Markus Jakob

17. August 2012

«Solamente una vez», aber bitte jede Nacht. Eine Mexikakophonie

[Mai 2000]

 

«Kommen Sie am Nachmittag wieder, dann wird Comandante Delfino Sie empfangen.»

Sie waren zuvorkommend, sehr zuvorkommend, die Polizisten von der Wache an der Plaza Garibaldi. Sie haben ja auch ein ganz spezielles Revier, sind zuständig sozusagen für die musikalische Ruhe und Ordnung der Stadt Mexiko. Nichts Ungewöhnliches, wenn da nachts um zwei eine Polizistin einem Gitarristen mit der Stimmgabel zur Hand geht: «Das Mi bitte, Eugenia.» Zu dieser Stunde ist der Platz schwarz von Musikern, zumal an Wochenenden. Aber Achtung: Mariachis trifft man an der Plaza Garibaldi 365 Tage im Jahr, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Selbst am Vormittag sind entlang der Avenida Lázaro Cárdenas immer einige «Elemente» präsent – wobei elemento den einzelnen Instrumentalisten meint. El Mariachi hingegen bezeichnet primär das ganze, in klassischer Formation acht oder neun elementos bzw. mariacheros umfassende Ensemble. Über 4000 Musiker sollen es sein, die hier regelmässig aufspielen und/oder auf Engagements warten. Und nun stelle man sich einmal die Ruhe und Ordnung vor, wenn einige hundert solcher elementos gleichzeitig ihre Stimmen, ihre Violinen und Trompeten, ihre Vihuelas und Guitarrones ertönen lassen. Gegen diese Kakophonie können und wollen Wachtmeister Delfino und seine Leute nichts ausrichten. Haben sich um genug andere Elemente zu kümmern.

*


 «Comandante, zunächst herzliche Grüsse von Don Javier vom Tenampa.» «Er ist hoffentlich wohlauf», entgegnete Delfino mit einem Zartgefühl, das Hollywood-Filme mexikanischen Ordnungshütern gewöhnlich nicht zutrauen. Wir konnten das gute Befinden des Besitzers von El Tenampa – eines mythischen, übrigens unmittelbar neben der Polizeiwache liegenden Mariachi-Lokals – ohne weiteres bestätigen, hatten wir doch eben mit Don Javier gefrühstückt: exzellente Quesadillas und etliche, etliche Gläschen «Herradura Reposado».

Uns selbst brauchten wir dem Comandante nicht lange vorzustellen. Wir hatten uns seit Tagen an der Plaza Garibaldi herumgetrieben, und unsere Anwesenheit war den für die Sicherheit des Platzes Verantwortlichen um so weniger entgangen, als man hier verwunderlich wenig Fremder ansichtig wird. «Ja, das Image des Platzes ist nicht das beste», räumte der Comandante ein. «Und Touristen, vor allem die Nordamerikaner, sind nun einmal ängstlich.» Dabei sei die Delinquenz in den letzten Jahren um 80 Prozent zurückgegangen. Dreissig bis vierzig Beamte, teils in Zivil, lasse er allnächtlich ausschwärmen. Wir können hier bestätigen, dass die Plaza Garibaldi nachgerade eine Oase der guten Gesittung ist. Nur wer zu Abschweifungen in Seitengassen neigt, hat Grund, an die Möglichkeit des Beraubtwerdens überhaupt zu denken: dem Ruf der Gegend als «Barrio bravo» werden sie noch eher gerecht als der Platz. Dennoch wird er von vielen Tour Operators prinzipiell gemieden, andere lassen ihre Schäfchen allenfalls einen flüchtigen Blick durch die Fenster des klimatisierten Reisebusses werfen. Viel haben die davon natürlich nicht. Die dürren Explikationen einer Tourbegleiterin sind ja wohl kein Ersatz für schmetternde Trompeten und den Schmelz aus hundert Kehlen.

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In der Geschichte der Plaza Garibaldi gibt es wenig Gewissheiten. Über die Herkunft des Namens heisst es, sie trage ihn – circa seit 1921 – nicht etwa zu Ehren des italienischen Freiheitskämpfers, sondern eines in Mexiko gelandeten Enkels desselben, von dem sonst kaum etwas bekannt ist. Der Begriff Mariachi wiederum wird gewöhnlich mit dem französischen mariage assoziiert: weiss gewandet, sorgen Mariachis bei kirchlichen Trauungen bis heute für Stimmung. Doch diese Volksetymologie war zweifelsohne ein Stachel im Fleisch der Mexicanidad. Bis es gelang, eine indianische Herkunft des Wortes – mit divergierenden Lesarten, aber jedenfalls vor der französischen Invasion von 1862 – nachzuweisen. Auffällig übrigens, wie dünn gesät die Literatur zur mexikanischen Nationalmusik, wie man sie wohl nennen darf, etwa verglichen mit dem Tango ist. Der Katalog der Nationalbibliothek enthält zum Stichwort Mariachi keinen einzigen Eintrag; was Bände über diese Bibliothek spricht, aber noch nicht das letzte Wort zum Thema Mariachi ist. Da gab es doch, erinnerte sich ein Kellner im Tenampa, vorzeiten dieses amerikanische elemento, Johnny, der eine profunde Broschüre dazu verfasst habe. Heute natürlich unauffindbar. Ein anderer wusste von einem Kompendium zu berichten, an dessen Entstehung er selbst beteiligt war und von dem es noch ein Exemplar in der Universitätsbibliothek geben müsse. Wir kamen dann mit zwei andern Traktätchen im Gepäck nach Hause. Aber es wäre ja nun nicht am Platz, statt des Panoramafensters der Bustouristen eine literarische Trennscheibe zwischen uns und den Mariachis zu errichten.

Die Kommunikation wurde freilich dadurch erschwert, dass es sich bei den Musikern von der Plaza Garibaldi um eine ziemlich wortkarge Spezies handelt. Drücken sich vorzüglich in vollendeten, etwa von Agustín Lara verfassten Versen aus. Kam dazu, dass sie oft, kaum war man mit einem von ihnen ins Gespräch gekommen, unversehens von den Kollegen zurückgewinkt wurden: «Entschuldigen Sie, aber wir scheinen da gerade eine Verlobung zu haben.»

Einer, der immer Zeit für uns hatte, war Javier Aguilera, der das traditionsreichste Nachtlokal am Platz führt: El Tenampa (Etymologie: schleierhaft. Man glaubt el hampa, das Lumpenpack, herauszuhören.) «Hier trifft sich einfach alles, vom kleinen Ganoven bis zum Intellektuellen, dazu noch ein paar japanische Touristen.» Diese Mischung sei in einem Land, in dem die Oberschicht sich sonst peinlich abschotte, etwas Einmaliges, schwärmte Don Javier und spendierte eine erste Runde Tequila. Er habe das Tenampa vor zwei Jahren von seiner verstorbenen Schwester übernommen, habe vorher als Anwalt für Pepsi und Henkel gearbeitet («alles in Butter», bewies er seine Deutschkenntnisse), sei aber mit der Welt der Mariachis von Kind auf vertraut. Das Lokal war 1923 von seinem aus dem Staat Jalisco gebürtigen Grossvater gegründet worden. Eben aus Jalisco stammten auch die ersten Mariachis, die sich im Distrito Federal – dem D.F., wie die Hauptstadt gemeinhin genannt wird – niederliessen. In den dreissiger und vierziger Jahren gewann der Mariachi, musikalisch wie äusserlich, seine seither kaum mehr variierten Konturen. Zu den Violinen gesellten sich die Trompeten, und der traje de charro, der reich verzierte Anzug des mexikanischen Herrenreiters, gehört bis heute zum Erscheinungsbild. «Es war der Film, der dieses festschrieb und populär machte, namentlich in der Gestalt von Pedro Infante, dem Gardel Mexikos. In manchen dieser Revolverdramen schmettert er seine Schnulzen eben hier, im Tenampa.» Don Javier orderte noch drei Reposados, bevor er uns die Murales, die das Tenampa zieren, erläuterte: eine fabelhafte Kitsch-Galerie längst verblichener Stars.

Wie im Fall des Tangos setzte der Niedergang der Mariachi-Industrie in den sechziger Jahren ein. Zudem fehlte hier ein Piazzolla, ein Modernisierer, der die Musik von ihrem etwas ranzigen Beigeschmack befreit hätte. Dass dem Mariachi kein Revival beschieden war, wie es in den neunziger Jahren vom Tango bis zum Son Cubano und von der Bossa bis zur Salsa fast sämtlichen lateinamerikanischen Genres zu neuer, weltweiter Popularität verhalf, ist wohl nicht zuletzt auf das kreative Erlahmen der mexikanischen Musiker zurückzuführen. Den Tumult, der sich allnächtlich an der Plaza Garibaldi erhebt, verhindert es nicht.

