimmt etwa eine Tour auf einem der Ausflugsschiffe. Da hört man schon am Landungssteg, während man auf den majestätischen Fluss blickt, die ersten Meinungen zum Plan der Regierung, fünfzig Kilometer landeinwärts den grössten Staudamm Spaniens zu errichten und dort jährlich 1050 Kubikhektometer Wasser abzuzweigen: «Und darüber entscheiden die, die bloss ihren mickrigen Manzanares haben» – die in Madrid eben.

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Dann lernten wir Enric kennen. Enric Pedret handelt mit Bacalao, ist Präsident des Ruderklubs Tortosa und weiss einfach alles über den Ebro. Er weiss auch alles über Bacalao, aber das tut hier leider nichts zur Sache, denn Kabeljau wird ja aus dem hohen Norden importiert. Als Spezialität des Deltas gilt eher Aal: sonnengetrocknet, nicht etwa geräuchert. Aber auch frisch zubereitet ist er, wenn er so von seinen Gräten flutscht, eine Delikatesse. Ausserdem gibt es hier eine kleine Glasaalindustrie. Glasaale, spanisch «angulas», sind die in den Tiefen der Sargasso-See – nördlich der Antillen – geborenen und bis an Europas Küsten gewanderten, dort sofort dem Süsswasser der Flüsse zustrebenden Jungaale, die auf gewissen Touristenmenus «little baby-eels» heissen und deren Kilopreis zwischen 400 und 800 Franken liegt. Was uns nicht nur aufgrund der wackeren Schwimmleistung dieser kaum zwei Centimeter langen Tierchen, sondern auch wegen ihrer unvergleichlichen Konsistenz gerechtfertigt scheint. Sie werden im Winter gefangen, angelockt durch Scheinwerfer, die nachts auf den Fluss gerichtet werden. Enric bekam leuchtende Augen: Wie eine Landebahn sehe dann der Ebro aus, mit all den talwärts gerichteten Lichtkegeln.

Wir assen – dank Enrics kundiger Führung – noch anderes im Delta: Seebrennnesseln (eine Art Qualle), Froschschenkel, Entenleberbrösel (und einen Schenkel dieser Prachtvögel, die vor dem Restaurant L’Estany an der Lagune Encanyissada paradieren), die Rogen einer besonderen Karpfensorte und – die waren zwar nicht besonders – auch die fritierten Spermien derselben.

Aber ich schweife ab, will sagen: ich greife vor – weiter als dieser Artikel je gelangen wird. Wir hatten Enric vormittags in der Bar Nuri in einem der wenigen im Delta selbst gelegenen Dörfer, Jesús i Maria mit Namen, kennengelernt. Da trank er seinen tallat. Natürlich gäbe es auch über einen so wunderbaren Brauch wie den, den Milchkaffee im Glas zu trinken, mancherlei zu sagen; aber jetzt bitte wirklich ins kalte Wasser. Wir hatten uns mit Enric am Landungsplatz des Ruderklubs in Tortosa verabredet, um ein wenig auf dem Fluss herumzuschippern. Dass auf das winzige Schlauchboot ein 30-PS-Evenrude montiert war, entging unserer Aufmerksamkeit; bis wir beinahe über Bord kippten, als Enric Gas gab. Vorerst ging’s flussabwärts: vorbei an dicht bewachsenen Auen, vorbei an einer Insel, von der uns einige Stiere entgegenstarrten, bis Enric in der Nähe eines Pumpwerks plötzlich den Motor abstellte: «Von hier bis zur Mündung sind es noch gut dreissig Kilometer. Aber wir sind praktisch auf Meereshöhe, und deshalb dringt bis hierher Salzwasser in den Fluss». Er warf den Motor wieder an. Zurück ging’s, unter den Brücken der Stadt Tortosa hindurch und vorbei an dem grässlichen franquistischen Denkmal, mit dem an die Schlacht am Ebro erinnert wird.

Es können hier nur Blitzlichter auf die Geschichte des Flusses geworfen werden, der der iberischen Halbinsel ihren Namen verliehen hat, der im 9. und 10. Jahrhundert die Grenze des Emirats von Córdoba bildete, über den später das Holz der Monegros – heute eine Wüste, selbstverständlich eine bewässerte – nach Tortosa geschifft wurde, Holz, aus welchem wiederum die spanische Armada gebaut wurde. Einstweilen ist der Ebro mit seinen zahlreichen Staudämmen nur noch beschränkt schiffbar. Schon einige Kilometer nördlich von Tortosa, bei Xerta, verhindert ein erstes Wehr die Weiterfahrt. Und eben hier, wo der links- und der rechtsufrige Kanal zur Bewässerung des Deltas ihren Anfang nehmen, ist nun auch die Abzweigung von Ebro-Wasser, sind die bewussten Trasvases, nordwärts bis nach Barcelona und südwärts – in der Luftlinie über 500 Kilometer – bis nach Almería geplant.

Was das für das Delta bedeutet, Enric schrie es in das Dröhnen der 30 PS, ist ganz klar: ein Fiasko. Denn schon jetzt sei ja die Versalzung der Böden, der Lagunen, auch des Grundwassers nicht aufzuhalten. Wegen der zahlreichen Staudämme führe der Fluss kaum mehr Geröll mit sich, so dass sich das delikate System allmählich zurückbilde. Sollte nun der Trasvase im geplanten Umfang verwirklicht werden, dann würde auch die Bodenerosion weiter zunehmen, und zugleich die Kontaminierung des Wassers, etwa durch die Abschwemmung von Düngemitteln, und damit der Sauerstoffmangel sowie, durch die damit einhergehende Nährstoffzunahme, die Algenentwicklung, was für die Fisch- und Muschelbänke katastrophale Folgen haben könnte, wovon wiederum die Vögel, darunter viele heute seltene Arten, betroffen wären. Kurz, der PHN sei für das Delta unheilvoll, und wenn sich die katalanische Regierung für ihre Zustimmung zum PHN von Madrid happige wirtschaftliche Kompensationen ausbedungen habe, so sei das nichts als ein schändlicher Kuhhandel. Denn keine noch so kostspielige neue Autobahn, kein noch so gut gestyltes Schwimmbad werde das fehlende Wasser ersetzen können. Laut den Berechnungen von Hydrologen der Universität Barcelona führte der Ebro nur in fünf der letzten zwanzig Jahre die für die Aufrechterhaltung seines Ökosystems notwendige Wassermenge. Andere Studien warnen, dass sich seine Wassermenge wegen der Klimaentwicklung weiter verringern wird.

Aber noch ist der Ebro ein stolzer Fluss, nicht nur für spanische Verhältnisse. Man hört Enric gern zu, wenn er ins Schwärmen gerät und, nachdem er eben noch über Pegelstände und Verschmutzungsgrade referiert hat, plötzlich einen Sonnenuntergang auf dem Fluss schildert – den Zirrostratusfilter vor der orange glühenden Kugel – oder, noch herrlicher, eine Morgendämmerung im Winter anschaulich macht: jeden Tautropfen, das Nebelchen dort hinten, den dunklen Spiegel des Wassers. Man darf annehmen, dass er dann seinen Evenrude abgestellt hat.

*


Politsumpf. Der Widerstand gegen den «Pe-Atsche-Enne» (so wird der PHN ausgesprochen) ist ein gruppendynamisches Phänomen. Dass im Delta viele eine nahezu symbiotische Beziehung zum Fluss haben, versteht sich. Aber die Empörung hat auf die ganze Bevölkerung übergegriffen. Davon zeugen nicht nur unzählige Sprayinschriften und Transparente gegen den Trasvase bzw. – katalanisch – das «transvasament». Wer immer darauf angesprochen wird, verteidigt mehr oder weniger eloquent die gute Sache. Die Ausnahme bilden einige Politiker.

Am ärgsten in die Nesseln gesetzt haben sich dabei die katalanischen Nationalisten, die das Kunststück fertigbrachten, den PHN zunächst pro forma abzulehnen – im Parlament in Barcelona –, um ihm vierzehn Tage später im Madrider Kongress zuzustimmen. Solche Windbeutelei quittierte das Volk mit wütenden Aufläufen, sooft sich ein Parteiführer in der Gegend zeigte – Präsident Pujol wurde mit «Figo! Figo!»-Rufen empfangen –, und etliche Lokalpolitiker aus den eigenen Reihen haben desertiert. Jene, die es nicht taten, gelten als Verräter. Einer von ihnen ist Joan Roig, Bürgermeister von Amposta, der «Stadt ohne Bürgermeister», wie eine Sprayinschrift schon bei der Einfahrt mitteilt. Roig versucht den Standpunkt seiner Partei, der von aussen eher nach einem Lavieren aussieht, zu erklären. Natürlich sei es legitim, rundweg nein zu sagen. Die katalanischen Nationalisten zögen es jedoch vor, zu verhandeln, um den «zugegeben: schlechten» Plan zu verbessern. Das Problem ist nur, dass sie gegenüber Aznars Partido Popular am kürzeren Hebel sitzen: Während dieser in Madrid die absolute Mehrheit hat, können sie in Barcelona nur mit PP-Unterstützung regieren. Die Regierung Aznar ging denn auch über alle Abänderungsanträge schlicht hinweg. Hatte nicht Spaniens Landwirtschaftsminister schon vor Monaten angekündigt, im Parlament werde der PHN ein Spaziergang («un paseo militar») und «por cojones», was wir lieber nicht zu übersetzen versuchen, angenommen werden?

