Markus Jakob

29. November 2006

Im Lauf der barcelonesischen Zeit

Die Weihnachtsklunker hängen schon über den Gassen, obwohl wir tags noch immer über 20 Grad haben; auch die Nächte weiterhin mild, danke. In einer derselbigen habe ich nach langer Zeit wieder den Palau de la Música aufgesucht. Eine meiner Lieblingssängerinnen, Madeleine Peyroux, trat dort auf. Und es geschah, was im Palau immer geschieht: sowohl die auftretenden Künstler als auch das Publikum erschienen durch den ornamentalen Wahn des Saals zunächst wie erschlagen. Wie kann man in diesem aufgerissenen Maul, unter Tonnen wabernden Stucks Dance Me To the End of Love singen? Allenfalls bei den Zugaben setzt sich die Musik jeweils gegen diese ebenso sektiererische wie grandiose Architektur durch. – Der Palau war ja von Domènech i Muntaner 1905-1909 im Grunde als Konzerthalle für die damals höchst populären Chöre errichtet worden – L'Orfeó Català – und eignet sich schon akustisch nicht für symphonische Musik, geschweige denn für Jazz. Trotzdem widersteht kein Veranstalter seinem Glamour.

Oscar Tusquets hat dieses Monstergebäude in den letzten Jahren renoviert und um einen kleinen Konzertsaal erweitert. Das Foyer und die Terrasse wurden mit einer ganze Reihe Bars und Restaurants ausgestattet, und einen Moment lang weiss man nicht mehr, hat man sich eigentlich zu Tapas oder zu einem Konzert verabredet?

Ich wollte hier bloss kurz die vergangene Woche resümieren: die Fragonard-Ausstellung, das Konzert von Madeleine Peyroux... – Über die Einsetzung der neuen katalanischen Regierung sei hinweggegangen: zumal sich die klapprige Linkskoalition nochmals glücklich zusammengerauft hat gegen die bürgerlichen Nationalisten (CiU).

Was war da sonst noch? Ah, Natalie Jeremijenko, «a new media artist who works at the intersection of contemporary art, science, and engineering». Eine russische Ingenieurskünstlerin bzw. Kunstingenieurin? Ich eilte ins CCCB, um mir Gewissheit zu verschaffen. In der Hall eine für die Veranstaltungsreihe now präparierte Mac-Landschaft; auf der aus Holzpaletten errichteten Bühne referierte erst ein Soziologe, dann ein Molekularbiologe zum Thema des Abends: unseren Ängsten vor der galoppierenden Entwicklung der Biotechnologie und ihrem Einbruch in unseren Alltag. Zwischen den beiden struppigen spanischen Wissenschaftern wartete Natalie auf ihren Auftritt. Sie ist nicht Russin, sondern Australierin. Heute lebt sie in New York und San Diego und entwickelt an den dortigen Eliteuniversitäten ihre Projekte. In einer E-Mail versuchte ich einem Freund den denkwürdigen Abend zu schildern: natalie, très belle, très chic dans sa robe mini rouge écarlate, avec des bottes noires, sur son fauteuil rouge et avec son iBook tout aussi rouge! inutile de dire que c'est une communiste. jeremijenko! c'est avec des animaux manipulés in silico, voire moyennant pseudopodie fagocitante, qu'elle veut donc faire la révolution. Na ja, vielleicht eine etwas enganliegende Zusammenfassung. Aber man soll sich ja kurz fassen.

Anschliessend gingen wir ins Kino: Peckinpahs The Getaway, einer meiner Kinofetische, seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Diese Woche steht er auf dem stets wunderbaren Programm des Reprisenkinos Méliès.

Am Samstag verpasste ich dann Ronaldinhos schon legendären Fallrückzieher zum 4:0 gegen Villarroel. Wer hat da was von Barças Niedergang gemunkelt?