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Garibaldi liegt in einem Handwerkerviertel am Rand des historischen Zentrums. Stadtauswärts schliesst der enorme Mercado Lagunilla daran an. Nähert man sich dem Platz durch die Calle Nicaragua, kann man nur staunen, wieviel im D.F. geheiratet werden muss: Brautkleidergeschäfte nehmen da ganze Strassenzüge ein. Was nicht der Ironie entbehrt, denn das grosse Thema der rancheras, sones, jarabes und huapangas ist und bleibt das Liebeswerben. Der erste Musiker, mit dem wir sprachen, machte es mit dem ersten Satz klar: «Worum‘s hier geht, ist, die Frau mit dem passenden Lied zu betören. Sie einzustimmen oder umzustimmen, das ist die ganze Kunst des Mariachis.» Don Javier ergänzte dieses Statement des Gitarristen Arturo später mit der Information, es gebe freilich auch die sogenannten chanclas. Die chancla ist ein abgetretener Schuh. Gemäss der ranchera: «La chancla que yo tiro/no la vuelvo a levantar.» (Die Latsche, die ich wegwerf/heb ich nicht wieder auf.) Brüsker als mit dem Engagement eines Mariachis und der Bitte, für die Liebste eine chancla zu intonieren, kann man ihr kaum den Laufpass geben. Wobei ihr immerhin der Sänger tief in die Augen blicken dürfte.

An markanten Gesichtern und sonderbaren Figuren ist an der Plaza Garibaldi kein Mangel. So gut gestylt wie der alte Arturo kommt freilich nicht jeder daher. Mit seinem millimetergenau gestutzten Bürstchen über der Oberlippe, der farblich dazu assortierten Plasticsonnenbrille (weiss mit Silberstreifen) und dem falschen Kamelhaarmantel hob er sich wohltuend von den Folkloregestalten um ihn herum ab. Gleich darauf sassen wir in der Bar San Luis und Arturo interpretierte mit seinem Trio den unsterblichen Bolero «Solamente una vez»: Nur ein einziges Mal – und den hatten sie nun bestimmt schon zehntausendmal gespielt. Aber war das nicht gerade das Schöne daran: was sie alles wegliessen, um ihren Gitarren nur noch die Perlen leichthin zu entlocken? An der Theke sass eine Hure in einem goldenen Kleidchen und schrieb seelenruhig an einem Brief. Auf einmal stürmte ein anscheinend hochwichtiger Herr herein und alsbald wieder hinaus, eine Señorita im Schlepptau und von mehreren Leibwächtern umgeben, die dann draussen auf dem Platz, als die Getränke serviert waren und ein Mariachi sich formiert hatte, einen zweiten Halbkreis um das Paar bildeten. Für solche Bilder wird man nachher schon fast blind, weil es ihrer zuviele gibt.

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Wir hätten diesen Artikel gern mit einer eindrücklichen Frauenfigur gekrönt. Aber die Mariachi-Musik ist zu 99 Prozent Männersache, auch wenn es in Mexiko nie an grossen weiblichen Stimmen fehlte: Chavela Vargas etwa oder Lola Beltrán, die an der Plaza Garibaldi mit einem Denkmal geehrt wird, unmittelbar neben dem eines gewissen Méndez Sosa, der Inschrift zufolge Autor von «Cucurrucucu Paloma». Diese Denkmäler, acht an der Zahl, sind freilich kein Ersatz für die Bäume, die 1996 dem Umbau und Einbau eines unterirdischen Parkhauses zum Opfer fielen. Viele trauern auch dem grossen Brunnen nach, in dem sich nachts die borrachos erfrischten, sehr zum Verdruss der Obrigkeit, die ihnen diese Badegelegenheit nun genommen hat. «Früher war der Platz einfach schöner», das bestreitet niemand, obwohl er jetzt autofrei ist; andererseits, seit dem Abriss des legendären Folies, auch offen zur sechsspurigen Avenida Lázaro Cárdenas. Dort wurde die Kundenvorfahrt angelegt, trottoirseitig mit einem Gitterboden, unter dem die Metro vorbeidonnert; dahinter die grosse Pergola, unter die sich bei nassem Wetter – und in der Regenzeit sind allabendliche Niederschläge garantiert – männiglich flüchtet. Da verquicken sich dann die lieblichen Melodien vollends zum Heidenlärm.

Freitag, 22.30 Uhr. Es hat aufgehört zu regnen. Umrahmt vom Mariachi Los Caporales in voller Aktion, steht ein Dodge Ram Charger bei der Vorfahrt, eine junge Dame im hochgeschlitzten Kleid an die Kühlerhaube gelehnt, auf der die obligate Tequilaflasche steht. Der schon reichlich angesäuselte Soupirant und Chauffeur dieser Karosse, der seiner Angebeteten und uns allen aber immerhin dieses Spektakel offeriert, spricht weiterhin dem Herradura Reposado tüchtig zu, notabene unter dem wachsamen Auge eines Beamten aus dem Corps von Comandante Delfino. Kann sich denn hier jeder Verkehrsteilnehmer nach Belieben volllaufen lassen? «Gewiss doch. Solange er keinen Unfall baut.» So wie man nachts ja auch Rotlichter nicht zu beachten braucht – wenn man dabei nicht gerade einen Streifenwagen zu einer Vollbremsung nötigt, wie wir noch am selben Abend erfahren sollten.

Vorläufig gab es jedoch auf dem Platz selbst genug zu sehen. Die hochgeschätzte, hochgeschlitzte Schönheit stimmte inzwischen in die Gesänge des Mariachis ein, was keineswegs ungewöhnlich ist. Viele Leute kommen nicht nur zum Hören, sondern zum Selbersingen hierher. Auch in diesem Fall wird aber einer der Begleitmusiker nach jedem Stück gewissenhaft ein Strichlein auf ein Zettelchen malen: für die Abrechnung. Wer nun denkt, ein alter Gassenhauer wie «Guantanamera» könne gerade einem Mexikaner nur noch ein müdes Lächeln entlocken, der sollte einmal sehen, mit welcher Inbrunst eine zufällig zusammengewürfelte Schar den Refrain mitsingt: das Delirium. Gleich daneben spielen zwei Alte ungerührt eine Partie Dame mit Flaschenverschlüssen. Was uns daran erinnert, dass wir auch wieder mal Nachschub brauchen, diesmal bei einem ambulanten Händler, wenn man denn mit diesem Wort einen Menschen bezeichnen kann, der seine hochprozentige Ware seit 37 Jahren auf demselben Mäuerchen feilhält, «Nacht für Nacht, bis ins Morgengrauen.» Ob er da der rancheras nicht allmählich überdrüssig ist? Ach, die seien für ihn nurmehr eine Klangwolke. Gegen sechs Uhr früh gehe er gelegentlich noch ins gegenüberliegende Tropicana (schöner Saal übrigens), um Salsa zu tanzen.

Die Musiker selbst nehmen in der Regel keinen Alkohol zu sich. Als Alternative bietet sich eine ziemlich eigenartige Erfrischung an: Orangensaft mit Wachteleiern, wie alles in Mexiko mit Salz, Zitrone und Chile zu würzen. Der Mann, der einen Supermarkt-Einkaufswagen entsprechend aufgemöbelt hat, gehört genauso zum Personal des Platzes wie der mit einem Sortiment Sombreros ausgerüstete Photograph, wie die Frau, die Taxikunden bei Regen mit dem Schirm zum Wagen geleitet oder wie die Schuhputzer mit ihren thronartigen Gestellen, auf denen sich die mariacheros ihre Stiefel unter einem von Coca-Cola gesponserten Baldachin polieren lassen. Die seltsamste Attraktion sind aber zweifellos die toques. Das ist ein Aggregat mit zwei über Kabel angeschlossenen Metallstäben, mit denen sich ganze Tischrunden elektrisch aufmuntern lassen. Der Mutigste ergreift die Stäbe, die übrigen fassen sich bei den Händen, der toques-Mann dreht auf: Und dann kichern sie los und zucken herum, während im Hintergrund der Mariachi-Chor «Ay-ay-ay-ay-ay» kräht.

