Über die Ästhetisierung des Lebens in Japan
SIE KOMMEN IN TOKYO AN und haben das Glück, am Flughafen einen Lokalzug zu erwischen. Es ist neun Uhr morgens und augenblicklich macht Ihr Japanbild – die Idee, die Sie sich von den Japanern machten – eine Pirouette. Haben Sie eine homogene Masse erwartet, ein Volk von lauter Angepassten? Was Sie frappiert, ist gerade die Differenz, die Andersartigkeit auch dessen, was Sie als verwestlicht empfinden. Japan hat die ganze abendländische Moderneerfahrung synthetisiert und daraus etwas Neues, auf unentwirrbare Weise mit seiner eigenen Ästhetik Vebundenes gemacht.
Und dann gibt es in diesem Waggon eine Typenvielfalt, die Sie an japanischen Touristen nie wahrgenommen haben. Sehen Sie diese träumende Dame, edel, die Hände über dem Knauf ihres Regenschirms gefaltet. Wobei es natürlich gar kein Knauf ist, sondern vielmehr ein elegant geschwungener Griff, sachlich wie der schwarze Glanz ihrer Haare, dieser skulpturalen Coiffure, die ihren diaphanen Teint umrahmt. Und daneben diesen Bauernlümmel, oder die beiden Gecken, die kurz nach dem Flughafen zugestiegen sind. In ihren schlotternden dunklen Designeranzügen aus feinstem Zwirn, jeder mit seiner grellbunten Krawatte von einer Breite, wie sie eigentlich nur einem amerikanischen Fernsehprediger ansteht, scheinen sie direkt aus dem nächtlichen Lotterleben in ihre Karrieren gestartet bzw. umgestiegen zu sein. Jetzt löst der eine seine Halsbinde und legt sie in sein exklusives Alu-Case, holt eine andere, schmalere sowie einen Spiegel hervor und fängt an, seine schulterlange Mähne zu kämmen. Kämmt und kämmt und kämmt sich, wie hypnotisiert durch sein Spiegelbild. Und dann steigt er an derselben Haltestelle wie der Bauernlümmel und die Edeldame aus. Nie werden Sie erfahren, wohin es diese Stadtnomaden trieb.
DIE LUST AN DER OBERFLÄCHE ist überall. Sie ist im Essen. Sie ist in den Neonkaleidoskopen der Städte. Sie war schon in dem kleinen Wunderwerk der Fahrkarte, die Sie am Flughafen gelöst hatten. Man sollte Blinde nach Japan schicken und sie über ihre Erfahrungen mit japanischen Texturen berichten lassen. Sie könnten zum Beispiel die weit über 2000 Zeitschriften, Buy micardis online die jedes denkbare Marktsegment (einst Hobby genannt) abdecken, daraufhin überprüfen, wie verführerisch sie sich anfühlen. Fast schmerzhaft deutlich aber wird die Lust an der Oberfläche in der Sorgfalt, die Japaner auf ihr Äußeres verwenden. »So Hip It Hurts«, betitelte Time eine Story über Japans junge Modeschöpfer. Dass Snobismus ein Massenphänomen sein kann, das werden Ihnen nun Tokyos Strassen vor Augen führen.
ABER WAR DA NICHT von einer Krise die Rede, von einer seit 1991 anhaltenden Konsumunlust, deretwegen sich Politiker und Ökonomen hintersinnen? Die auch Europas in den achtziger Jahren auf dem japanischen Markt gemästete Luxusindustrie zu spüren bekommt? »Kein Ende von Nippons Elend in Sicht«, an solche und ähnliche Schlagzeilen haben Sie sich gewöhnt. Und nun spazieren Sie über die Trottoirs von Aoyama-dori und wähnen sich auf einem Laufsteg. Der Chor der Kleider: nirgendwo haben Sie den letzten Schrei je so vielstimmig, so harmonisch vernommen (einige schrille und surrealistische Obertöne inbegriffen). Sie schauen beschämt an sich herunter und denken: Trage ich denn nicht auch eine Armani-Hose, wiewohl aus dem vorletzten Ausverkauf? Eben.
SCHON 1990 HATTEN 99 PROZENT der japanischen Haushalte Farbfernseher, Kühlschrank und Waschmaschine, 63 Prozent eine Klimaanlage, 34 Prozent eine Golfausrüstung. Bei solcher Marktsättigung musste die Binnennachfrage ja wohl vorübergehend stagnieren. Aber weder mit Steuerermäßigungen noch mit Konjunkturspritzen gröbsten Kalibers gelang es der Regierung bisher, das japanische Volk wieder in den guten alten Kaufrausch zu versetzen. Lieber bleibt es auf seinen Ersparnissen – in Weltrekordhöhe – sitzen. Kann es eine schlimmere Nachricht geben als negative Wachstumsraten? Was nun das Kabinett sogar zu der vielbelächelten Maßnahme bewog, Einkaufsbons im Wert einiger Tamagochis an die Bürger auszugeben, um den privaten Konsum anzukurbeln. Wirtschaftstheoretiker mögen darin einigen Stoff zum Nachdenken finden; auch wenn es auf den ersten Blick keine dauerhafte Lösung zu sein scheint, die Leute dafür zu bezahlen, dass sie kaufen.
Seit die Blase der Grundstückpreise 1991 platzte und die japanischen Bankgiganten, namentlich in der Asienkrise, faule Kredite in der Höhe von Hunderten Milliarden Dollar abschreiben mussten, sind die Reichen etwas ärmer geworden, die Spesenbudgets der sararimen für feierabendliche Ausschweifungen wesentlich bescheidener, und erstmals seit den Nachkriegsjahren ist in den Städten ein japanisches Lumpenproletariat in Erscheinung getreten – das sich in seinen bemalten Kartonburgen freilich auch wieder mit Stil einrichtet.
Nichts wäre jedoch irriger als die Annahme, der Durchschnittsjapaner sei nun plötzlich zur Askese der Aufbaujahre zurückgekehrt oder übe sich in Konsumverweigerung, vielleicht weil er den Wert der Lebensweise seiner Altvorderen wiederentdeckt hätte. Gerade solche vorindustriellen rêveries sind längst Teil des kommerziellen Räderwerks selbst. So spielen die zahlreichen traditionellen Festtage des japanischen Kalenders, ergänzt durch aus dem Westen importierte wie Weihnachten und Sankt Valentin, in den Verkaufsstrategien der depato (kurz für department stores) eine herausragende Rolle und werden von ihnen als ein Reigen von Konsumorgien inszeniert. Einen alten Brauch wie den rituellen Besuch eines Shinto-Schreins zu Neujahr halten Sie in Ehren, indem Sie bei Seibu oder Mitsukoshi ein furusatu paku (ungefähr: assortierte Heimat-Geschenkpackung) auswählen, wobei der Helikopterflug zu dem Schrein gleich inbegriffen ist, ebenso wie die Putzfrau, die in der Zwischenzeit die obligate Neujahrsreinigung im Haus besorgt.
Ein gutes Warenhaus handelt nicht nur mit Waren, sondern auch mit Informationen und Dienstleistungen. Sie können dort ein Haus kaufen, einen Urlaub buchen, eine Versicherung abschließen, einen Kredit aufnehmen oder an der Börse investieren. Sie haben die Wahl zwischen mehreren Restaurants, die meist eine ganze Etage einnehmen. Sie werden in oft hochkarätige Kunstausstellungen gelockt – der Einzug der Kunst ins Warenhaus signalisierte schon in den sechziger Jahren das Ende der Trennung der Hochkultur von der Massenkultur. Sowie Sie den Aufzug in einem dieser mindestens acht-, mitunter aber auch zwanziggeschoßigen Warentempel betreten, werden Sie vom elevator girl (japanisch zur erega gekürzt) mit abgezirkelten Gesten und lieblicher Stimme dazu eingeladen, in der Anhäufung von Glückszeichen – als welche die auf allen Etagen ausgebreiteten, gewöhnlich viel großzügiger und sorgfältiger als bei uns präsentierten Luxusgüter zu betrachten sind – Ihren persönlichen Traum vom Glück zu verwirklichen. So gibt es in Japan nicht weniger als zwanzig Millionen Fischer, sprich Kunden für die ausgeklügeltsten Fischereiausrüstungen. Aber natürlich geht kaum jemand wirklich fischen. Wo auch? Dito für Golf, das vorwiegend auf den Übungsplätzen auf den Dächern der Kaufhäuser praktiziert wird. (Solche Beschränkung auf den immer gleichen, endlos perfektionierten Schlag hat freilich wieder eine eigene und sehr japanische Schönheit.) Notfalls kann die entbehrte Natur auch durch künstliche Landschaften, komplett mit Himmel und Brandung, ersetzt werden: etwa im Phoenix Seagaia in Kyushu. Ein anderes gigantisches Beispiel ist der Ski Dome mitten in Tokyo, wo Tokyoiten und Tokyoitinnen sich jahrein jahraus in ihren fabelhaften Wintersportausrüstungen darbieten.
Sind das lauter Verblendete? In sämtliche Fallen der Konsumgesellschaft Getappte? Erbärmliche Konformisten gar? Oder haben sie vielmehr das Know how, wie man sich, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, im Universal-Digest der Gegenwart sein Stück Welt abschneidet? Wirtschaftsflaute hin oder her steht außer Zweifel, dass uns die Japaner an Oberflächlichkeit, in Sachen Präsentationskunst und unverdrossener Ästhetisierung des Lebens, immer noch weit voraus sind.
TOKYO: EINE TRANCE, ein Taumel, in dem andere Metropolen etwas zurückgeblieben wirken. New York, eher schwerfällig. Paris, erstickend in seiner Geschichtlichkeit. Hässlich sogar, obwohl doch gerade Tokyo lange im Ruf einer unansehnlichen, chaotischen Stadt stand. Aber über dieses Bild hat sich seit den achtziger Jahren, und zunächst im Bewusstsein seiner Bewohner, ein anderes geschoben: das der vollkommensten urbanen Verkörperung der Gegenwart. Und diese Verkörperung besteht gerade in der Flüchtigkeit, dem Flirren, der Unfasslichkeit des Stadtkörpers: im fortwährenden Wandel, der sein Wesen ist. Annähernd die Hälfte der Bausubstanz stammt aus den letzten zwanzig Jahren (Tag für Tag werden hier 12’000 Quadratmeter abgerissen und 60’000 neu gebaut). Selbst einen zum modernen Mythos gewordenen Platz wie Shibuya eki-mae erkennen Sie auf einigen Jahre alten Photos nicht wieder. In Wirklichkeit ändert er sein Gesicht, das vorwiegend aus Reklamen besteht, fast täglich – sekündlich, wenn Sie auf die flimmernden Grossbildschirme an den Fassaden starren. »We have Fashionable Feelings all over the world!« lesen Sie dort, und irgendwie leuchtet Ihnen diese Botschaft trotz des kryptischen Englisch ohne weiteres ein.
MYRIADEN FREI ZIRKULIERENDER ANWANDLUNGEN, BEGIERDEN, VERRRÜCKTHEITEN sind in Tokyo Stadtgestalt geworden: genau das Gegenteil des klassisch geordneten, abendländischen, von der Zentralperspektive regierten Urbanismus, dessen Schwanengesang Le Corbusier vortrug, indem er die menschlichen Bedürfnisse auf die Heilige Dreifaltigkeit Licht, Luft und etwas Grün reduzierte. Wenn die westliche Moderne versucht hat, der Welt die angeblich universellen Gesetze eines Raumes aufzuzwingen, welchen die nichteuklidische Geometrie schon im letzten Jahrhundert als nur relativ erkannt hatte, so ist heute Tokyo in seiner Regellosigkeit, mit seiner fabelhaften Überlagerung verschiedener Verkehrssysteme, dessen eindrucksvollste Ausformung in der materiellen Welt. Wie in den uralten Strukturen der japanischen Gesellschaft erhalten auch in Japans heutigen Städten die Erscheinungen ihren Sinn erst aus dem Netz der Beziehungen, in das sie eingespannt sind. Nicht um eine Komposition von Objekten geht es, sondern um das Muster der Ereignisse. Den schönen Satz von Aldo Rossi: »Wo der Ort gut ist, ist auch das Geschehen gut«, können Sie in Tokyo umkehren. Es ist das Schauspiel, das Millionen tokyoitische Snobs in Szene setzen. Und der ewige Donner der Lastwagen auf dem erhöhten Expressway verwandelt sich in Meeresrauschen. Was nicht eine schale Metapher ist, sondern was Sie wirklich im ersten Moment, wenn Sie nachts in Ihrem Zimmer die Fenster öffnen, aus der Ferne zu hören glauben.
SIE GEHEN JETZT und fühlen sich dabei ein wenig plump, und doch zugleich als höheres Wesen, nämlich als ein Tokyoneur unter anderen, zwischen den Elegants auf Aoyama-dori Richtung Shibuya. Es gibt in dieser Gegend Bistrots, in denen Sie von den Kellnern auf französisch angesprochen werden. Comme des Garçons, Issey Miyake und Yohji Yamamoto haben hier ihre Läden. Bei der Metrostation Gaien-mae kniet ein Herr im Business Suit auf dem Trottoir: bei genauerem Hinsehen kappt er die Gräslein, die aus den Fugen zwischen den Steinplatten sprießen. Es scheint übrigens nicht genug Straßenaschenbecher zu geben, denn hie und da – höchster Verschmutzungsgrad – liegt tatsächlich eine einzelne Kippe auf dem Asphalt. (Einen unerwarteten Beitrag zum Thema Geldwäscherei lieferte die Japan Times unter dem Titel: »Problem: germs; solution: laundering your money«. Es ging um neue Geldautomaten, die die Scheine gewaschen und gebügelt expedieren. Soviel zum Sauberkeitsfimmel der Japaner.)
Die Straße ist das Wohnzimmer dieses Volkes, das im Verhältnis zu seinem Bruttosozialprodukt weiterhin mit minimalen Behausungen Vorlieb nimmt. Auch deshalb ist Tokyo eine Flanierstadt ersten Ranges. Der Verlauf der Straßen wird weitgehend durch die Topographie bestimmt. An Omote-sando, einer großartig quer durch eine Talsenke gelegten Allee, durchstreifen Sie die Dojunkai-Blöcke aus den Jahren nach dem letzten großen Erdbeben, 1923 – Markstein der japanischen Moderne, der sich erstaunlicherweise bis heute erhalten hat und in dem sich junge Künstler und experimentierfreudige Designer zuhauf eingemietet haben.
Nur einige Schritte von hier, in Harajuku, werden Sie plötzlich in ein Märchen versetzt. Rotkäppchen, Cyborgs, Techno-Elfen, bonbonfarbene Handy-Nymphchen, minderjährige Vampiresses und auf 20-Centimeter-Plateaus einherstaksende Pipimädchen: Milch und Blut, auf jedwede denkbare Weise verkleidet, geben sich vor dem Kaufhaus Laforet ein Stelldichein. Laforet ist eine Hochburg von Japans Cuties oder shôjo, wie die Zielgruppe der weiblichen Heranwachsenden heißt. (In einigen Jahren werden sie in die Gattung der OL oder office ladies transmutieren.) Soziologen sehen die shôjo mittlerweile nicht nur als »ein Geschlecht für sich«, sondern als eigentliche Leitbilder japanischen Konsumverhaltens. »Ich frage mich«, so der Kritiker Naoto Horikiri, »ob heute nicht auch wir Männer uns als shôjo betrachten sollten, zumal auch wir wie Schlafwandler dem Konsum verfallen sind.« Er ist nicht der einzige, der im fortgeschrittenen Kapitalismus Japans eine neue Spezies Mensch zu entdecken glaubt. »Diese Subjekte«, schreibt Norman Bryson, »mögen nach wie vor aufwachen und im Spiegel einer Kreatur aus Haut und Knochen begegnen. Aber sobald sie das großstädtische Territorium betreten, werden sie zu Bündeln (vectors) von Strömungen und Energien, von Körpern, Informationen und Waren. [...] Die Bilderflut will vielleicht etwas mehr als uns mit Glamour blenden; sie will uns sagen, dass wir selbst heute schon Energieströme sind und uns in der bevorstehenden Phase des Kapitalismus so wendig und so vergeistigt fühlen werden wie Engel und Bodhisattvas.«
WIR SIND ALLE SHÔJO, und für shôjo muss alles kawaii sein: niedlich. So hat die Marotte einiger Schulmädchen, die japanische Kalligraphie mit plumpen, rundlichen Schriftzeichen zu konterkarieren – kawaii eben –, längst auch in der Werbung Einzug gehalten; vor allem natürlich für Produkte, die selbst kawaii sind. Diese liebreizenden Teufelchen haben eine erstaunliche Macht: Wenn sie ihr Geld plötzlich lieber für ihr DoCoMo (d.i. das Mobiltelephon) ausgeben anstatt für Jeans, dann lässt die Denimkrise nicht auf sich warten. Dass viele von ihnen, wenn das Taschengeld für ihre kostspieligen Kaprizen nicht ausreicht, Kontakte zu betuchten Herren pflegen, die ihre Väter sein könnten, hat selbst im freizügigen Japan einige Diskussionen ausgelöst. Es entbehrt aber zweifellos nicht der Folgerichtigkeit, dass früh schon auch ihre Körper in den Konsumkreislauf integriert werden.
GO ON, POWERFUL POSHBOY SPIRITS! Von Harajuku aus nähern Sie sich den Neonwürfeln auf den Dächern von Shibuya, das noch vor einigen Jahrzehnten nicht viel mehr als ein Verkehrsknotenpunkt in einem glanzlosen Randbezirk war. Im Großraum Tokyo mit seinen 30 Millionen Einwohnern fiel indessen gerade den Bahnhöfen die Rolle von Energiegeneratoren zu. Auch die Ginza, das klassische und bis heute prestigereichste Einkaufsviertel, liegt unweit eines wichtigen Bahnhofs Buy Viagra Online (Tokyo-eki). Aber erst in Shibuya, Shinjuku und Ikebukuro – alle an der die zentralen Bezirke umkreisenden Yamanote-Linie gelegen und Endstationen privat betriebener Vorortbahnen mit guten Metroanschlüssen – schälte sich die Kommerzwelt direkt aus den an sich schon komplexen Bahnhoforganismen heraus. Um die Dynamik des Prozesses zu begreifen, genügt es, sich vor Augen zu halten, dass allein durch Shinjuku-eki täglich über drei Millionen Passagiere geschleust werden. Es waren die Bahnunternehmer selbst – Seibu in Ikebukuro, Tobu in Shinjuku und Tokyu in Shibuya –, die die heute selbstverständliche Symbiose von eki und depato schufen. »Ein Zug«, stellte Roland Barthes schon 1970 fest, »kann hier in eine Schuhauslage münden.«
Wenn Sie sich heute in Shibuya, das den konsumorientierten Lebensstil am reinsten repräsentiert, einen Lageplan der Seibu-Saison Group in die Hand drücken lassen, so ist das, als begäben Sie sich auf eine Sightseeing-Tour in einer alten Kulturstadt; nur mit viel Liftfahren statt Gassendurchstreifen, und mit Prada statt Prado. Seibu drang Ende der sechziger Jahre auf das Territorium seines Konkurrenten Tokyu vor. Schon das 1955 eröffnete depato in Ikebukuro, durch das anfangs noch überwiegend Kunden in verdreckten Holzschuhen und handgewebten Kimonos stapften, hatte den Erfolg mit neuartigen Produkten wie den Transistoren der kleinen Firma Sony gesucht, und seine Lebensmittelabteilung war grandioser als die von Harrod’s in London. Aber alles bisher in japanischen Warenhäusern Gesehene stellte die Seibu-Filiale in Shibuya in den Schatten. Die Geschäftsleitung umgab sich mit jungen kreativen Leuten – so den nachmals weltberühmten Modeschöpfern Yamamoto und Issey Miyake – und baute nach und nach ein ganzes Konglomerat acht- bis zehngeschoßiger, auf ein modeverrücktes und markenbewusstes Publikum zugeschnittener Boutiquentempel. Auf Parco folgten Parco Part 2 und Parco Part 3, hierauf das jungen Designern vorbehaltene Seed sowie Loft, der Laden für alle denkbaren nützlichen und überflüssigen Dinge. Und zumal auch die Konkurrenz nicht schlief – namentlich O1O1 wirkt heute frischer als Parco – ist Shibuya das Traumland der Jeunesse dorée geworden.