24. November 2006

Vom schwarzen Stockfisch zum Billet doux

Da wir gerade bei Messen waren (s. den vorherigen Eintrag): auf dem Weg zur Fragonard-Ausstellung im CaixaForum habe ich in der alten Messehalle 8 einen Blick in die Ausstellung BCNFUTUR geworfen, auch Salón internacional de lo último genannt – des Letzten mithin. Ob vor dem Weltuntergang oder eher im Sinn von «das ist nun wirklich das Letzte», sei dahingestellt. Viel zu sehen gab es da ehrlich gesagt nicht; schwarzen Bacalao aus Alaska und Golfplätze Tokyo Style und eine Menge Massagesessel, in deren einen ich mich legte und mir eine Weile den Rücken maschinell bearbeiten liess. Ich machte noch ein paar Photos und trollte mich wieder.

À propos Fira sei noch erwähnt, dass der ursprünglich in Berlin gestartete, gleichfalls als Trendmesse konzipierte Salon Bread & Butter künftig nur noch in Barcelona stattfindet, nächstmals im Januar. Wir wollen hoffen, es gehe dabei etwas weniger betulich zu.

Garantiert die Nadelstreifenhölle los ist dann im Februar beim Weltkongress der Mobiltelephonie, 3GSM genannt, den Barcelona Cannes entrissen hat und zu dem 60'000 Besucher aus 190 Ländern erwartet werden. Für die betreffende Woche ist die Stadt bereits jetzt ausgebucht, bei Verdoppelung der Hotelpreise (im Arts z.B.: an die 600 Euro).

Und nun geht’s endlich weiter zu einer wirklich mondänen, galanten Veranstaltung, der Fragonard-Ausstellung im CaixaForum. Links ein Ausschnitt aus Le combat de Minerve contre Mars (um 1780), rechts ein Detail des berühmten Billet doux (ca. 1778).

22. November 2006

Toyo Ito – die Messe wächst



Da die jüngste, kleine feine «Baustelle des Monats» in Wirklichkeit längst keine Baustelle mehr ist, wellbutrin sr sondern vielmehr Architekturgeschichte, hier eine zweite, entdeckt bei einem Spaziergang in der in diesem Eintrag besprochenen Gegend, die ein einziger Chantier schon fast chinesischen Ausmasses ist. Es handelt sich um den Pavillon 0 der Messeerweiterung von Toyo Ito, der offenbar gegenüber dem ursprünglichen Projekt einige Änderungen erfahren hat. Obwohl die Expansion (für europäische Verhältnisse) zügig vorangeht, ist von den beiden als Messeeingang fungierenden Hochhäusern zurzeit noch wenig zu sehen.



21. November 2006

Barças schwierigste Partie

Nein, gemeint ist nicht das Spiel gegen Levski Sofia, das Barça am Mittwoch unbedingt gewinnen muss, um böse Überraschungen in der Champions League zu vermeiden. Denn sollte Werder Bremen gegen Chelsea gewinnen, wäre Barça selbst mit einem Unentschieden bereits ausgeschieden!

Barças most difficult game kann man sich auf der Homepage des Clubs zu Gemüte führen: Es geht um das Joint-Venture (um es irgendwie zu nennen) mit der Unicef, mit dem der FC Barcelona sich nach seinem alten Motto «Mehr als ein Club» als Wohltäter der Menschheit zu profilieren versucht. Man hat ja vielleicht bemerkt, dass Barça diese Saison erstmals auch einen Werbeschriftzug auf der Brust trägt – bloss eben, im Unterschied zu allen andern Vereinen dieser Welt, nicht einen schnöd kommerziellen, sondern den der Unicef. Um das Trikot unbefleckt zu halten, liess man sich bisher jährlich 15 bis 20 Millionen Euro durch die Lappen gehen. Ich weiss nicht genau, wie der Deal mit der Unicef läuft; will auch lieber gar keine Meinung zu dem Gutmenschentum haben, das hier an den Tag gelegt wird – irgedwie zahlt sich’s ja vielleicht aus.