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Zwischen den Mariachis, vor allem den grossen Ensembles, herrscht dauernde Rivalität: als möchten sie sich gegenseitig vom Platz singen, blasen und fiedeln. Und obwohl man meinen könnte, die Musiker kennten einander allmählich, beobachten sie ihre Konkurrenten beim Spiel mit gespannter Aufmerksamkeit. Einen guten Mariachi zu engagieren ist übrigens nicht ganz billig: bis zu 200 Pesos für ein einzelnes Lied, ein einstündiges Rezital kommt demnach auf annähernd 1000 Franken zu stehen. Das heisst nun nicht, dass die Musiker in Saus und Braus leben. «No hay chamba», zu wenig Arbeit, diese Klage hört man oft. Anstrengender als das Spielen sei das Warten. Mit jeden Lied muss sich der Mariachi neu beweisen, und man kann sich ausmalen, was das für eine vierzig oder fünfzig Jahre dauernde Karriere, die nicht über die Plaza Garibaldi hinausführt, bedeutet. Einige wenige schaffen den Sprung in die höheren Sphären der Plattenindustrie, des Fernsehens, der Japan-Tourneen... Garibaldi sei ein Spiegelbild der mexikanischen Gesellschaft, hatte schon Don Javier gesagt. Was er damit meinte, war eigentlich nur: Hoffentlich wird es immer einen mexikanischen Mittelstand geben, der sich für die Geburtstagsparty einen Mariachi leisten kann.

Der Platz selbst ist eine Dreiklassengesellschaft. Im hinteren Teil gehen die Einzelgänger um, die von keinen grossen Ambitionen mehr geplagt werden. Ich erinnere mich an einen Alten mit Federhut, tadellos gebundener Krawatte, der mit seiner Gitarre durch den angrenzenden Mercado San Camilito schlich, wo wir eben die unwahrscheinlich scharfen Gerichte der Küche von Jalisco – Birria, Pozole, Alambre, Tepache – gekostet hatten. Ob wir etwas hören möchten, fragte der Troubadour. Eine Ballade bitte, sagte ich, «Solamente una vez» noch im Ohr. Und dann sang er mit zitternder Stimme, die gegen das Schlagergeplärr von den Fernsehschirmen nicht aufkam, ein himmeltrauriges Lied von einem nach Sibirien Deportierten. «Ach wissen Sie, die wirklichen Balladen sind die russischen. Hier haben wir doch bloss Boleros.»

Wieder andere Musik, andere Stilrichtungen hört man in der Mitte des Platzes. Viele der Gruppen hier sind nicht Mariachis. Da ist einmal die Música Norteña, mit Akkordeon und Schlagzeug – «lüpfig» möchte man sie nennen: schon texanisch beeinflusste «Hudigäggeler», was auch im Tenue dieser Quartette zum Ausdruck kommt: Stetson, Halfter usw. Und da sind die stets ganz in Weiss gewandeten Musiker aus Veracruz, zu deren Instrumenten die Harfe gehört, die bei den Mariachis durch die drei Saiteninstrumente Requinto, Vihuela und Guitarrón verdrängt wurde.

*


Samstag, 00.45 Uhr. Tohuwabohu an der orilla, dem Westufer des Platzes. Der Dodge Ram Charger ist inzwischen mit seiner hochgeschlitzten Fracht verschwunden. Aber eben hat sich der Mariachi Querido México, aufgeboten von einem jungen Mann, der sein Liebesansinnen telephonisch vermitteln will, um eine Sprechzelle versammelt. Auf deutsch würde man wohl sagen, er bringe seiner Liebsten «ein Ständchen». Bleiben wir jedoch für derlei Balz- und Brunftgesänge lieber bei dem züchtigen Ausdruck serenata. Zu bedauern sind alle weiblichen Geschöpfe, denen nie im Leben eine Serenade dargeboten wurde. In Mexiko sind das zum Glück die wenigsten, denn Serenaden gehören hier zur Allnacht.

Auch uns war nun nach einer solchen zumute – einer Allnacht, einer Serenade –, doch mussten wir eingedenk der Telmex-Tarife und der Tatsache, dass in Europa Samstag früh um acht war, auf die telephonische Variante verzichten. Blieb, mangels mexikanischer Mädchenobjekte, nur die Möglichkeit, uns einem einheimischen Schmachtfetzen anzuschliessen. Da! kletterte eben eine Gruppe in den mariachieigenen Kleinbus. Ob es zu einer Serenade gehe? Und ob wir mitfahren dürften? Gewiss doch; nur war in dem Vehikel leider kein Platz mehr. Taxi herbeigewinkt – einen jener grünweissen Käfer, von deren Benützung das State Department nordamerikanischen Bürgern dringend abrät, seit einmal einer als Kadaver abgesetzt wurde –, und los ging‘s: an der Spitze der Kunde, in der Mitte der Mariachi-Bus, hinten wir im Taxi. Der Fahrer nahm seinen Verfolgungsauftrag ernst – so ernst, dass er nach wenigen Kilometern beim Überfahren eines Rotlichts beinahe einen Streifenwagen rammte. Sirenen, Blinklichter, Lautsprecher: «¿Todo bien?» fragte der Beamte lakonisch, bevor er uns auf Waffen abtatstete. «Das sind doch nur Ausländer», versuchte der Chauffeur zu beschwichtigen, denn offenbar argwöhnten die Polizisten, wir seien, und nicht unbedingt als Opfer, in irgendeine Missetat verwickelt. Auf der Rückfahrt – unser Mariachi war inzwischen natürlich in der Nacht entschwunden – durften wir uns die Schilderung der von unserem Chauffeur in seiner bisherigen Taxikarriere erlittenen Verwundungen – Einschüsse, Messerstiche, kleinere Schrammen – anhören. Dieselben Geschichten, die einem jeder Taxifahrer erzählt. So ist der D.F.: gross genug, um alles, auch die Gewalt, als Mythos zu hätscheln.

Wir gaben nicht auf. Die Plaza Garibaldi, und namentlich die orilla, waren so turbulent wie zuvor. Gerade hatte sich der munizipale Abschleppdienst einen in vierter Reihe geparkten Sünder ausgesucht, als der Besitzer des fraglichen Autos im letzten Moment einstieg und davonfuhr, worauf der Abschleppwagen mit der Megaphondurchsage «¡No sea cobarde!» – verdammter Feigling! – die Verfolgung aufnahm, während die Polizei ununterbrochen ihr «¡Aváncese, aváncese!» durchgab, auf dass der Verkehr nicht ganz erliege. Da! waren schon wieder einige Jugendliche aus gutem Haus – man nennt sie fresa, Erdbeeren – mit einem Mariachi handelseinig geworden. Taxi herbeigewinkt, und los ging‘s; aber nur zweihundert Meter weit. Dem Kunden war nämlich eingefallen, dass er das Orchester noch gar nicht zur Probe hatten aufspielen lassen. Schon sprangen die elementos aus ihrem Bus, setzten die Instrumente an, gaben drei fulminante Takte zum Besten – okay: Jetzt konnte es wirklich losgehen. Diesmal wären wir allerdings beinahe mit einem startenden Jet zusammengestossen: Die Serenadenempfängerin lebte in der Nähe des Flughafens. Endlich eine stille Strasse – still so lange, bis unsere elementos vor dem betreffenden Haus das erste Lied anstimmten, alsbald unterstützt von den Juchzern, den Pfiffen, dem Chor der Freundesgruppe. So süss, so lieblich, dass selbst in der Schweiz nur ein ganz herzloser Nachbar die Fenster mit dem Hinweis, es sei drei Uhr nachts, aufgerissen hätte. Aber wo blieb die also Angebetete? Man konnte wohl begreifen, dass sie sich zuerst den Schlaf aus den Augen reiben und sich ein wenig hübsch machen musste, bevor sie sich zeigte. Nun aber drückte einer der Trompeter schon den Trichter seines Instruments an den Briefkastenschlitz und trillerte aus Leibeskräften hinein, als endlich ein Lichtlein anging und kurz darauf eine kleine dicke Liese, die diesen ganzen Aufwand anscheinend für ziemlich normal hielt, unter der Tür erschien. Und dann küssten sie sich. Denn Mexikaner, die können küssen und küssen und küssen, ob ein Mariachi dazu spielt oder nicht.

