Inzwischen wurde bekannt, dass es sich beim Gründer und Direktor dieser Airline, José Luis Carrillo, um einen Selfmademan handelt, der sein Geld zuvor in der Hotellerie und Bauwirtschaft gemacht hat. Also doch wieder so ein Musterknabe der Immobilienbranche, die in Spanien zum Inbegriff der Geldgier und Verderbtheit schlechthin geworden ist. Im Jahr 2006 ist kein Tag vergangen, ohne dass die Presse mindestens einen der Korruptionsfälle ins Licht rückte, die die beispiellose Zubetonierung des Landes (namentlich der Mittelmeerküste und der Umgebung von Madrid) möglich gemacht haben. Zu deren Veranschaulichung sollen zwei Zahlen genügen: Spaniens Zementverbrauch ist annähernd so hoch wie der der siebenmal bevölkerungsreicheren USA, und in Spanien werden jährlich mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen.
Das Zauberwort lautet recalificación: Umwidmung oder, helvetisch, Umzonung. Das spanische Bodengesetz von 1998 gab – indem es alle graduellen urbanistischen Bewertungen und die entsprechenden Befugnisse schlicht abschaffte, um als einziges Kriterium den Marktwert des Bodens zu anerkennen – bis auf einige Schutzgebiete praktisch das ganze Land zur Überbauung frei. Ausgeheckt wurde es natürlich vom Kabinett Aznar, der von 1996 bis 2003 herrschenden, im NZZ-Jargon «konservativ» genannten Rechtsregierung des Partido Popular. Wobei das Wort konservativ in diesem Fall doch ein wenig höhnisch klingt.
Zuständig für Umwidmungen sind die lokalen Behörden: was erst die Schmiergelder, dann den Beton in Strömen fliessen liess. Die jähen Wertsteigerungen – genannt pelotazo oder auf deutsch, im Drogenjargon: Kick – hatten vielenorts Methode. Der archetypische Fall ist Marbella; mehr darüber in dieser Reportage. Näheres zur Madrider Bauwut (aus der noch argloseren Sichtweise des Jahres 2003) hier (.pdf).
Den Ehrentitel als Schurke der Woche macht dem Chef von Air Madrid denn auch ein Lokalpolitiker streitig: Eugenio Hidalgo, der Bürgermeister von Andratx, einem schicken Vorort von Palma de Mallorca, der Mitte Monat wie vor ihm schon etliche seiner Amtskollegen im Knast landete. Er hatte, wie es das Los spanischer Lokalpolitiker zu sein scheint, für Umwidmungen und Baubewilligungen von Promotern und Bauunternehmern Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Euro kassiert (die stets bar entrichteten Bestechungsgelder erklären den auffällig hohen Anteil Spaniens an 500-Euro-Scheinen).
Das Finanzministerium will herausfinden, warum
jeder vierte 500-Euro-Schein in Spanien kursiert.
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