Eine andere schwierige Partie für den Club ist die Neugestaltung der Stadionumgebung. In den Medien war davon zufällig am selben Tag wieder einmal die Rede, an dem der Tod des Stadionarchitekten Mitjans gemeldet wurde. Der Widerstand der Anwohner brachte vor einigen Jahren das Projekt des damaligen Vereinspräsidenten (und Bauunternehmers) Núñez zu Fall: eine Art Barçalandia - zu viele kommerzielle Nutzungen, obwohl die Architekten Batlle & Roig diese auf intelligente Weise in einer künstlichen Landschaft praktisch verschwinden liessen.

Auch der jetzige Präsident Laporta soll nun bereits ein Projekt in der Schublade haben, das neben der Erhöhung des Fassungsvermögens des Stadions von 98'000 auf 120'000 Zuschauer die Ersetzung desPalau Blaugrana durch eine neue Sporthalle für Basket- und Handball sowie den Abriss des Miniestadi vorsieht (s. den gegenwärtigen Zustand, unten links). Das Grundstück des Miniestadi soll Wohn- und Hotelbauten aufnehmen – und nebenbei die Clubkasse zum Klingeln bringen. Zufällig habe ich auf der Website des Architekten Vicente Guallart, unter dem Stichwort «The re-naturalisation of territory», das rechts zu sehende Rendering gefunden, das zeigt, wie eine solche Neunutzung aussehen könnte. – Wir bleiben am Ball.

Francesc Mitjans gestorben, der Architekt des Camp Nou

Er war einer der langlebigsten, aber auch wichtigsten Architekten der Stadt: am 20. November ist Francesc Mitjans im Alter im Alter von 97 Jahren gestorben. Am bekanntesten gemacht hat ihn natürlich der Bau des Barça-Stadions 1954. Von seinen zahlreichen weiteren Entwürfen seien hier nur drei gezeigt: links ein Wohnhaus von 1957 am Carrer Mestre Nicolau, in der Mitte das heute noch höchst mondän wirkende Edificio Seide an der Avenida Sarrià (1958), rechts der an Pontis Pirelli-Hochhaus inspirierte Banco Atlántico (1965) an der Ecke Diagonal/Balmes.

20. November 2006

Iimura und die sturmfreien Buben

«Toi toi toi» wünscht uns Barzen mein Kamerad Rrronaldo alias Zincky von seinem lieblichen digitalen Wirtshaus Zum runden Leder aus, das längst jedem Schweuzer Sportsfreund ans Herz oder jedenfalls ans Knie gewachsen ist. Ob Sion, Thun oder gar wieder Wil in der Schweizer Super Lüge obenausschwingen, nie tun sie’s ohne Zinckys und seiner fünf Kollegen tiefschürfendes Gespötte, das auch das Fussballgeschehen jenseits der Schwätz nicht verschont. Daher dieses höhnische "toi toi toi", gemünzt auf Barças angeblichen Niedergang –

da aber muss ich energisch Einspruch erheben. Think about it, Zincky. Es scheine zu harzen bei den Barzen? Vor einer Woche klammerte ich mich hier um die Ecke an einen Bartresen, nur um bei der Art und Weise, in der Barça das grossartig aufspielende Zaragoza niederrang – Art im Sinn von hoher Kunst, und weise wie unser unerklärlich abgeklärter Trainer Rijkaard –, nicht gänzlich abzuheben. Solche Fussballspiele kriegt man an keiner WM und an keiner EM je zu sehen. Selten mal in der Champions League. Aber im Grunde – es braucht ja immer zwei dazu! – gibt es so ekstatischen Fussball nur in Spanien. Vielleicht – ein bisschen holzhackriger – noch in England.