*


Dann gibt es die Ungeküssten. Zum Beispiel die Frau, die tagein tagaus, Sitcomhelden vis-à-vis, in ihrer winzigen Parterre-Wohnung gleich neben der Plaza Garibaldi Blechnieten auf die Anzüge der mariacheros näht. Früher waren sie aus Silber, diese Zierknöpfe. Dreissig bis vierzig Stück pro Hosenbein.

Diese Frau ist Teil der kleinen Zulieferindustrie der Mariachis. Ihre Spuren finden sich überall im Barrio. Der Nachbar ist Geigenlehrer – versuchte gerade einem Violonisten, der sein Gewerbe an der Plaza seit dreissig Jahren ausübt, schliesslich doch noch die korrekte Haltung beim Musizieren beizubringen. Ab Blatt spielen kann er nicht – wozu auch, wenn er zweitausend Standards im Kopf hat? Ein anderer Schüler dieses Mannes hat es hingegen, via Plaza Garibaldi, zum ersten Violonisten des Symphonieorchesters von Atlanta gebracht. Der Gitarrenbauer Umberto wiederum, der so gemütlich vor seiner Werkstatt an der Calle Perú das Griffbrett einer Vihuela schleift, ist mit diesem Dasein glücklicher als einst, da er als Mitglied des berühmten Mariachi Vargas um die Welt reiste. Wieder andere bringen es nie über den D..F. hinaus: der Hutmacher etwa, der uns die besonderen Qualitäten von Kaninchenhaar erklärte, und der uns die Technik vorführte, mit der die von ihm selbst entworfenen Bordüren aufgenäht werden. Mindestens drei Anzüge hat das Mitglied eines guten Mariachis im Schrank hängen. Den Stoff nennt man hier «casimir», auch wenn er mit Kaschmir nichts zu tun hat, ausser dass er für das Klima viel zu warm ist. «Mariacheros müssen leiden», bestätigt einer der Ausstatter.

In dieser Hinsicht hat es ein Einzelgänger wie Arturo einfacher. Auch ihm fiele es nicht ein, sein Äusseres zu vernachlässigen, und auch er kann sich keinen echten Kamelhaarmantel leisten. Aber der talí, das Händchen, mit dem das Tragband an der Gitarre befestigt wird, ist doch aus Silber und mit echten Zirkonen besetzt.

Samstag, 04.45 Uhr. Zurück in der Bar San Luis. Arturo und vier andere Gitarristen spielen, nur so für sich, einen Bolero nach dem andern. Es wäre zum Heulen schön. Aber man kann sie nicht hören, denn irgendein junger Büffel drückt gleichzeitig an der Jukebox einen grässlichen Schlager nach dem andern. Man hört sie nicht, sie hören sich selbst nicht, und doch spielen sie immer weiter.

 

11. Oktober 2011

Ablenkungs-manöverbericht

In mir wohnt ein Mörder, der es darauf abgesehen hat, meine Zeit abzuservieren. Bei Schlechtwetter benützt er als Tatwaffe jeden erdenklichen häuslichen Krimskrams, und das Opfer weist denn auch alle Merkmale einer langsamen und stümperhaften Erdrosselung auf. Geschickter geht er bei Sonnenschein vor: so perfid, dass meist nicht einmal eine Leiche beigebracht werden kann. In den seltenen Fällen, da sie doch aufgefunden wurde, spielte ein seliges Lächeln um ihren Mund. Dieses perfekte Verbrechen wird gemeinhin Spazierengehen genannt...

Fortsetzung in "Stückwerk, En vrac"

26. September 2011

Transit im Transistor



Ich lief einige Schritte einer Dame nach; nicht um sie einzuholen, sondern eigentlich nur, um ihre pelzberüschte Erscheinung abzulichten. Sie verschwand im Hauptbahnhof von Helsinki und schien mir dort schon entwischt, als ich sie plötzlich auf einer Wartebank in der Halle sitzen sah, kummervoll – oder nur nachdenklich? – vor sich hin blickend in dem monumentalen Bau von Eliel Saarinen, der von außen wie ein überdimensionierter Radioapparat aussieht.
Am folgenden Tag nahm ich eine jener Straßenbahnen, die scheinbar so verlässlich durch Helsinki rascheln – rascheln? mehr als rattern jedenfalls. Ich war ganz im Süden der Stadt, bei einem der Embleme des finnischen Jugendstils, der 1905 von Lars Sonck entworfenen Klinik Eiran Sairaala, in die Elektrische der Linie 3 eingestiegen, die zirkulär verläuft.



Etwa zehn Haltestellen weiter gab‘s Probleme. Der Tramführer stoppte mitten auf der Strecke, an einer Kreuzung, und kam ebenso hurtig wie gemütlich durch das Gefährt gerannt, löste am andern Ende die Bremse und ließ es einige Meter rückwärts rollen, um es dann rechtzeitig, eben als ein Aufschrei durch die Kabine zu gellen drohte, wieder zu stoppen. Oh! Abenteuerurlaub in der Straßenbahn! Dann stieg er aus und versuchte, die widerspenstige Weiche so zu stellen, dass er die vorgesehene Route einhalten konnte. Vergeblich – und also kommentierte er auf japanisch, vielmehr finnisch die missliche Lage (Finnisch klingt ein wenig wie Japanisch). Im Nu verließen die Fahrgäste das Tram und zerstreuten sich in alle Richtungen. Auch ich stieg schließlich aus, unschlüssig darüber, was zu tun sei.
Ging einige Minuten an der Kreuzung auf und ab, überquerte endlich die Fahrbahn, eben als sich die ins Stadtzentrum zurückführende Straßenbahn in Gegenrichtung in Bewegung gesetzt hatte. Warum und wohin hatte sich bloß die ganze Passagierschaft verzogen? Denn nun tauchte ja schon der nächste nordwärts strebende Konvoi der Linie 3 auf. Wahrscheinlich war der Kondukteur über Funk bzw. Nokia bereits über das Weichenproblem informiert worden, denn er hielt vor der Abzweigung und stieg, mit einer Eisenstange ausgerüstet, aus seiner Kabine. Aus der Ferne beobachtete ich, wie er da eine ganze Weile herumhebelte, ehe er wieder einstieg und ich im letzten Moment hinzueilte, um ihn zu fragen, ob er statt der Kurve nun die vorgesehene Gerade nehmen, und ob ich – obwohl es keine Haltestelle war – zusteigen könne. Selbstverständlich, mein Herr!
Das war der Moment, da mir von einem der vordersten Sitzplätze eine pelzberüschte Dame zuzwinkerte. Ich ließ mich, ohne sie weiter zu beachten, weiter hinten nieder. Das Tram folgte seinem Streckenplan, aber schon nach vier oder fünf Haltestellen, am nördlichen Wendepunkt der Route schätzungsweise, lief wieder etwas schief: kleine Ansprache des Tramführers, und die Reihen lichteten sich, jeder machte sich in wer weiß welche Richtung davon. Nur Madame und ich blieben sitzen. Bevor wir gleichfalls ausstiegen, sprach ich sie auf Englisch an, ob sie eventuell wisse, ob und wie es weitergehe. Da erst wurde ich gewahr: es war die Frau vom Hauptbahnhof. Und ihre Antwort war denkbar einfach: »Komm zu mir, für hundert Euro bin ich ganz die Deine!«
Ihr Kummer, die Trauer vom Vortag waren verflogen. Ich sagte dennoch nein; meine Frau warte nämlich am Hauptbahnhof auf mich, und in diesem Augenblick klingelte wie zum Beweis mein Handy, womit der Fall erledigt war. Sie kritzelte zwar noch ihre Telephonnummer auf einen Zettel, aber der Kondukteur – dem sie sich inzwischen gleichfalls anerboten hatte – kündigte schon an, in spätestens drei Minuten gehe die Fahrt weiter. Die Hure stieg an der nächsten Haltestelle aus, und zehn Minuten später schloss mich unter der Antenne – sprich dem Turm – des Bahnhofs von Saarinen dem Älteren lachend meine Liebste in die Arme.

30. September 2010

Und der Verstand streikte fleißig mit

Huelga general in Spanien am 29. September

In der Nacht zuvor kurz nach Mitternacht aus dem Haus. Der Paseo del Born sah aus, als wäre Heiliger Abend, nur umgekehrt: anstatt dass zu dieser Stunde alle Bars wieder öffneten, hatten sie aus Furcht vor den piquetes – den Streikposten – eben mit wenigen Ausnahmen zugesperrt. Auf den Gassen standen die Nachtschwärmer ratlos herum.