IM DACHGARTEN DER O1O1 CITY sitzen Sie vor einem Iced Capuccino und vertreiben sich die Zeit damit, so ein Shibuya-garu einmal genauer zu taxieren. Sonnenbrille, schätzungsweise von Ferragamo, 30’000 Yen. T-Shirt, eisblau, Katharine Hamnet, mindestens 20’000 Yen. Lederjacke, Costume National, 120’000 Yen. Ferner der Jupe, die auf Wadenhöhe in Strümpfe mutierenden Stöckelstiefel, die Tasche und was sie an Kosmetik und Chichi bergen mag, abgesehen von den vermutlich ebenso kostbaren Dessous: insgesamt trägt dieses Mädchen leicht 5000 Franken auf dem Leib. Nur um nicht als Paria angesehen zu werden. Jetzt steht sie auf und hätte beinahe die beiden exquisiten Tragtaschen mit den heutigen Einkäufen liegenlassen.
SEIT 1991 STAGNIEREN DIE UMSÄTZE DER DEPATO, obwohl sie ihre Verkaufsflächen in ganz Japan von damals sechs auf über acht Quadratkilometer ausgedehnt haben. Bessere Geschäfte machten in diesen flauen Jahren die sogenannten Convenience Stores. Heute gibt es über 20’000 davon, die täglich 24 Stunden geöffnet sind. Sie erzielen allerdings nur einen kleinen Teil ihres Umsatzes mit Kleidern.
Wenn es in den neunziger Jahren ein Beispiel für erfolgreiches Marketing auch auf der depato-Front gab, dann das zur Seibu-Saison Group gehörende, inzwischen hundertfach über Japan verbreitete »no brand label« Muji. Die Losung lautet hier: keine Etiketten, keine Kinkerlitzchen. Keine Farben außer Schwarz. Minimal-Design: »simple but sophisticated«. Natürlich belassene Oberflächen – auch Polyester kommt daher wie Bast. Und – nicht nur für japanische Verhältnisse – scharf kalkulierte Preise, so dass Muji mit bisher sieben Filialen in London und drei in Paris auch in Europa Fuss fassen konnte.
Als Sie aus dem Ur-Muji in Aoyama wieder herauskommen und im Café Anniversaire ihre Beute überprüfen, finden Sie: ein Shampoo, eine Nylontasche, mehrere Packungen Briefumschläge, ein weißes Hemd, einen Regenschirm, einen Taschenspiegel. Lauter Dinge, die Sie nicht eigentlich dringend brauchten. Sind Sie auf dem besten Weg, ein moderner Mensch zu werden?
Dann aber, als Sie an der gegenüberliegenden Fassade einen Reklamespruch in Form eines etwas holprigen Haiku lesen, glauben Sie unter all dem schönen Schein auf einmal das Rumoren der altjapanischen Seele herauszuhören. Er lautet:
VIVRE DANS LA NATURE ESPRIT INDÉPENDANT
VÊTEMENT QUI VA BIEN
SE COMPORTER AVEC NATUREL GESTE SPONTANÉ
[1999, unveröffentlicht: vom »Magazin« des TagesAnzeigers Zürich unter dem Chefredakteur Roger Köppel refüsierter Text]
Markus Jakob
24. Juni 1999
20. Oktober 1996
Bin Buenos Aires
[1996]
Every town’s got a tango dancer
Pretending latin ancestry
Born somewhere on Main Street
Low branch on the family tree.
He’s got a special tango partner
They’ve danced together twenty years
She a stylist in a beauty parlour
Their dancing’s messed up two careers.
Dr. John, Tango Palace
Einer der meistzitierten Sätze, die der Tango hervorgebracht hat, lautet ganz unschuldig: Hoy vas a entrar en mi pasado. Heute wirst du in meine Vergangenheit eingehen. Zehn Silben, drei Zeitebenen: nie war der Weg von der Verheißung in die Vergessenheit, oder in die Erinnerung, kürzer. Und es scheint, Buenos Aires selbst habe ihn so rasant zurückgelegt.
Die Menschen dieser Stadt, die porteños, haben nie begriffen, und es ist auch kaum zu begreifen, dass Buenos Aires kein universaler Mythos geworden ist; warum sein Europäertum zweiten Grades – Europa noch einmal, zusammengeworfen an diesem Ufer, getrieben von einem amerikanischen Puls und in die grenzenlose Fläche der Pampa hinausgespannt: der »horizontale Schwindel«, wie ihn Paul Morand genannt hat – nicht die ganze Welt ergriff und hypnotisierte. Hauptstadt eines Imperiums, das nie existiert hat, gemäß Malraux’ schlüssigem Diktum. Dass hier in kurzer Zeit ein schillerndes Gemisch entstanden war, changierend zwischen Verruchtheit und Kultiviertheit, das erfuhr die restliche Menschheit nur aus dem Tango, oder sie nahm es nur im Tango wahr. Sie überhörte dabei, wenn sie nicht gerade spanisch sprach, dass kaum eine Stadt so hemmungslos wie Buenos Aires sich selbst besungen hat. Wirklich ist der Tango die Begleitmusik zu einer beispiellosen Stadtwerdung, und urbanes Entzücken, urbanes Entsetzen sind seine ewigen Themen. Y la ciudad, ahora, es como un plano/de mis humillaciones y fracasos: so untröstlich fängt Borges’ »Buenos Aires« betiteltes Gedicht an – »Und die Stadt ist nurmehr ein Plan/meiner Erniedrigungen und meines Scheiterns« –, und so lakonisch lässt er es enden: No nos une el amor sino el espanto;/será por eso que la quiero tanto (»Nicht Liebe, allein das Entsetzen ist uns gemein/das wird es sein, was uns vereint« (oder, genauer: »was mich sie so begehren lässt«). Trance der Entzauberung, Pathos der gescheiterten Hoffnungen: ganz wie ein Tango.
1
Borges vergötterte Buenos Aires, aber er verachtete das Instrument, mit dem man die Stadt, und den Tango, heute nachgerade identifiziert: das Bandoneón. Gewiss kann man dem fueye – Blasebalg, wie es zärtlich salopp genannt wird – nicht die oberflächliche Larmoyanz des Akkordeons nachsagen. Ein komplexes Instrument, aus noblen Materialien: Holz, Metall, Leder, Harzen, Horn und Perlmutt. Aber die Sentimentalität, mit der sich der Tango gerade in Borges’ Jugendjahren vollsog, und die der Verkünder sinnloser Messerstechereien missbilligte, dürfte zu einem guten Teil auf das Register des Bandoneóns gehen. Zuvor, zu Zeiten der Guardia Vieja, hatte noch die bukolische Flöte als Melodieinstrument gedient. Kam dazu, dass der Tango eben damals, um 1910, erstmals den Atlantik überquerte: beschwingt und obszön, heißt es, habe er in Paris Einzug gehalten. Und schmachtend, erotisch geladen, sei er von dort zurückgekehrt.
In Europa ist heute der 62-jährige Dino Saluzzi der meistbewunderte Bandoneonist. Saluzzi stammt aus Salta, 1300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Mit vierzehn debütierte er in den Bordellen und Kaschemmen seiner Heimatprovinz: genauso, wie es sich für eine Tango-Karriere ziemt. »Romantisch sollte man sich das allerdings nicht vorstellen«, erklärte der Musiker, als ich ihn in Buenos Aires traf, wo er weiterhin lebt, obwohl fast dauernd in Europa, gelegentlich in Nordamerika und Ostasien engagiertt. Die endlosen Transatlantik-Flüge seien eine Schinderei, aber immer noch weniger beschwerlich als seinerzeit die Busfahrten von Salta nach Buenos Aires.
Saluzzi holte eine alte LP hervor, legte ein Stück auf: »La siesta de mi viejo«. Vier Bandoneons, wie auf Seelenwanderung, zum von tausend Dämonen durchtobten Dämmerschlaf des Vaters verschlungen. »Hör ihm zu, diesem Chaos, dieser totalen Verzweiflung und Unbehaustheit, und dahinter der Wind, der die Steppengräser aufwühlt...«
Auf dieser zerkratzten, in den sechziger Jahren in Buenos Aires aufgenommenen Platte war schon der ganze Saluzzi, der heute dem feinschmeckerischen und feinfühligen europäischen Publikum Schauer über den Rücken jagt, und der bei ECM unter Vertrag steht. Ein Privileg, von dem andere Tango-Musiker seiner Generation nur träumen können. Genauer, von dem sie nicht einmal träumen: gebannt wie sie sind von den alten Glanzzeiten, vom eigenen Niedergang... Manchen tangueros gilt selbst Piazzolla noch immer als Abtrünniger oder, was nachträglich auf dasselbe hinausläuft, als ultimativer Ausdruck ihrer Musik, als die Moderne schlechthin. Für sie ist der Tango ein Korpus von einigen zehntausend Werken, einbalsamiert und eingeteilt in Epochen – die Guardia Vieja, die zwanziger, die dreißiger, die fabelhaften vierziger Jahre –: interpretierbar wie klassische Musik, aber im Grunde nicht mehr entwicklungsfähig. »Auf einmal liegt die ganze Zukunft des Tangos in seiner Vergangenheit«, mit Horacio Ferrer zu sprechen, dem Autor des letzten wirklich populären Tangos, Piazzollas »Balada para un loco«: 1969. Fast ein Gassenhauer – aber war es überhaupt ein Tango?
Dieser Musikform, so Dino Saluzzis Befund, ist eine ganze Generation abhanden gekommen. Dass nun eine neue heranwachse, unbefangen und experimentierfreudig, ist vorderhand nur eine Behauptung. Wohl waren es immer Einzelkönner, die den Tango auf neue Höhen führten; aber sie gingen aus einer Gesellschaft hervor, in der Tango das tägliche Brot war, ein soziales Phänomen, der Lebensinhalt vieler. 1946 ernährte Buenos Aires 16’000 Musiker. Eine ganze Stadt war verrückt danach. Ein Vierteljahrhundert später hieß es: alte Kamellen, die Schnulzen von Papa, ein Refrain für die Urgroßmutter. Damit hatte ein junger Mensch nichts am Hut. (Er hatte schon mal gar keinen Hut mehr.) Und wenn sich heute argentinische Musiker wie Gerardo Gandini oder Fernando Tarrés dem Tango wieder annähern, dann als einer Sache, die sie verworfen hatten, die sie verfolgt hat – »Piazzolla ist ein Staubsauger, der dich verschlingt«, sagte mir der junge Jazzgitarrist Tarrés und trällerte zum Beweis, dass man dem Sog kaum entgehen kann, einen der Piazzollaschen Läufe – und gegen die sie nun anspielen. Sie kommen nicht davon los: fast wie in einem Tango.
Saluzzi hingegen war noch durch die klassische Schule gegangen – die Orchester von Alfredo Gobbi, Héctor Varela, Enrique Francini – und nahm erst danach andere Einflüsse in seine Musik auf. Ob man sie als Tango Nuevo etikettiert oder nicht mehr dem Tango zurechnet, ist insofern nicht ganz belanglos, als damit Felder abgesteckt werden, in denen musikalische Entwicklungen möglich sind. Gewiss stehen Saluzzis kontrapunktische Kompositionen und komplexe Arrangements eher in der Tradition des großen Tangos als eine Tingeltangel-»Cumparsita«, die ein treuherziger Tourist dafür halten mag. Mehr auch als die Platten der höchst heterogenen Riege bekannter Musiker – von Daniel Barenboim und Gidon Kremer über Ahmed »El Tigre« von Wartburg bis zu Julio Iglesias –, die jüngst den Tango für sich entdeckt haben und uns das – wievielte eigentlich? – Tango-Revival vorgaukeln. Dahinter mag kalte Berechnung oder ehrenwerter Enthusiasmus stecken, und die Ergebnisse dürfen bald interessant, bald eher pampig genannt werden: vor dem Hintergrund des Universums, das der Tango in Buenos Aires war, bleiben sie allemal anekdotisch.
Bedeutsamer ist, dass heute ebensoviele Musiker in Amsterdam, Helsinki oder Tokio sich mit den Formen des Tangos auseinandersetzen, wie in Buenos Aires. Ein Phänomen, in dem sich noch einmal seine Ursprünge zu reflektieren und neu aufzufächern scheinen. Waren nicht an seiner Entstehung schon Italiener, Türken, Polen, Spanier, Juden, Kreolen beteiligt – jene Millionen Einwanderer, die Buenos Aires zwischen 1850 und 1930 erschufen, und deren Sehnsüchte und Frustrationen darin eingingen? Der Tango, und das unterscheidet ihn von jeder andern Folklore, war schon immer eine Promenadenmischung. Nicht auszuschließen, dass seine Internationalisierung nun auch Impulse auslöst, wie sie im Jazz, seinem Pendant, schon lange wirksam wurden. Dann erst würde sich der Tango ganz von jenem Asphalt lösen, als dessen Emanation er erscheint.
Saluzzi suchte noch eine LP hervor, aufgenommen 1962, die älteste vielleicht, auf die er heute noch stolz ist. Er habe sie zufällig gestern auf FM Tango wiedergehört, dem Radiosender, der 24 Stunden música ciudadana bringt. Auf dem Umschlag stand: »Dino Saluzzi. Soy Buenos Aires«.
»Schöner Titel!«
Er drückte genau jenes Lebensgefühl aus, das ein Stadtgefühl ist, und das einen in Buenos Aires auch 1997 noch überfällt.
2
Ich war wie gewohnt im Hotel Phoenix an der Avenida Córdoba abgestiegen. Ein leicht entstaubter Charme, so möchte man das Ergebnis der inzwischen erfolgten Renovation beschreiben. Mein altes Zimmer, Nr. 318, war in einen Frühstückssalon transformiert worden. Gewechselt hatte auch das Personal: nie mehr würde mich der Nachtportier verschwörerisch mit »Buenas noches, tres dieciocho« begrüßen. (Wie eine Anspielung auf einen einschlägigen Tango – »Corrientes tres cuatro ocho, segundo piso, ascensor...« –, so hallten mir seine Worte jeweils nach, wenn ich dann in dem feingliedrigen Liftkäfig nach oben schwebte.)
Diesen Lift im mittleren der drei galeriegesäumten Patios hatte man übrigens nicht angetastet. Das neue Zimmer war ebenso splendid wie die Nr. 318: an die fünf Meter hoch. Neu war der Fernsehapparat, der auf Knopfdruck 72 Sender überwiegend lateinamerikanischer Provenienz ausspie. Kanal 52 führte im Logo ein stilisiertes Bandoneon: er heißt Sólo Tango und strahlt, neben Werbespots für Tanzkurse sowie den nach permanenter Sauregurkenzeit anmutenden »Tango Noticias«, ununterbrochen Tangokonserven aus. Eben entlockte der Orchestermeister Juan D’Arienzo in einer memorablen Aufnahme von 1938, zappelnd und mit irrlichterndem Blick, seinem Bandoneonistenregiment ein Artilleriefeuer von Synkopen. Es folgten Goyeneche 1988 in Japan (und seltsam: im ersten Moment hielt ich den Polaco für einen Japaner), dann ein Ausschnitt aus »Muchachos de la ciudad« mit Carlos Dante, einem der 300 Tango-Titel der Filmgeschichte. Hätte ich mich zwei Wochen lang in meinem Hotelzimmer eingesperrt, ich wäre als Tangologe wieder abgereist. Voller Hoffnungen und Illusionen, tempi passati betreffend.
Tango, heute, in Buenos Aires, das heißt einer Vergangenheit nachtrauern, die immer schon andern Vergangenheiten nachtrauerte; heißt in diesem Verlust schwelgen, genau wie in einem Tango. Der Tango ist traurig: zum Glück ist er traurig, denn nur der Trauernde ist exquisit, und nur der vom Leben Enttäuschte bringt jenes schiefe Lächeln zustande, das laut Ernesto Sábato das genaue Gegenteil des breiten Grinsens eines bierseligen Deutschen ist. Grotesk sind sie beide.
Der neue Recepcionist im Hotel Phoenix wünschte einen schönen Abend, und ich trat auf die Straße. Ihre Hektik, der frenetische Verkehr überraschten mich. In meiner Erinnerung hatten sich andere, stillere Bilder von Buenos Aires eingeprägt: Straßen von Palermo, kopfsteingepflästert, im Schatten riesenhafter Bäume, der tipas, die sich über neokoloniale Fassaden neigen; Straßen von Barracas, am Trottoirrand ein zerbeulter Ford Falcon, und im Hintergrund der Bahnviadukt; Straßen wie in einem Tango.
Ich ließ mich von der Menge treiben. Calle Florida, Laufsteg der guten Gesittung, Gefilde ebenso marken- wie selbstbewusster ciudadanos. Gibt es etwas Eleganteres als die Eleganz der eleganten Quartiere von Buenos Aires? Nur schon um mein Gedächtnis auf die bestrickende Namenreihe der Querstraßen zu prüfen – Maipú, Esmeralda, Suipacha –, nahm ich die Calle Corrientes und folgte ihr bis zum Obelisken. Überquerte in einer Menschentraube die breiteste Strasse der Welt – die Avenida 9 de Julio – und war im Zickzack noch einige cuadras weitergegangen, als ich, schon ganz betört, an der Kreuzung Paraná/Paraguay die Bar »Carmen« wiedererkannte. Nicht von ungefähr, trat ich ein. War ich doch hier in »Mission Tango« unterwegs, und eine Tango-Bar findet man nicht an jeder Ecke; um so weniger, als sich das Gran Buenos Aires aus annähernd 100’000 Blöcken, ergo 400’000 Ecken zusammensetzt, an denen man achtlos vorbeilaufen, aber ebensogut endlos verweilen kann, sich den Schlapphut ins Gesicht ziehen und von dort aus die Welt im Auge behalten. Wie irgendein compadre in irgendeinem Tango.
In der einzigen Ecke der Bar »Carmen«, die nicht mit Photos verblichener Boxer, Fussballspieler und tangueros vollgehängt war, lief ein Fernseher: Kanal 52. Das Lokal ist dem Andenken eines der ganz Großen des Tangos geweiht, des Bandoneonisten, Komponisten und Meisterarrangeurs Aníbal Troilo, der hier seinen Aperitif zu nehmen pflegte. Wie von selbst fiel mir eine der beiden argentinischen Whiskymarken wieder ein, wenn auch leider die schlechtere. »Einen Blender’s, bitte.« Neben mir begrüßten sich mit stachligen Küssen, verschwörerischen Mienen, zwei in speckigen Gilets steckende compadres, kommentierten beiläufig die Schlagzeilen der Abendzeitung, die Straßensperren der Zuckerrohrarbeiter in der Provinz Jujuy. Ein dritter, dem die Politik gestohlen bleiben konnte, zählte inzwischen, diskret unter der Theke verborgen, ein fettes Bündel Geldscheine, das er aus seiner Jacke gefischt hatte. An einem der Tische saß, vor einem Glas Tee, eine junge Frau in einem weißen Mantel und schrieb. Sie schien sich in diese eher rauhe Männerbar keineswegs verirrt zu haben. Vermutlich mochte sie die altweltliche Stimmung.