Das gestrige Spiel gegen Mallorca habe ich trotzdem ausgelassen. Sah stattdessen einige Filme des japanischen Konzeptkünstlers Takahiko Iimura aus den 70er und 80er Jahren. Harter Stoff – ein bisschen wie On Kawara, bloss in 25 Bildern pro Sekunde. Die Leinwand meist eine weisse oder schwarze, manchmal durch einen schmalen vertikalen Streifen geteilte Fläche; allenfalls ratterten Zahlen durch. Der Regisseur war auch anwesend – war das wohl der Grund dafür, dass praktisch niemand aus der Vorstellung lief? Aus Höflichkeit? Danach erwies sich allerdings, dass das Publikum diese abstrakten Filme – «Bilder» gab es nur in dem Essay über den Steingarten von Ryoan-Ji, den Iimura mit dem Architekten Arato Isozaki gedreht hat – sehr wohl goûtiert hatte. Wurde er doch mit Fragen geradezu überhäuft. Noch erstaunlicher war, dass mich diese Filme in eine seltsam abgehobene Stimmung versetzten – ich levitierte den ganzen restlichen Abend.

Ist vielleicht auch dieser grosse Fussballjongleur, der nach längerer Abwesenheit auf unsere Strassen zurückgekehrt ist, insgeheim eine Art Zenkünstler?


Zurück zum Spiel Mallorca-Barcelona. Ging 1:4 aus, Gudjohnson schoss zwei Tore. Fürs erste ist mithin die Frage beantwortet, ob der Barça-Sturm auch ohne Eto’o, ohne Messi und ohne Saviola, die alle kaputtgetreten wurden und monatelang ausfallen, funktioniert. Die sturmfreien Buben!

Gudjohnson, der Isländer, stand vor einigen Wochen in Madrid buchstäblich im Regen, aber gegen weniger abgebrühte Gegner wird Barça mit ihm wohl über den Winter kommen. Ob Gudjohnson seine Brötchen in der hier unlängst erwähnten isländischen Bäckerei kauft? Inzwischen habe ich mir dort einen Laib Spelt- bzw. Dinkelbrot und eine Zimtmadeleine gekauft. Lässt ein Hauch Zen sich übrigens nicht auch in dieser Bäckerei ausmachen? Oder bin bloss i c h schon gänzlich abgehoben?

15. November 2006

Die Schatulle. Ein Projekt von Markus Grob



Es war einmal ein Gemäuer, bloss ein Waschhaus eigentlich, schlecht und recht auf ein um 1930 errichtetes Wohnhaus im Stadtteil Pueblo Seco gepfropft. Später dann auch bewohnt – zuletzt von einer kinderreichen karibischen Familie, wie ich aus den vom Regen verwaschenen Photoalben schloss, die auf der Terrasse liegen geblieben waren. Die genaue Ausmessung ergab eine Fläche von 25 Quadratmetern, zusätzlich 12 Quadratmeter Terrasse. Böden wie Mauern so schief wie in einer erdbebengeschädigten mexikanischen Kirche.



Das Gemäuer hatte indessen auch einige Vorteile. Zum Beispiel schöne, nach der geltenden Bauordnung unverbaubare Aussichten. Das Quartier ist längst fast durchweg fünf- bis achtgeschossig überbaut. Heute sind in so schmalen Strassen jedoch nur noch zwei Geschosse zulässig, und gerade die benachbarten Bauten, ob älter oder neuer, weisen eine geringe Höhe auf.

Zu Fuss ist man in drei Minuten am Paralelo, an der Metrostation der Linien 2 und 3; anderseits geht die Stadt nur hundert Schritt bergaufwärts abrupt in die letzten Wildräume und in die Pärke von Montjuïc über. Das Pueblo Seco oder Poblesec (der ganze Streifen südlich des Paralelo) hat einen sehr bestimmten, eher herben, in der barcelonesischen Stadtgeschichte verwurzelten Quartiercharakter; mittlerweilen ist die Bevölkerung zu mindestens 30 Prozent nicht-europäischer Herkunft. Das mag teils den relativ günstigen Kaufpreis erklären. Man schrieb das Jahr 2002, schon mitten im seit 1996 anhaltenden Immobilienboom, vielmehr –wahn; seither ist der Wert eines Quadratmeters Wohnfläche im barcelonesischen Durchschnitt auf annähernd 6000 Euro gestiegen.