Am nächsten Vormittag via Internet verfolgt, was in der Stadt los war. Die Barrikaden, die einige Haupteinfallsachsen unpassierbar gemacht hatten, waren bereits beseitigt worden. Inzwischen lieferten die üblichen Schlägerbanden, die jede Gelegenheit wahrnehmen, um Stunk zu machen, im Stadtzentrum den Ordnungskräften ihre Scharmützel. Ein Video zeigte einen brennenden Streifenwagen. Das Helikoptergeknatter war zwischenzeitlich bis hierher zu hören. Ein Reporter wunderte sich, dass selbst die von Chinesen oder Pakistani geführten Läden, die sich sonst an keine offiziellen Schließungszeiten halten, aus Angst vor den piquetes die Rollläden heruntergezogen hatten.

Gegen abend verließen wir das Haus. Sahen zufällig, dass gerade das Champions-League-Spiel Rubin Kazan-FC Barcelona übertragen wurde. Setzten uns in eine Bar, orderten Gin Fizz, und eben als die zweite Halbzeit anfing, wurden die Bildschirme ausgeknipst, die Getränke kassiert, und alles suchte das Weite, ganz zuletzt dieses Rollstuhlpaar:



Die Avenida del Marqués de la Argentera war für den Verkehr gesperrt, als könnten sich die Straßenschlachten jeden Moment hierher verlagern. Blaulichter überall; doch keine halbe Stunde später ging alles seinen gewohnten Gang. Als wir später ein Restaurant suchten, war indessen wieder oder immer noch fast jedes der Lokale, das uns zugesagt hätte, geschlossen – ob aus Furcht vor den piquetes oder aus Überzeugung, dieser Generalstreik habe seine Notwendigkeit, wissen wir nicht.

Um eine möglichst knappe Analyse nachzuliefern: Eine seltsame Stimmung – sonntäglich, nur mit Sirenengeheul – war bis in die Wohnung spürbar. Als Mahnruf an den den sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero, dessen Politik in den vollkommenen Gehorsam gegenüber den Verursachern der Krise geschlingert ist, war dieser Streik dennoch unvermeidlich. Das Dilemma ist bloß, dass er Zapatero weiter schwächen, von seinem fremdbestimmen Kurs jedoch schwerlich abbringen wird; und die Alternative, die spanische Rechte, wird nach den nächsten Wahlen alles noch schlimmer machen.

22. September 2010

Das doppelte Tanger, darin: Bruderers Fiasko

1

Es war an Bord der »Boughaz«, auf der Überfahrt nach Tanger. Ich hatte die Bekanntschaft der Dame (aus Nizza, unterwegs nach Casablanca) bei der Einschiffung in Algeciras gemacht. Nun saß sie ränkereich, spionageromanwürdig in der Bar und ich lud sie tunlicherweise auf ein Glas ein. »Da Sie sich sonst zu langweilen scheinen...«, gab sie meinem Begehren schnippisch statt. Kaum war die Konversation eingefädelt, wurde mir wirklich öd. Ich hatte mir das Schiff noch nicht angesehen; möge Madame mich einen Moment entschuldigen...

Die »Boughaz« hatte etwas von einem kolossalen, leidlich verwahrlosten Boudoir zur See; noch die Schottennieten erinnerten an Verspieltes, Verworfenes. Falls es die einem derartigen schwimmenden Tingeltangel entsprechende Spezies Passagiere je gegeben hat, dann gewiss nicht die paar Marokkoreisenden dieses Winterabends. An Deck war niemand. Im purpurn schimmernden Dancing saßen drei branntweinselige Gesellen und quasselten, zum Thema Valuta und Weltmärkte, um die Wette: »Chchwässnöch, op Se Goldvreneli kchenne?« krakeelte der eine, ein Fahrgast aus der Schweiz; die Deutschen beharrten auf Krugerrand.

In der Bar war inzwischen der nächste Sinnenmensch der kniefreien Ausstrahlung meiner Reisebekanntschaft erlegen und hatte mit ihr angebandelt. Ein Journalist, Bruderer mit Namen, der ihr, indes sie prüfend ihr in der Hors Taxe Boutique erstandenes Miss Dior versprühte, eifrig die Motive seiner Reise auseinandersetzte. Er sei beauftragt, Tanger als Drehscheibe der Emigration zu ergründen. »Boat people, Schlepper, Dunkelmänner... Halten Sie sich die Lage der Stadt vor Augen: am Schnittpunkt zweier transafrikanischer Routen, von Osten her durch den Maghreb, von Süden her über Lagos, Abidjan, Dakar... Überlebende aller Kriege, Massaker und Hungersnöte des Kontinents raffen sich hierher auf, gewillt, nach Europa überzusetzen. Niemand wird je genau wissen, wieviele von ihnen bereits in dieser Meerenge« – er deutete in irgendeine Richtung, zumal das Meer uns auf allen Seiten umgab – »elendiglich ertrunken sind.«

Madame gähnte, schlang ihr knisterndes Hermès-Foulard um die Schultern und bemerkte, backbord rückten die Lichter der Stadt näher. »Tausend Tote, laut einer Schätzung des Monde diplomatique«, ergänzte der Reporter und leerte seinen Gin Tonic. Im Gedränge bei der Gepäckausgabe verloren wir uns aus den Augen. Das Portierskollektiv kam blaugeschürzt und mit Wollkappen angetan aus einem Kabinengang getrabt und ich sah nur noch, wie sich einer von ihnen in diesem albernen Aufzug der beiden voluminösen Koffer der Dame aus Nizza annahm.

 

 

2

Ich habe sie nicht wiedergesehen (sie stieg im Intercontinental ab); Bruderer hingegen (der mit dem Continental Vorlieb nahm) begegnete ich bereits am nächsten Morgen im Café de France. »Das kann ja heiter werden«, sagte er. »Ich bin schon mal fast nicht an Land gekommen!«

Er hatte es eilig, seine Geschichte loszuwerden. »Wie sind bloß«, wollte er wissen, »all die andern Fahrgäste zu ihrem Einreisestempel gekommen, der mir am Zoll gefehlt hat?« Ich äußerte die Vermutung, er sei in sein Gespräch mit der Dame sosehr vertieft gewesen, dass er die Zöllner und die Zöllner ihn übersehen hätten. Er nickte beschämt. Jedenfalls, während alle andern Fahrgäste längst von Bord gegangen wären, sei er dort über eine Stunde zurückgehalten worden und seine prächtigen Vorsätze betreffend Geduld und entschlossenes Auftreten seien allesamt bereits bei der Ankunft über den Haufen geworfen worden. Der bewusste Stempel sei nämlich nicht mehr aufzufinden gewesen. Bis endlich einer, als schwenke er eine Trophäe, damit an ihm vorbeigetrabt und gleich wieder verschwunden sei, worauf es eine weitere halbe Ewigkeit gedauert habe, ehe ihm sein gestempelter Pass ausgehändigt worden sei, eben als er in seinem aufgestauten Ärger am liebsten die Rückreise angetreten hätte. Sofort habe jedoch ein Dienstmann, écrivain public laut der Plakette auf seinem Revers, seinen Koffer ergriffen und sie seien an Land gegangen; allerdings nicht weiter als bis zu einem Tor, wo ihnen im diesigen Licht der Hafenscheinwerfer ein Uniformierter, ein wahrer He-Man mit seinem knochigen, von einer fabelhaften Mütze beschatteten Gesicht, gebieterisch den Weg versperrt und sich erst nach ausdauernder und reichlich unwirscher Diskussion mit dem écrivain public bereitgefunden habe, sie gütigst hinaus- bzw. hereinzulassen. »Dabei ist ausgerechnet und ironischerweise«, fügte Bruderer hinzu, »mein Kontaktmann in Tanger ein gewisser Bachir, Chef des Douanes du Port. Wer weiß, ob es nicht der Scherge selbst war. Mir war freilich nicht danach zumute, meine Recherchen unter so misslichen Umständen aufzunehmen.«

 

 

3

Tanger spielte mir seine Doppelfratzigkeit vor. In der Medina zuerst: Irreführerisches, von plötzlichem Getuschel durchstreiftes Labyrinth, das unversehens wieder in eine der bettlergesegneten und bazarverschlackten Touristentraufen mündet. Später, vom Gebirge des Barrio California aus, blickte ich zwischen weit verstreuten, hochumfriedeten Villen auf das weiß auf weiß flirrende Kaleidoskop zurück: geometrische Delirien, nischen- und lukenlöcherige Parallelepipeden, Würfel, Prismen; Minarette. Ein andermal kam ich nach Casa Barata, gerade als Schulschluss war: nie zuvor habe ich eine so bestürzende Menge Kinder gesehen, wimmelnde Zukunft. Auf einem Grat standen Schafe, bereit zur Schlachtung, die Szene gehörte schon zum Markt, der in einem wabernden Staubschleier, unerforschlichen Gesetzen gehorchend, weit über wildbuckliges Gelände ausgebreitet lag: Schrottkonglomerate, Safranhalden, Rezitativ eines Wunderheilers, härene Gewänder, und gleich neben diesem vielfältigen Treiben eine Geisterstadt, die einförmige Gemeindeanlage mit ihren endlosen Reihen verriegelter, leerstehender Buden und Werkstätten; wer vermöchte schon Miete zu bezahlen. Geschwind flicht und frisst sich so Tanger um seine topographischen Fügungen, über sein Hinterland. Und zwischen der Medina und den im Westen sehr reichen, nach Südosten hin armen Auslegern, die Stadtmitte mit ihren trügerischen, Europa vorgaukelnden mehr als wirklich seine Lebensart erweisenden Geschäftsstraßen.