So war’s denn auch. Der katalanische Vorschlag etwa, das Wasser für die Region Barcelona künftig nicht aus dem Ebro, sondern aus der Rhone zu beziehen, hat in Madrid kein Gehör gefunden; wobei fraglich bleibt, ob Barcelona dieses Wasser überhaupt braucht. Schon vor dreissig Jahren stand die Stadt angeblich wegen Wassermangels vor dem Kollaps, und obgleich sie sich nach wie vor hauptsächlich aus dem kleinen Fluss Ter versorgt, hat sie sich doch prächtig entwickelt und es liesse sich schwerlich behaupten, sie habe gedarbt.

An dem hypothetischen Transfer von Rhonewasser nach Katalonien erweist sich, wie komplex das Thema ist. Ob Barcelona besser mit Rhone- oder mit Ebrowasser beliefert wird (oder mit keinem von beiden), ist nicht nur eine technische oder ökologische Frage. Genauso wie die katalanischen Nationalisten mit der Option Rhone ihre Unabhängigkeit von Madrid unterstreichen möchten, ist der PHN für den zentralistisch gesinnten PP auch ein Kohäsionsmittel. Zu beachten sind aber noch andere Aspekte. Die Wasserrechte an der Rhone besitzt heute ein Konsortium, zu dem Konzerne wie Vivendi und Alstom gehören. In Frankreich ist also genau jener Wassermarkt, den die sozialistische Opposition hinter dem PHN beargwöhnt, teilweise schon Wirklichkeit. Die spanischen Sozialisten hatten indessen Anfang der neunziger Jahre selbst einen Bewässerungsplan entwickelt, der dem heutigen PHN verblüffend glich, der vom damals oppositionellen PP jedoch heftig bekämpft wurde. Was ein Hinweis darauf ist, dass politische Macht, namentlich wenn absolut ausgeübt, gern einen Hang zu wassertechnischen Grossbauwerken entwickelt. Man darf an Stalin, an die chinesischen Kommunisten oder, hier näherliegend, an Franco denken...

Denn der PHN ist ja nicht der erste Versuch, Spaniens Wasserprobleme mit Beton in den Griff zu bekommen. Über tausend Staudämme, mehr als in jedem andern europäischen Land, prägen die iberische Topographie, haben Täler und Dörfer zum Verschwinden und dafür neue, teils berückende Seelandschaften hervorgebracht. Viele dieser Stauseen sind allerdings auf immer halb, einige sogar ganz leer geblieben, weil die Zuflüsse die in sie gesteckten Erwartungen nicht erfüllten. Das Musterbeispiel für die Folgen eines in vielem dem PHN verwandten Werks aus der späten Franco-Zeit ist die Umleitung von Tajo-Wasser in die Region von Murcia, der «Trasvase Tajo-Segura»: Hat er doch den Wassermangel dort, wo er ihm abhelfen sollte, schlicht verdoppelt. Nicht nur weil heute lediglich ein Viertel der ursprünglich vorgesehenen Menge (1000 Kubikhektometer, fast identisch mit dem nun geplanten Aderlass des Ebro) nach Süden geleitet werden kann; sondern mehr noch, weil er, bevor er überhaupt gebaut war, die Nachfrage angeheizt, neuen hochintensiven Landwirtschaftsbetrieben und der Spekulation im Tourismussektor Vorschub geleistet hat.

Mit andern Worten: der normale Bürger braucht keinen Trasvase, um weiterhin jeden Morgen seine Dusche zu nehmen. Über drei Viertel des spanischen Wasserverbrauchs gehen in die Landwirtschaft. Sollte sich diese das Ebrowasser, das der PHN mit einem Kubikmeterpreis von 52 Peseten veranschlagt (das aber nach Meinung vieler Experten mindestens doppelt so teuer ausfallen wird), gar nicht leisten können, so würde es immerhin die Wasserversorgung der Zweitresidenzen der EU-Bürger mit den zugehörigen Golfplätzen sicherzustellen. Und das einwandfreie Funktioneren einer Unmenge Hoteltoilettenspülungen. So oder so: viel öffentliches Geld – in diesem Fall zu einem schönen Teil aus dem EU-Kohäsionsfonds stammend – im Dienst privater Spekulanten und Küstenverschandler.

*


Saragossa-Brüssel-Lourdes. Dagegen vermögen ein paar Reisbauern im Delta wenig auszurichten. Aber sie stehen nicht allein. Auch in Aragonien ist die Ablehnung des PHN fast einhellig, obwohl die Aragonesen vom Trasvase überhaupt nicht betroffen sind; sie haben, und dabei gibt es immer auch einige Profiteure, bloss etwa zwanzig neue Staudämme zu gewärtigen. Schliesst man die eher unwahrscheinliche Deutung aus, dass sie den PHN aus rein rationalen Erwägungen für untauglich befinden, bleiben zwei Erklärungsmöglichkeiten: erstens, sie seien dem Fluss, der ihr Land durchfliesst, so zugetan, dass sie ihn als jene Einheit sehen, die er tatsächlich ist. Und zweitens – weniger romantisch –, dass da auch Neid im Spiel ist: weil die dürre, unter Entvölkerung leidende Region einmal mehr mit ansehen muss, welche Privilegien die Mittelmeerküste geniesst.

Jedenfalls scheint man gerade im Hinterland zu spüren, dass hier ein Staat auf eine Weise neu strukturiert wird, wie es sonst höchstens Autobahnen und TGV-Linien bewirken; und dass dabei bestimmte Regionen zu den Gewinnern, andere zu den Verlierern zählen werden. In der aragonesischen Hauptstadt Saragossa protestierte eine halbe Million Menschen gegen den PHN. Nun aber, nachdem der «paseo miltar» durch beide Kammern des spanischen Parlaments stattgefunden hat, richten sich die Augen der Opponenten nach Brüssel. Läuft dieser Plan doch offensichtlich nicht nur allen Grundsätzen modernen Gewässerschutzes zuwider, sondern auch der EU-Wasserpolitik, wie sie im Vertrag von Amsterdam (Nachhaltigkeit) und in der sogenannten – man entschuldige das Wortungetüm – Wasserrahmenrichtlinie entworfen wurde, die – es kommt noch besser – auf dem Schlüsselbegriff des Flusseinzugsgebietsmanagements beruht.

Auf deutsch: anstatt zum Entzücken der Bauindustrie durch ein künstlich geschaffenes Angebot eine ebenso künstliche Nachfrage zu schaffen, soll nach dieser Richtlinie die knappe Ressource Wasser auf eine Art und Weise verwaltet werden, die den vorhandenen Ökosystemen Rechnung trägt: wo wieviel Grundwasser vorhanden ist und wo mit Kläranlagen und einer Verbesserung der Bewässerungssysteme wieviel Wasser gewonnen bzw. gespart werden kann. Der PHN sieht zwar immerhin 26 (freilich sehr energieintensive) Meerwasserentsalzungsanlagen vor; aber das Sparpotential von Brauchwasser und Tröpfchenbewässerung übersieht er. Hydrologen haben berechnet, dass allein die Ersetzung der in Spanien weitherum üblichen Sprühberegnungsanlagen, bei denen ein Grossteil des Wasser verdunstet, bevor es auf den Boden kommt, wirtschaftlich sinnvoller wäre und die ganze Betonorgie überflüssig machen würde. Aber der PHN stellt ja auch die Klimaänderung nicht in Rechnung, er ignoriert die Unvorhersehbarkeit des EU-Agrarmarkts, und am allerwenigsten schert er sich darum, ob denn Ebrowasser in Almería auch kostendeckend sein wird.

Das Madrider Umweltministerium, das für diesen Plan verantwortlich zeichnet, hat über hundert Expertisen von Hydrologen und Ökologen eingeholt, diese dann aber wohlweislich totgeschwiegen. Denn ihr Tenor lautete: der PHN ist ein ein Plan für bestimmte Bauwerke, aber «hydrologisch» verdient er nicht genannt zu werden. Der nationalistische Bürgermeister von Amposta, der von seinen Mitbürgern nicht mehr als solcher angesehen wird, glaubt dennoch, seine Partei trage zu dem für ein solches Mammutprojekt nötigen Konsens bei. Und wenn diesen Sommer die halbe Bevölkerung des Deltas mit Autocars nach Brüssel fahren wird, um dort ihren Protest kundzutun, so kann er als Realpolitiker darüber nur schmunzeln: «Die scheinen Brüssel für eine Art Lourdes zu halten.»