Wir kauften die Ruine, und ich lud meinen Freund Markus Grob ein, Architekt und damals Dozent in Karlsruhe. Umgehend lagen zwei Entwurfsskizzen vor. Die eine spielte die durch den Grundriss – eher Umriss – gegebene Dreiteilung durch, mit einem sechs Matten umfassenden Tatamiraum am der Terrasse gegenüberliegenden Ende. Wir entschieden uns für die andere, wagemutigere der beiden Varianten. Sie schafft einen 10 Meter langen, aber lediglich 1,97 Meter breiten Raum, von dem einerseits Küche und Bad abgetrennt werden; andererseits erweitert sich dieser Schlauch am Ende in eine Schlafnische, seitlich und oben umrahmt von einem Schrank-«Kabinett». Die Schlafstätte auch hier mit Tatami ausgelegt, darunter weiterer Stauraum: kein Millimeter durfte ungenutzt bleiben. Zwei identische, quadratische Fensteröffnungen ersetzen die bestehenden Zufallslöcher. - Das Modell sah höchst attraktiv aus:





Hier weitere Aufnahmen des Urzustands und dieser Maquette, hier eine instruktive Projektbeschreibung (.pdf) von der Hand des Architekten, hier eine Axonometrieskizze des Kabinetts (.pdf) und hier ein Kabinett- und Tatamiplan (.pdf).

Die Bauerei war ebenso witzig wie enervierend. Sie dauerte glatt neun Monate. Die erste Bauleiterin erlitt eine Frühgeburt. Manches musste zweimal gebaut werden, zumal der 1200 Kilometer entfernt lebende Architekt die sachgerechte Ausführung nur via Telephon und E-Mail überwachen konnte. Unsere sorgenvolle Korrespondenz ist schon Literaturgeschichte; ich werde Teile davon vielleicht gelegentlich ins Netz stellen.

In dieser Galerie einige Bilder der Baufortschritte. Oh Herrlichkeit der frisch gegipsten Wände! Am meisten Verdruss gab’s mit den Fenstern. Es sollten Stahlfenster sein, so schlank wie möglich, und erst noch preisgünstig. Nachträglich würde man sich vielleicht doch eher mit marktgängigen Aluminiumprofilen abfinden. Bautechnische Komplikationen gab’s auch mit den Einblicke verhindernden Glasbausteinen des Tatami-Fensters.

Der Architekt setzte sich, obwohl es für mich eigentlich nur weisse Wände gibt, bei der Farbwahl durch: goldoliv für den Hauptraum, chinarot für Bad und Küche, rosa für das Innere des Kabinetts.

Eine Lust war natürlich die Auswahl der Accessoires, des WCs etwa (spanisch auch váter genannt). Für die Armaturen leistete man sich Vola. Der Boden: italienische Fliesen, die der Fabrikant ossidianfarben nennt. Und dann die Hölzer: nach langen und genüsslichen Abwägungen in einem Holzlager bei der Plaza España sollte es für das Bad schliesslich Sequoia sein, für die Tatami- und Fliesenrahmung Iroko.

25 Quadratmeter! Wenig später brach in Spanien eine Debatte los, ob – angesichts der Wohnungsnot junger Menschen – das Baugesetz wieder Wohnungen von 30 Quadratmetern zulassen und selbige staatlich fördern sollte. Partout nicht begreifen konnten deren Notwendigkeit einige Altlinke, da offenbar auf immer von der Vorstellung jener kleinzelligen 50-Quadratmeter-Wohnungen verfolgt, in denen sie – wie Millionen Spanier – in den 1960er und 70er Jahren zu viert oder zu fünft eingepfercht aufwuchsen.