Das war nicht mehr die undurchsichtige, wiewohl überschaubare urbane Faktorei für Machenschaften und Ausschweifungen, wie sie die Literatur anbietet, ja nicht einmal die kleine, hybride, höchst leistungsfähige Raffinerie zur Schärfung oder zur Edeltrübung gewisser Bewusstseinslagen. In den frühen fünfziger Jahren, den letzten des internationalen Tanger, machten Europäer die Hälfte der Bevölkerung aus. Heute bleibt nur ein winziger Bruchteil davon. Kosmopolitisch abgehalftert (selbst Strandtouristen wirken wie Verirrte), und das vorletzte Gebrabbel verspäteter Kolonialexistezen, bevor alle Fremdsprachen von Berberdialekten und der arabischen Hochsprache ausgebootet werden. Ort voller Nachwehen, Epigonin ihrer selbst und gleichwohl, paradoxerweise, kein Ort der Wehmut. Vielleicht war auch die Vergangenheit nichts weiter als ein Deal.

Tanger der Goldesel, mit karthagisch-römisch-arabischem, weiter portugiesisch-englischem, undsoweiter, Stammbaum, nebenbei durch eine Reihe Nachrufe zu Lebzeiten, Werke von Rang dabei, literarisch geadeltes Renditeobjekt in bevorzugter Lage. – Bruderer sah sich die Stadt jetzt unter diesem Gesichtspunkt an: als Umschlagplatz. Handel mit Drogen und mit Menschen, fatalerweise den zur Zeit einzigen Waren, die vom freien Spiel von Angebot und Nachfrage ausgeschlossen sind, bei denen kein wirtschaftlich noch so liberaler Staat auf die selbstregulierenden Kräfte, auf jene Vernunft des Marktes vertraut, auf die man sich sonst so gern beruft. Schmugglerhochburg und Schieberheimstatt, Schlupfloch ins Abendland, Vorposten der clandestins, der Illegalen... Tanger-Tarifa, 13,7 Kilometer: das spanische Ufer ist aufreizend nahe. Eine giftige Narbe, so hat es der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo im Groll auf seine Heimat genannt, nachdem er in umgekehrter Richtung emigriert war. Aber diesen Küstenstreifen in Tanger täglich vor Augen zu haben, kann auch eine Verheißung sein. Wer will, der mag in jedem Asphaltspucker den nächsten Auswanderer sehen, einen, der nur darauf wartet, eines Nachts seiner eigenen Bummelei und einer dumpfen Aussichtslosigkeit zu entrinnen.

 

 

4

Der Reporter ließ sich gerade von einem Fremdenfänger in eines der Nachtlokale verfrachten, die früher für Tangers guten schlimmen Ruf zuständig gewesen sein mochten. Schon von weitem hörte ich ihn zetern, weil ihm gleichzeitig, während er seinen unerbetenen, höhere Entlöhnung heischenden Cicerone beschwichtigte, ein missratenes Kind ein Bein stellte. Galgenstrick, du! halbwüchsiger Laffe! – »Und wo hast du dir deine Frisur geholt?« fragte ich den Bedauernswerten, denn sein Haupt zierte jetzt eine blamable, wie soll man sagen, Antizyklon-Tolle. »Jener Nacht-Barbier, vorhin«, knurrte er. »Nebenbei kneten sie dir das Gesicht durch, dass man sich bei einem narkosefreien Lifting wähnt. Soso, die Wohltaten Arabiens!«

Das Etablissement war auch nicht dazu angetan, ihn milder zu stimmen. Tausendundeine Nacht, nur roch der Koutoubia Palace nach Lauge und war so gespenstisch leer, dass man in der einhelligen Erstarrung gleichsam zeitverschoben, fern dort auf der Bühne als wie einen Spuk, die Combo erblickte, deren betäubendes Schrillen bald abbrechen sollte: Pause. An der Theke schmollten zwei gefallene Mädchen; an Bruderer nagte ein anderer Kummer. Seine Reportage sei ein Fiasko. Halb so wild, dieses Tingis-Tanja-Tanger; de facto herrsche der Belagerungszustand. Marokko sei bekanntlich letzten Herbst, im Anschluss an das spanisch-französische Gipfeltreffen, unter Druck gesetzt worden, dem Unwesen des Menschenschmuggels einen Riegel vorzuschieben, diesem sehr alten, nun jedoch grassierenden und von Europa mit zunehmendem Missbehagen beobachteten Phänomen, zumal grausig verunziert durch die reihenweise an die andalusischen Strände geschwemmten Leichname verunglückter Passagiere. Eben jener gewissenlos von Schlepperbanden auf jämmerliche, zum Kentern prädestinierte Barkassen gepferchten Auswanderer, deren Luftschlösser sich ins Massengrab der Straße von Gibraltar verwandelt hätten. Hassan II. habe geschaltet, und wenn der König gebiete, es lege kein Kutter mehr ab, dann lege in Gottesnamen keiner mehr ab. In Tanger spiele ein neuer, über Nacht von Haus zu Haus berüchtigter Polizeichef, Colombo bespitznamt, den wilden Mann, den frisch berufenen Zuchtmeister. Die Küste in ihrer ganzen Länge werde von mehreren tausend eigens abkommandierten Soldaten überwacht, womit gleichzeitig, zur Genugtuung der Europäer, der Drogenhandel erschwert werde; mindestens ein Viertel des in Europa konsumierten Haschischs stamme nämlich aus Marokko. Er, Bruderer, sei heute per Taxi zum Kap Malabata hinausgefahren und an den Strand zu einem der urzeitlich anmutenden Camps hinuntergestiegen, wo die Meeresbreiten nach verkappten Ausreißern und Schleichhändlern abgesucht würden. Von den vermummten, feldstecherbewehrten Soldaten sei er, wie anders, abgewiesen worden. »Pas de photos«. Secret militaire. Überhaupt komme er sich mit seiner Kamera hier wie ein öffentliches Ärgernis vor. Ein photoscheues Volk, diese Marokkaner; sicher aufgrund des Bilderverbots im Islam, sofern es nicht sogar darauf zurückzuführen sei, dass sich die Mohammedaner vom Westen sowieso verschaukelt fühlten. – Wie dem auch sei, ihm werde sein Auftrag allmählich zur Last. Allenthalben ein Leerlauf. Mal für Mal der unvermeidliche, ach so bedeutsame männliche Händedruck, und umso dürftiger dann die Auskünfte der Leute. Aus der Kolonialzeit, dies nur nebenbei, seien den Marokkanern anscheinend ihre Sprachkenntnisse weniger geblieben, als die Untertanen-Unart, solche zu heucheln.