Ich spazierte weiter bis Callao, dann der Avenida Santa Fé entlang zurück. Erging mich in Vermutungen, den Verbrauch an Rouge und Bleistiftabsätzen in Buenos Aires betreffend, in beiden Fällen wahrscheinlich der weltweit höchste. Und nicht nur die Frauen, deren Nonchalance einen zur Verzweiflung treiben konnte, muteten mich an. Auf die Plaza San Martín, die mit ihren Ombús und Jacarandás als grünes Gelenk zwischen dem Bahnhof Retiro, dem Microcentro und dem Barrio Norte fungiert, trat ich wie in einen Märchenwald. Hinter dem Edificio Kavanagh, schon nahe beim Phoenix, tauchte ich wieder in den Bajo ein, die paar Blöcke unweit des Río de la Plata, die einige dezente Spuren einer anrüchigen Vergangenheit bewahrt haben. Suchte und fand die Bar »Downtown Matías«, eines meiner Lieblingsrefugien. Fühlte beim Verlassen desselben, durch den Genuss eines von Josés Meisterhand zubereiteten Negroni inspiriert, dass mir der Sinn nun nach einem weiß gedeckten Tisch und einem bife de chorizo stand, dessen Bestellung der Kellner im »Establo« wenig später mit jenem komplizenhaften Blick aufnahm, der die Vermutung nahelegt, ganz Buenos Aires stecke unter einer Decke. Knapp nach Mitternacht betrat ich, zwei cuadras weiter, die Bar »Cutty Sark«. Zwanzig dunkle Augenpaare, die zu ebensovielen jungen, tief wie ein Tango dekolletierten Frauen gehörten, richteten sich auf mich. Ich nahm an der Bar Platz und tat, wie es sich für solche Fälle zunächst ziemt, als wäre ich aus Stein. Ein schwarz gewandeter compadre, Stammkunde zweifellos, der es sich auf den Polstern zwischen zwei der Mädchen bequem gemacht hatte, beschwerte sich gerade über die Musik, das übliche Popgedröhn. Der Kellner erhörte ihn, wechselte die Kassette. Gardel erklang: »Anclao en París«.
Guter Tango ist praktisch intravenös, und »Anclao en París« ist ein sehr guter Tango. 1931 von Enrique Cadícamo im Hotel Oriente in Barcelona geschrieben, im selben Jahr von Gardel aufgenommen. Paris ist darin lediglich der Schauplatz der herzzerreissenden Sehnsucht eines porteño, sein Buenos Aires wiederzusehen. Für mich, der ich eben hier gelandet war, gab es eigentlich keinen Grund, nun vor all den hungrigen Hurenaugen in Tränen auszubrechen. Aber »Anclao en París« ist nun einmal zum Heulen schön. Im übrigen war damit bewiesen, dass nicht nur Argentinier in der Fremde, sondern auch Fremde in Argentinien bei solchen Liebeserklärungen an Buenos Aires weich werden. Borges hat einmal gesagt, als Argentinier fühle er sich im Grunde nur, wenn er fern von zu Hause einen Tango höre, den er verabscheue, und trotzdem stürzten ihm Tränen in die Augen. Tränen auf Abruf, ausgelöst durch eine wohlkalkulierte Mischung aus Wirklichkeit und Legende, aus Literatur und Rührseligkeit, aus einem lokalen Strolchenvokabular und unserer Anfälligkeit für jederlei Seelenschmetter.
3 Urbis feciste quos prius orbis erat
Eine Zeitlang süchtig nach diesem andern Tango, »Sur«. 1948, Musik: Aníbal Troilo, Text: Homero Manzi. Ya nunca me verás como me vieras... – »Nie mehr wirst du mich sehn wie du mich sahst...« Gesungen von Edmundo Rivero oder von Julio Sosa, ist es wie der Weltuntergang. Und dabei nichts als eine knappe Beschreibung der Ecke, draußen am Stadtrand, wo einer einst auf sein Mädel wartete. Heute kommt natürlich kein Mädel mehr angetanzt. Todo ha muerto... Ya lo sé. Es ist eine der Grundkonstellationen des Tangos: ein Einzelner, die Stadt und eine Abwesende. Was hülfe übrigens eine Übersetzung: von den Schattierungen, aus denen sich der suburbane Mythos zusammenbraut, würden auf deutsch nur einige pedantische Wortstümpfe übrigblieben. Die südlichen Stadtteile, auf die der Text gemünzt ist, werden hier der Süden überhaupt: ein metaphysischer Raum – nicht mit unserem Bild des mediterranen Südens zu assoziieren, sondern mit der Topographie von Buenos Aires: jenem Terrain vague, wo die Stadt in die Pampa übergeht und sich in der Weite verliert, in der vor noch nicht allzuferner Zeit kein Baum, kein Rind, kein Haus stand, kein Mensch außer einigen Tehuelches, die sich von Straußen und Guanakos ernährten. Fremd und feindselig ist dieser Süden, uralt und leer, und umso glanzvoller spiegelt sich darin das gigantische Wolkenkuckucksheim Buenos Aires, das in wenigen Jahrzehnten erschaffene Stadtwunder. Dazwischen aber gibt es eine Grauzone, diffus und kurzlebig: die Suburbia, den arrabal, den der Tango immer wieder verherrlicht, und dessen zwangsläufigen Untergang er beklagt hat.
Um von »Sur« erschüttert zu werden, brauchen Sie nicht nach Buenos Aires zu fahren. Ein bisschen Phantasie tut’s auch.
Ich jedoch, da ich schon einmal hier war, stieg eines Tages in einen micro der Linie 178 und fuhr nach Pompeya. Pompeya ist längst nicht mehr der morastige Vorposten der Stadt, wie noch in »Sur«. Dafür müsste man heute noch einmal zwanzig Kilometer weiter hinausfahren: nach Lomas de Zamora oder Adrogué, vielleicht. Es ist dennoch eine ganz andere Stadt als jenes aus den Filetstücken von Paris und London komponierte Buenos Aires, in dem man sich gewöhnlich bewegt. Schon dieser holterpolternde Verkehr, lauter Camions und Chevy Pickups wie aus einem texanischen »Day After« mit Drehjahr 1959, die durch tiefamerikanische Schilderschluchten auf den Puente Alsina zupreschen, rot und grüner Lack unter einem vergilbten Himmel, in einer unauslöschlichen Staubwolke: das lohnte die Zeitreise, will sagen die halbstündige Busfahrt. Und dann wird, wer sich zufällig in das Kirchlein an der Avenida Saenz flüchtet, gleich nochmals um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt: steht doch da mitten in Nueva Pompeya, aus Zement zwar, aber doch so perfekt nachgebildet, dass man sich im Roussillon wähnt, ein romanischer Kreuzgang.
Hier also wurde der Tango geboren. Oder hätte jedenfalls in dieser Gegend geboren werden können. Es gibt auch tatsächlich in Pompeya, an der Calle Beazley, noch eine Spelunke, »El Chino«, wo ihm jeden Freitag abend gehuldigt wird. Nach Mitternacht bringt man die wacklige Tür nicht mehr auf, so voll ist die Bar. Man trifft dort zum Beispiel die Direktionsassistentinnen der Banque Nationale de Paris in Buenos Aires, die unbedingt einmal »unverfälschten« Tango sehen wollten, und die sich angesichts der staubigen Darbietungen dann doch lieber im Patio niederlassen, wo einige Tische stehen, und wo man bis ins Morgengrauen von Buenos Aires schwärmen kann.
Stimmt, Buenos Aires ist ein wenig wie Paris. Und, wenn’s mir recht ist, ein bissrl wie Wien. Nichts sosehr wie wie Wien, sogar. Diese lange Niedergangserfahrung. Man war schon wer, als andere noch nicht einmal angefangen hatten, sich abzustrampeln. Haben nicht auch die Wiener diesen Verschwörerblick, als sännen sie irgendeiner uralten Utopie nach? Jedenfalls: man trägt seine Blessuren und Gebresten mit Würde. Und dann natürlich der Tango: fast wie ein Walzer.
4
Dienstag, 19 Uhr, Teatro Cervantes. Großandrang vor dem Eingang dieses prächtigen Theaters. Das wöchentliche Gratiskonzert der Orquesta Nacional de Música Argentina ist angesagt. Über vierzig Musiker: Tango symphonisch, Tango als nationales patrimonio, spendiert vom Kulturministerium. Auch die Stadt leistet sich ein Ensemble dieser Größe, die Orquesta del Tango de Buenos Aires, die jeden Donnerstag im Teatro Alvear aufspielt. Alle namhaften Solisten zieren hier wie dort periodisch das Programm.
Ich liebe begeisterungsfähige alte Menschen, und weiß Gott: so viele hatte ich noch nie beisammen gesehen. Kaum jemand unter sechzig. Sie kamen aus Pompeya, aus Caballito, aus Almirante Brown, aus allen Teilen von Buenos Aires, um hier ihre Dosis Tango abzuholen. Woche für Woche füllen sie das Teatro Cervantes bis auf den letzten Platz. Neben mir kletterte eine Dame die Treppe in den zweiten Rang hinauf. Plötzlich raunte sie mir, nicht ohne komplizenhaften Unterton, zu: dass man ihr schon wieder keinen Parkettplatz gegeben habe. – »Sie sind hier Stammgast?« erkundigte ich mich teilnahmsvoll. – «I wo. Immer nur dienstags», erwiderte sie.
Ich hatte einen Logenplatz erwischt, und so gesellten sich glücklich zwei Experten herbei, die hier ebenfalls unregelmäßig, aber doch mehr oder weniger wöchentlich, ihrer Leidenschaft frönen. Und ich habe geglaubt, Tango dieser Größenordnung sei ausgestorben? Die weiße Mähne des Orchesterleiters Osvaldo Piro wurde von tosendem Applaus begrüßt, genauso wie später der Stargast Luis Cardei, zur Zeit wohl der populärste Tangosänger alter Schule in Buenos Aires. Er habe sogar, so meine Vertrauensmänner, an der Calle Corrientes ein eigenes kleines Theater eröffnet, wo der Tango nicht in touristenfreundlichen Häppchen abgegeben werde. Sie versäumten es nicht, das Gebotene gebührend zu rühmen und mir nach jeder Nummer ebenso verschwörerische wie Anerkennung heischende Blicke zuzuwerfen. Als Osvaldo Piro selber zum fueye griff, war kein Halten mehr. Die alten Mädchen im Parkett hatten den großen tanguero schon während des ganzen Konzerts mit Komplimenten überhäuft, die er mit sonorer Stimme erwiderte. Nun trat er noch einmal ans Mikrophon. »Sind wir eigentlich hier, um zu heulen, oder um zu spielen?«
5 Alte Meister
Roberto Goyeneche, El Polaco: eine Legende zu Lebzeiten. Dieses rauhe Organ – ironiegetränkt, désabusé, ein sozusagen schwundsüchtiges Timbre – war die Stimme von Buenos Aires. Als Goyeneche 1990 im »Gran Rex« eine Reihe von Konzerten gab (damals trat er auch noch gelegentlich im Café »Homero« auf), war es ein offenes Geheimnis, dass es – angesichts seines Lebenswandels – wohl die letzte Chance war, ihn live zu hören. Ich habe sie verpasst. 1995 hat er das Paraplü zugemacht. Auch auf Piazzolla, auch auf den begnadeten Gitarristen Roberto Grela regnet es inzwischen nicht mehr. Aber es waren noch nicht die letzten Mohikaner. Der 81-jährige Horacio Salgán, eine der fundamentalen Figuren der Tangogeschichte, tritt weiterhin jeden Samstag im »Club del Vino« auf, begleitet vom Bandoneonisten Néstor Marconi. Und eine andere schillernde Gestalt, der cantor Alberto Castillo, gab vor einigen Jahren, annährend 90-jährig, ein Comeback mit der Rockband Los Auténticos Decadentes.
Leopoldo Federico, Saluzzis Lieblingsbandoneonisten, sah ich anstatt auf einer Bühne in einem Büro der Asociación Argentina de Intérpretes, deren Präsident er ist. Der richtige Mann für einen Überblick aus der Sicht der Betroffenen. Federico schilderte zunächst die heutigen Produktionsbedingungen: das totale Desinteresse der Musikkonzerne und die Schwierigkeit, je die 30’000 oder 40’000 Pesos aufzubringen, die eine Einspielung für ein unabhängiges Label kostet. Eine Kalamität, verglichen mit der Situation vor einigen Jahrzehnten, als Musiker seines Schlags von Studio zu Studio eilten, um neue Platten aufzunehmen. Dann erläuterte er die Bedeutung des japanischen Marktes, und wie enthusiastisch, mit welcher Kennerschaft die Japaner dem Tango begegneten. Furore machten ausserdem weltweit – »sogar in Buenos Aires!« – die großen Revuen wie »Tango por dos«, »Tango Pasión« und »Tanguísimo«. Freilich vor allem aufgrund der tänzerischen Leistungen. Und damit sei leider dem Hauptproblem des Tangos, dem Mangel an Komponisten, nicht abgeholfen. Federico wunderte sich auch, dass kaum jemand sich heute der Herausforderung stelle, zeitgenössische Tangotexte zu schreiben. Was ihn jedoch wirklich zu indignieren schien – offenbar aus eigener Erfahrung –, ist der allnächtliche Ausverkauf des Tangos in den Touristenlokalen.
Man sehe sich nur einmal, in San Telmo, die Show in der »Casa Blanca« an. Merkwürdigerweise war es Dino Saluzzi, der mich dort hinführte. Vielleicht, weil es ein so edles, tropenhölzernes Theater ist? Oder weil es einen eigenen Parkplatz hat? Oder eben deshalb, weil Tango, die Asphalt-Musik par excellence, dort mit Indio-Folklore und »Don’t Cry For Me Argentina«-Klimbim gepanscht, als World Music dargeboten wird?
Obwohl das Konkurrenzunternehmen an der Calle Balcarce, »El Viejo Almacén«, auf solche Einlagen verzichtet, ist es auf seine Art ebenso beelendend. Wahrscheinlich ahnt das Publikum nicht einmal, dass es dort wirklich die Crème de la crème des Tangos zu sehen bekommt: den Bandoneonisten Julián Plaza, den Pianisten Osvaldo Berlingieri, die Sängerin Virginia Luque – lauter viejas glorias, die hier ihr Gnadenbrot erhalten, indem sie Abend für Abend ihre Virtuosität mit denselben drei Stücken unter Beweis stellen. Das ist der Unterschied zu früher: heute spielt man für ein brasilianisches, morgen für ein japanisches, übermorgen vielleicht für ein französisches Publikum, gerade so, als befände man sich auf Welttournee; aber man tingelt ihm das ewiggleiche kleine Repertoire vor, während man sich damals für die ewiggleichen porteños Nacht für Nacht etwas Neues einfallen ließ.
Was man den alten Meistern nicht nehmen kann, ist ihre Haltung, ihre Würde, ihre Abgeklärtheit. Darum auch sprudelte es, als ich mich einmal mit einem jungen Tangologen unterhielt – dem Gitarristen und Archäologen der Frühzeit des Tangos, Pedro Chemes, der mit seinem Quarteto de la Ochava neulich (natürlich nicht in Buenos Aires, sondern in Madrid) eine der Guardia Vieja gewidmete Platte aufgenommen hat – nur so aus mir heraus: »Was ich bei euch vermisse, sind die maßgeschneiderten Hemden, die seidenen Schnürsenkel, die Lust am Niedergang. Ein gewisses Parfum. Es kommt mir alles so akademisch, so bieder und blutleer vor. Dabei war doch gerade der frühe Tango, an dem ihr laboriert, angeblich eine regelrechte Gossen- und Kanaillenmusik. Kann man ein Bordell besingen, ohne je eines betreten zu haben? Gewiss, auch Jazzmusiker wird man heute, und nicht erst heute, auf dem Konservatorium. Nichts gegen eine solide musikalische Bildung, an der es übrigens euren Vorbildern nie gebrach. Aber irgendwie sehe ich da doch gewisse Widersprüche.« Er wusste nichts zu erwidern.
Auf einmal fiel mir auf, wie tief der Graben zwischen den beiden Komponenten des Tangos geworden ist, die früher – mindestens bis in die fünfziger Jahre – so eng verschränkt waren: der Musik und – ja: dem Tanz. Fast hätte ich hier den Tanz unter den Teppich gekehrt. Dabei ist er die Fieberkurve des Tangos. In mehr als einer milonga – und sie sind tatsächlich in Buenos Aires gerade wieder sprunghaft in Zunahme begriffen – habe ich zugeschaut, wie Männer den Tango auf dem Körper von Frauen erzeugen, oder wenigstens zu erzeugen versuchen. Ich ging in die »Trastienda«, wo Debütanten zwischen den alten Hasen in Zeitlupe akrobatische Beinverschlingungen übten. Und ich saß im »Viejo Correo«, wo keiner unter sechzig dem Tango traut, an einem Marmortischchen, und sah, wie ein schmerbäuchiger Galan mit einem einzigen verschwörerischen Blick, quer über die Tanzfläche hinweg, eine blondierte Mittvierzigerin alarmierte. Gleich darauf tanzten sie den Tango, das ewiggleiche Muster, hunderttausendfach variiert, und immer noch ein gutes Aufputschmittel, genau wie Buenos Aires.
[du, 1997]
Every town’s got a tango dancer
Pretending latin ancestry
Born somewhere on Main Street
Low branch on the family tree.
He’s got a special tango partner
They’ve danced together twenty years
She a stylist in a beauty parlour
Their dancing’s messed up two careers.
Dr. John, Tango Palace
Einer der meistzitierten Sätze, die der Tango hervorgebracht hat, lautet ganz unschuldig: Hoy vas a entrar en mi pasado. Heute wirst du in meine Vergangenheit eingehen. Zehn Silben, drei Zeitebenen: nie war der Weg von der Verheißung in die Vergessenheit, oder in die Erinnerung, kürzer. Und es scheint, Buenos Aires selbst habe ihn so rasant zurückgelegt.
Die Menschen dieser Stadt, die porteños, haben nie begriffen, und es ist auch kaum zu begreifen, dass Buenos Aires kein universaler Mythos geworden ist; warum sein Europäertum zweiten Grades – Europa noch einmal, zusammengeworfen an diesem Ufer, getrieben von einem amerikanischen Puls und in die grenzenlose Fläche der Pampa hinausgespannt: der »horizontale Schwindel«, wie ihn Paul Morand genannt hat – nicht die ganze Welt ergriff und hypnotisierte. Hauptstadt eines Imperiums, das nie existiert hat, gemäß Malraux’ schlüssigem Diktum. Dass hier in kurzer Zeit ein schillerndes Gemisch entstanden war, changierend zwischen Verruchtheit und Kultiviertheit, das erfuhr die restliche Menschheit nur aus dem Tango, oder sie nahm es nur im Tango wahr. Sie überhörte dabei, wenn sie nicht gerade spanisch sprach, dass kaum eine Stadt so hemmungslos wie Buenos Aires sich selbst besungen hat. Wirklich ist der Tango die Begleitmusik zu einer beispiellosen Stadtwerdung, und urbanes Entzücken, urbanes Entsetzen sind seine ewigen Themen. Y la ciudad, ahora, es como un plano/de mis humillaciones y fracasos: so untröstlich fängt Borges’ »Buenos Aires« betiteltes Gedicht an – »Und die Stadt ist nurmehr ein Plan/meiner Erniedrigungen und meines Scheiterns« –, und so lakonisch lässt er es enden: No nos une el amor sino el espanto;/será por eso que la quiero tanto (»Nicht Liebe, allein das Entsetzen ist uns gemein/das wird es sein, was uns vereint« (oder, genauer: »was mich sie so begehren lässt«). Trance der Entzauberung, Pathos der gescheiterten Hoffnungen: ganz wie ein Tango.