 

24. Juni 1999

Tokyo – schwerelose Stadt

Über die Ästhetisierung des Lebens in Japan


SIE KOMMEN IN TOKYO AN und haben das Glück, am Flughafen einen Lokalzug zu erwischen. Es ist neun Uhr morgens und augenblicklich macht Ihr Japanbild – die Idee, die Sie sich von den Japanern machten – eine Pirouette. Haben Sie eine homogene Masse erwartet, ein Volk von lauter Angepassten? Was Sie frappiert, ist gerade die Differenz, die Andersartigkeit auch dessen, was Sie als verwestlicht empfinden. Japan hat die ganze abendländische Moderneerfahrung synthetisiert und daraus etwas Neues, auf unentwirrbare Weise mit seiner eigenen Ästhetik Vebundenes gemacht.
Und dann gibt es in diesem Waggon eine Typenvielfalt, die Sie an japanischen Touristen nie wahrgenommen haben. Sehen Sie diese träumende Dame, edel, die Hände über dem Knauf ihres Regenschirms gefaltet. Wobei es natürlich gar kein Knauf ist, sondern vielmehr ein elegant geschwungener Griff, sachlich wie der schwarze Glanz ihrer Haare, dieser skulpturalen Coiffure, die ihren diaphanen Teint umrahmt. Und daneben diesen Bauernlümmel, oder die beiden Gecken, die kurz nach dem Flughafen zugestiegen sind. In ihren schlotternden dunklen Designeranzügen aus feinstem Zwirn, jeder mit seiner grellbunten Krawatte von einer Breite, wie sie eigentlich nur einem amerikanischen Fernsehprediger ansteht, scheinen sie direkt aus dem nächtlichen Lotterleben in ihre Karrieren gestartet bzw. umgestiegen zu sein. Jetzt löst der eine seine Halsbinde und legt sie in sein exklusives Alu-Case, holt eine andere, schmalere sowie einen Spiegel hervor und fängt an, seine schulterlange Mähne zu kämmen. Kämmt und kämmt und kämmt sich, wie hypnotisiert durch sein Spiegelbild. Und dann steigt er an derselben Haltestelle wie der Bauernlümmel und die Edeldame aus. Nie werden Sie erfahren, wohin es diese Stadtnomaden trieb.

DIE LUST AN DER OBERFLÄCHE ist überall. Sie ist im Essen. Sie ist in den Neonkaleidoskopen der Städte. Sie war schon in dem kleinen Wunderwerk der Fahrkarte, die Sie am Flughafen gelöst hatten. Man sollte Blinde nach Japan schicken und sie über ihre Erfahrungen mit japanischen Texturen berichten lassen. Sie könnten zum Beispiel die weit über 2000 Zeitschriften, Buy micardis online die jedes denkbare Marktsegment (einst Hobby genannt) abdecken, daraufhin überprüfen, wie verführerisch sie sich anfühlen. Fast schmerzhaft deutlich aber wird die Lust an der Oberfläche in der Sorgfalt, die Japaner auf ihr Äußeres verwenden. »So Hip It Hurts«, betitelte Time eine Story über Japans junge Modeschöpfer. Dass Snobismus ein Massenphänomen sein kann, das werden Ihnen nun Tokyos Strassen vor Augen führen.

ABER WAR DA NICHT von einer Krise die Rede, von einer seit 1991 anhaltenden Konsumunlust, deretwegen sich Politiker und Ökonomen hintersinnen? Die auch Europas in den achtziger Jahren auf dem japanischen Markt gemästete Luxusindustrie zu spüren bekommt? »Kein Ende von Nippons Elend in Sicht«, an solche und ähnliche Schlagzeilen haben Sie sich gewöhnt. Und nun spazieren Sie über die Trottoirs von Aoyama-dori und wähnen sich auf einem Laufsteg. Der Chor der Kleider: nirgendwo haben Sie den letzten Schrei je so vielstimmig, so harmonisch vernommen (einige schrille und surrealistische Obertöne inbegriffen). Sie schauen beschämt an sich herunter und denken: Trage ich denn nicht auch eine Armani-Hose, wiewohl aus dem vorletzten Ausverkauf? Eben.

SCHON 1990 HATTEN 99 PROZENT der japanischen Haushalte Farbfernseher, Kühlschrank und Waschmaschine, 63 Prozent eine Klimaanlage, 34 Prozent eine Golfausrüstung. Bei solcher Marktsättigung musste die Binnennachfrage ja wohl vorübergehend stagnieren. Aber weder mit Steuerermäßigungen noch mit Konjunkturspritzen gröbsten Kalibers gelang es der Regierung bisher, das japanische Volk wieder in den guten alten Kaufrausch zu versetzen. Lieber bleibt es auf seinen Ersparnissen – in Weltrekordhöhe – sitzen. Kann es eine schlimmere Nachricht geben als negative Wachstumsraten? Was nun das Kabinett sogar zu der vielbelächelten Maßnahme bewog, Einkaufsbons im Wert einiger Tamagochis an die Bürger auszugeben, um den privaten Konsum anzukurbeln. Wirtschaftstheoretiker mögen darin einigen Stoff zum Nachdenken finden; auch wenn es auf den ersten Blick keine dauerhafte Lösung zu sein scheint, die Leute dafür zu bezahlen, dass sie kaufen.
Seit die Blase der Grundstückpreise 1991 platzte und die japanischen Bankgiganten, namentlich in der Asienkrise, faule Kredite in der Höhe von Hunderten Milliarden Dollar abschreiben mussten, sind die Reichen etwas ärmer geworden, die Spesenbudgets der sararimen für feierabendliche Ausschweifungen wesentlich bescheidener, und erstmals seit den Nachkriegsjahren ist in den Städten ein japanisches Lumpenproletariat in Erscheinung getreten – das sich in seinen bemalten Kartonburgen freilich auch wieder mit Stil einrichtet.
Nichts wäre jedoch irriger als die Annahme, der Durchschnittsjapaner sei nun plötzlich zur Askese der Aufbaujahre zurückgekehrt oder übe sich in Konsumverweigerung, vielleicht weil er den Wert der Lebensweise seiner Altvorderen wiederentdeckt hätte. Gerade solche vorindustriellen rêveries sind längst Teil des kommerziellen Räderwerks selbst. So spielen die zahlreichen traditionellen Festtage des japanischen Kalenders, ergänzt durch aus dem Westen importierte wie Weihnachten und Sankt Valentin, in den Verkaufsstrategien der depato (kurz für department stores) eine herausragende Rolle und werden von ihnen als ein Reigen von Konsumorgien inszeniert. Einen alten Brauch wie den rituellen Besuch eines Shinto-Schreins zu Neujahr halten Sie in Ehren, indem Sie bei Seibu oder Mitsukoshi ein furusatu paku (ungefähr: assortierte Heimat-Geschenkpackung) auswählen, wobei der Helikopterflug zu dem Schrein gleich inbegriffen ist, ebenso wie die Putzfrau, die in der Zwischenzeit die obligate Neujahrsreinigung im Haus besorgt.
Ein gutes Warenhaus handelt nicht nur mit Waren, sondern auch mit Informationen und Dienstleistungen. Sie können dort ein Haus kaufen, einen Urlaub buchen, eine Versicherung abschließen, einen Kredit aufnehmen oder an der Börse investieren. Sie haben die Wahl zwischen mehreren Restaurants, die meist eine ganze Etage einnehmen. Sie werden in oft hochkarätige Kunstausstellungen gelockt – der Einzug der Kunst ins Warenhaus signalisierte schon in den sechziger Jahren das Ende der Trennung der Hochkultur von der Massenkultur. Sowie Sie den Aufzug in einem dieser mindestens acht-, mitunter aber auch zwanziggeschoßigen Warentempel betreten, werden Sie vom elevator girl (japanisch zur erega gekürzt) mit abgezirkelten Gesten und lieblicher Stimme dazu eingeladen, in der Anhäufung von Glückszeichen – als welche die auf allen Etagen ausgebreiteten, gewöhnlich viel großzügiger und sorgfältiger als bei uns präsentierten Luxusgüter zu betrachten sind – Ihren persönlichen Traum vom Glück zu verwirklichen. So gibt es in Japan nicht weniger als zwanzig Millionen Fischer, sprich Kunden für die ausgeklügeltsten Fischereiausrüstungen. Aber natürlich geht kaum jemand wirklich fischen. Wo auch? Dito für Golf, das vorwiegend auf den Übungsplätzen auf den Dächern der Kaufhäuser praktiziert wird. (Solche Beschränkung auf den immer gleichen, endlos perfektionierten Schlag hat freilich wieder eine eigene und sehr japanische Schönheit.) Notfalls kann die entbehrte Natur auch durch künstliche Landschaften, komplett mit Himmel und Brandung, ersetzt werden: etwa im Phoenix Seagaia in Kyushu. Ein anderes gigantisches Beispiel ist der Ski Dome mitten in Tokyo, wo Tokyoiten und Tokyoitinnen sich jahrein jahraus in ihren fabelhaften Wintersportausrüstungen darbieten.
Sind das lauter Verblendete? In sämtliche Fallen der Konsumgesellschaft Getappte? Erbärmliche Konformisten gar? Oder haben sie vielmehr das Know how, wie man sich, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, im Universal-Digest der Gegenwart sein Stück Welt abschneidet? Wirtschaftsflaute hin oder her steht außer Zweifel, dass uns die Japaner an Oberflächlichkeit, in Sachen Präsentationskunst und unverdrossener Ästhetisierung des Lebens, immer noch weit voraus sind.

TOKYO: EINE TRANCE, ein Taumel, in dem andere Metropolen etwas zurückgeblieben wirken. New York, eher schwerfällig. Paris, erstickend in seiner Geschichtlichkeit. Hässlich sogar, obwohl doch gerade Tokyo lange im Ruf einer unansehnlichen, chaotischen Stadt stand. Aber über dieses Bild hat sich seit den achtziger Jahren, und zunächst im Bewusstsein seiner Bewohner, ein anderes geschoben: das der vollkommensten urbanen Verkörperung der Gegenwart. Und diese Verkörperung besteht gerade in der Flüchtigkeit, dem Flirren, der Unfasslichkeit des Stadtkörpers: im fortwährenden Wandel, der sein Wesen ist. Annähernd die Hälfte der Bausubstanz stammt aus den letzten zwanzig Jahren (Tag für Tag werden hier 12’000 Quadratmeter abgerissen und 60’000 neu gebaut). Selbst einen zum modernen Mythos gewordenen Platz wie Shibuya eki-mae erkennen Sie auf einigen Jahre alten Photos nicht wieder. In Wirklichkeit ändert er sein Gesicht, das vorwiegend aus Reklamen besteht, fast täglich – sekündlich, wenn Sie auf die flimmernden Grossbildschirme an den Fassaden starren. »We have Fashionable Feelings all over the world!« lesen Sie dort, und irgendwie leuchtet Ihnen diese Botschaft trotz des kryptischen Englisch ohne weiteres ein.