Unsere Verständigung litt auch, seit das infernalische Musikgeplärr wieder eingesetzt hatte. Wir wechselten die Bar, und Bruderers Bericht nahm seinen Fortgang. Ein roher, gebieterischer Wind habe an der Küste geweht. Er habe im kalten Grimm dieser Böen, eine jede nachdrücklich wie ein Ultimatum, einige Charakterspuren Tangers gefunden. Der Mensch werde einfach verrückt in diesem Gebraus, rein durch den Fanatismus, die blindwütige, ausdauernde Meuterei der Luft. »Im örtlichen Irrenhaus sollte ich mich umsehen, da lauert vielleicht der Scoop schlechthin. Wenn dann auch«, gab schon gleich seine im voraus gekränkte Berufsehre zu Bedenken, »immer schon einer vorher dagewesen sein wird. Und Narren haben wir eigentlich in der Medina zur Genüge.«

Bruderer verhaspelte sich in seinen eigenen Gedanken und ich lenkte ihn auf sein Thema zurück. »Nun muss ja ein neuer Typus des Tangérois im Entstehen begriffen sein, der anté-clandestin oder im Vorstadium, an Land nämlich steckengebliebene, unvollendete Auswanderer. Die tappen jetzt wohl hier im Dunkeln.« »Aha«, sagte er dunkel. »Medina, Tollhaus und Beinhaus in einem.« »Wie meinst du?« Und von neuem begann mit schleppender Stimme der Zeitungsmensch zu referieren. Es wären einmal, in Razzienserien, die einschlägigen Pensionen samt und sonders dichtgemacht worden. Colombos Männer hätten den Petit Socco genommen, wo die Schieberei, der infame Wucher mit Drang und Not konzentriert gewesen wären. Der Wandertrieb: participation mystique. Hier seien es in der Mehrzahl Maghrébiens gewesen; zu einem Viertel auch Schwarze, aus Kamerun, Senegal, Mali; Äthiopier et cetera. Alles um den Petit Socco versammelt. Auftritt die Obrigkeit, schwupps sei er ausquartiert, der schwarze Mann, und in der Versenkung verschwunden. Ob ich hier auch nur einem dunkelhäutigen Menschen begegnet sei? Er habe in einem peripheren Stadtteil einen aus Togo getroffen und angesprochen, ihn jedoch mit seinen naseweisen Journalistenfragen nur eingeschüchtert. Die Schwarzen hätten auch allen Grund zur Vorsicht. Denn wer nicht das Privileg gehabt habe, vom Fleck weg abgeschoben zu werden, der sei mit seinesgleichen in einem Internierungslager gelandet, in Tangers alter Stierkampfarena. Der Torwächter dort, der ihn für einen Anwalt von Amnesty International hielt, sei allmählich aufgetaut und habe ihm kaugummikauend und gewissenhaft die Haftbedingungen genannt: eine Stunde Arena, 23 Stunden Verlies. Zur Zeit seien 150 Häftlinge da, darunter sieben Frauen, immer laut dem schwarzledernen KZ-PR-Mann; in der Stadt habe er zehnmal höhere Schätzungen gehört. Heute gerade, so wieder der Büttel, sei ihnen das nächste Kontingent, vierzig aus Spanien abgeschobene

Männer, in Aussicht gestellt worden, eh bien. Im Frühling gehe es dann wieder hoch her, Fez und Frohsinn im Palais des Congrès, als der diese Arena gleichzeitig diene. Unten werde gefeiert, und die Neger oben könnten dem Allotria lauschen, so habe er ihm die Hackordnung der Völker verdeutlicht.

»Warst du drinnen?« – »No way. Marokko hat zwar in Sachen Menschenrechte keinen besonderen Ruf zu verlieren, aber das hier riecht sowieso nach diplomatischen Scherereien. Nicht präsentabel, auf jeden Fall. Und seltsam, da steht man direkt vor diesem jüngst geschaffenen KZ. Sieht nichts, hört nichts, die Wache feixt und der pflichtgetreue Journalist in dir lockfummelt diskret an seiner Brieftasche, um doch vielleicht noch wolkigen Blick auf Karzerbrüder werfen zu dürfen. Abgebrochener Eintrag.« Bruderers Moral war hin. Das sei alles längst durch die Presse. Später zwar, sofern sich die Vorheimlichen, die anté-clandéstins, wie ich sie nannte, in Tanger immer weiter stauten, und wenn erst die Metamorphose der Stadt vom Brückenkopf in einen Wasserkopf abgeschlossen sei: dann werde es Zeit für ihn, wiederzukehren.

»Doch die Zeit in Tanger ist unberechenbar«, fuhr er fort. »Zwei Tage sind wie zwei Wochen, und zwei Wochen, wer weiß... Heute ging es mir durch den Kopf, Colombo den Scharfmacher zu interviewen. Aber dann überlegte ich, wie lange ich nur schon auf das Placet aus Rabat warten müsste, bloß um mich von einem Polizeichef zum Narren machen zu lassen.« - »Und warum nicht von einem hohen Herrn der Gegenseite?« - »Welche Seite der Gegenseite? Haschisch oder Heimliche? Die Drahtzieher sind alleweil dieselben. Drogen sind der fettere Happen als ausgemergelte Flüchtlinge, nehme ich an. Aber das Barkassenbusiness war auch nicht zu verachten, solange es auf Hochtouren lief. Zeitweise kletterte der Fahrpreis für die Vabanque-Überfahrt auf tausend Dollar; da ist die Million im Nu gescheffelt. Als legaler Passagier, auf der ›Boughaz‹ zum Beispiel, schippert man für 5000 Peseten über die Meerenge.« – »Du bist lebensmüde: willst deine Nase in die Angelegenheiten dieser Mörderbanden stecken, bloß um herauszufinden, dass in der Garage des Erzhalunken eine Menge dicker Autos stehen? Dass er feine Zigarren raucht und im übrigen einen schrecklichen Geschmack hat? Schaff dir, das ist vorsichtiger, einen Coffee-Table-Band über Tangers Villenkultur an, wenn du den Lebensstil sehen willst, die ganzen lambrequin- und bibelotstrotzenden Gemächer, manche fast so überladen wie die Barkassen, an denen sich dein möglicher Mörder gesundgestoßen hat... Zugegeben, auf dem Bild fehlt der Erzhalunke. Aber wen interessieren schon Erzhalunken?«

 

 

5

Nur nicht wankelmütig werden, nur nicht in unserer Ratlosigkeit zu Paul Bowles pilgern, dem Tanger-Faktotum und etwas morsch gewordenen Idol der Demi-Bohème. »Ist es nicht schleierhaft, wie ein Mythos entsteht? Die ganzen Beatniks, deren gefeiertes Relikt Bowles ist, zog es einiger Ingredienzen wegen hierher, die aus heutiger Sicht doch eher trivial anmuten. Tanger war billig, verkifft und knabenliebreich. Marokko war für sie lediglich Staffage, die Marokkaner hatten mit der Rolle des Packesels oder Leibjägers Vorlieb zu nehmen. Kif und Knaben sind noch da, aber die Aura ist hin«, fasste Bruderer auf dem Weg in die Bar Carrousel einige seiner Aversionen zusammen. Wir waren mit dem durch seinen Lebensbericht »Das nackte Brot« bekanntgewordenen Schriftsteller Mohamed Choukri verabredet. »Vielleicht kommen wir so auch noch zu unserem Bowles, nur dass er ein Berber ist.«

Aber Choukri, von dem sich Bruderer ich weiß nicht was erhofft hatte, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er nippte schon morgens um elf an einem Gin Tonic und behielt seine Ansichten zu allen politisch heiklen oder religiös kompromittierenden Themen lieber für sich. Dafür kamen wir dank ihm zu einem netten, clandestinfreien Nachmittag. Und zu der unangenehmen Erkenntnis: Die Meinungsfreiheit wird in Marokko so arg malträtiert, dass die Zensur schon in den Köpfen stattfindet.

Was wir später im Gespräch mit dem Herausgeber der »Nouvelles du Nord« bestätigt fanden. Jamal Amiar ist ganz das Gegenteil von Choukri: engagiert, nervös, nüchtern. In ihrer Kargheit und improvisierten Ärmlichkeit erschienen die Redaktionsräume fast pathetisch. Hier schürft ein Gehirn in der fürchterlichen Grube, im Bergwerk der Informationen, um ans Licht der Öffentlichkeit zu fördern, was es zur Wahrheit Tangers redigiert hat. Wer die Probleme erst in ihrer Vielschichtigkeit kenne, sagte Amiar, dem würden sofort die Hintergründe der Auswanderung klar. Beispiele gefällig? Er nannte die Dürre. Kein Tropfen Wasser, bis auf ein paar restriktionsfreie Stunden, das sei in Tanger die Regel. Sollte weiterhin kein Regen fallen, reichten die Trinkwasservorräte der Stadt gerade noch für 45 Tage. Und dann das Drogenproblem. Womit nicht der Schmuggel gemeint war – das sei wieder eine andere Geschichte –, sondern der Heimkonsum. Jährlich 16’000 Drogenpatienten in ambulanter Behandlung. Über unsere anté-clandestins wusste er nichts Neues zu berichten. In einer Stadt, die offiziell 400’000, in Wirklichkeit über eine Million Einwohner habe, träten sie kaum in Erscheinung. »Die Probleme häufen sich, und gleichzeitig setzen sich die fähigen Köpfe nach Europa ab. Marokko geht wie andere Länder am brain drain kaputt.«

Wir trafen Choukri wieder, und er war von seiner trunkenen Warte aus auch nicht gut zu sprechen auf einige seiner Kollegen, die sich in Paris oder Madrid über die marokkanische Realität ausließen, obwohl sie jeglichen Kontakt dazu verloren hätten. Sich selbst nach Europa abzusetzen, daran verschwende er keinen Gedanken, habe er sich auch manchmal auf die Zunge zu beißen, wenn er, wie Männer in Tanger zu tun pflegen, die Zeit im Kaffeehaus verstreichen lasse.