Ende Februar 2003 (das ist nicht die Baustelle des Monats, sondern die Baustelle des Jahrzehnts) war die Schatulle fertig. So nannten wir sie jetzt: el estuche.

Noch heute erstaunlich ist, wie die Querbelüftung im Sommer den Raum kühlt. Noch erstaunlicher, wie auf einer gerade mal 10x2 Meter messenden Fläche eine Abfolge stimmungsmässig völlig verschiedener Sphären entstanden ist: ein Schlafkabinett, ein winziger Salon und ein Speiseraum mit Aussicht. Und dazwischen blieb sogar eine Leerfläche, um eine Skulptur aufzustellen: den Nappa-Leder-Beamer des deutschen Künstlers Bernhard Martin, der natürlich zugleich als Ablagefläche dient.

Die weitere Möblierung wurde vorwiegend aus älteren Stücken bestritten: zwei Thut-Sesseln (Prototypen) und einem Aalto-Tisch; daneben einem Kleiderkarren, der im Kabinett die Regale ergänzt. Und für die Musik der (einstweilen etwas antiquierte) Muji-Player.



Ein bisschen japanisch mutet die Schatulle nicht nur wegen der Matten an, sondern ich hatte auch eine japanische Holzbadewanne in Auftrag gegeben. Zufällig war ich mit dem einzigen japanischen Holzschreiner in Spanien (und möglicherweise in Europa) befreundet. Er weigerte sich jedoch, japanisch umwunden, die Aufgabe zu übernehmen, da dies in Japan Sache von Spezialisten sei. Schliesslich fand sich ein junger Schiffbauer aus Mallorca, der sich daran wagte und den wunderbaren Zederbalken (das weiche Zedernholz kam dem unbezahlbaren oder nicht zu erlangenden japanischen Hinoko am nächsten) in eine fein verfugte Wanne verwandelte: o furo.



Als Miniatur der Miniaturen darf schliesslich die Küche mit ihren eleganten Regalen und den wiederum japanischen Schubladenboxen gelten. Hier eine Reihe weiterer Bilder des Intérieurs.

Die Terrasse bleibt hinter der zweiflügligen Tür zunächst verborgen: als das Geheimjuwel der Schatulle, ausserhalb der Schatulle! In deren Flucht bietet, sowie die Tür geöffnet wird, vis-à-vis zwischen zwei höheren Bauten ein begrünter Steilhang dem Blick sich dar: ein glücklicher Zufall.

Der abschüssige Boden der Terrasse wurde mit einem Holzrost ausgelegt, strassenseits als stattliche Sitzbank ausgeführt. Et voilà: das Frühstück kann serviert werden:



Der Blick von Montjuïc zeigt, anders als der vom Tibidabo, nicht das im Cerdá-Raster wohlgeordnete Barcelona; vielmehr eine liederliche, zerzauste Stadt, von der die Schatulle ein winziger Teil ist (Preisfrage: welcher? Rechts der Blick von Miramar durch die zuvor erwähnte Lücke).




Und unten am Paralelo scheint nachts eine Leuchtschrift dem estuche noch einen zweiten Namen zu geben:

12. November 2006

Das neue Stadion des Valencia C.F.

Valencia war noch nie eine Gelegenheit für ein kleines Feuerwerk zu schade. Vermutlich ist auf dem ganzen Erdball keine zweite Stadt so knatter- und so funkelsüchtig, und auch die Präsentation des Projekts für das neue Fussballstadion wurde letzte Woche laut der Agentur EFE «durch die von dem hochgeschätzten Pyrotechniker Vicente Caballer abgefeuerten Lichtschlösser» abgerundet.

Nicht ganz so ungetrübt ist die Vorgeschichte (.pdf) zu diesem 75 000 Zuschauer fassenden Stadionneubau. Kurioserweise zeichnet, wie bei dem in der barcelonesischen Vorstadt Cornellà nun im Bau begriffenen Stadion des R.C.D. Espanyol Barcelona, auch hier das Studio Reid-Fenwick für die Architektur verantwortlich, erneut zusammen mit den Ingenieuren von Arup.

na, Jack?