MYRIADEN FREI ZIRKULIERENDER ANWANDLUNGEN, BEGIERDEN, VERRRÜCKTHEITEN sind in Tokyo Stadtgestalt geworden: genau das Gegenteil des klassisch geordneten, abendländischen, von der Zentralperspektive regierten Urbanismus, dessen Schwanengesang Le Corbusier vortrug, indem er die menschlichen Bedürfnisse auf die Heilige Dreifaltigkeit Licht, Luft und etwas Grün reduzierte. Wenn die westliche Moderne versucht hat, der Welt die angeblich universellen Gesetze eines Raumes aufzuzwingen, welchen die nichteuklidische Geometrie schon im letzten Jahrhundert als nur relativ erkannt hatte, so ist heute Tokyo in seiner Regellosigkeit, mit seiner fabelhaften Überlagerung verschiedener Verkehrssysteme, dessen eindrucksvollste Ausformung in der materiellen Welt. Wie in den uralten Strukturen der japanischen Gesellschaft erhalten auch in Japans heutigen Städten die Erscheinungen ihren Sinn erst aus dem Netz der Beziehungen, in das sie eingespannt sind. Nicht um eine Komposition von Objekten geht es, sondern um das Muster der Ereignisse. Den schönen Satz von Aldo Rossi: »Wo der Ort gut ist, ist auch das Geschehen gut«, können Sie in Tokyo umkehren. Es ist das Schauspiel, das Millionen tokyoitische Snobs in Szene setzen. Und der ewige Donner der Lastwagen auf dem erhöhten Expressway verwandelt sich in Meeresrauschen. Was nicht eine schale Metapher ist, sondern was Sie wirklich im ersten Moment, wenn Sie nachts in Ihrem Zimmer die Fenster öffnen, aus der Ferne zu hören glauben.

SIE GEHEN JETZT und fühlen sich dabei ein wenig plump, und doch zugleich als höheres Wesen, nämlich als ein Tokyoneur unter anderen, zwischen den Elegants auf Aoyama-dori Richtung Shibuya. Es gibt in dieser Gegend Bistrots, in denen Sie von den Kellnern auf französisch angesprochen werden. Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto haben hier ihre Läden. Bei der Metrostation Gaien-mae kniet ein Herr im Business Suit auf dem Trottoir: bei genauerem Hinsehen kappt er die Gräslein, die aus den Fugen zwischen den Steinplatten sprießen. Es scheint übrigens nicht genug Straßenaschenbecher zu geben, denn hie und da – höchster Verschmutzungsgrad – liegt tatsächlich eine einzelne Kippe auf dem Asphalt. (Einen unerwarteten Beitrag zum Thema Geldwäscherei lieferte die Japan Times unter dem Titel: »Problem: germs; solution: laundering your money«. Es ging um neue Geldautomaten, die die Scheine gewaschen und gebügelt expedieren. Soviel zum Sauberkeitsfimmel der Japaner.)
Die Straße ist das Wohnzimmer dieses Volkes, das im Verhältnis zu seinem Bruttosozialprodukt weiterhin mit minimalen Behausungen Vorlieb nimmt. Auch deshalb ist Tokyo eine Flanierstadt ersten Ranges. Der Verlauf der Straßen wird weitgehend durch die Topographie bestimmt. An Omote-sando, einer großartig quer durch eine Talsenke gelegten Allee, durchstreifen Sie die Dojunkai-Blöcke aus den Jahren nach dem letzten großen Erdbeben, 1923 – Markstein der japanischen Moderne, der sich erstaunlicherweise bis heute erhalten hat und in dem sich junge Künstler und experimentierfreudige Designer zuhauf eingemietet haben.
Nur einige Schritte von hier, in Harajuku, werden Sie plötzlich in ein Märchen versetzt. Rotkäppchen, Cyborgs, Techno-Elfen, bonbonfarbene Handy-Nymphchen, minderjährige Vampiresses und auf 20-Centimeter-Plateaus einherstaksende Pipimädchen: Milch und Blut, auf jedwede denkbare Weise verkleidet, geben sich vor dem Kaufhaus Laforet ein Stelldichein. Laforet ist eine Hochburg von Japans Cuties oder shôjo, wie die Zielgruppe der weiblichen Heranwachsenden heißt. (In einigen Jahren werden sie in die Gattung der OL oder office ladies transmutieren.) Soziologen sehen die shôjo mittlerweile nicht nur als »ein Geschlecht für sich«, sondern als eigentliche Leitbilder japanischen Konsumverhaltens. »Ich frage mich«, so der Kritiker Naoto Horikiri, »ob heute nicht auch wir Männer uns als shôjo betrachten sollten, zumal auch wir wie Schlafwandler dem Konsum verfallen sind.« Er ist nicht der einzige, der im fortgeschrittenen Kapitalismus Japans eine neue Spezies Mensch zu entdecken glaubt. »Diese Subjekte«, schreibt Norman Bryson, »mögen nach wie vor aufwachen und im Spiegel einer Kreatur aus Haut und Knochen begegnen. Aber sobald sie das großstädtische Territorium betreten, werden sie zu Bündeln (vectors) von Strömungen und Energien, von Körpern, Informationen und Waren. [...] Die Bilderflut will vielleicht etwas mehr als uns mit Glamour blenden; sie will uns sagen, dass wir selbst heute schon Energieströme sind und uns in der bevorstehenden Phase des Kapitalismus so wendig und so vergeistigt fühlen werden wie Engel und Bodhisattvas.«

WIR SIND ALLE SHÔJO, und für shôjo muss alles kawaii sein: niedlich. So hat die Marotte einiger Schulmädchen, die japanische Kalligraphie mit plumpen, rundlichen Schriftzeichen zu konterkarieren – kawaii eben –, längst auch in der Werbung Einzug gehalten; vor allem natürlich für Produkte, die selbst kawaii sind. Diese liebreizenden Teufelchen haben eine erstaunliche Macht: Wenn sie ihr Geld plötzlich lieber für ihr DoCoMo (d.i. das Mobiltelephon) ausgeben anstatt für Jeans, dann lässt die Denimkrise nicht auf sich warten. Dass viele von ihnen, wenn das Taschengeld für ihre kostspieligen Kaprizen nicht ausreicht, Kontakte zu betuchten Herren pflegen, die ihre Väter sein könnten, hat selbst im freizügigen Japan einige Diskussionen ausgelöst. Es entbehrt aber zweifellos nicht der Folgerichtigkeit, dass früh schon auch ihre Körper in den Konsumkreislauf integriert werden.

GO ON, POWERFUL POSHBOY SPIRITS! Von Harajuku aus nähern Sie sich den Neonwürfeln auf den Dächern von Shibuya, das noch vor einigen Jahrzehnten nicht viel mehr als ein Verkehrsknotenpunkt in einem glanzlosen Randbezirk war. Im Großraum Tokyo mit seinen 30 Millionen Einwohnern fiel indessen gerade den Bahnhöfen die Rolle von Energiegeneratoren zu. Auch die Ginza, das klassische und bis heute prestigereichste Einkaufsviertel, liegt unweit eines wichtigen Bahnhofs Buy Viagra Online (Tokyo-eki). Aber erst in Shibuya, Shinjuku und Ikebukuro – alle an der die zentralen Bezirke umkreisenden Yamanote-Linie gelegen und Endstationen privat betriebener Vorortbahnen mit guten Metroanschlüssen – schälte sich die Kommerzwelt direkt aus den an sich schon komplexen Bahnhoforganismen heraus. Um die Dynamik des Prozesses zu begreifen, genügt es, sich vor Augen zu halten, dass allein durch Shinjuku-eki täglich über drei Millionen Passagiere geschleust werden. Es waren die Bahnunternehmer selbst – Seibu in Ikebukuro, Tobu in Shinjuku und Tokyu in Shibuya –, die die heute selbstverständliche Symbiose von eki und depato schufen. »Ein Zug«, stellte Roland Barthes schon 1970 fest, »kann hier in eine Schuhauslage münden.«
Wenn Sie sich heute in Shibuya, das den konsumorientierten Lebensstil am reinsten repräsentiert, einen Lageplan der Seibu-Saison Group in die Hand drücken lassen, so ist das, als begäben Sie sich auf eine Sightseeing-Tour in einer alten Kulturstadt; nur mit viel Liftfahren statt Gassendurchstreifen, und mit Prada statt Prado. Seibu drang Ende der sechziger Jahre auf das Territorium seines Konkurrenten Tokyu vor. Schon das 1955 eröffnete depato in Ikebukuro, durch das anfangs noch überwiegend Kunden in verdreckten Holzschuhen und handgewebten Kimonos stapften, hatte den Erfolg mit neuartigen Produkten wie den Transistoren der kleinen Firma Sony gesucht, und seine Lebensmittelabteilung war grandioser als die von Harrod’s in London. Aber alles bisher in japanischen Warenhäusern Gesehene stellte die Seibu-Filiale in Shibuya in den Schatten. Die Geschäftsleitung umgab sich mit jungen kreativen Leuten – so den nachmals weltberühmten Modeschöpfern Yamamoto und Issey Miyake – und baute nach und nach ein ganzes Konglomerat acht- bis zehngeschoßiger, auf ein modeverrücktes und markenbewusstes Publikum zugeschnittener Boutiquentempel. Auf Parco folgten Parco Part 2 und Parco Part 3, hierauf das jungen Designern vorbehaltene Seed sowie Loft, der Laden für alle denkbaren nützlichen und überflüssigen Dinge. Und zumal auch die Konkurrenz nicht schlief – namentlich O1O1 wirkt heute frischer als Parco – ist Shibuya das Traumland der Jeunesse dorée geworden.