1
Borges vergötterte Buenos Aires, aber er verachtete das Instrument, mit dem man die Stadt, und den Tango, heute nachgerade identifiziert: das Bandoneón. Gewiss kann man dem fueye – Blasebalg, wie es zärtlich salopp genannt wird – nicht die oberflächliche Larmoyanz des Akkordeons nachsagen. Ein komplexes Instrument, aus noblen Materialien: Holz, Metall, Leder, Harzen, Horn und Perlmutt. Aber die Sentimentalität, mit der sich der Tango gerade in Borges’ Jugendjahren vollsog, und die der Verkünder sinnloser Messerstechereien missbilligte, dürfte zu einem guten Teil auf das Register des Bandoneóns gehen. Zuvor, zu Zeiten der Guardia Vieja, hatte noch die bukolische Flöte als Melodieinstrument gedient. Kam dazu, dass der Tango eben damals, um 1910, erstmals den Atlantik überquerte: beschwingt und obszön, heißt es, habe er in Paris Einzug gehalten. Und schmachtend, erotisch geladen, sei er von dort zurückgekehrt.
In Europa ist heute der 62-jährige Dino Saluzzi der meistbewunderte Bandoneonist. Saluzzi stammt aus Salta, 1300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Mit vierzehn debütierte er in den Bordellen und Kaschemmen seiner Heimatprovinz: genauso, wie es sich für eine Tango-Karriere ziemt. »Romantisch sollte man sich das allerdings nicht vorstellen«, erklärte der Musiker, als ich ihn in Buenos Aires traf, wo er weiterhin lebt, obwohl fast dauernd in Europa, gelegentlich in Nordamerika und Ostasien engagiertt. Die endlosen Transatlantik-Flüge seien eine Schinderei, aber immer noch weniger beschwerlich als seinerzeit die Busfahrten von Salta nach Buenos Aires.
Saluzzi holte eine alte LP hervor, legte ein Stück auf: »La siesta de mi viejo«. Vier Bandoneons, wie auf Seelenwanderung, zum von tausend Dämonen durchtobten Dämmerschlaf des Vaters verschlungen. »Hör ihm zu, diesem Chaos, dieser totalen Verzweiflung und Unbehaustheit, und dahinter der Wind, der die Steppengräser aufwühlt...«
Auf dieser zerkratzten, in den sechziger Jahren in Buenos Aires aufgenommenen Platte war schon der ganze Saluzzi, der heute dem feinschmeckerischen und feinfühligen europäischen Publikum Schauer über den Rücken jagt, und der bei ECM unter Vertrag steht. Ein Privileg, von dem andere Tango-Musiker seiner Generation nur träumen können. Genauer, von dem sie nicht einmal träumen: gebannt wie sie sind von den alten Glanzzeiten, vom eigenen Niedergang... Manchen tangueros gilt selbst Piazzolla noch immer als Abtrünniger oder, was nachträglich auf dasselbe hinausläuft, als ultimativer Ausdruck ihrer Musik, als die Moderne schlechthin. Für sie ist der Tango ein Korpus von einigen zehntausend Werken, einbalsamiert und eingeteilt in Epochen – die Guardia Vieja, die zwanziger, die dreißiger, die fabelhaften vierziger Jahre –: interpretierbar wie klassische Musik, aber im Grunde nicht mehr entwicklungsfähig. »Auf einmal liegt die ganze Zukunft des Tangos in seiner Vergangenheit«, mit Horacio Ferrer zu sprechen, dem Autor des letzten wirklich populären Tangos, Piazzollas »Balada para un loco«: 1969. Fast ein Gassenhauer – aber war es überhaupt ein Tango?
Dieser Musikform, so Dino Saluzzis Befund, ist eine ganze Generation abhanden gekommen. Dass nun eine neue heranwachse, unbefangen und experimentierfreudig, ist vorderhand nur eine Behauptung. Wohl waren es immer Einzelkönner, die den Tango auf neue Höhen führten; aber sie gingen aus einer Gesellschaft hervor, in der Tango das tägliche Brot war, ein soziales Phänomen, der Lebensinhalt vieler. 1946 ernährte Buenos Aires 16’000 Musiker. Eine ganze Stadt war verrückt danach. Ein Vierteljahrhundert später hieß es: alte Kamellen, die Schnulzen von Papa, ein Refrain für die Urgroßmutter. Damit hatte ein junger Mensch nichts am Hut. (Er hatte schon mal gar keinen Hut mehr.) Und wenn sich heute argentinische Musiker wie Gerardo Gandini oder Fernando Tarrés dem Tango wieder annähern, dann als einer Sache, die sie verworfen hatten, die sie verfolgt hat – »Piazzolla ist ein Staubsauger, der dich verschlingt«, sagte mir der junge Jazzgitarrist Tarrés und trällerte zum Beweis, dass man dem Sog kaum entgehen kann, einen der Piazzollaschen Läufe – und gegen die sie nun anspielen. Sie kommen nicht davon los: fast wie in einem Tango.
Saluzzi hingegen war noch durch die klassische Schule gegangen – die Orchester von Alfredo Gobbi, Héctor Varela, Enrique Francini – und nahm erst danach andere Einflüsse in seine Musik auf. Ob man sie als Tango Nuevo etikettiert oder nicht mehr dem Tango zurechnet, ist insofern nicht ganz belanglos, als damit Felder abgesteckt werden, in denen musikalische Entwicklungen möglich sind. Gewiss stehen Saluzzis kontrapunktische Kompositionen und komplexe Arrangements eher in der Tradition des großen Tangos als eine Tingeltangel-»Cumparsita«, die ein treuherziger Tourist dafür halten mag. Mehr auch als die Platten der höchst heterogenen Riege bekannter Musiker – von Daniel Barenboim und Gidon Kremer über Ahmed »El Tigre« von Wartburg bis zu Julio Iglesias –, die jüngst den Tango für sich entdeckt haben und uns das – wievielte eigentlich? – Tango-Revival vorgaukeln. Dahinter mag kalte Berechnung oder ehrenwerter Enthusiasmus stecken, und die Ergebnisse dürfen bald interessant, bald eher pampig genannt werden: vor dem Hintergrund des Universums, das der Tango in Buenos Aires war, bleiben sie allemal anekdotisch.
Bedeutsamer ist, dass heute ebensoviele Musiker in Amsterdam, Helsinki oder Tokio sich mit den Formen des Tangos auseinandersetzen, wie in Buenos Aires. Ein Phänomen, in dem sich noch einmal seine Ursprünge zu reflektieren und neu aufzufächern scheinen. Waren nicht an seiner Entstehung schon Italiener, Türken, Polen, Spanier, Juden, Kreolen beteiligt – jene Millionen Einwanderer, die Buenos Aires zwischen 1850 und 1930 erschufen, und deren Sehnsüchte und Frustrationen darin eingingen? Der Tango, und das unterscheidet ihn von jeder andern Folklore, war schon immer eine Promenadenmischung. Nicht auszuschließen, dass seine Internationalisierung nun auch Impulse auslöst, wie sie im Jazz, seinem Pendant, schon lange wirksam wurden. Dann erst würde sich der Tango ganz von jenem Asphalt lösen, als dessen Emanation er erscheint.
Saluzzi suchte noch eine LP hervor, aufgenommen 1962, die älteste vielleicht, auf die er heute noch stolz ist. Er habe sie zufällig gestern auf FM Tango wiedergehört, dem Radiosender, der 24 Stunden música ciudadana bringt. Auf dem Umschlag stand: »Dino Saluzzi. Soy Buenos Aires«.
»Schöner Titel!«
Er drückte genau jenes Lebensgefühl aus, das ein Stadtgefühl ist, und das einen in Buenos Aires auch 1997 noch überfällt.
2
Ich war wie gewohnt im Hotel Phoenix an der Avenida Córdoba abgestiegen. Ein leicht entstaubter Charme, so möchte man das Ergebnis der inzwischen erfolgten Renovation beschreiben. Mein altes Zimmer, Nr. 318, war in einen Frühstückssalon transformiert worden. Gewechselt hatte auch das Personal: nie mehr würde mich der Nachtportier verschwörerisch mit »Buenas noches, tres dieciocho« begrüßen. (Wie eine Anspielung auf einen einschlägigen Tango – »Corrientes tres cuatro ocho, segundo piso, ascensor...« –, so hallten mir seine Worte jeweils nach, wenn ich dann in dem feingliedrigen Liftkäfig nach oben schwebte.)
Diesen Lift im mittleren der drei galeriegesäumten Patios hatte man übrigens nicht angetastet. Das neue Zimmer war ebenso splendid wie die Nr. 318: an die fünf Meter hoch. Neu war der Fernsehapparat, der auf Knopfdruck 72 Sender überwiegend lateinamerikanischer Provenienz ausspie. Kanal 52 führte im Logo ein stilisiertes Bandoneon: er heißt Sólo Tango und strahlt, neben Werbespots für Tanzkurse sowie den nach permanenter Sauregurkenzeit anmutenden »Tango Noticias«, ununterbrochen Tangokonserven aus. Eben entlockte der Orchestermeister Juan D’Arienzo in einer memorablen Aufnahme von 1938, zappelnd und mit irrlichterndem Blick, seinem Bandoneonistenregiment ein Artilleriefeuer von Synkopen. Es folgten Goyeneche 1988 in Japan (und seltsam: im ersten Moment hielt ich den Polaco für einen Japaner), dann ein Ausschnitt aus »Muchachos de la ciudad« mit Carlos Dante, einem der 300 Tango-Titel der Filmgeschichte. Hätte ich mich zwei Wochen lang in meinem Hotelzimmer eingesperrt, ich wäre als Tangologe wieder abgereist. Voller Hoffnungen und Illusionen, tempi passati betreffend.
Tango, heute, in Buenos Aires, das heißt einer Vergangenheit nachtrauern, die immer schon andern Vergangenheiten nachtrauerte; heißt in diesem Verlust schwelgen, genau wie in einem Tango. Der Tango ist traurig: zum Glück ist er traurig, denn nur der Trauernde ist exquisit, und nur der vom Leben Enttäuschte bringt jenes schiefe Lächeln zustande, das laut Ernesto Sábato das genaue Gegenteil des breiten Grinsens eines bierseligen Deutschen ist. Grotesk sind sie beide.
Der neue Recepcionist im Hotel Phoenix wünschte einen schönen Abend, und ich trat auf die Straße. Ihre Hektik, der frenetische Verkehr überraschten mich. In meiner Erinnerung hatten sich andere, stillere Bilder von Buenos Aires eingeprägt: Straßen von Palermo, kopfsteingepflästert, im Schatten riesenhafter Bäume, der tipas, die sich über neokoloniale Fassaden neigen; Straßen von Barracas, am Trottoirrand ein zerbeulter Ford Falcon, und im Hintergrund der Bahnviadukt; Straßen wie in einem Tango.
Ich ließ mich von der Menge treiben. Calle Florida, Laufsteg der guten Gesittung, Gefilde ebenso marken- wie selbstbewusster ciudadanos. Gibt es etwas Eleganteres als die Eleganz der eleganten Quartiere von Buenos Aires? Nur schon um mein Gedächtnis auf die bestrickende Namenreihe der Querstraßen zu prüfen – Maipú, Esmeralda, Suipacha –, nahm ich die Calle Corrientes und folgte ihr bis zum Obelisken. Überquerte in einer Menschentraube die breiteste Strasse der Welt – die Avenida 9 de Julio – und war im Zickzack noch einige cuadras weitergegangen, als ich, schon ganz betört, an der Kreuzung Paraná/Paraguay die Bar »Carmen« wiedererkannte. Nicht von ungefähr, trat ich ein. War ich doch hier in »Mission Tango« unterwegs, und eine Tango-Bar findet man nicht an jeder Ecke; um so weniger, als sich das Gran Buenos Aires aus annähernd 100’000 Blöcken, ergo 400’000 Ecken zusammensetzt, an denen man achtlos vorbeilaufen, aber ebensogut endlos verweilen kann, sich den Schlapphut ins Gesicht ziehen und von dort aus die Welt im Auge behalten. Wie irgendein compadre in irgendeinem Tango.
In der einzigen Ecke der Bar »Carmen«, die nicht mit Photos verblichener Boxer, Fussballspieler und tangueros vollgehängt war, lief ein Fernseher: Kanal 52. Das Lokal ist dem Andenken eines der ganz Großen des Tangos geweiht, des Bandoneonisten, Komponisten und Meisterarrangeurs Aníbal Troilo, der hier seinen Aperitif zu nehmen pflegte. Wie von selbst fiel mir eine der beiden argentinischen Whiskymarken wieder ein, wenn auch leider die schlechtere. »Einen Blender’s, bitte.« Neben mir begrüßten sich mit stachligen Küssen, verschwörerischen Mienen, zwei in speckigen Gilets steckende compadres, kommentierten beiläufig die Schlagzeilen der Abendzeitung, die Straßensperren der Zuckerrohrarbeiter in der Provinz Jujuy. Ein dritter, dem die Politik gestohlen bleiben konnte, zählte inzwischen, diskret unter der Theke verborgen, ein fettes Bündel Geldscheine, das er aus seiner Jacke gefischt hatte. An einem der Tische saß, vor einem Glas Tee, eine junge Frau in einem weißen Mantel und schrieb. Sie schien sich in diese eher rauhe Männerbar keineswegs verirrt zu haben. Vermutlich mochte sie die altweltliche Stimmung.
Ich spazierte weiter bis Callao, dann der Avenida Santa Fé entlang zurück. Erging mich in Vermutungen, den Verbrauch an Rouge und Bleistiftabsätzen in Buenos Aires betreffend, in beiden Fällen wahrscheinlich der weltweit höchste. Und nicht nur die Frauen, deren Nonchalance einen zur Verzweiflung treiben konnte, muteten mich an. Auf die Plaza San Martín, die mit ihren Ombús und Jacarandás als grünes Gelenk zwischen dem Bahnhof Retiro, dem Microcentro und dem Barrio Norte fungiert, trat ich wie in einen Märchenwald. Hinter dem Edificio Kavanagh, schon nahe beim Phoenix, tauchte ich wieder in den Bajo ein, die paar Blöcke unweit des Río de la Plata, die einige dezente Spuren einer anrüchigen Vergangenheit bewahrt haben. Suchte und fand die Bar »Downtown Matías«, eines meiner Lieblingsrefugien. Fühlte beim Verlassen desselben, durch den Genuss eines von Josés Meisterhand zubereiteten Negroni inspiriert, dass mir der Sinn nun nach einem weiß gedeckten Tisch und einem bife de chorizo stand, dessen Bestellung der Kellner im »Establo« wenig später mit jenem komplizenhaften Blick aufnahm, der die Vermutung nahelegt, ganz Buenos Aires stecke unter einer Decke. Knapp nach Mitternacht betrat ich, zwei cuadras weiter, die Bar »Cutty Sark«. Zwanzig dunkle Augenpaare, die zu ebensovielen jungen, tief wie ein Tango dekolletierten Frauen gehörten, richteten sich auf mich. Ich nahm an der Bar Platz und tat, wie es sich für solche Fälle zunächst ziemt, als wäre ich aus Stein. Ein schwarz gewandeter compadre, Stammkunde zweifellos, der es sich auf den Polstern zwischen zwei der Mädchen bequem gemacht hatte, beschwerte sich gerade über die Musik, das übliche Popgedröhn. Der Kellner erhörte ihn, wechselte die Kassette. Gardel erklang: »Anclao en París«.
Guter Tango ist praktisch intravenös, und »Anclao en París« ist ein sehr guter Tango. 1931 von Enrique Cadícamo im Hotel Oriente in Barcelona geschrieben, im selben Jahr von Gardel aufgenommen. Paris ist darin lediglich der Schauplatz der herzzerreissenden Sehnsucht eines porteño, sein Buenos Aires wiederzusehen. Für mich, der ich eben hier gelandet war, gab es eigentlich keinen Grund, nun vor all den hungrigen Hurenaugen in Tränen auszubrechen. Aber »Anclao en París« ist nun einmal zum Heulen schön. Im übrigen war damit bewiesen, dass nicht nur Argentinier in der Fremde, sondern auch Fremde in Argentinien bei solchen Liebeserklärungen an Buenos Aires weich werden. Borges hat einmal gesagt, als Argentinier fühle er sich im Grunde nur, wenn er fern von zu Hause einen Tango höre, den er verabscheue, und trotzdem stürzten ihm Tränen in die Augen. Tränen auf Abruf, ausgelöst durch eine wohlkalkulierte Mischung aus Wirklichkeit und Legende, aus Literatur und Rührseligkeit, aus einem lokalen Strolchenvokabular und unserer Anfälligkeit für jederlei Seelenschmetter.
3 Urbis feciste quos prius orbis erat
Eine Zeitlang süchtig nach diesem andern Tango, »Sur«. 1948, Musik: Aníbal Troilo, Text: Homero Manzi. Ya nunca me verás como me vieras... – »Nie mehr wirst du mich sehn wie du mich sahst...« Gesungen von Edmundo Rivero oder von Julio Sosa, ist es wie der Weltuntergang. Und dabei nichts als eine knappe Beschreibung der Ecke, draußen am Stadtrand, wo einer einst auf sein Mädel wartete. Heute kommt natürlich kein Mädel mehr angetanzt. Todo ha muerto... Ya lo sé. Es ist eine der Grundkonstellationen des Tangos: ein Einzelner, die Stadt und eine Abwesende. Was hülfe übrigens eine Übersetzung: von den Schattierungen, aus denen sich der suburbane Mythos zusammenbraut, würden auf deutsch nur einige pedantische Wortstümpfe übrigblieben. Die südlichen Stadtteile, auf die der Text gemünzt ist, werden hier der Süden überhaupt: ein metaphysischer Raum – nicht mit unserem Bild des mediterranen Südens zu assoziieren, sondern mit der Topographie von Buenos Aires: jenem Terrain vague, wo die Stadt in die Pampa übergeht und sich in der Weite verliert, in der vor noch nicht allzuferner Zeit kein Baum, kein Rind, kein Haus stand, kein Mensch außer einigen Tehuelches, die sich von Straußen und Guanakos ernährten. Fremd und feindselig ist dieser Süden, uralt und leer, und umso glanzvoller spiegelt sich darin das gigantische Wolkenkuckucksheim Buenos Aires, das in wenigen Jahrzehnten erschaffene Stadtwunder. Dazwischen aber gibt es eine Grauzone, diffus und kurzlebig: die Suburbia, den arrabal, den der Tango immer wieder verherrlicht, und dessen zwangsläufigen Untergang er beklagt hat.
Um von »Sur« erschüttert zu werden, brauchen Sie nicht nach Buenos Aires zu fahren. Ein bisschen Phantasie tut’s auch.
Ich jedoch, da ich schon einmal hier war, stieg eines Tages in einen micro der Linie 178 und fuhr nach Pompeya. Pompeya ist längst nicht mehr der morastige Vorposten der Stadt, wie noch in »Sur«. Dafür müsste man heute noch einmal zwanzig Kilometer weiter hinausfahren: nach Lomas de Zamora oder Adrogué, vielleicht. Es ist dennoch eine ganz andere Stadt als jenes aus den Filetstücken von Paris und London komponierte Buenos Aires, in dem man sich gewöhnlich bewegt. Schon dieser holterpolternde Verkehr, lauter Camions und Chevy Pickups wie aus einem texanischen »Day After« mit Drehjahr 1959, die durch tiefamerikanische Schilderschluchten auf den Puente Alsina zupreschen, rot und grüner Lack unter einem vergilbten Himmel, in einer unauslöschlichen Staubwolke: das lohnte die Zeitreise, will sagen die halbstündige Busfahrt. Und dann wird, wer sich zufällig in das Kirchlein an der Avenida Saenz flüchtet, gleich nochmals um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt: steht doch da mitten in Nueva Pompeya, aus Zement zwar, aber doch so perfekt nachgebildet, dass man sich im Roussillon wähnt, ein romanischer Kreuzgang.
Hier also wurde der Tango geboren. Oder hätte jedenfalls in dieser Gegend geboren werden können. Es gibt auch tatsächlich in Pompeya, an der Calle Beazley, noch eine Spelunke, »El Chino«, wo ihm jeden Freitag abend gehuldigt wird. Nach Mitternacht bringt man die wacklige Tür nicht mehr auf, so voll ist die Bar. Man trifft dort zum Beispiel die Direktionsassistentinnen der Banque Nationale de Paris in Buenos Aires, die unbedingt einmal »unverfälschten« Tango sehen wollten, und die sich angesichts der staubigen Darbietungen dann doch lieber im Patio niederlassen, wo einige Tische stehen, und wo man bis ins Morgengrauen von Buenos Aires schwärmen kann.