 

 

6

Wir entschieden uns für La Española, der Frauen wegen, denn aus den meisten andern Cafés sind sie verbannt; hier kann man sie ihren thé à la menthe sippen sehen. Am späteren Abend, im verbindlichst verstaubten Guitta's, wurde Cognac nachbestellt: es war Bruderers letzte Nacht. Die einzigen weiteren Gäste, ein französischer Päderast mit seinem Jüngling, waren längst gegangen; die Wirtin legte eine Patience und hörte die BBC-Nachrichten. Nach Mitternacht waren die Straßen verödet. Das Taxi machte umständlich kehrt. Ich machte die Möglichkeit eines Bordellbesuch geltend, was in Tanger, wo es in besseren Tagen Häuser mit Frauen aus 27 Ländern gegeben haben soll, ohnehin zu Bruderers journalistischen Pflichten gehöre. Er zierte sich auf seine gewohnt sarkastische Art und spielte noch, als wir dort eingetroffen waren, in der Damenwelt den Verächter. Wiederholt musste ich ihn auf die hübsche Holde im Chanel-Hemdchen hinweisen, bis er sich bequemte, mit ihr ein Bier zu trinken. Indessen ließen wir uns zu viert auf einer Eckbank au premier nieder, ein sardonischer Sekundant lieferte Kif, Bruderer und ich lächelten uns halb entgeistert zu; sie hatte sich seiner Sinne bemächtigt. Und die Zeit lümmelte mit. Da auf einmal baut sich eine kolossale Schattengestalt, natürlich mit Bajonett und Schirmmütze, stumm glotzend vor uns auf. Die Mädchen und unser Gehülfe erschauerten geziemend, und Asia tuschelte an meinem Ohr: Es sei mir gewiss eine Ehre, dem capitaine einen Whisky zu spendieren. Ich billigte es gelächert, der Bolgermann verschwand. Als nun aber auf einen Schlag zwanzig weitere Biere an den Tisch gebracht wurden, hieß es dennoch schleunig aufbrechen, um Schlimmeres zu verhüten. »Schon wieder Schiffbruch«, klagte Bruderer auf der kalten Strasse, so allein.

 

 

7

»Au weia« - sprach er arabisch? -, hob der Reporter am Morgen vor seiner Abreise an. »Die Stadt des schmählichen Endes.« Ich grinste ihn an: »Du hast nicht das Zeug zum Reporter. Weil du die Menschen nicht magst. Ihre Überlebensstrategien, die Darstellung ihres Daseinskampfs befremden und beelenden dich nur.« Er nickte feierlich: »Das Tosen aus dem Abgrund zwischen mir und den Dingen, die sich da draussen abspielen. Entweder, dieser abgründige Rauschen ist auch mein Thema, oder ich versauere zum Journalisten, der nicht schreibt, was er gesehen, sondern aufgelesen hat: Kolportagen, nicht Reportagen.«

Aus dem Fernseher prasselte Beifall, wieder und wieder; irgendeines der spanischen Programme, die seicht und unausrottbar über alle Bildschirme Tangers flimmern. Bruderer: »Sie fressen sich gegenseitig auf, die Bilder und die Zuseher. Einer nach dem andern lassen sich die Stämme zu kulturellen Müllschluckern degradieren. Schau selbst: Die in Spanien sind selig, dass man sie als ›wertes Publikum‹ ins Studio gebeten hat, und halten mit der größten Begeisterung als Claque für diesen Müll her; und die in Marokko löffeln sich denselben Bockmist taub und wie gelähmt mit ihrer Suppe ein. Auf der eigenen Frequenz ist fast immer Sendepause. Die Werbung, sagt Enzensberger, die in den reichen Ursprungsländern mühelos als schlichtes Zeichensystem begriffen werde, gelte in den Ländern der Dritten Welt als zuverlässige Beschreibung für eine mögliche Lebensweise. Ende des Zitats. Den Köder haben wir selbst ausgelegt. Der Westen sondert den Pesthauch ab und wundert sich, dass Aasgeruch zurückweht. Und dabei sind wir auf die Heimsuchungen der Dritten Welt, auf Blutbäder, Dürrekatastrophen, Sturmfluten und Vulkanausbrüche, nachgerade süchtig, mithin auf fortgesetzte Unheilsproduktion angewiesen, nur schon damit unsere eigene Mitleids- und Rührseligkeitsproduktion weiter angekurbelt wird.«

Bruderers Geist stocherte sich aus dem Weltinferno ins afrikanisch-europäische Nadelöhr zurück. »Ein guter Ort für Paranoiker, dieses Tanger. Nimm meinen Fall, angefangen bei unserer Reisegefährtin aus Nizza. Hatte die nicht, bedauerte ich nachträglich meine Schwatzhaftigkeit, einen verdächtigen Stich ins Lockspitzelhafte? Kaum angekommen, hechelte es auch schon auf der Straße hinter mir her: ›Salam aleikum, journaliste!‹ Diese Stadt ist gespickt mit Spähern und Greifern, von Denunzianten und Zwischenträgern jeglicher Herkunft befallen. Im Flüsterton zu sprechen, ist erstes Gebot; redete ich einmal lauter, so wurde mein Leichtsinn umgehend von dem jungen Studenten, der mir gelegentlich als Guide und Garde diente, mit nervösen Blicken nach links und rechts quittiert. Dieser Junge hatte mit mir eine richtige Pechsträhne. Einmal wurde er ohne Federlesens verhaftet und auf der Wache sehr unsanft angefasst. Ein andermal wieder von einem mit resoluter, Fleisch gewordener Autorität auftretenden Zivilfahnder wortlos gefilzt. Gestern treffe ich ihn in heller Aufregung an: Ob ich mich an den Tunichtgut erinnere, der sich gestern in der Rue Siaghine so aufsäßig gebärdet hatte? Nun, von dem habe ich nichts mehr zu fürchten, er sei vorhin auf dem Petit Socco von der Polizei erschossen worden. Er selbst schien ein Ausbund von Tugend, fleißiger Student, der sich ein Zubrot verdient, und doch mit dem Gelichter in der Medina auf vertrautem Fuß. Wie immer er dieses Dilemma bewältigt, eine große Zukunft hat er in Tanger nicht. Über kurz oder lang wird er sein Bündel packen.«

»Was ist eigentlich aus deinem Kontaktmann Bachir geworden?« – »Den habe ich abgeschrieben. Was sich da tagsüber an geschäftigem Mannsvolk im Hafengelände herumtreibt, ein Kommen und Gehen, und jeder zweite mit dem Gehabe eines ›Chef des Douanes du Port‹; mir wurde schwindlig. Und keiner kannte einen Bachir.«

Er schien erleichtert, dass es vorbei war. Wenn auch der Zweck der Reise ein anderer gewesen wäre, so entbehre es nicht der Ironie, dass er hier am eigenen Leib den ganzen Überdruss, die Lethargie und Ausweglosigkeit erfahren habe, die nebst allen handfesteren, leichter nachvollziehbaren Gründen halbe Völkerschaften zum Aufbruch bewege. Ich prophezeite ihm, schon heute abend in Algeciras werde er das Getändel Tangers vermissen. Vergessen haben werde er es, entgegnete er; wenn es ihn auch beschäme, den Geheimnissen Tangers, zumal sie sich ihm nicht enthüllt hätten, die erstbeste, banalste Stadt Spaniens vorzuziehen.

Es fing an zu regnen, nach langer Trockenzeit. Er holte seinen Koffer im Continental und fuhr durch die falben Straßen zum Hafen.

 

[Februar 1993]