IM DACHGARTEN DER O1O1 CITY sitzen Sie vor einem Iced Capuccino und vertreiben sich die Zeit damit, so ein Shibuya-garu einmal genauer zu taxieren. Sonnenbrille, schätzungsweise von Ferragamo, 30’000 Yen. T-Shirt, eisblau, Katharine Hamnet, mindestens 20’000 Yen. Lederjacke, Costume National, 120’000 Yen. Ferner der Jupe, die auf Wadenhöhe in Strümpfe mutierenden Stöckelstiefel, die Tasche und was sie an Kosmetik und Chichi bergen mag, abgesehen von den vermutlich ebenso kostbaren Dessous: insgesamt trägt dieses Mädchen leicht 5000 Franken auf dem Leib. Nur um nicht als Paria angesehen zu werden. Jetzt steht sie auf und hätte beinahe die beiden exquisiten Tragtaschen mit den heutigen Einkäufen liegenlassen.

SEIT 1991 STAGNIEREN DIE UMSÄTZE DER DEPATO, obwohl sie ihre Verkaufsflächen in ganz Japan von damals sechs auf über acht Quadratkilometer ausgedehnt haben. Bessere Geschäfte machten in diesen flauen Jahren die sogenannten Convenience Stores. Heute gibt es über 20’000 davon, die täglich 24 Stunden geöffnet sind. Sie erzielen allerdings nur einen kleinen Teil ihres Umsatzes mit Kleidern.
Wenn es in den neunziger Jahren ein Beispiel für erfolgreiches Marketing auch auf der depato-Front gab, dann das zur Seibu-Saison Group gehörende, inzwischen hundertfach über Japan verbreitete »no brand label« Muji. Die Losung lautet hier: keine Etiketten, keine Kinkerlitzchen. Keine Farben außer Schwarz. Minimal-Design: »simple but sophisticated«. Natürlich belassene Oberflächen – auch Polyester kommt daher wie Bast. Und – nicht nur für japanische Verhältnisse – scharf kalkulierte Preise, so dass Muji mit bisher sieben Filialen in London und drei in Paris auch in Europa Fuss fassen konnte.
Als Sie aus dem Ur-Muji in Aoyama wieder herauskommen und im Café Anniversaire ihre Beute überprüfen, finden Sie: ein Shampoo, eine Nylontasche, mehrere Packungen Briefumschläge, ein weißes Hemd, einen Regenschirm, einen Taschenspiegel. Lauter Dinge, die Sie nicht eigentlich dringend brauchten. Sind Sie auf dem besten Weg, ein moderner Mensch zu werden?
Dann aber, als Sie an der gegenüberliegenden Fassade einen Reklamespruch in Form eines etwas holprigen Haiku lesen, glauben Sie unter all dem schönen Schein auf einmal das Rumoren der altjapanischen Seele herauszuhören. Er lautet:

VIVRE DANS LA NATURE ESPRIT INDÉPENDANT
VÊTEMENT QUI VA BIEN
SE COMPORTER AVEC NATUREL GESTE SPONTANÉ


[1999, unveröffentlicht: vom »Magazin« des TagesAnzeigers Zürich unter dem Chefredakteur Roger Köppel refüsierter Text]

20. Oktober 1996

Bin Buenos Aires

[1996]  

                                                        

                                                           Every town’s got a tango dancer

                                                           Pretending latin ancestry

                                                           Born somewhere on Main Street

                                                           Low branch on the family tree.

 

                                                           He’s got a special tango partner

                                                           They’ve danced together twenty years

                                                           She a stylist in a beauty parlour

                                                           Their dancing’s messed up two careers.

 

                                                                                  Dr. John, Tango Palace

 

Einer der meistzitierten Sätze, die der Tango hervorgebracht hat, lautet ganz unschuldig: Hoy vas a entrar en mi pasado. Heute wirst du in meine Vergangenheit eingehen. Zehn Silben, drei Zeitebenen: nie war der Weg von der Verheißung in die Vergessenheit, oder in die Erinnerung, kürzer. Und es scheint, Buenos Aires selbst habe ihn so rasant zurückgelegt.

Die Menschen dieser Stadt, die porteños, haben nie begriffen, und es ist auch kaum zu begreifen, dass Buenos Aires kein universaler Mythos geworden ist; warum sein Europäertum zweiten Grades – Europa noch einmal, zusammengeworfen an diesem Ufer, getrieben von einem amerikanischen Puls und in die grenzenlose Fläche der Pampa hinausgespannt: der »horizontale Schwindel«, wie ihn Paul Morand genannt hat – nicht die ganze Welt ergriff und hypnotisierte. Hauptstadt eines Imperiums, das nie existiert hat, gemäß Malraux’ schlüssigem Diktum. Dass hier in kurzer Zeit ein schillerndes Gemisch entstanden war, changierend zwischen Verruchtheit und Kultiviertheit, das erfuhr die restliche Menschheit nur aus dem Tango, oder sie nahm es nur im Tango wahr. Sie überhörte dabei, wenn sie nicht gerade spanisch sprach, dass kaum eine Stadt so hemmungslos wie Buenos Aires sich selbst besungen hat. Wirklich ist der Tango die Begleitmusik zu einer beispiellosen Stadtwerdung, und urbanes Entzücken, urbanes Entsetzen sind seine ewigen Themen. Y la ciudad, ahora, es como un plano/de mis humillaciones y fracasos: so untröstlich fängt Borges’ »Buenos Aires« betiteltes Gedicht an – »Und die Stadt ist nurmehr ein Plan/meiner Erniedrigungen und meines Scheiterns« –, und so lakonisch lässt er es enden: No nos une el amor sino el espanto;/será por eso que la quiero tanto (»Nicht Liebe, allein das Entsetzen ist uns gemein/das wird es sein, was uns vereint« (oder, genauer: »was mich sie so begehren lässt«). Trance der Entzauberung, Pathos der gescheiterten Hoffnungen: ganz wie ein Tango.

 

 

1

 

Borges vergötterte Buenos Aires, aber er verachtete das Instrument, mit dem man die Stadt, und den Tango, heute nachgerade identifiziert: das Bandoneón. Gewiss kann man dem fueye – Blasebalg, wie es zärtlich salopp genannt wird – nicht die oberflächliche Larmoyanz des Akkordeons nachsagen. Ein komplexes Instrument, aus noblen Materialien: Holz, Metall, Leder, Harzen, Horn und Perlmutt. Aber die Sentimentalität, mit der sich der Tango gerade in Borges’ Jugendjahren vollsog, und die der Verkünder sinnloser Messerstechereien missbilligte, dürfte zu einem guten Teil auf das Register des Bandoneóns gehen. Zuvor, zu Zeiten der Guardia Vieja, hatte noch die bukolische Flöte als Melodieinstrument gedient. Kam dazu, dass der Tango eben damals, um 1910, erstmals den Atlantik überquerte: beschwingt und obszön, heißt es, habe er in Paris Einzug gehalten. Und schmachtend, erotisch geladen, sei er von dort zurückgekehrt.

In Europa ist heute der 62-jährige Dino Saluzzi der meistbewunderte Bandoneonist. Saluzzi stammt aus Salta, 1300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Mit vierzehn debütierte er in den Bordellen und Kaschemmen seiner Heimatprovinz: genauso, wie es sich für eine Tango-Karriere ziemt. »Romantisch sollte man sich das allerdings nicht vorstellen«, erklärte der Musiker, als ich ihn in Buenos Aires traf, wo er weiterhin lebt, obwohl fast dauernd in Europa, gelegentlich in Nordamerika und Ostasien engagiertt. Die endlosen Transatlantik-Flüge seien eine Schinderei, aber immer noch weniger beschwerlich als seinerzeit die Busfahrten von Salta nach Buenos Aires.

Saluzzi holte eine alte LP hervor, legte ein Stück auf: »La siesta de mi viejo«. Vier Bandoneons, wie auf Seelenwanderung, zum von tausend Dämonen durchtobten Dämmerschlaf des Vaters verschlungen. »Hör ihm zu, diesem Chaos, dieser totalen Verzweiflung und Unbehaustheit, und dahinter der Wind, der die Steppengräser aufwühlt...«

Auf dieser zerkratzten, in den sechziger Jahren in Buenos Aires aufgenommenen Platte war schon der ganze Saluzzi, der heute dem feinschmeckerischen und feinfühligen europäischen Publikum Schauer über den Rücken jagt, und der bei ECM unter Vertrag steht. Ein Privileg, von dem andere Tango-Musiker seiner Generation nur träumen können. Genauer, von dem sie nicht einmal träumen: gebannt wie sie sind von den alten Glanzzeiten, vom eigenen Niedergang... Manchen tangueros gilt selbst Piazzolla noch immer als Abtrünniger oder, was nachträglich auf dasselbe hinausläuft, als ultimativer Ausdruck ihrer Musik, als die Moderne schlechthin. Für sie ist der Tango ein Korpus von einigen zehntausend Werken, einbalsamiert und eingeteilt in Epochen – die Guardia Vieja, die zwanziger, die dreißiger, die fabelhaften vierziger Jahre –: interpretierbar wie klassische Musik, aber im Grunde nicht mehr entwicklungsfähig. »Auf einmal liegt die ganze Zukunft des Tangos in seiner Vergangenheit«, mit Horacio Ferrer zu sprechen, dem Autor des letzten wirklich populären Tangos, Piazzollas »Balada para un loco«: 1969. Fast ein Gassenhauer – aber war es überhaupt ein Tango?