Stimmt, Buenos Aires ist ein wenig wie Paris. Und, wenn’s mir recht ist, ein bissrl wie Wien. Nichts sosehr wie wie Wien, sogar. Diese lange Niedergangserfahrung. Man war schon wer, als andere noch nicht einmal angefangen hatten, sich abzustrampeln. Haben nicht auch die Wiener diesen Verschwörerblick, als sännen sie irgendeiner uralten Utopie nach? Jedenfalls: man trägt seine Blessuren und Gebresten mit Würde. Und dann natürlich der Tango: fast wie ein Walzer.
4
Dienstag, 19 Uhr, Teatro Cervantes. Großandrang vor dem Eingang dieses prächtigen Theaters. Das wöchentliche Gratiskonzert der Orquesta Nacional de Música Argentina ist angesagt. Über vierzig Musiker: Tango symphonisch, Tango als nationales patrimonio, spendiert vom Kulturministerium. Auch die Stadt leistet sich ein Ensemble dieser Größe, die Orquesta del Tango de Buenos Aires, die jeden Donnerstag im Teatro Alvear aufspielt. Alle namhaften Solisten zieren hier wie dort periodisch das Programm.
Ich liebe begeisterungsfähige alte Menschen, und weiß Gott: so viele hatte ich noch nie beisammen gesehen. Kaum jemand unter sechzig. Sie kamen aus Pompeya, aus Caballito, aus Almirante Brown, aus allen Teilen von Buenos Aires, um hier ihre Dosis Tango abzuholen. Woche für Woche füllen sie das Teatro Cervantes bis auf den letzten Platz. Neben mir kletterte eine Dame die Treppe in den zweiten Rang hinauf. Plötzlich raunte sie mir, nicht ohne komplizenhaften Unterton, zu: dass man ihr schon wieder keinen Parkettplatz gegeben habe. – »Sie sind hier Stammgast?« erkundigte ich mich teilnahmsvoll. – «I wo. Immer nur dienstags», erwiderte sie.
Ich hatte einen Logenplatz erwischt, und so gesellten sich glücklich zwei Experten herbei, die hier ebenfalls unregelmäßig, aber doch mehr oder weniger wöchentlich, ihrer Leidenschaft frönen. Und ich habe geglaubt, Tango dieser Größenordnung sei ausgestorben? Die weiße Mähne des Orchesterleiters Osvaldo Piro wurde von tosendem Applaus begrüßt, genauso wie später der Stargast Luis Cardei, zur Zeit wohl der populärste Tangosänger alter Schule in Buenos Aires. Er habe sogar, so meine Vertrauensmänner, an der Calle Corrientes ein eigenes kleines Theater eröffnet, wo der Tango nicht in touristenfreundlichen Häppchen abgegeben werde. Sie versäumten es nicht, das Gebotene gebührend zu rühmen und mir nach jeder Nummer ebenso verschwörerische wie Anerkennung heischende Blicke zuzuwerfen. Als Osvaldo Piro selber zum fueye griff, war kein Halten mehr. Die alten Mädchen im Parkett hatten den großen tanguero schon während des ganzen Konzerts mit Komplimenten überhäuft, die er mit sonorer Stimme erwiderte. Nun trat er noch einmal ans Mikrophon. »Sind wir eigentlich hier, um zu heulen, oder um zu spielen?«
5 Alte Meister
Roberto Goyeneche, El Polaco: eine Legende zu Lebzeiten. Dieses rauhe Organ – ironiegetränkt, désabusé, ein sozusagen schwundsüchtiges Timbre – war die Stimme von Buenos Aires. Als Goyeneche 1990 im »Gran Rex« eine Reihe von Konzerten gab (damals trat er auch noch gelegentlich im Café »Homero« auf), war es ein offenes Geheimnis, dass es – angesichts seines Lebenswandels – wohl die letzte Chance war, ihn live zu hören. Ich habe sie verpasst. 1995 hat er das Paraplü zugemacht. Auch auf Piazzolla, auch auf den begnadeten Gitarristen Roberto Grela regnet es inzwischen nicht mehr. Aber es waren noch nicht die letzten Mohikaner. Der 81-jährige Horacio Salgán, eine der fundamentalen Figuren der Tangogeschichte, tritt weiterhin jeden Samstag im »Club del Vino« auf, begleitet vom Bandoneonisten Néstor Marconi. Und eine andere schillernde Gestalt, der cantor Alberto Castillo, gab vor einigen Jahren, annährend 90-jährig, ein Comeback mit der Rockband Los Auténticos Decadentes.
Leopoldo Federico, Saluzzis Lieblingsbandoneonisten, sah ich anstatt auf einer Bühne in einem Büro der Asociación Argentina de Intérpretes, deren Präsident er ist. Der richtige Mann für einen Überblick aus der Sicht der Betroffenen. Federico schilderte zunächst die heutigen Produktionsbedingungen: das totale Desinteresse der Musikkonzerne und die Schwierigkeit, je die 30’000 oder 40’000 Pesos aufzubringen, die eine Einspielung für ein unabhängiges Label kostet. Eine Kalamität, verglichen mit der Situation vor einigen Jahrzehnten, als Musiker seines Schlags von Studio zu Studio eilten, um neue Platten aufzunehmen. Dann erläuterte er die Bedeutung des japanischen Marktes, und wie enthusiastisch, mit welcher Kennerschaft die Japaner dem Tango begegneten. Furore machten ausserdem weltweit – »sogar in Buenos Aires!« – die großen Revuen wie »Tango por dos«, »Tango Pasión« und »Tanguísimo«. Freilich vor allem aufgrund der tänzerischen Leistungen. Und damit sei leider dem Hauptproblem des Tangos, dem Mangel an Komponisten, nicht abgeholfen. Federico wunderte sich auch, dass kaum jemand sich heute der Herausforderung stelle, zeitgenössische Tangotexte zu schreiben. Was ihn jedoch wirklich zu indignieren schien – offenbar aus eigener Erfahrung –, ist der allnächtliche Ausverkauf des Tangos in den Touristenlokalen.
Man sehe sich nur einmal, in San Telmo, die Show in der »Casa Blanca« an. Merkwürdigerweise war es Dino Saluzzi, der mich dort hinführte. Vielleicht, weil es ein so edles, tropenhölzernes Theater ist? Oder weil es einen eigenen Parkplatz hat? Oder eben deshalb, weil Tango, die Asphalt-Musik par excellence, dort mit Indio-Folklore und »Don’t Cry For Me Argentina«-Klimbim gepanscht, als World Music dargeboten wird?
Obwohl das Konkurrenzunternehmen an der Calle Balcarce, »El Viejo Almacén«, auf solche Einlagen verzichtet, ist es auf seine Art ebenso beelendend. Wahrscheinlich ahnt das Publikum nicht einmal, dass es dort wirklich die Crème de la crème des Tangos zu sehen bekommt: den Bandoneonisten Julián Plaza, den Pianisten Osvaldo Berlingieri, die Sängerin Virginia Luque – lauter viejas glorias, die hier ihr Gnadenbrot erhalten, indem sie Abend für Abend ihre Virtuosität mit denselben drei Stücken unter Beweis stellen. Das ist der Unterschied zu früher: heute spielt man für ein brasilianisches, morgen für ein japanisches, übermorgen vielleicht für ein französisches Publikum, gerade so, als befände man sich auf Welttournee; aber man tingelt ihm das ewiggleiche kleine Repertoire vor, während man sich damals für die ewiggleichen porteños Nacht für Nacht etwas Neues einfallen ließ.
Was man den alten Meistern nicht nehmen kann, ist ihre Haltung, ihre Würde, ihre Abgeklärtheit. Darum auch sprudelte es, als ich mich einmal mit einem jungen Tangologen unterhielt – dem Gitarristen und Archäologen der Frühzeit des Tangos, Pedro Chemes, der mit seinem Quarteto de la Ochava neulich (natürlich nicht in Buenos Aires, sondern in Madrid) eine der Guardia Vieja gewidmete Platte aufgenommen hat – nur so aus mir heraus: »Was ich bei euch vermisse, sind die maßgeschneiderten Hemden, die seidenen Schnürsenkel, die Lust am Niedergang. Ein gewisses Parfum. Es kommt mir alles so akademisch, so bieder und blutleer vor. Dabei war doch gerade der frühe Tango, an dem ihr laboriert, angeblich eine regelrechte Gossen- und Kanaillenmusik. Kann man ein Bordell besingen, ohne je eines betreten zu haben? Gewiss, auch Jazzmusiker wird man heute, und nicht erst heute, auf dem Konservatorium. Nichts gegen eine solide musikalische Bildung, an der es übrigens euren Vorbildern nie gebrach. Aber irgendwie sehe ich da doch gewisse Widersprüche.« Er wusste nichts zu erwidern.
Auf einmal fiel mir auf, wie tief der Graben zwischen den beiden Komponenten des Tangos geworden ist, die früher – mindestens bis in die fünfziger Jahre – so eng verschränkt waren: der Musik und – ja: dem Tanz. Fast hätte ich hier den Tanz unter den Teppich gekehrt. Dabei ist er die Fieberkurve des Tangos. In mehr als einer milonga – und sie sind tatsächlich in Buenos Aires gerade wieder sprunghaft in Zunahme begriffen – habe ich zugeschaut, wie Männer den Tango auf dem Körper von Frauen erzeugen, oder wenigstens zu erzeugen versuchen. Ich ging in die »Trastienda«, wo Debütanten zwischen den alten Hasen in Zeitlupe akrobatische Beinverschlingungen übten. Und ich saß im »Viejo Correo«, wo keiner unter sechzig dem Tango traut, an einem Marmortischchen, und sah, wie ein schmerbäuchiger Galan mit einem einzigen verschwörerischen Blick, quer über die Tanzfläche hinweg, eine blondierte Mittvierzigerin alarmierte. Gleich darauf tanzten sie den Tango, das ewiggleiche Muster, hunderttausendfach variiert, und immer noch ein gutes Aufputschmittel, genau wie Buenos Aires.
[du, 1997]
25. August 1993
Der letzte Gaucho in Dolores
[ca. 1993 für die Swissair Gazette]
Eine Reise durch die Pampa
Pünktlich um 06.15 rollte der Garçon den damastbedeckten Frühstückstisch ins Zimmer. Es duftete nach Kaffee, nach frischen Halbmöndchen, wie Croissants in Argentinien heissen... Vierzig Minuten später, am andern Ende von Buenos Aires, atmeten wir die herben Ausdünstungen von 32.000 Rindern: das war die Stückzahl, die an diesem Morgen im Mercado de Hacienda, dem grössten Rindermarkt der Welt, versteigert wurde.
Endlose Passerellen führten über ein Meer von Kühen, die von reseros auf erfahrenen Pferden in die Gehege getrieben wurden. Hugo Altamira, selbst nebenbei Viehzüchter, der uns hier hinaus begleitet hatte, liess sich von den atemberaubenden Gerüchen nicht in seiner Begeisterung beirren. Zungenschnalzend, geniesserisch pries er die prallen Leiber, die nach jahrelangem Genuss der Freiheit und der saftigen Luzerne jetzt eingepfercht unter ihresgleichen den Stempel empfingen, der ihr Dasein besiegelte. "Sehen Sie nur diese Shorthorn, una maravilla!" rief er aus. "Das sind kräftige, voll ausgewachsene Tiere. Kommen Sie mir nicht mit europäischen Kälbern!" Und mit verächtlichem Blick auf einen corral mit weniger fetten, aus Indien stammenden Cebus, einer für das tropische Nordargentinien geeigneten Rasse: "Corned Beef-Kandidaten!".
*
Nicht jedermann hat das Auge für die Schönheit dieser Elite der Fluren, "aristocratie frisée, exempte du joug, quadrupèdes aux mérites primés", wie Paul Morand sie feierte. Ueber 60 Millionen sind es, zwei Stück je Einwohner... Europäische, vornehmlich britische Rassen: die ersten Hereford wurden 1862 eingeführt, die ersten Aberdeen Angus, jene allgegenwärtigen schwarzen Tupfer in der Pampa, sogar erst 1879, zur Zeit, als die ersten Schiffe mit Gefrierkammern voller Rinderhälften den Hafen von Buenos Aires verliessen. In umgekehrter Richtung strömten die Einwanderer ins Land...
Ein scheinparadoxes Wort sagt, wer einen "Europäer" treffen wolle, der müsse nach Buenos Aires fahren. In der alten Welt gebe es Schweden, Kroaten, Wallonen.... Die Argentinier aber sind ein Amalgam, wenn auch ein jeder seine Herkunft als Adelsbrief in sich trägt: mediterrane Grundierung, mit britischen und französischen Manierismen uberhöht... Buenos Aires, Erfüllung aller Europaträume, allen Stadtverlangens... Prärie aus Zement und Asphalt, bevölkert von Myriaden wohlgestalter, scheinbar unnahbarer Frauen. Die Avenida Santa Fé weist vermutlich die weltweit höchste Dichte sinnbetörender Geschöpfe je cuadra auf.
*
Was ist eine cuadra? Sie ist das Mass aller Orientierung in Argentinien, cirka hundert Meter: die Länge eines Blocks im Schachbrett des Stadtplans. Dieses Muster gilt noch für das hinterste Dorf im Landesinnern. Die Monotonie der Landschaft wiederholt sich in den Menschenwerken. Bis hin zu den Strassennamen, gleichlautend von Ort zu Ort - wer im Lande umherreist, dem wird der unumstössliche Katalog geschichtlicher Figuren und Daten bald geläufig, ohne dass er notwendigerweise erfährt, wer all diese Präsidenten, nationalen Erzieher und gegen die Indianer kämpfenden Generäle waren.
Der Hang zur Grösse, zu welcher ihre Nation zu Beginn dieses Jahrhunderts bestimmt schien - eine Attitüde, die nicht zur Beliebtheit der Argentinier in der Welt beigetragen hat -, ist ihnen aller Rückschläge zutrotz natürlich geblieben. Wie könnte es anders sein in einem Land, das von seinem vibrierenden Horizont lebt, während der Raum davor, reine Geometrie, sich an der Unwirklichkeit des Himmels berauscht, den Störche durchsegeln und über den die Wolken treiben, während unten die Windpumpen sich wie unzählige kleine Glücksräder drehen... In dieser Landschaft zählt nur das Nachher, das Fernliegende, der Vordergrund ist uns gleichgültig - das hat Ortega y Gasset zum Angelpunkt seines allegorischen Texts über die Pampa gemacht. Die Pampa lasse sich nur von ihrem Ende her betrachten, dem ungewissen Wogen der Einbildungen. "La Pampa promete, promete, promete..." Landschaft der Verheissungen, des Überflusses, der Freizügigkeit...
Der äussere Schein straft noch heute alle Reden vom Niedergang Argentiniens Lügen. Dem Fremden erscheint es wie ein Wunder, wie unversehrt das Land aus der ununterbrochenen Folge von politischen Krisen und wirtschaftlicher Stagnation hervorging, die nach dem Ende der Einwandererwelle einsetzte. Die Argentinier selbst jedoch trachteten nach Höherem. In manchen jener Pampadörfer, die einst von Urbanisten mit Reissnägeln aufs jungfräuliche Land gepflanzt wurden, wird das nie eingelöste Versprechen anschaulich, stehen der selbstbewusste Pioniergeist von einst und sein Scheitern melancholisch nebeneinander: ein schmucker Bahnhof, eine grandiose Allee, die plaza mit Rathaus, Kirche, Standbild des Befreiers, ein grosszügiges Strassennetz - aber um die zentralen Stücke herum nichts als einige Koben, hier und dort ein Eckhaus, dem die Reihe fehlt, und die staubigen Wege verlieren sich bald im Pampagras.
*
Staub: damit hatte die Reise angefangen, in San Antonio de Areco, nur eine Autostunde von Buenos Aires entfernt. San Antonio gilt als einer der Hauptorte der Gauchotradition, seines Festivals und seines Museums wegen. Prominente Argentinier und Argentinienreisende, von Graf Kayserling über Gardel bis zu Borges, sollen auf der Estancia La Porteña Aufenthalt genommen haben, wo Ricardo Güiraldes eines der beiden Standardwerke der Gaucholiteratur schrieb, den "Don Segundo Sombra" (das andere ist das Versepos "Martín Fierro" von José Hernández).
Der Gutsherr, ein Enkel des Schriftstellers, kam uns im Dorf abholen und wir fuhren seinem Auto nach. Aber bald schon war davon nichts mehr zu sehen als die weisse Staubwolke, die es auf dem Erdweg aufwirbelte, ein geisterhafter Nebel in der Mittagshelle, der sich, wenn ich den Abstand zu gross werden liess, jederzeit vor uns aufzulösen drohte.
Wie die meisten Ländereien, ist auch die Estancia von Manuel Güiraldes durch Erbteilung über die Generationen zusammengeschrumpft, von 7.000 auf noch 200 Hektare. Als Nicht-mehr-so-Grossgrundbesitzer hat er den Tourismus als neue Einnahmequelle entdeckt und unser erstes asado, das uns umgehend von der indianischen mucama serviert wurde, assen wir in Gesellschaft einiger Polospieler aus Barcelona und Brüssel. Was in Argentinien nicht kleiner geworden ist, sind die Fleischportionen: als ich die Hälfte davon vertilgt hatte, ragte die andere immer noch über den Tellerrand hinaus...
Etwas komplizierter verhält es sich mit dem Klischee des Gauchos - jenes mit Silbersporen, Pumphosen, besticktem Gürtel, kunstvoll geschlungenem Foulard und Schlapphut ausgestatteten Menschen, der eher unglückliche Figur macht, wenn er nicht gerade zu Pferd sitzt ("triste chose qu'un gaucho à pied"). So wie das Oberflächliche und der schöne Schein im argentinischen Leben - paradoxe Wahrheit - tief verwurzelt sind, ist eben auch der Gaucho laut Borges ein "prototypisches Idealobjekt", hervorgegangen aus der "waghalsigen Verflechtung" zweier Lebensstile, dem des Kuhtreibers selbst und dem jener Männer mit bürgerlicher Kultur, die sich durch die Kriege des 19. Jahrhunderts bewogen fühlten, sich mit ihm auseinanderzusetzen: "Aus dem Staunen, welches der eine im andern erzeugte, entstand die Gaucho-Literatur".
Woher der Name Gaucho stammt, ist nicht gesichert. Möglicherweise von dem Quetchua-Wort huachu, "unehelich" oder "Waise" - und es ist ja auch der Gaucho ein Waise der europäischen sowohl als der Eingeborenenzivilisation und sein Territorium, die Pampa, eine Brutstätte des Individualismus, der rebellischen Träumerei und der Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber - lauter Eigenschaften, die auch sein städtisches oder vorstädtisches Pendant kennzeichnen, Borges' Lieblingsfigur, den malevo oder compadre.
*
So ist die Geschichte des Gauchos vielleicht ebensosehr Literatur wie Realität; hingegen jene der Pampa selbst, so fabelhaft sie scheint, bleibt der Wirklichkeit zuzurechnen. Lange Zeit war Buenos Aires - um nochmals Morand zu zitieren - eine "nach Indianer und Kapuziner stinkende Sackgasse", die von den Spaniern via Panama und Lima beliefert wurde, auf Eselsrücken über die Anden und durch die von nomadisierenden Indianern unsicher gemachte Pampa. Als die ersten weissen Siedler im 16. Jahrhundert Rinder mitbrachten, vermehrten sich diese in paradiesischer Freiheit und stampften bald in bis zu 40.000köpfigen Herden über das herrenlose Land. Dieser lebende Schatz lockte andere Indianerstämme, namentlich die grimmigen Araukaner aus Chile, über die Kordillere ins Flachland. Im 19. Jahrhundert machte sich die regierende Oligarchie die Polarisierung zwischen städtischer "Zivilisation" und indianischer "Barbarei" zunutze; aber als die Indianer um 1880 nach jahrzehntelangen verbissenen Kämpfen vernichtet waren, kehrte sie die Zeichen um: hinfort repräsentierte das Land mit seinen Grundbesitzern die Zivilisation, Buenos Aires mit seinen Einwanderern die Barbarei.