Dass am Paralelo und an der Ronda San Pablo die irrsten Gestalten herumgeistern, ist man gewohnt. Wenn ich vom Born, wo die Menschheit nur aus braven Deutschen, Anglos und Argentiniern zu bestehen scheint, in diese Gegend gelange, ist es jedesmal, als würde man aus dem gentryfizierten Zwinger in die grosse Freiheit - in ethnischer wie individueller Hinsicht - entlassen.

Eigenartige Gestalten kann man aber auch in den Geschäftsstrassen des Eixample entdecken. So trabte neulich dieses mit roten Boxerhandschuhen ausgestattete Mannsbild die Rambla Catalunya hinauf, als strebe es einem vermutlich an der Ecke Diagonal aufgestellten Ring entgegen, wo es jeden Widersacher zweifellos in kürzester Frist ausgeknockt hätte. (Auratische Gestaltung des Bildes: Xavi Blanquer.)

3. November 2006

Der Mercat de les Flors von Willy Müller: Lasst Blumen en gros blühen



Der Blumenmarkt, welch wunderbares Thema. Gemeint sind nicht die Blumenstände an den Ramblas, welche die Passanten trotz ihrer mehrheitlich dürftigen Auslagen – was sowohl auf die Stände wie auf die Passanten zutrifft, hingegen nicht unbedingt auf die Passantinnen – in angenehme ephimere Duftwolken hüllen. Die Rede ist auch nicht von dem 24 Stunden geöffneten Blumenmarkt an der Calle Valencia, wo treulose Ehemänner frühmorgens eine erste Versöhnungsgeste einleiten können. Nein, es geht um Barcelonas Blumengrossmarkt, der nun einen neuen Standort – den dritten bereits – erhalten soll.

Der ursprüngliche Mercat de les Flors an Montjuïc ist heute Teil der Ciutat del Teatre. Es war Peter Brook, der Anfang der 1980er Jahre den leerstehenden Bau als Spielstätte für seinen Mahabarata ausfindig machte und damit den Anstoss für das bis heute Mercat de les Flors genannte städtische Theater gab, zu dem später das Teatre Lliure und das Institut del Teatre kamen: ein ansehnliches, bisweilen mondäne Stimmungen begünstigendes, heute sechs oder sieben Säle umfassendes Zentrum der szenischen Künste.

Aber es sollte ja von Blumen die Rede sein. Aus dem aus den 1920er Jahren stammenden und heute als Theater dienenden Markt zogen die Blumenhändler, wie alle En-Gros-Betriebe, um 1970 in den neuen Grossmarkt der Stadt um: das in der Zona Franca errichtete Mercabarna. Nun ist ihnen auch dieses immense Gelände zu eng geworden, und so soll möglicherweise schon 2007 der neue Blumenmarkt in der Vorstadt Sant Boi bei der künftigen Metrostation Aeropuerto-Mercancías (unweit des Frachtflughafens mithin), eröffnet werden.

Der Entwurf stammt vom Architekten Willy Müller, der nicht etwa Schweizer ist, sondern ein seit 1995 in Barcelona ansässiger Argentinier. Zusammen mit Manuel Gausa und Vicente Guallart gründete er 1998 die Gruppe Metápolis, die seither durch mancherlei avantgardistische Gebärden und Aktivitäten auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinem Pile Tower ist Müller auch an Guallarts ambitiösestem Projekt beteiligt, der in Valencia geplanten Sociópolis. Sollte sie wirklich gebaut werden, wird hier zweifellos noch davon die Rede sein. Müllers Website erscheint leider zurzeit auf den minimalsten Ausdruck reduziert. Aber das kann sich ändern, und gern erführen wir dort Näheres über seine Projekte in Valencia, in Sant Boi sowie – unter dem Namen Hypercat – auch im jüngst hier besprochenen Hafen von Barcelona.