Dieser Musikform, so Dino Saluzzis Befund, ist eine ganze Generation abhanden gekommen. Dass nun eine neue heranwachse, unbefangen und experimentierfreudig, ist vorderhand nur eine Behauptung. Wohl waren es immer Einzelkönner, die den Tango auf neue Höhen führten; aber sie gingen aus einer Gesellschaft hervor, in der Tango das tägliche Brot war, ein soziales Phänomen, der Lebensinhalt vieler. 1946 ernährte Buenos Aires 16’000 Musiker. Eine ganze Stadt war verrückt danach. Ein Vierteljahrhundert später hieß es: alte Kamellen, die Schnulzen von Papa, ein Refrain für die Urgroßmutter. Damit hatte ein junger Mensch nichts am Hut. (Er hatte schon mal gar keinen Hut mehr.) Und wenn sich heute argentinische Musiker wie Gerardo Gandini oder Fernando Tarrés dem Tango wieder annähern, dann als einer Sache, die sie verworfen hatten, die sie verfolgt hat – »Piazzolla ist ein Staubsauger, der dich verschlingt«, sagte mir der junge Jazzgitarrist Tarrés und trällerte zum Beweis, dass man dem Sog kaum entgehen kann, einen der Piazzollaschen Läufe – und gegen die sie nun anspielen. Sie kommen nicht davon los: fast wie in einem Tango.

Saluzzi hingegen war noch durch die klassische Schule gegangen – die Orchester von Alfredo Gobbi, Héctor Varela, Enrique Francini – und nahm erst danach andere Einflüsse in seine Musik auf. Ob man sie als Tango Nuevo etikettiert oder nicht mehr dem Tango zurechnet, ist insofern nicht ganz belanglos, als damit Felder abgesteckt werden, in denen musikalische Entwicklungen möglich sind. Gewiss stehen Saluzzis kontrapunktische Kompositionen und komplexe Arrangements eher in der Tradition des großen Tangos als eine Tingeltangel-»Cumparsita«, die ein treuherziger Tourist dafür halten mag. Mehr auch als die Platten der höchst heterogenen Riege bekannter Musiker – von Daniel Barenboim und Gidon Kremer über Ahmed  »El Tigre« von Wartburg bis zu Julio Iglesias –, die jüngst den Tango für sich entdeckt haben und uns das – wievielte eigentlich? – Tango-Revival vorgaukeln. Dahinter mag kalte Berechnung oder ehrenwerter Enthusiasmus stecken, und die Ergebnisse dürfen bald interessant, bald eher pampig genannt werden: vor dem Hintergrund des Universums, das der Tango in Buenos Aires war, bleiben sie allemal anekdotisch.

Bedeutsamer ist, dass heute ebensoviele Musiker in Amsterdam, Helsinki oder Tokio sich mit den Formen des Tangos auseinandersetzen, wie in Buenos Aires. Ein Phänomen, in dem sich noch einmal seine Ursprünge zu reflektieren und neu aufzufächern scheinen. Waren nicht an seiner Entstehung schon Italiener, Türken, Polen, Spanier, Juden, Kreolen beteiligt – jene Millionen Einwanderer, die Buenos Aires zwischen 1850 und 1930 erschufen, und deren Sehnsüchte und Frustrationen darin eingingen? Der Tango, und das unterscheidet ihn von jeder andern Folklore, war schon immer eine Promenadenmischung. Nicht auszuschließen, dass seine Internationalisierung nun auch Impulse auslöst, wie sie im Jazz, seinem Pendant, schon lange wirksam wurden. Dann erst würde sich der Tango ganz von jenem Asphalt lösen, als dessen Emanation er erscheint.

Saluzzi suchte noch eine LP hervor, aufgenommen 1962, die älteste vielleicht, auf die er heute noch stolz ist. Er habe sie zufällig gestern auf FM Tango wiedergehört, dem Radiosender, der 24 Stunden música ciudadana bringt. Auf dem Umschlag stand: »Dino Saluzzi. Soy Buenos Aires«.

»Schöner Titel!«

Er drückte genau jenes Lebensgefühl aus, das ein Stadtgefühl ist, und das einen in Buenos Aires auch 1997 noch überfällt.

 

 

2

 

Ich war wie gewohnt im Hotel Phoenix an der Avenida Córdoba abgestiegen. Ein leicht entstaubter Charme, so möchte man das Ergebnis der inzwischen erfolgten Renovation beschreiben. Mein altes Zimmer, Nr. 318, war in einen Frühstückssalon transformiert worden. Gewechselt hatte auch das Personal: nie mehr würde mich der Nachtportier verschwörerisch mit »Buenas noches, tres dieciocho« begrüßen. (Wie eine Anspielung auf einen einschlägigen Tango – »Corrientes tres cuatro ocho, segundo piso, ascensor...« –, so hallten mir seine Worte jeweils nach, wenn ich dann in dem feingliedrigen Liftkäfig nach oben schwebte.)

Diesen Lift im mittleren der drei galeriegesäumten Patios hatte man übrigens nicht angetastet. Das neue Zimmer war ebenso splendid wie die Nr. 318: an die fünf Meter hoch. Neu war der Fernsehapparat, der auf Knopfdruck 72 Sender überwiegend lateinamerikanischer Provenienz ausspie. Kanal 52 führte im Logo ein stilisiertes Bandoneon: er heißt Sólo Tango und strahlt, neben Werbespots für Tanzkurse sowie den nach permanenter Sauregurkenzeit anmutenden »Tango Noticias«, ununterbrochen Tangokonserven aus. Eben entlockte der Orchestermeister Juan D’Arienzo in einer memorablen Aufnahme von 1938, zappelnd und mit irrlichterndem Blick, seinem Bandoneonistenregiment ein Artilleriefeuer von Synkopen. Es folgten Goyeneche 1988 in Japan (und seltsam: im ersten Moment hielt ich den Polaco für einen Japaner), dann ein Ausschnitt aus »Muchachos de la ciudad« mit Carlos Dante, einem der 300 Tango-Titel der Filmgeschichte. Hätte ich mich zwei Wochen lang in meinem Hotelzimmer eingesperrt, ich wäre als Tangologe wieder abgereist. Voller Hoffnungen und Illusionen, tempi passati betreffend.

Tango, heute, in Buenos Aires, das heißt einer Vergangenheit nachtrauern, die immer schon andern Vergangenheiten nachtrauerte; heißt in diesem Verlust schwelgen, genau wie in einem Tango. Der Tango ist traurig: zum Glück ist er traurig, denn nur der Trauernde ist exquisit, und nur der vom Leben Enttäuschte bringt jenes schiefe Lächeln zustande, das laut Ernesto Sábato das genaue Gegenteil des breiten Grinsens eines bierseligen Deutschen ist. Grotesk sind sie beide.

Der neue Recepcionist im Hotel Phoenix wünschte einen schönen Abend, und ich trat auf die Straße. Ihre Hektik, der frenetische Verkehr überraschten mich. In meiner Erinnerung hatten sich andere, stillere Bilder von Buenos Aires eingeprägt: Straßen von Palermo, kopfsteingepflästert, im Schatten riesenhafter Bäume, der tipas, die sich über neokoloniale Fassaden neigen; Straßen von Barracas, am Trottoirrand ein zerbeulter Ford Falcon, und im Hintergrund der Bahnviadukt; Straßen wie in einem Tango.

Ich ließ mich von der Menge treiben. Calle Florida, Laufsteg der guten Gesittung, Gefilde ebenso marken- wie selbstbewusster ciudadanos. Gibt es etwas Eleganteres als die Eleganz der eleganten Quartiere von Buenos Aires? Nur schon um mein Gedächtnis auf die bestrickende Namenreihe der Querstraßen zu prüfen – Maipú, Esmeralda, Suipacha –, nahm ich die Calle Corrientes und folgte ihr bis zum Obelisken. Überquerte in einer Menschentraube die breiteste Strasse der Welt – die Avenida 9 de Julio – und war im Zickzack noch einige cuadras weitergegangen, als ich, schon ganz betört, an der Kreuzung Paraná/Paraguay die Bar »Carmen« wiedererkannte. Nicht von ungefähr, trat ich ein. War ich doch hier in »Mission Tango« unterwegs, und eine Tango-Bar findet man nicht an jeder Ecke; um so weniger, als sich das Gran Buenos Aires aus annähernd 100’000 Blöcken, ergo 400’000 Ecken zusammensetzt, an denen man achtlos vorbeilaufen, aber ebensogut endlos verweilen kann, sich den Schlapphut ins Gesicht ziehen und von dort aus die Welt im Auge behalten. Wie irgendein compadre in irgendeinem Tango.