Die klingende Münze, nach der Argentinien und der Rio de la Plata benannt sind, entspringt der Pampa und hat Buenos Aires zur Metropole gemacht. Die Pampa selbst jedoch war keineswegs immer die bukolische Landschaft, die wir heute sehen. Ursprünglich baumlos (Darwin erkannte in den heftigen Südwinden den Feind der Bäume), erinnert sie nun streckenweise nachgerade an eine Garten, einen unabsehbaren Park. Der Eukalyptus, aus dessen Strunk, wenn er vom Sturm gefällt wird, zäh wieder neue Stämme senkrecht emporwachsen, wurde 1857 eingeführt. Der älteste Schattenspender in der Pampa, der struppige Ombú, stammt aus Mesopotamien. Er ist der sprichwörtliche Baum der trockenen Pampa, des Steppenlands zu Füssen der Kordillere. In der Pampa húmeda hingegen, die konzentrisch um Buenos Aires liegt (ein Gebiet von der Grösse Frankreichs), wachsen heute Weizen, Roggen, Mais, Hopfen, Malz, Soja, Leinen, Sonnenblumen... und die Luzerne, an der sich die Rinderherden weiden. Keines dieser Gewächse gehörte zur ursprünglichen Pampavegetation.
*
Pam-pa, seltsames Wort, das sich selbst echot... Der Ford Falcon preschte über das endlose, schnurgerade Band vor uns, durch eine Landschaft, deren Weite jede Bewegung empfängt "wie die Frau den Mann, ganz auf ihrem Grund" - so der französische Argentinienkenner Roger Caillois. Prosaischer ausgedrückt: in der Pampa sticht die Bewegung mehr ins Auge als die Sache selbst. In der Morgenfrühe sieht man sie unterwegs, mit dem Fahrrad, mit dem alten Pick-up, die Bewohner des Landes. Peones ziehen aus dem Dorf Richtung Estancia; eine indianische Mutter wartet auf den Ueberlandbus; hinter einem Schirm von Pappeln sieht man eine Gruppe Zureiter bei der Arbeit; und eine mächtige weisse Rauchwolke zeigt an, dass der Ziegelbrenner eingefeuert hat. Je später der Tag, desto weniger Leute auf der Strasse; daher vermitteln alle Pampadörfer vor allem den Eindruck einer enormen Schläfrigkeit.
Die Pampa ist ein gesegnetes Land und man kann den Argentiniern manches nachsagen, aber ihre gute Laune haben sie nicht verloren. Der Estanciero Alberto Brané, der uns seine Hablichkeiten, seine trächtigen Stuten und den Puma vorführte, den er als Haustier hält; die beiden Schullehrerinnen bei Rio Cuarto, die wir im Falcon mitnahmen und die sich auf dem Rücksitz für ein Fest schönmachten; der leutselige Alte bei Macachín, dem seine paar Ochsen davonliefen, während er mir die Wohltaten des Heiligen Cayetano erklärte, dem er an der Landstrasse einen Altar errichtet hat; das Männlein in Carhué, das uns in seine quinta zu Milchreis einlud, was aber nur ein Scherz war, denn natürlich meinte er Beefsteak - sie und viele andere, denen wir unterwegs begegneten, waren von einer grossen und oft ausgesuchten Gastfreundlichkeit. Umgangsformen - ich meine nicht das affektierte Getue der höheren Gesellschaft von Buenos Aires, "si absolument comme il faut", und auch nicht die manchmal befremdliche Europaliebe der Argentinier (einmal wurde ich von einer Gruppe aus dem schlichten Grund mit Applaus überschüttet, weil ich mich als Franzose ausgegeben hatte), sondern eine Herzlichkeit, die gleichzeitig manierlich ist.
Lebenskunst... Wenn ich an die Bedienung denke, so scheint mir, noch das verlorene Nest Santa Isabel, Provinz La Pampa, habe vielleicht mehr Urbanität als manche Stadt im Herzen Europas. Ob es auch der alltägliche Speisezettel der Nation ist, der argentinische Kellner bringt die Silben, mit denen man die leckeren Teile des Ochsen oder der Kuh bezeichnet - lomo, vacío, mollejas - jederzeit in einem frohen Ton über die Lippen, als sei es das erste Mal.
*
Eines Mannes will ich zuletzt gedenken, des baskischen Estancieros Simón Olariaga in Dolores, Provinz Buenos Aires. Er erst hat mir die Augen für dieses Land geöffnet, das eintönig scheint, weil es subtil ist. Gern würde ich eine Zeit in seinem phantastischen Landhaus im englischen Stil verbringen, mit den wolgadeutschen peones scherzen, deren Münder deutsche Worte aus einem andern Jahrhundert sagen, zur Lagune mit ihrer zauberischen Vogelwelt gehen (oder reiten), den Blick schärfen, damit mir das Gürteltier und der Strauss in den wogenden Feldern nicht mehr entgehen... Beim Einnachten mit Olariaga am alten Holländerfriedhof vorbei über die staubige Strasse ins pueblito La Colina fahren, wo er zum Falcon hinaus jedem Bewohner wieder einen andern Gruss zuruft. In der Abenddämmerung, die sich in der Pampa immer noch weiter hinauszieht, wenn man schon meinte, nun sei der letzte Rosastich des Himmels erreicht.
4. März 1993
Tick, Trick und Track oder Es werde Stadt
Berliner Freunde
Ein rückläufiges Tagebuch
Der siebente Tag. »Es gibt die englische, es gibt die französische Gartenkunst. Ein deutscher Park dagegen möchte im Grunde einfach ein deutscher Wald sein«, behauptete ich. – »So, so? Und Sanssouci? Ich bitte dich! Fürst Pückler!« – »Ich spreche nicht von künstlichen Originalen; geschweige denn von Baumschulen.«
Was wollte er mir zum Abschied vorführen, mein Freund Tick? Noch einmal hatten wir den Mauerstreifen überquert, an einem Waldrand angehalten, beim Treptower Park. Tiefe Nacht war’s, mondlos. Wir gingen über knirschende Kiesel, traten auf eine Lichtung: Vor uns erstreckte sich, flankiert von zwei gezackten, krumm in den Himmel ragenden Betonstümpfen, die Esplanade, die zum sowjetischen Ehrenmal führt. Nicht ein Stonehenge: ein Concretehenge aus Zeiten, als es noch Geschichte gab. Beidseits markierten reliefgeschmückte, den Truppengattungen gewidmete Steinfinsterlinge die Gedenkstätte. »Jeder Quader steht für 10‘000 Gefallene«, räusperte sich Tick, meine Beklemmung genießend.
Zwischen den Bäumen flackerten die Scheinwerfer eines Streifenwagens auf, der langsam längs der Esplanade näherkam. Ein Wartburg, war nun zu erkennen. »Da war’n es nur noch zwei«, bemerkte ich in die Stille, »die Ost-Autos fuhren. Die Polizei und die Parias.« Ich war fünf Jahre nicht in Berlin gewesen: Trabant und Konsorten hatten ausgeknattert.
Es war einmal ein unidentifizierbares historisches Objekt, Tauzeit genannt. Dann entpuppte sich die »Freiheit«, kaum aus der Tiefkühltruhe des Kommunismus geholt, selbst als Tiefkühltruhe bzw. Sechsyzlinder bzw. Mikrowellenherd. Aber selbst zum bloßen Verbrauchsgut und Statussymbol degradiert: Hätte sich die Freiheit nicht die Freiheit nehmen können, wenigstens die Trümmer jenes andern, jäh in sich zusammengebrochenen Blocks auf ihren Wert zu prüfen? – »Es war eben gar kein Wertesystem, sondern lediglich eine ziemlich dürftige Zeichensprache«, sagte Tick. »Und übrigens ist der Ostblock wirklich eher zerschmolzen als zerbrochen. Trotzdem staunst du, wie zügig die Demontage vonstatten ging. Reine Formsache. Man brauchte nur ein paar Ikonen von den enteisten Regalen zu holen und auf Stechschrittparaden zu verzichten, weil man Skrupel oder nicht genügend Geistesgegenwart hatte, sie gleich in ein historisches Disneyland zu integrieren.«
Stechschrittparaden: Hat man eine gesehen, so hat man sie wohl alle gesehen. Aber den sozialistischen Realismus hätte ich gern nochmals betrachtet, dessen breitspurige Präsentation wir damals auf der Museumsinsel belächelt hatten. Natürlich waren die Bilder im Keller verschwunden. »Berlin«, sagte ich, »das von seiner gewalttätigen Vergangenheit nur so triefte, scheint sich jetzt zum Musterfall posthistorischen Leerlaufs zu mausern.« – »Ja«, seufzte Tick, »der Schweiß der Geschichte hat sich als ziemlich geruchlos erwiesen.«
Er hatte an Berlin nämlich gerade dessen kräftige historische Duftnote geschätzt. Nicht zufällig führte er mich zuletzt an diesen von geschichtlicher Tragik vollgepumpten Ort, das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Schauerliche umwaldete Symmetrie inmitten des urbanen Chaos; wie geschaffen, um makabre Neigungen, um seine kraftmeierische Sinnlichkeit zu befriedigen. (Anderswo faszinierten ihn periphere Industriefossilien; hingegen die Vitalität, die theatralischen und ästhetischen Qualitäten eines Stadtzentrums, sagten ihm nichts.) Das Ende der Mauer erlebte er als Verhängnis, nicht erst als ihm klar wurde, dass sie uns besser vor dem Osten geschützt hatte als umgekehrt; auch nicht in erster Linie, weil die gegenseitige Kontaminierung der alten Blöcke wenig Gutes verhieß (das Gute kann nicht einfach das Gute bleiben, wenn das Böse auf einmal wegfällt); sondern weil damit das Kernstück seiner perversen Ästhetik, das uneingestehbare Rückgrat seiner Berlin-Liebe, zerbrochen war.
Nach dem »Bildersturm« (wie er geschichtsgierig die Blitzverschrottung des ikonischen Überbaus nannte) bleibt die gebaute DDRlichkeit. Auf die Öffnung folgte eine Saison der Entdeckungen. Man durchstöberte die Deutsche Demokratische Rumpelkammer, erschauerte vor ihren Plattenbaudelirien. Marzahn, Superlativ aller Architekturgreuel; Kraftprotze wie dieser Treptower Park, dem unser Abschlussbesuch galt; oder das einst jüdische Scheunenviertel, das wir gleich nach meiner Ankunft durchstreift hatten. Oh Wunder, dass es überhaupt noch steht, kriegsversehrt und nachkriegsverlottert (im Westen wäre es wiederaufbauverwüstet; man darf sich aber bei dieser Gelegenheit fragen, was eigentlich an unserer verpönten Nachkriegsarchitektur, mag sie auch mehr alte Bausubstanz gekostet haben als alle Bombardements, so viel schlimmer sein soll als an den Mietskasernen von dazumal). Im Scheunenviertel haben sich nun, unweit der glitzernden, Nolvadex Online frisch renovierten Synagoge, zum Beispiel Galerien eingenistet, eine junge Ost-Szene, die dem etablierten westlichen Kunsthandel die Stirn bietet. Derzeitiges Hauptquartier dieser Kulturguerilla ist das zerbombte Kaufhaus Wertheim an der Oranienburger Strasse, unter dem Namen »Tacheles« spektakulärer Exerzierplatz eines frisch erwachten, dem Tag (und den Nächten) verpflichteten Schöpferdrangs. »Ein subventionierter Höllenbreughel.« – »Lach nur. In Berlin ist aber alles Provisorische, Ungewisse, Schnellebige an sich ein Positivum«, hielt Tick fest. »Die Gefahr besteht gerade darin, dass solche Nischen, dass die ganzen Stadtbrachen jetzt im Hauruckverfahren zubetoniert werden, und statt der Mauer haben wir dann einen Büroriegel.«
Wir waren an jenem ersten Berliner Tag per S-Bahn in den Osten gefahren. Dem Tiergarten, dem Spreebogen entlang (»der Reichstag, bitte schön; und dort wird der Kanzler kanzeln«) präsentierte Tick das Panorama der künftigen Hauptstadt. Vorläufig ist das die Gesichtslosigkeit selbst. Die ganze Zersplitterung, das städtebauliche Dilemma Berlins im Rohzustand treten einem auf dieser Strecke vor Augen. Keinerlei bauliches Ensemble, an dem sich der Blick weiden könnte, kaum je auch nur eine geschlossene Fassadenfront. Wer käme auf die Vermutung, hier in einer europäischen Stadt zu sein? Blocksäume um Wiesengründe, ungestalter Häuserwald mit seinen Lichtungen... Die Strecke führte am Lehrter Bahnhof, an der Charité vorbei, man durfte an Döblin denken, an »pulsierendes Großstadtleben«. Aber ist angesichts der bestehenden Zerstückelung, eingedenk unserer eigenen Zerstückelung, der Rückgriff auf historische Stadtmodelle nicht einfach grotesk? Als könnte ein Vorkriegs-Berlin, Biberkopf und Liza Minelli inbegriffen, mimetisch nochmals erstehen. Müsste Stadtplanung nicht, nirgendwo wie hier, gerade das terrain vague zum Anlass und Vorbild nehmen? Die offene Unstadt, die viele in ihren Bann zieht (mich nicht). Vielleicht sollte man noch vor ihrer Erschaffung erst einmal ruhen.
Der sechste Tag. Wir glitten in Tricks Luxus-Cabriolet durch Ost-Berlin hinaus. Frankfurter Allee, zentrumwärts eines der Hauptwerke der Plattenbaukunst (so spannend wie ein Andy-Warhol-Film), und sogar die einzige Abwechslung war eine Wiederholung: »Linkerhand: Hollywood auf sozialistisch«, machte mich Trick mit genau denselben Worten, wie einige Tage vor ihm Tick, auf den Lichtspielpalast »International« aufmerksam. – Rem Kohlhaas hat recht, wenn er sagt, wir bräuchten einen neuen Walter Benjamin, der die Schönheit des Alexanderplatzes beschreibt, so wie er heute ist. Das Vorhandene ist so ungeheuerlich, das Ungeheure so total, dass man allmählich lernen müsste, damit zu leben.
Wo überhaupt die Stadt sei, fragt man sich von der S-Bahn aus. Nun erkundigte ich mich beiläufig, wo eigentlich die Berliner seien, die Millionen Einwohner, von denen sich kaum je einer auf der Straße blicken ließ. »Aber du siehst doch«, regte sich Trick über meine Naivität auf. »Was sollen die Leute draußen? Es gibt da ja nichts für sie.«
Und nun erst das Land. Wir hatten uns einen Gasthof mit Seeblick ausgemalt. Irrfahrt durch brandenburgische Dörfer, einige davon frisch renoviert, und in ihrer pedantisch aufgeputzten Ärmlichkeit wirkten sie um so betrüblicher. Wir folgten einem Wegweiser, der einen »Seepalast« mit »Fischspezialitäten« verhieß; erwies sich dann als eine Baustelle, vom See durch die neue Autobahn getrennt. In der DDR hatte man noch kopfsteingepflästerte Landstraßen instand gehalten.
Trick photographierte einige Kuriositäten: Die frivole Imbissbude beim KZ Sachsenhausen. Den Schriftzug »Wohnkultur« auf einem rattengrauen Kasten mit Satteldach. Das Denkmal »Dem Meisterfahrer Adolf Huschke«, der 1923 im Rennen rund um Berlin aus dieser Kurve geflogen war. Ich machte meinen Freund auf eine kokette Tankstelle aufmerksam, aber er winkte ab: »Zapfsäulen photographieren, das haben wir mit achtzehn schon hinter uns gebracht. Es wäre nur das Eingeständnis, zwanzig Jahre später noch denselben ästhetischen Marotten nachzuhängen.« – »Stimmt: sowas macht höchstens noch Wim Wenders.«
Endlich fanden wir, wenn auch keinen Seepalast, so doch eine Waldschenke und ließen uns unter märkischen Kiefern und gestreiften Markisen Schweinernes vorsetzen. Seit ich in Berlin war, hatte ich nichts als Quarkhäppchen und Spinatkuchen zu mir genommen; einmal einen »Eiersalat«, der sich als Mayonnaise erwies, in der einige Spargelschnipsel schwammen, das Ganze durch Gurkenstreifen unzugänglich gemacht, zwischen denen man sich mit Messer und Gabel in die Tunke vorzukämpfen hatte. Gewiss lebt auch die Bulettenkultur fort (inkl. Schlager aus einheimischen Kehlen), dies jedoch vornehmlich in den dem treudeutschen Publikum vorbehaltenen »Schultheiß«-Kneipen. Scharf ist die Abgrenzung zwischen diesem und der alternativen Fauna, welche Berlin den Ruf einer Hochburg aller Minderheiten, von Körnchenfressern bis Lederboys, eingetragen hat: Fortsetzung der Teilung mit andern Mitteln. Was fehlt, sind bürgerliche Nuancen.
Der fünfte Tag. Lauter adrett gekleidete Menschen, hatte Track gesagt, säßen in dem Café am Savigny-Platz, dessen Namen ihm entfallen war. Es war trotzdem leicht zu finden; ich brauchte nur davon auszugehen, er habe mich an den einzigen Ort in der näheren Umgebung bestellt, dessen Eigentümer schon mal das Wort Design gehört, wenn auch gründlich missverstanden hatten. Und nun diese »nett angezogene« Gästeschar: in abgesägten Jeans, grellbunten Blousons... Charlottenburgerinnen mit schlotternden Brüsten, sonnenlüsternen Gesichtern – ich wies Track höhnisch auf ihre reklamebeschrifteten Synthetiks hin, musste mir jedoch sagen lassen: »Es ist nicht gerade ein Zeichen von Originalität, sich darüber aufzuhalten, dass Deutsche sich möglichst teuer möglichst schrecklich anziehen.« – »Man scheint hier einem stillschweigenden Schlampigkeitsgebot zu gehorchen.« – »Du hast Wichtigeres zu sagen. Neben der Frage, wie die leidige deutsche Identität in Millionen Tonnen Beton repräsentiert werden soll, dürfte das nationale Faible für Mustermix ein zweitrangiges Problem sein.«
Ich fand es immerhin interessant, dass Deutsche an ihrer eigenen Geschmacklosigkeit leiden und trotzdem permanent Mustermix in inkompatiplen Farben tragen. »Man handelt wider die bessere Einsicht. Was mich in diesem Zusammenhang irritiert, ist zum Beispiel das fortwährende Gerede von einem pulsierenden Grossstadtleben. Der Bausenator, die Architekten, der Herausgeber der Berliner Zeitung, alle teilen sie diese Sehnsucht, wenn sie an die Zukunft Berlins denken; und dann streitet man sich endlos darüber, wer wo wie hoch bauen darf, um ›das Ding zum Leben zu kriegen‹. Es scheint gar niemandem aufzufallen, dass das Leben von den Leuten gemacht wird und nicht von der Traufhöhe. Wo das Geschehen gut ist, ist auch der Ort gut. Bei der ganzen Diskussion ist eine tiefsitzende Angst vor Konzentration spürbar, während das Grundproblem Berlins für mich gerade die fehlende Dichte ist«, argumentierte ich.
»Du siehst ja, welche Interessen jetzt in diese Lücken schießen«, wandte Track ein. »Zwanzig Prozent Wohnanteil, es klingt wie ein Hohn, scheint aber das Maximum zu sein, das heute finanzierbar ist. Damit ist von vornherein das Todesurteil für ein lebendiges Zentrum gesprochen, obwohl sich alle einig sind, dass das einzige Rezept dafür eine gute Durchmischung wäre. Die Stadt des 21. Jahrhunderts zu denken, die wahrscheinlich gar kein herkömmliches Zentrum braucht, davor schrecken die meisten zurück. Lieber träumt man von Gründerzeit und Döblinschen Hinterhöfen und verschachert den Boden einstweilen an die Konzerne, damit diese die Narbe ausmerzen, die der Krieg und die Teilung hinterlassen haben. Eine schreckliche Narbe, zugegeben, aber dabei werden aus toten Räumen nur wieder tote Räume entstehen, und der Stadtkörper als Ganzes siecht dahin. Es ist wie ein Schwarzes Loch, das planerische Energien absaugt, die besser auf den Berliner Großraum gelenkt würden. Wirtschaftlich steckt Berlin in einer schlimmen Lage: eine subventionierte Insel, abgehängt durch Krieg und Nachkriegszeit. Als ich vor einem Jahr aus Westfalen hierherzog, war ich zunächst fasziniert von der Ungeheuerlichkeit der Aufgaben. Aber allmählich vermisse ich die Beweglichkeit, die dichte dezentrale Vernetzung, die in Westdeutschland viele Dinge ermöglicht. Im Vergleich dazu erscheint Berlin schwerfällig. Falls es nicht gelingt, den Druck zu verteilen, unter dem die Stadt steht, wird sie ein Abbild jener Interessen werden, die jetzt ihre Klüngel um sie bilden.«
Der vierte Tag. »La flânerie, si chère aux peuples doués d'imagination...«, in Berlin ist darauf zu verzichten. Spaziergänger: eine ausgestorbene Spezies. Die Gewohnheit, bestimmte Ziele zu Fuß zu erreichen, wird man hier bald bereuen. Der Blick des Voyeurs geht ins Leere. Nicht die Distanzen sind das Problem: Quer durch Paris, längs durch Manhatten ist man auch stundenlang unterwegs.
Wenn man aus New York kommt, erscheint einem Paris wie eine irreale Kulisse. Mit dem New Yorker Bestiarium verglichen, wirken Pariser Straßenszenen harmlos, liebreizend, fast operettenhaft. Nun war ich via Paris nach Berlin gekommen, und aus diesem Blickwinkel kam mir Paris von nachgerade wilder Betriebsamkeit erfüllt vor. Diese Stadt sei bloß noch eine Maschine, um Geld zu machen? Immerhin mit einem vielgestaltigen, von Straße zu Straße wechselhaften Alltag gesegnet, wie es ihn nirgendwo in Berlin gibt. (Man höre die Gegenbeispiele. Tick: »In Kreuzberg hat gestern nacht ein Schwarzer einen Unfall gebaut. Der Polizei ist nichts Schlaueres eingefallen, als auf den Verletzten einzuknüppeln. Sofort haben sich die türkischen Anwohner in Schlafanzügen um die Szene versammelt und ihrerseits den Beamten die Hölle heiss gemacht.« – Trick: »Auf dem Arbeitsmarkt sind jetzt Polen im Sonderangebot. Malochen für drei Mark die Stunde.« – Track: »Bei uns im Erdgeschoß gibt es eine vietnamesische Bar. Der Besitzer hat sich geweigert, die Schutzgebühr zu bezahlen. Letzte Woche ist er von der Mafia abserviert worden.«) Ausländer sind in Berlin für Faits divers gut, im Straßenbild treten sie kaum in Erscheinung. Ein biederes Stück, das auf dieser Bühne gespielt wird (»Blutrecht« betitelt), und erst noch vor dürftiger Kulisse.
Ungefähr so, als bliebe von Paris nur die Peripherie. Durch die Mauer ist eine Bannmeile im Zentrum entstanden, das übriges schon vor dem Krieg zweipolig ausgebildet war, nur noch nicht ideologisch aufgeladen. (Hauptstadt der DDR versus Schaufenster des Westens. Eine Straße, die wirklich zum Heulen ist: der Kudamm.) Ostöde, Westöde. Diesseits der Mauer ist man der selbstverschuldeten Misere in den achtziger Jahren mit der Internationalen Bauausstellung begegnet: Reparatur, Heiligsprechung der Blockrandbebauung, einige Glanzlichter. Der Osten blieb dem Grau verschrieben. Wie oft man das Wort von den Verbrechen dieser Architektur auch aufgenommen hat, ihre Totalität spottet aller Beschreibung. Die Schönheit des Alexanderplatzes zu würdigen – »rüschengeschürzte Holländerinnen priesen ›Keese und Gemüüse‹ an, die's in einer Tombola zu gewinnen gab, gute Feen im Würstelbudenland unter dem Augapfel des Fernsehturms« –, fällt einem leichter, hat man erst den vierzigminütigen Fußmarsch vom Alex zum Potsdamer Platz hinter sich. Nur ein Irrer wie ich, der wähnt, er könne auf diesen Autobahnen ein Taxi abfangen, lässt sich auf ein solches Martyrium ein. Eine Polizeistreife, die an einer Ampel ihre Lautsprecher quäken liess, brachte endlich eine menschliche Note in die Blockschaften: »In der Stadt fahren wir mit 50.« Ansonsten: stumme Platte.
Der dritte Tag. »Sieh dir diesen Aschenbecher an, diese Lampen, diese Attrappe von Schreibtisch. Das war notabene der Arbeitsplatz nicht eines kleinen Beamten, sondern eines DDR-Spitzenfunktionärs. Jede Zahnarztpraxis in Zehlendorf hat mehr Niveau.« Wir waren in Tracks neuem Büro im Ostteil der Stadt. Er hatte sich in den Triumph der Hässlichkeit zu schicken.
»Eine ästhetische Tragödie, die ganze DDR, keine Frage. Sollte nicht daraus so etwas wie eine tragische Ästhetik zu entwickeln sein?«, wortspielte ich, auf die Schönheit des Alexanderplatzes gemünzt.
Richtung Alex gingen wir nun, um uns zwei Ausstellungen zur Berliner Zukunft anzusehen. Die Wettbewerbsentwürfe zum Regierungsviertel im Spreebogen (835 Teilnehmer, 835 Pappmodelle; womit zumindest die herrschende Konfusion einen adäquaten Ausdruck erfuhr) sowie die Vorschläge zur Neugestaltung des Alexanderplatzes, wo die Bauwut gigantischere Ausmaße als selbst am Potsdamer Platz anzunehmen droht. Wir kamen auch an der einstweilen größten Baugrube in Berlin-Mitte vorbei, an der Friedrichstrasse. Ein kurz vor der Vollendung stehender DDR-Großbau war dort demonstrativ abgerissen worden, um durch einen von westlichen Stararchitekten entworfenen Geschäftskomplex ersetzt zu werden. »Galeries Lafayette, usw. Jean Nouvel, Ungers, Pei bauen hier: ›Hoppla, jetzt kommen wir!‹ Man kann darin ebensogut einen Ausdruck westlicher Anmaßung wie östlicher Hoffnungen sehen. Den Investoren geht es darum, Brückenköpfe zu bilden, freilich nur bis zum Alexanderplatz. Die Gebiete jenseits davon scheinen noch als Indianerland zu gelten. Alles stürzt sich auf die Mitte, hie Kaufhof, hie Kinkel, und die gleiche besinnungslose Hast wie bei der Wiedervereinigung lässt jetzt in der Berliner Stadtplanung die schlimmsten Träume wahr werden«, so Track. Ich fügte hinzu: »Solche Prozesse sind wohl nicht steuerbar. Was hülfe es übrigens, wenn man sie wenigstens verlangsamen könnte? Später würde womöglich alles noch schlimmer.« – »Ein Vorgang, der sich nur in psychoanalytischen Begriffen fassen lässt, sagt Nikolaus Kuhnert: Genau das, was man am meisten fürchtet – amerikanische Schnickschnackarchitektur –, setzt sich in unvorstellbarem Ausmaß durch. Ein urbanistisches Kesseltreiben, untermalt wellbutrin sr vom Halali des Hauptstadtentscheids, und der Hase, der in die Enge getrieben wird, ist der Berliner Boden.«
Der zweite Tag. Trick holte mich in Charlottenburg ab. Kein Scherz: wir stiegen tatsächlich in ein weiß schimmerndes BMW-Cabriolet. Hm: ein so protziges Auto zu fahren, ich würde mich schämen. Als Berliner empfindet man es wohl als stilvoll, d.h. naturgegeben (wenn nicht, das andere Extrem, als unsittlich).
Es sollte ein längerer Abend werden, Gabelfrühstück im »Schwarzen Café« inbegriffen. Ich hätte gern mit der »Paris Bar« angefangen, jenes Hangs zum fortgesetzt albernen Giftsprühen wegen, Berliner Schnauze genannt, welche sich dort von akzentfrei kellnernden Langschürzen französisch abfüttern lässt. »Schultheiß auf geistreich«, sträubte sich Trick und ich trauerte zwar dem Sancerre nach, gab ihm aber recht: »Der Motzke als Einzelner, damit lässt sich leben, aber so en masse, als Erbgut und Sippe: mühsam.«
Es musste daher der Osten sein, wo auch westlich erblühte Mauerblümchen, die bei Tag für Land und Leute von drüben nicht viel übrig haben, durch die klaren Nächte nischen. Genauer gesagt: hin und hoch ging's wieder her, zwischen »Tresor« und »Caracas«; und es erwies sich, dass sogar preußisch-nüchterne Verkommenheit inzwischen einen Hang zur Erbsünde des Ornaments entwickelt hat. Entgegen Tricks lokalpatriotischer Behauptung, das sei in Berlin ausgeschlossen, traf ich einige alte Bekannte wieder: Raffi, der mir vor acht Jahren meinen halben Werkzeugkasten geklaut hatte (»Ich will meine Feile wieder haben!«), sowie den ewig zerzausten Egbert, der rotfleckig im Gesicht und Entschuldigungen murmelnd gleich zweimal, beim Hereinkommen wie beim Hinausgehen, über dieselbe Schwelle stolperte.
Auf märkischen Sand gebaute Nächte, geistige Verwehungen möglich. Das Besondere daran? Die Berliner halten wie alle Großstädter gerade das für besonders, was überall besonders besonders ist: zum Beispiel ihre Ausländer. »Gäbe es nur die Deutschen«, albträumte mir gegen fünf Uhr in dem Thai-Bordell, in dem wir den Vorletzten genehmigten, »so würde man zwischen Bulette und Spinatkuchen versacken, ungefähr so wie wir heute nacht zwischen Ost- und Westberlin.« Worauf Trick unter dem
Beifall der Animierdamen mit einem Handstand auf einem der Tischchen bewies, dass man für Kreuzberger Nächte auch körperlich fit sein muss. Und es ward Licht, wieder einmal.
Der erste Tag. Charlottenburger Schläfrigkeit. »How to write a successful Hollywood script« lag zuoberst auf dem Bücherstapel meiner Gastgeber. Luxuriös, diese Wohnung am Stuttgarter Platz, mit der Reihe Strassencafés gleich gegenüber. Damit freilich ein bisschen Betrieb aufkommt, wie er sich für eine Metropole ziemt, bedarf es in der deutschen Hauptstadt schon einer mittleren Katastrophe.
Einer Feuersbrunst, zum Beispiel. Als ich an der Yorckstrasse aus der U-Bahn stieg, verdunkelte eine Rauchwolke den Abendhimmel. Ich ging in die falsche Richtung, unter den zwanzig Brücken durch. Einen Moment lang befürchtete ich, in dem infernalischen Geheul der Löschzüge, die sich durch den Benz- und Audi-Stau zwängten, zusammenzubrechen. Ich ging zurück. Diesseits der Brücken tummelten sich die Schaulustigen. Es gab Schlägereien. Ich fand die Adresse und ging hinauf. Tick stand genießerisch am Fenster, neben sich die Videokamera, die das Ereignis festhielt. Aus der S-Bahn, die mitten auf der Strecke stehengeblieben war, stiegen die Fahrgäste und trotteten über den Viadukt davon.
»Kann sich sehen lassen, das Eröffnungsprogramm«, flachste mein Freund. Schwarz-rot-gold, so muss das sein, hat schon Nina Hagen die deutsche Dämmerung besungen. »Anderswo würde ein Feuer solchen Ausmaßes einen ganzen Stadtteil vernichten«, sagte ich. »Aber Berlin hat sein Brachland. Und wenigstens ist etwas los.«
Tick reichte die Aperitifs. Allmählich lösten wir den Blick von der apokalyptischen Szene vor dem Fenster, setzten uns zum Essen, blickten nur hin und wieder zu dem Feuerschein hinüber, der das Niemandsland zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Gleisdreieck erleuchtete. (Um Mitternacht war der Brand gelöscht.)
[NZZ, März 1993]
vgl. Berlin - Welt Online 101001
Ein rückläufiges Tagebuch
Der siebente Tag. »Es gibt die englische, es gibt die französische Gartenkunst. Ein deutscher Park dagegen möchte im Grunde einfach ein deutscher Wald sein«, behauptete ich. – »So, so? Und Sanssouci? Ich bitte dich! Fürst Pückler!« – »Ich spreche nicht von künstlichen Originalen; geschweige denn von Baumschulen.«
Was wollte er mir zum Abschied vorführen, mein Freund Tick? Noch einmal hatten wir den Mauerstreifen überquert, an einem Waldrand angehalten, beim Treptower Park. Tiefe Nacht war’s, mondlos. Wir gingen über knirschende Kiesel, traten auf eine Lichtung: Vor uns erstreckte sich, flankiert von zwei gezackten, krumm in den Himmel ragenden Betonstümpfen, die Esplanade, die zum sowjetischen Ehrenmal führt. Nicht ein Stonehenge: ein Concretehenge aus Zeiten, als es noch Geschichte gab. Beidseits markierten reliefgeschmückte, den Truppengattungen gewidmete Steinfinsterlinge die Gedenkstätte. »Jeder Quader steht für 10‘000 Gefallene«, räusperte sich Tick, meine Beklemmung genießend.
Zwischen den Bäumen flackerten die Scheinwerfer eines Streifenwagens auf, der langsam längs der Esplanade näherkam. Ein Wartburg, war nun zu erkennen. »Da war’n es nur noch zwei«, bemerkte ich in die Stille, »die Ost-Autos fuhren. Die Polizei und die Parias.« Ich war fünf Jahre nicht in Berlin gewesen: Trabant und Konsorten hatten ausgeknattert.
Es war einmal ein unidentifizierbares historisches Objekt, Tauzeit genannt. Dann entpuppte sich die »Freiheit«, kaum aus der Tiefkühltruhe des Kommunismus geholt, selbst als Tiefkühltruhe bzw. Sechsyzlinder bzw. Mikrowellenherd. Aber selbst zum bloßen Verbrauchsgut und Statussymbol degradiert: Hätte sich die Freiheit nicht die Freiheit nehmen können, wenigstens die Trümmer jenes andern, jäh in sich zusammengebrochenen Blocks auf ihren Wert zu prüfen? – »Es war eben gar kein Wertesystem, sondern lediglich eine ziemlich dürftige Zeichensprache«, sagte Tick. »Und übrigens ist der Ostblock wirklich eher zerschmolzen als zerbrochen. Trotzdem staunst du, wie zügig die Demontage vonstatten ging. Reine Formsache. Man brauchte nur ein paar Ikonen von den enteisten Regalen zu holen und auf Stechschrittparaden zu verzichten, weil man Skrupel oder nicht genügend Geistesgegenwart hatte, sie gleich in ein historisches Disneyland zu integrieren.«
Stechschrittparaden: Hat man eine gesehen, so hat man sie wohl alle gesehen. Aber den sozialistischen Realismus hätte ich gern nochmals betrachtet, dessen breitspurige Präsentation wir damals auf der Museumsinsel belächelt hatten. Natürlich waren die Bilder im Keller verschwunden. »Berlin«, sagte ich, »das von seiner gewalttätigen Vergangenheit nur so triefte, scheint sich jetzt zum Musterfall posthistorischen Leerlaufs zu mausern.« – »Ja«, seufzte Tick, »der Schweiß der Geschichte hat sich als ziemlich geruchlos erwiesen.«
Er hatte an Berlin nämlich gerade dessen kräftige historische Duftnote geschätzt. Nicht zufällig führte er mich zuletzt an diesen von geschichtlicher Tragik vollgepumpten Ort, das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Schauerliche umwaldete Symmetrie inmitten des urbanen Chaos; wie geschaffen, um makabre Neigungen, um seine kraftmeierische Sinnlichkeit zu befriedigen. (Anderswo faszinierten ihn periphere Industriefossilien; hingegen die Vitalität, die theatralischen und ästhetischen Qualitäten eines Stadtzentrums, sagten ihm nichts.) Das Ende der Mauer erlebte er als Verhängnis, nicht erst als ihm klar wurde, dass sie uns besser vor dem Osten geschützt hatte als umgekehrt; auch nicht in erster Linie, weil die gegenseitige Kontaminierung der alten Blöcke wenig Gutes verhieß (das Gute kann nicht einfach das Gute bleiben, wenn das Böse auf einmal wegfällt); sondern weil damit das Kernstück seiner perversen Ästhetik, das uneingestehbare Rückgrat seiner Berlin-Liebe, zerbrochen war.
Nach dem »Bildersturm« (wie er geschichtsgierig die Blitzverschrottung des ikonischen Überbaus nannte) bleibt die gebaute DDRlichkeit. Auf die Öffnung folgte eine Saison der Entdeckungen. Man durchstöberte die Deutsche Demokratische Rumpelkammer, erschauerte vor ihren Plattenbaudelirien. Marzahn, Superlativ aller Architekturgreuel; Kraftprotze wie dieser Treptower Park, dem unser Abschlussbesuch galt; oder das einst jüdische Scheunenviertel, das wir gleich nach meiner Ankunft durchstreift hatten. Oh Wunder, dass es überhaupt noch steht, kriegsversehrt und nachkriegsverlottert (im Westen wäre es wiederaufbauverwüstet; man darf sich aber bei dieser Gelegenheit fragen, was eigentlich an unserer verpönten Nachkriegsarchitektur, mag sie auch mehr alte Bausubstanz gekostet haben als alle Bombardements, so viel schlimmer sein soll als an den Mietskasernen von dazumal). Im Scheunenviertel haben sich nun, unweit der glitzernden, Nolvadex Online frisch renovierten Synagoge, zum Beispiel Galerien eingenistet, eine junge Ost-Szene, die dem etablierten westlichen Kunsthandel die Stirn bietet. Derzeitiges Hauptquartier dieser Kulturguerilla ist das zerbombte Kaufhaus Wertheim an der Oranienburger Strasse, unter dem Namen »Tacheles« spektakulärer Exerzierplatz eines frisch erwachten, dem Tag (und den Nächten) verpflichteten Schöpferdrangs. »Ein subventionierter Höllenbreughel.« – »Lach nur. In Berlin ist aber alles Provisorische, Ungewisse, Schnellebige an sich ein Positivum«, hielt Tick fest. »Die Gefahr besteht gerade darin, dass solche Nischen, dass die ganzen Stadtbrachen jetzt im Hauruckverfahren zubetoniert werden, und statt der Mauer haben wir dann einen Büroriegel.«
Wir waren an jenem ersten Berliner Tag per S-Bahn in den Osten gefahren. Dem Tiergarten, dem Spreebogen entlang (»der Reichstag, bitte schön; und dort wird der Kanzler kanzeln«) präsentierte Tick das Panorama der künftigen Hauptstadt. Vorläufig ist das die Gesichtslosigkeit selbst. Die ganze Zersplitterung, das städtebauliche Dilemma Berlins im Rohzustand treten einem auf dieser Strecke vor Augen. Keinerlei bauliches Ensemble, an dem sich der Blick weiden könnte, kaum je auch nur eine geschlossene Fassadenfront. Wer käme auf die Vermutung, hier in einer europäischen Stadt zu sein? Blocksäume um Wiesengründe, ungestalter Häuserwald mit seinen Lichtungen... Die Strecke führte am Lehrter Bahnhof, an der Charité vorbei, man durfte an Döblin denken, an »pulsierendes Großstadtleben«. Aber ist angesichts der bestehenden Zerstückelung, eingedenk unserer eigenen Zerstückelung, der Rückgriff auf historische Stadtmodelle nicht einfach grotesk? Als könnte ein Vorkriegs-Berlin, Biberkopf und Liza Minelli inbegriffen, mimetisch nochmals erstehen. Müsste Stadtplanung nicht, nirgendwo wie hier, gerade das terrain vague zum Anlass und Vorbild nehmen? Die offene Unstadt, die viele in ihren Bann zieht (mich nicht). Vielleicht sollte man noch vor ihrer Erschaffung erst einmal ruhen.