In der einzigen Ecke der Bar »Carmen«, die nicht mit Photos verblichener Boxer, Fussballspieler und tangueros vollgehängt war, lief ein Fernseher: Kanal 52. Das Lokal ist dem Andenken eines der ganz Großen des Tangos geweiht, des Bandoneonisten, Komponisten und Meisterarrangeurs Aníbal Troilo, der hier seinen Aperitif zu nehmen pflegte. Wie von selbst fiel mir eine der beiden argentinischen Whiskymarken wieder ein, wenn auch leider die schlechtere. »Einen Blender’s, bitte.« Neben mir begrüßten sich mit stachligen Küssen, verschwörerischen Mienen, zwei in speckigen Gilets steckende compadres, kommentierten beiläufig die Schlagzeilen der Abendzeitung, die Straßensperren der Zuckerrohrarbeiter in der Provinz Jujuy. Ein dritter, dem die Politik gestohlen bleiben konnte, zählte inzwischen, diskret unter der Theke verborgen, ein fettes Bündel Geldscheine, das er aus seiner Jacke gefischt hatte. An einem der Tische saß, vor einem Glas Tee, eine junge Frau in einem weißen Mantel und schrieb. Sie schien sich in diese eher rauhe Männerbar keineswegs verirrt zu haben. Vermutlich mochte sie die altweltliche Stimmung.

Ich spazierte weiter bis Callao, dann der Avenida Santa Fé entlang zurück. Erging mich in Vermutungen, den Verbrauch an Rouge und Bleistiftabsätzen in Buenos Aires betreffend, in beiden Fällen wahrscheinlich der weltweit höchste. Und nicht nur die Frauen, deren Nonchalance einen zur Verzweiflung treiben konnte, muteten mich an. Auf die Plaza San Martín, die mit ihren Ombús und Jacarandás als grünes Gelenk zwischen dem Bahnhof Retiro, dem Microcentro und dem Barrio Norte fungiert, trat ich wie in einen Märchenwald. Hinter dem Edificio Kavanagh, schon nahe beim Phoenix, tauchte ich wieder in den Bajo ein, die paar Blöcke unweit des Río de la Plata, die einige dezente Spuren einer anrüchigen Vergangenheit bewahrt haben. Suchte und fand die Bar »Downtown Matías«, eines meiner Lieblingsrefugien. Fühlte beim Verlassen desselben, durch den Genuss eines von Josés Meisterhand zubereiteten Negroni inspiriert, dass mir der Sinn nun nach einem weiß gedeckten Tisch und einem bife de chorizo stand, dessen Bestellung der Kellner im »Establo« wenig später mit jenem komplizenhaften Blick aufnahm, der die Vermutung nahelegt, ganz Buenos Aires stecke unter einer Decke. Knapp nach Mitternacht betrat ich, zwei cuadras weiter, die Bar »Cutty Sark«. Zwanzig dunkle Augenpaare, die zu ebensovielen jungen, tief wie ein Tango dekolletierten Frauen gehörten, richteten sich auf mich. Ich nahm an der Bar Platz und tat, wie es sich für solche Fälle zunächst ziemt, als wäre ich aus Stein. Ein schwarz gewandeter compadre, Stammkunde zweifellos, der es sich auf den Polstern zwischen zwei der Mädchen bequem gemacht hatte, beschwerte sich gerade über die Musik, das übliche Popgedröhn. Der Kellner erhörte ihn, wechselte die Kassette. Gardel erklang: »Anclao en París«.

Guter Tango ist praktisch intravenös, und »Anclao en París« ist ein sehr guter Tango. 1931 von Enrique Cadícamo im Hotel Oriente in Barcelona geschrieben, im selben Jahr von Gardel aufgenommen. Paris ist darin lediglich der Schauplatz der herzzerreissenden Sehnsucht eines porteño, sein Buenos Aires wiederzusehen. Für mich, der ich eben hier gelandet war, gab es eigentlich keinen Grund, nun vor all den hungrigen Hurenaugen in Tränen auszubrechen. Aber »Anclao en París« ist nun einmal zum Heulen schön. Im übrigen war damit bewiesen, dass nicht nur Argentinier in der Fremde, sondern auch Fremde in Argentinien bei solchen Liebeserklärungen an Buenos Aires weich werden. Borges hat einmal gesagt, als Argentinier fühle er sich im Grunde nur, wenn er fern von zu Hause einen Tango höre, den er verabscheue, und trotzdem stürzten ihm Tränen in die Augen. Tränen auf Abruf, ausgelöst durch eine wohlkalkulierte Mischung aus Wirklichkeit und Legende, aus Literatur und Rührseligkeit, aus einem lokalen Strolchenvokabular und unserer Anfälligkeit für jederlei Seelenschmetter.

 

 

3 Urbis feciste quos prius orbis erat

 

Eine Zeitlang süchtig nach diesem andern Tango, »Sur«. 1948, Musik: Aníbal Troilo, Text: Homero Manzi. Ya nunca me verás como me vieras... – »Nie mehr wirst du mich sehn wie du mich sahst...«  Gesungen von Edmundo Rivero oder von Julio Sosa, ist es wie der Weltuntergang. Und dabei nichts als eine knappe Beschreibung der Ecke, draußen am Stadtrand, wo einer einst auf sein Mädel wartete. Heute kommt natürlich kein Mädel mehr angetanzt. Todo ha muerto... Ya lo sé. Es ist eine der Grundkonstellationen des Tangos: ein Einzelner, die Stadt und eine Abwesende. Was hülfe übrigens eine Übersetzung: von den Schattierungen, aus denen sich der suburbane Mythos zusammenbraut, würden auf deutsch nur einige pedantische Wortstümpfe übrigblieben. Die südlichen Stadtteile, auf die der Text gemünzt ist, werden hier der Süden überhaupt: ein metaphysischer Raum – nicht mit unserem Bild des mediterranen Südens zu assoziieren, sondern mit der Topographie von Buenos Aires: jenem Terrain vague, wo die Stadt in die Pampa übergeht und sich in der Weite verliert, in der vor noch nicht allzuferner Zeit kein Baum, kein Rind, kein Haus stand, kein Mensch außer einigen Tehuelches, die sich von Straußen und Guanakos ernährten. Fremd und feindselig ist dieser Süden, uralt und leer, und umso glanzvoller spiegelt sich darin das gigantische Wolkenkuckucksheim Buenos Aires, das in wenigen Jahrzehnten erschaffene Stadtwunder. Dazwischen aber gibt es eine Grauzone, diffus und kurzlebig: die Suburbia, den arrabal, den der Tango immer wieder verherrlicht, und dessen zwangsläufigen Untergang er beklagt hat.

Um von »Sur« erschüttert zu werden, brauchen Sie nicht nach Buenos Aires zu fahren. Ein bisschen Phantasie tut’s auch.

Ich jedoch, da ich schon einmal hier war, stieg eines Tages in einen micro der Linie 178 und fuhr nach Pompeya. Pompeya ist längst nicht mehr der morastige Vorposten der Stadt, wie noch in »Sur«. Dafür müsste man heute noch einmal zwanzig Kilometer weiter hinausfahren: nach Lomas de Zamora oder Adrogué, vielleicht. Es ist dennoch eine ganz andere Stadt als jenes aus den Filetstücken von Paris und London komponierte Buenos Aires, in dem man sich gewöhnlich bewegt. Schon dieser holterpolternde Verkehr, lauter Camions und Chevy Pickups wie aus einem texanischen »Day After« mit Drehjahr 1959, die durch tiefamerikanische Schilderschluchten auf den Puente Alsina zupreschen, rot und grüner Lack unter einem vergilbten Himmel, in einer unauslöschlichen Staubwolke: das lohnte die Zeitreise, will sagen die halbstündige Busfahrt. Und dann wird, wer sich zufällig in das Kirchlein an der Avenida Saenz flüchtet, gleich nochmals um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt: steht doch da mitten in Nueva Pompeya, aus Zement zwar, aber doch so perfekt nachgebildet, dass man sich im Roussillon wähnt, ein romanischer Kreuzgang.

Hier also wurde der Tango geboren. Oder hätte jedenfalls in dieser Gegend geboren werden können. Es gibt auch tatsächlich in Pompeya, an der Calle Beazley, noch eine Spelunke, »El Chino«, wo ihm jeden Freitag abend gehuldigt wird. Nach Mitternacht bringt man die wacklige Tür nicht mehr auf, so voll ist die Bar. Man trifft dort zum Beispiel die Direktionsassistentinnen der Banque Nationale de Paris in Buenos Aires, die unbedingt einmal »unverfälschten« Tango sehen wollten, und die sich angesichts der staubigen Darbietungen dann doch lieber im Patio niederlassen, wo einige Tische stehen, und wo man bis ins Morgengrauen von Buenos Aires schwärmen kann.

Stimmt, Buenos Aires ist ein wenig wie Paris. Und, wenn’s mir recht ist, ein bissrl wie Wien. Nichts sosehr wie wie Wien, sogar. Diese lange Niedergangserfahrung. Man war schon wer, als andere noch nicht einmal angefangen hatten, sich abzustrampeln. Haben nicht auch die Wiener diesen Verschwörerblick, als sännen sie irgendeiner uralten Utopie nach? Jedenfalls: man trägt seine Blessuren und Gebresten mit Würde. Und dann natürlich der Tango: fast wie ein Walzer.