Der sechste Tag. Wir glitten in Tricks Luxus-Cabriolet durch Ost-Berlin hinaus. Frankfurter Allee, zentrumwärts eines der Hauptwerke der Plattenbaukunst (so spannend wie ein Andy-Warhol-Film), und sogar die einzige Abwechslung war eine Wiederholung: »Linkerhand: Hollywood auf sozialistisch«, machte mich Trick mit genau denselben Worten, wie einige Tage vor ihm Tick, auf den Lichtspielpalast »International« aufmerksam. – Rem Kohlhaas hat recht, wenn er sagt, wir bräuchten einen neuen Walter Benjamin, der die Schönheit des Alexanderplatzes beschreibt, so wie er heute ist. Das Vorhandene ist so ungeheuerlich, das Ungeheure so total, dass man allmählich lernen müsste, damit zu leben.
Wo überhaupt die Stadt sei, fragt man sich von der S-Bahn aus. Nun erkundigte ich mich beiläufig, wo eigentlich die Berliner seien, die Millionen Einwohner, von denen sich kaum je einer auf der Straße blicken ließ. »Aber du siehst doch«, regte sich Trick über meine Naivität auf. »Was sollen die Leute draußen? Es gibt da ja nichts für sie.«
Und nun erst das Land. Wir hatten uns einen Gasthof mit Seeblick ausgemalt. Irrfahrt durch brandenburgische Dörfer, einige davon frisch renoviert, und in ihrer pedantisch aufgeputzten Ärmlichkeit wirkten sie um so betrüblicher. Wir folgten einem Wegweiser, der einen »Seepalast« mit »Fischspezialitäten« verhieß; erwies sich dann als eine Baustelle, vom See durch die neue Autobahn getrennt. In der DDR hatte man noch kopfsteingepflästerte Landstraßen instand gehalten.
Trick photographierte einige Kuriositäten: Die frivole Imbissbude beim KZ Sachsenhausen. Den Schriftzug »Wohnkultur« auf einem rattengrauen Kasten mit Satteldach. Das Denkmal »Dem Meisterfahrer Adolf Huschke«, der 1923 im Rennen rund um Berlin aus dieser Kurve geflogen war. Ich machte meinen Freund auf eine kokette Tankstelle aufmerksam, aber er winkte ab: »Zapfsäulen photographieren, das haben wir mit achtzehn schon hinter uns gebracht. Es wäre nur das Eingeständnis, zwanzig Jahre später noch denselben ästhetischen Marotten nachzuhängen.« – »Stimmt: sowas macht höchstens noch Wim Wenders.«
Endlich fanden wir, wenn auch keinen Seepalast, so doch eine Waldschenke und ließen uns unter märkischen Kiefern und gestreiften Markisen Schweinernes vorsetzen. Seit ich in Berlin war, hatte ich nichts als Quarkhäppchen und Spinatkuchen zu mir genommen; einmal einen »Eiersalat«, der sich als Mayonnaise erwies, in der einige Spargelschnipsel schwammen, das Ganze durch Gurkenstreifen unzugänglich gemacht, zwischen denen man sich mit Messer und Gabel in die Tunke vorzukämpfen hatte. Gewiss lebt auch die Bulettenkultur fort (inkl. Schlager aus einheimischen Kehlen), dies jedoch vornehmlich in den dem treudeutschen Publikum vorbehaltenen »Schultheiß«-Kneipen. Scharf ist die Abgrenzung zwischen diesem und der alternativen Fauna, welche Berlin den Ruf einer Hochburg aller Minderheiten, von Körnchenfressern bis Lederboys, eingetragen hat: Fortsetzung der Teilung mit andern Mitteln. Was fehlt, sind bürgerliche Nuancen.
Der fünfte Tag. Lauter adrett gekleidete Menschen, hatte Track gesagt, säßen in dem Café am Savigny-Platz, dessen Namen ihm entfallen war. Es war trotzdem leicht zu finden; ich brauchte nur davon auszugehen, er habe mich an den einzigen Ort in der näheren Umgebung bestellt, dessen Eigentümer schon mal das Wort Design gehört, wenn auch gründlich missverstanden hatten. Und nun diese »nett angezogene« Gästeschar: in abgesägten Jeans, grellbunten Blousons... Charlottenburgerinnen mit schlotternden Brüsten, sonnenlüsternen Gesichtern – ich wies Track höhnisch auf ihre reklamebeschrifteten Synthetiks hin, musste mir jedoch sagen lassen: »Es ist nicht gerade ein Zeichen von Originalität, sich darüber aufzuhalten, dass Deutsche sich möglichst teuer möglichst schrecklich anziehen.« – »Man scheint hier einem stillschweigenden Schlampigkeitsgebot zu gehorchen.« – »Du hast Wichtigeres zu sagen. Neben der Frage, wie die leidige deutsche Identität in Millionen Tonnen Beton repräsentiert werden soll, dürfte das nationale Faible für Mustermix ein zweitrangiges Problem sein.«
Ich fand es immerhin interessant, dass Deutsche an ihrer eigenen Geschmacklosigkeit leiden und trotzdem permanent Mustermix in inkompatiplen Farben tragen. »Man handelt wider die bessere Einsicht. Was mich in diesem Zusammenhang irritiert, ist zum Beispiel das fortwährende Gerede von einem pulsierenden Grossstadtleben. Der Bausenator, die Architekten, der Herausgeber der Berliner Zeitung, alle teilen sie diese Sehnsucht, wenn sie an die Zukunft Berlins denken; und dann streitet man sich endlos darüber, wer wo wie hoch bauen darf, um ›das Ding zum Leben zu kriegen‹. Es scheint gar niemandem aufzufallen, dass das Leben von den Leuten gemacht wird und nicht von der Traufhöhe. Wo das Geschehen gut ist, ist auch der Ort gut. Bei der ganzen Diskussion ist eine tiefsitzende Angst vor Konzentration spürbar, während das Grundproblem Berlins für mich gerade die fehlende Dichte ist«, argumentierte ich.
»Du siehst ja, welche Interessen jetzt in diese Lücken schießen«, wandte Track ein. »Zwanzig Prozent Wohnanteil, es klingt wie ein Hohn, scheint aber das Maximum zu sein, das heute finanzierbar ist. Damit ist von vornherein das Todesurteil für ein lebendiges Zentrum gesprochen, obwohl sich alle einig sind, dass das einzige Rezept dafür eine gute Durchmischung wäre. Die Stadt des 21. Jahrhunderts zu denken, die wahrscheinlich gar kein herkömmliches Zentrum braucht, davor schrecken die meisten zurück. Lieber träumt man von Gründerzeit und Döblinschen Hinterhöfen und verschachert den Boden einstweilen an die Konzerne, damit diese die Narbe ausmerzen, die der Krieg und die Teilung hinterlassen haben. Eine schreckliche Narbe, zugegeben, aber dabei werden aus toten Räumen nur wieder tote Räume entstehen, und der Stadtkörper als Ganzes siecht dahin. Es ist wie ein Schwarzes Loch, das planerische Energien absaugt, die besser auf den Berliner Großraum gelenkt würden. Wirtschaftlich steckt Berlin in einer schlimmen Lage: eine subventionierte Insel, abgehängt durch Krieg und Nachkriegszeit. Als ich vor einem Jahr aus Westfalen hierherzog, war ich zunächst fasziniert von der Ungeheuerlichkeit der Aufgaben. Aber allmählich vermisse ich die Beweglichkeit, die dichte dezentrale Vernetzung, die in Westdeutschland viele Dinge ermöglicht. Im Vergleich dazu erscheint Berlin schwerfällig. Falls es nicht gelingt, den Druck zu verteilen, unter dem die Stadt steht, wird sie ein Abbild jener Interessen werden, die jetzt ihre Klüngel um sie bilden.«
Der vierte Tag. »La flânerie, si chère aux peuples doués d'imagination...«, in Berlin ist darauf zu verzichten. Spaziergänger: eine ausgestorbene Spezies. Die Gewohnheit, bestimmte Ziele zu Fuß zu erreichen, wird man hier bald bereuen. Der Blick des Voyeurs geht ins Leere. Nicht die Distanzen sind das Problem: Quer durch Paris, längs durch Manhatten ist man auch stundenlang unterwegs.
Wenn man aus New York kommt, erscheint einem Paris wie eine irreale Kulisse. Mit dem New Yorker Bestiarium verglichen, wirken Pariser Straßenszenen harmlos, liebreizend, fast operettenhaft. Nun war ich via Paris nach Berlin gekommen, und aus diesem Blickwinkel kam mir Paris von nachgerade wilder Betriebsamkeit erfüllt vor. Diese Stadt sei bloß noch eine Maschine, um Geld zu machen? Immerhin mit einem vielgestaltigen, von Straße zu Straße wechselhaften Alltag gesegnet, wie es ihn nirgendwo in Berlin gibt. (Man höre die Gegenbeispiele. Tick: »In Kreuzberg hat gestern nacht ein Schwarzer einen Unfall gebaut. Der Polizei ist nichts Schlaueres eingefallen, als auf den Verletzten einzuknüppeln. Sofort haben sich die türkischen Anwohner in Schlafanzügen um die Szene versammelt und ihrerseits den Beamten die Hölle heiss gemacht.« – Trick: »Auf dem Arbeitsmarkt sind jetzt Polen im Sonderangebot. Malochen für drei Mark die Stunde.« – Track: »Bei uns im Erdgeschoß gibt es eine vietnamesische Bar. Der Besitzer hat sich geweigert, die Schutzgebühr zu bezahlen. Letzte Woche ist er von der Mafia abserviert worden.«) Ausländer sind in Berlin für Faits divers gut, im Straßenbild treten sie kaum in Erscheinung. Ein biederes Stück, das auf dieser Bühne gespielt wird (»Blutrecht« betitelt), und erst noch vor dürftiger Kulisse.
Ungefähr so, als bliebe von Paris nur die Peripherie. Durch die Mauer ist eine Bannmeile im Zentrum entstanden, das übriges schon vor dem Krieg zweipolig ausgebildet war, nur noch nicht ideologisch aufgeladen. (Hauptstadt der DDR versus Schaufenster des Westens. Eine Straße, die wirklich zum Heulen ist: der Kudamm.) Ostöde, Westöde. Diesseits der Mauer ist man der selbstverschuldeten Misere in den achtziger Jahren mit der Internationalen Bauausstellung begegnet: Reparatur, Heiligsprechung der Blockrandbebauung, einige Glanzlichter. Der Osten blieb dem Grau verschrieben. Wie oft man das Wort von den Verbrechen dieser Architektur auch aufgenommen hat, ihre Totalität spottet aller Beschreibung. Die Schönheit des Alexanderplatzes zu würdigen – »rüschengeschürzte Holländerinnen priesen ›Keese und Gemüüse‹ an, die's in einer Tombola zu gewinnen gab, gute Feen im Würstelbudenland unter dem Augapfel des Fernsehturms« –, fällt einem leichter, hat man erst den vierzigminütigen Fußmarsch vom Alex zum Potsdamer Platz hinter sich. Nur ein Irrer wie ich, der wähnt, er könne auf diesen Autobahnen ein Taxi abfangen, lässt sich auf ein solches Martyrium ein. Eine Polizeistreife, die an einer Ampel ihre Lautsprecher quäken liess, brachte endlich eine menschliche Note in die Blockschaften: »In der Stadt fahren wir mit 50.« Ansonsten: stumme Platte.
Der dritte Tag. »Sieh dir diesen Aschenbecher an, diese Lampen, diese Attrappe von Schreibtisch. Das war notabene der Arbeitsplatz nicht eines kleinen Beamten, sondern eines DDR-Spitzenfunktionärs. Jede Zahnarztpraxis in Zehlendorf hat mehr Niveau.« Wir waren in Tracks neuem Büro im Ostteil der Stadt. Er hatte sich in den Triumph der Hässlichkeit zu schicken.
»Eine ästhetische Tragödie, die ganze DDR, keine Frage. Sollte nicht daraus so etwas wie eine tragische Ästhetik zu entwickeln sein?«, wortspielte ich, auf die Schönheit des Alexanderplatzes gemünzt.
Richtung Alex gingen wir nun, um uns zwei Ausstellungen zur Berliner Zukunft anzusehen. Die Wettbewerbsentwürfe zum Regierungsviertel im Spreebogen (835 Teilnehmer, 835 Pappmodelle; womit zumindest die herrschende Konfusion einen adäquaten Ausdruck erfuhr) sowie die Vorschläge zur Neugestaltung des Alexanderplatzes, wo die Bauwut gigantischere Ausmaße als selbst am Potsdamer Platz anzunehmen droht. Wir kamen auch an der einstweilen größten Baugrube in Berlin-Mitte vorbei, an der Friedrichstrasse. Ein kurz vor der Vollendung stehender DDR-Großbau war dort demonstrativ abgerissen worden, um durch einen von westlichen Stararchitekten entworfenen Geschäftskomplex ersetzt zu werden. »Galeries Lafayette, usw. Jean Nouvel, Ungers, Pei bauen hier: ›Hoppla, jetzt kommen wir!‹ Man kann darin ebensogut einen Ausdruck westlicher Anmaßung wie östlicher Hoffnungen sehen. Den Investoren geht es darum, Brückenköpfe zu bilden, freilich nur bis zum Alexanderplatz. Die Gebiete jenseits davon scheinen noch als Indianerland zu gelten. Alles stürzt sich auf die Mitte, hie Kaufhof, hie Kinkel, und die gleiche besinnungslose Hast wie bei der Wiedervereinigung lässt jetzt in der Berliner Stadtplanung die schlimmsten Träume wahr werden«, so Track. Ich fügte hinzu: »Solche Prozesse sind wohl nicht steuerbar. Was hülfe es übrigens, wenn man sie wenigstens verlangsamen könnte? Später würde womöglich alles noch schlimmer.« – »Ein Vorgang, der sich nur in psychoanalytischen Begriffen fassen lässt, sagt Nikolaus Kuhnert: Genau das, was man am meisten fürchtet – amerikanische Schnickschnackarchitektur –, setzt sich in unvorstellbarem Ausmaß durch. Ein urbanistisches Kesseltreiben, untermalt wellbutrin sr vom Halali des Hauptstadtentscheids, und der Hase, der in die Enge getrieben wird, ist der Berliner Boden.«
Der zweite Tag. Trick holte mich in Charlottenburg ab. Kein Scherz: wir stiegen tatsächlich in ein weiß schimmerndes BMW-Cabriolet. Hm: ein so protziges Auto zu fahren, ich würde mich schämen. Als Berliner empfindet man es wohl als stilvoll, d.h. naturgegeben (wenn nicht, das andere Extrem, als unsittlich).
Es sollte ein längerer Abend werden, Gabelfrühstück im »Schwarzen Café« inbegriffen. Ich hätte gern mit der »Paris Bar« angefangen, jenes Hangs zum fortgesetzt albernen Giftsprühen wegen, Berliner Schnauze genannt, welche sich dort von akzentfrei kellnernden Langschürzen französisch abfüttern lässt. »Schultheiß auf geistreich«, sträubte sich Trick und ich trauerte zwar dem Sancerre nach, gab ihm aber recht: »Der Motzke als Einzelner, damit lässt sich leben, aber so en masse, als Erbgut und Sippe: mühsam.«
Es musste daher der Osten sein, wo auch westlich erblühte Mauerblümchen, die bei Tag für Land und Leute von drüben nicht viel übrig haben, durch die klaren Nächte nischen. Genauer gesagt: hin und hoch ging's wieder her, zwischen »Tresor« und »Caracas«; und es erwies sich, dass sogar preußisch-nüchterne Verkommenheit inzwischen einen Hang zur Erbsünde des Ornaments entwickelt hat. Entgegen Tricks lokalpatriotischer Behauptung, das sei in Berlin ausgeschlossen, traf ich einige alte Bekannte wieder: Raffi, der mir vor acht Jahren meinen halben Werkzeugkasten geklaut hatte (»Ich will meine Feile wieder haben!«), sowie den ewig zerzausten Egbert, der rotfleckig im Gesicht und Entschuldigungen murmelnd gleich zweimal, beim Hereinkommen wie beim Hinausgehen, über dieselbe Schwelle stolperte.
Auf märkischen Sand gebaute Nächte, geistige Verwehungen möglich. Das Besondere daran? Die Berliner halten wie alle Großstädter gerade das für besonders, was überall besonders besonders ist: zum Beispiel ihre Ausländer. »Gäbe es nur die Deutschen«, albträumte mir gegen fünf Uhr in dem Thai-Bordell, in dem wir den Vorletzten genehmigten, »so würde man zwischen Bulette und Spinatkuchen versacken, ungefähr so wie wir heute nacht zwischen Ost- und Westberlin.« Worauf Trick unter dem
Beifall der Animierdamen mit einem Handstand auf einem der Tischchen bewies, dass man für Kreuzberger Nächte auch körperlich fit sein muss. Und es ward Licht, wieder einmal.
Der erste Tag. Charlottenburger Schläfrigkeit. »How to write a successful Hollywood script« lag zuoberst auf dem Bücherstapel meiner Gastgeber. Luxuriös, diese Wohnung am Stuttgarter Platz, mit der Reihe Strassencafés gleich gegenüber. Damit freilich ein bisschen Betrieb aufkommt, wie er sich für eine Metropole ziemt, bedarf es in der deutschen Hauptstadt schon einer mittleren Katastrophe.
Einer Feuersbrunst, zum Beispiel. Als ich an der Yorckstrasse aus der U-Bahn stieg, verdunkelte eine Rauchwolke den Abendhimmel. Ich ging in die falsche Richtung, unter den zwanzig Brücken durch. Einen Moment lang befürchtete ich, in dem infernalischen Geheul der Löschzüge, die sich durch den Benz- und Audi-Stau zwängten, zusammenzubrechen. Ich ging zurück. Diesseits der Brücken tummelten sich die Schaulustigen. Es gab Schlägereien. Ich fand die Adresse und ging hinauf. Tick stand genießerisch am Fenster, neben sich die Videokamera, die das Ereignis festhielt. Aus der S-Bahn, die mitten auf der Strecke stehengeblieben war, stiegen die Fahrgäste und trotteten über den Viadukt davon.
»Kann sich sehen lassen, das Eröffnungsprogramm«, flachste mein Freund. Schwarz-rot-gold, so muss das sein, hat schon Nina Hagen die deutsche Dämmerung besungen. »Anderswo würde ein Feuer solchen Ausmaßes einen ganzen Stadtteil vernichten«, sagte ich. »Aber Berlin hat sein Brachland. Und wenigstens ist etwas los.«
Tick reichte die Aperitifs. Allmählich lösten wir den Blick von der apokalyptischen Szene vor dem Fenster, setzten uns zum Essen, blickten nur hin und wieder zu dem Feuerschein hinüber, der das Niemandsland zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Gleisdreieck erleuchtete. (Um Mitternacht war der Brand gelöscht.)
[NZZ, März 1993]
vgl. Berlin - Welt Online 101001
Abonnieren
Posts (Atom)