 

 

4

 

Dienstag, 19 Uhr, Teatro Cervantes. Großandrang vor dem Eingang dieses prächtigen Theaters. Das wöchentliche Gratiskonzert der Orquesta Nacional de Música Argentina ist angesagt. Über vierzig Musiker: Tango symphonisch, Tango als nationales patrimonio, spendiert vom Kulturministerium. Auch die Stadt leistet sich ein Ensemble dieser Größe, die Orquesta del Tango de Buenos Aires, die jeden Donnerstag im Teatro Alvear aufspielt. Alle namhaften Solisten zieren hier wie dort periodisch das Programm.

Ich liebe begeisterungsfähige alte Menschen, und weiß Gott: so viele hatte ich noch nie beisammen gesehen. Kaum jemand unter sechzig. Sie kamen aus Pompeya, aus Caballito, aus Almirante Brown, aus allen Teilen von Buenos Aires, um hier ihre Dosis Tango abzuholen. Woche für Woche füllen sie das Teatro Cervantes bis auf den letzten Platz. Neben mir kletterte eine Dame die Treppe in den zweiten Rang hinauf. Plötzlich raunte sie mir, nicht ohne komplizenhaften Unterton, zu: dass man ihr schon wieder keinen Parkettplatz gegeben habe. – »Sie sind hier Stammgast?« erkundigte ich mich teilnahmsvoll. – «I wo. Immer nur dienstags», erwiderte sie.

Ich hatte einen Logenplatz erwischt, und so gesellten sich glücklich zwei Experten herbei, die hier ebenfalls unregelmäßig, aber doch mehr oder weniger wöchentlich, ihrer Leidenschaft frönen. Und ich habe geglaubt, Tango dieser Größenordnung sei ausgestorben? Die weiße Mähne des Orchesterleiters Osvaldo Piro wurde von tosendem Applaus begrüßt, genauso wie später der Stargast Luis Cardei, zur Zeit wohl der populärste Tangosänger alter Schule in Buenos Aires. Er habe sogar, so meine Vertrauensmänner, an der Calle Corrientes ein eigenes kleines Theater eröffnet, wo der Tango nicht in touristenfreundlichen Häppchen abgegeben werde. Sie versäumten es nicht, das Gebotene gebührend zu rühmen und mir nach jeder Nummer ebenso verschwörerische wie Anerkennung heischende Blicke zuzuwerfen. Als Osvaldo Piro selber zum fueye griff, war kein Halten mehr. Die alten Mädchen im Parkett hatten den großen tanguero schon während des ganzen Konzerts mit Komplimenten überhäuft, die er mit sonorer Stimme erwiderte. Nun trat er noch einmal ans Mikrophon. »Sind wir eigentlich hier, um zu heulen, oder um zu spielen?«

 

 

5 Alte Meister

 

Roberto Goyeneche, El Polaco: eine Legende zu Lebzeiten. Dieses rauhe Organ – ironiegetränkt, désabusé, ein sozusagen schwundsüchtiges Timbre – war die Stimme von Buenos Aires. Als Goyeneche 1990 im »Gran Rex« eine Reihe von Konzerten gab (damals trat er auch noch gelegentlich im Café »Homero« auf), war es ein offenes Geheimnis, dass es – angesichts seines Lebenswandels – wohl die letzte Chance war, ihn live zu hören. Ich habe sie verpasst. 1995 hat er das Paraplü zugemacht. Auch auf Piazzolla, auch auf den begnadeten Gitarristen Roberto Grela regnet es inzwischen nicht mehr. Aber es waren noch nicht die letzten Mohikaner. Der 81-jährige Horacio Salgán, eine der fundamentalen Figuren der Tangogeschichte, tritt weiterhin jeden Samstag im »Club del Vino« auf, begleitet vom Bandoneonisten Néstor Marconi. Und eine andere schillernde Gestalt, der cantor Alberto Castillo, gab vor einigen Jahren, annährend 90-jährig, ein Comeback mit der Rockband Los Auténticos Decadentes.

Leopoldo Federico, Saluzzis Lieblingsbandoneonisten, sah ich anstatt auf einer Bühne in einem Büro der Asociación Argentina de Intérpretes, deren Präsident er ist. Der richtige Mann für einen Überblick aus der Sicht der Betroffenen. Federico schilderte zunächst die heutigen Produktionsbedingungen: das totale Desinteresse der Musikkonzerne und die Schwierigkeit, je die 30’000 oder 40’000 Pesos aufzubringen, die eine Einspielung für ein unabhängiges Label kostet. Eine Kalamität, verglichen mit der Situation vor einigen Jahrzehnten, als Musiker seines Schlags von Studio zu Studio eilten, um neue Platten aufzunehmen. Dann erläuterte er die Bedeutung des japanischen Marktes, und wie enthusiastisch, mit welcher Kennerschaft die Japaner dem Tango begegneten. Furore machten ausserdem weltweit – »sogar in Buenos Aires!« – die großen Revuen wie »Tango por dos«, »Tango Pasión« und »Tanguísimo«. Freilich vor allem aufgrund der tänzerischen Leistungen. Und damit sei leider dem Hauptproblem des Tangos, dem Mangel an Komponisten, nicht abgeholfen. Federico wunderte sich auch, dass kaum jemand sich heute der Herausforderung stelle, zeitgenössische Tangotexte zu schreiben. Was ihn jedoch wirklich zu indignieren schien – offenbar aus eigener Erfahrung –, ist der allnächtliche Ausverkauf des Tangos in den Touristenlokalen.

Man sehe sich nur einmal, in San Telmo, die Show in der »Casa Blanca« an. Merkwürdigerweise war es Dino Saluzzi, der mich dort hinführte. Vielleicht, weil es ein so edles, tropenhölzernes Theater ist? Oder weil es einen eigenen Parkplatz hat? Oder eben deshalb, weil Tango, die Asphalt-Musik par excellence, dort mit Indio-Folklore und »Don’t Cry For Me Argentina«-Klimbim gepanscht, als World Music dargeboten wird?

Obwohl das Konkurrenzunternehmen an der Calle Balcarce, »El Viejo Almacén«, auf solche Einlagen verzichtet, ist es auf seine Art ebenso beelendend. Wahrscheinlich ahnt das Publikum nicht einmal, dass es dort wirklich die Crème de la crème des Tangos zu sehen bekommt: den Bandoneonisten Julián Plaza, den Pianisten Osvaldo Berlingieri, die Sängerin Virginia Luque – lauter viejas glorias, die hier ihr Gnadenbrot erhalten, indem sie Abend für Abend ihre Virtuosität mit denselben drei Stücken unter Beweis stellen. Das ist der Unterschied zu früher: heute spielt man für ein brasilianisches, morgen für ein japanisches, übermorgen vielleicht für ein französisches Publikum, gerade so, als befände man sich auf Welttournee; aber man tingelt ihm das ewiggleiche kleine Repertoire vor, während man sich damals für die ewiggleichen porteños Nacht für Nacht etwas Neues einfallen ließ.

Was man den alten Meistern nicht nehmen kann, ist ihre Haltung, ihre Würde, ihre Abgeklärtheit. Darum auch sprudelte es, als ich mich einmal mit einem jungen Tangologen unterhielt – dem Gitarristen und Archäologen der Frühzeit des Tangos, Pedro Chemes, der mit seinem Quarteto de la Ochava neulich (natürlich nicht in Buenos Aires, sondern in Madrid) eine der Guardia Vieja gewidmete Platte aufgenommen hat – nur so aus mir heraus: »Was ich bei euch vermisse, sind die maßgeschneiderten Hemden, die seidenen Schnürsenkel, die Lust am Niedergang. Ein gewisses Parfum. Es kommt mir alles so akademisch, so bieder und blutleer vor. Dabei war doch gerade der frühe Tango, an dem ihr laboriert, angeblich eine regelrechte Gossen- und Kanaillenmusik. Kann man ein Bordell besingen, ohne je eines betreten zu haben? Gewiss, auch Jazzmusiker wird man heute, und nicht erst heute, auf dem Konservatorium. Nichts gegen eine solide musikalische Bildung, an der es übrigens euren Vorbildern nie gebrach. Aber irgendwie sehe ich da doch gewisse Widersprüche.« Er wusste nichts zu erwidern.

Auf einmal fiel mir auf, wie tief der Graben zwischen den beiden Komponenten des Tangos geworden ist, die früher – mindestens bis in die fünfziger Jahre – so eng verschränkt waren: der Musik und – ja: dem Tanz. Fast hätte ich hier den Tanz unter den Teppich gekehrt. Dabei ist er die Fieberkurve des Tangos. In mehr als einer milonga – und sie sind tatsächlich in Buenos Aires gerade wieder sprunghaft in Zunahme begriffen – habe ich zugeschaut, wie Männer den Tango auf dem Körper von Frauen erzeugen, oder wenigstens zu erzeugen versuchen. Ich ging in die »Trastienda«, wo Debütanten zwischen den alten Hasen in Zeitlupe akrobatische Beinverschlingungen übten. Und ich saß im »Viejo Correo«, wo keiner unter sechzig dem Tango traut, an einem Marmortischchen, und sah, wie ein schmerbäuchiger Galan mit einem einzigen verschwörerischen Blick, quer über die Tanzfläche hinweg, eine blondierte Mittvierzigerin alarmierte. Gleich darauf tanzten sie den Tango, das ewiggleiche Muster, hunderttausendfach variiert, und immer noch ein gutes Aufputschmittel, genau wie Buenos Aires.

 

[du, 1997]