Markus Jakob

20. Dezember 2006

Can Ricart, die Okupa-Bewegung und der neue Alcalde



Anders als es dieser Eintrag vorhersehen liess, ist in Can Ricart keine Ruhe eingekehrt. Ende November wurde das grosse alte Fabrikgeviert von einer Zirkusartistengruppe namens La Makabra besetzt, die kurz zuvor aus einem andern Industriebau im Pueblo Nuevo vertrieben worden war. Die für den Totalerhalt von Can Ricart kämpfenden Gruppen geben trotz der erreichten Kompromisslösung nicht auf, und es fehlt ihnen nicht an Argumenten. Denn zweifellos ist das Ensemble als Ganzes ein Industriedenkmal ersten Ranges und als solches schützenswert. Trotzdem hat die Stadtregierung bereits wieder die (friedlich verlaufene) Räumung angeordnet, und es sieht danach aus, als stünden erste Abrisse nun kurz bevor.

Der neue Bürgermeister Jordi Hereu – seine unvermittelt erfolgte Ernennung wurde in diesem Posting erwähnt – hat sich dabei trotz seinem pummeligen Schmunzelgesicht als Hardliner geoutet. Als vom Himmel gefallener Stadtvater muss er sich vor der Bürgerschaft ja erstmal profilieren, bevor er sich nächsten Frühling den Wahlen stellt. Heute lag dieser Prospekt, mit dem die Sozialisten seinen schwachen Bekanntheitsgrad zu erhöhen versuchen, in sämtlichen Briefkästen der Stadt.




Vor einer Woche, kurz nach der Ausbootung der Squatter aus Can Ricart, präsentierte Hereu im Mercat del Born seine «Kulturstrategie» (Plan Estratégico de Cultura) für Barcelona. Als der Opern- und Theaterregisseur Calixto Bieito (Bildmitte) - weiteres hier (.pdf)- das Wort ergriff, stürmten vier splitternackte Mitglieder von La Makabra die Bühne; für den skandalerprobten Regisseur nicht gerade ein ungewohnter Anblick, doch konnte er seine Ausführungen nicht beenden, während sich der Bürgermeister, wie oben zu sehen, mit einem blöden Grinsen aus der Affäre zog, an das wir uns nun wohl zu gewöhnen haben. Über Barcelonas «strategischen Kulturplan», der doch eigentlich im Zentrum des Anlasses stand, war aus der Presse so gut wie nichts zu erfahren.

Die von den Medien aufmerksam verfolgten Vorgänge um Can Ricart haben die Besetzerszene, hier Okupas genannt, generell wieder ins Rampenlicht gerückt. So wurde publik, dass es in Barcelona dieses Jahr zu nicht weniger als 150 Räumungen besetzter Häuser kam, mehrheitlich ohne Anteilnahme der Öffentlichkeit. Da die Okupas aber nach dem Motto handeln, für jedes geräumte Haus sei ein neues zu besetzen, wird deren Zahl nach wie vor auf etwa 200 geschätzt, 300 gar, wenn man die Vorstädte dazurechnet. Diesen Zahlen steht freilich ein Leerwohnungsbestand von 70'000 (laut dem Einwohnerregister) oder doch mindestens 20'000 (gemäss urbanan Feldforschungen) gegenüber. Gracia und Sants sind die bevorzugten Distrikte der Okupa-Bewegung.

Die Bilder zu diesem Beitrag sind schon einige Jahre alt; sie entstanden im Park Güell.

Bei anderer Gelegenheit ist auf das Wohnungsproblem in einem erweiterten Kontext zurückzukommen – unter anderem auf das Paradox des hohen Leerwohnungsbestands und den im untenstehenden Eintrag angedeuteten Rekorden der spanischen Bauindustrie, die dieses Jahr erneut über 800'000 neue Wohnungen zu immer horrenderen Preisen auf den Markt geworfen hat.

Der Bauunternehmer als Erzganove

Spaniens Bösewicht der Woche war für einmal weder ein mit Schmiergeldern um sich werfender Bauunternehmer noch ein korrupter Bürgermeister, sondern der Chef der Luftfahrtgesellschaft Air Madrid, die wie hier gemeldet Mitte Dezember ihren Betrieb eingestellt hat, kurz bevor ihr ohnehin die Lizenz entzogen wurde. Als Grund für letzteres wurden vom zuständigen Ministerium nicht nur die chronischen Verspätungen, sondern auch schwere Sicherheitsmängel genannt. Geprellt sahen sich 300’000 Kunden, die ihre Tickets bereits gebucht hatten: mehrheitlich in Spanien lebende Lateinamerikaner, die über die Feiertage nach Hause reisen wollten, denn Air Madrid bediente vor allem die Südatlantikrouten. Die Zahl der Passagiere, die ihren Hinflug mit Air Madrid noch absolvieren konnten, nun aber selber sehen müssen, wie sie wieder nach Hause kommen, wurde auf 130'000 nach oben korrigiert. Die entsprechenden Bilder von in den Terminals von Madrid und Barcelona, vermutlich auch Quito, Buenos Aires usw. campierenden Menschen füllen dieser Tage die Zeitungen.

Inzwischen wurde bekannt, dass es sich beim Gründer und Direktor dieser Airline, José Luis Carrillo, um einen Selfmademan handelt, der sein Geld zuvor in der Hotellerie und Bauwirtschaft gemacht hat. Also doch wieder so ein Musterknabe der Immobilienbranche, die in Spanien zum Inbegriff der Geldgier und Verderbtheit schlechthin geworden ist. Im Jahr 2006 ist kein Tag vergangen, ohne dass die Presse mindestens einen der Korruptionsfälle ins Licht rückte, die die beispiellose Zubetonierung des Landes (namentlich der Mittelmeerküste und der Umgebung von Madrid) möglich gemacht haben. Zu deren Veranschaulichung sollen zwei Zahlen genügen: Spaniens Zementverbrauch ist annähernd so hoch wie der der siebenmal bevölkerungsreicheren USA, und in Spanien werden jährlich mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen.

Das Zauberwort lautet recalificación: Umwidmung oder, helvetisch, Umzonung. Das spanische Bodengesetz von 1998 gab – indem es alle graduellen urbanistischen Bewertungen und die entsprechenden Befugnisse schlicht abschaffte, um als einziges Kriterium den Marktwert des Bodens zu anerkennen – bis auf einige Schutzgebiete praktisch das ganze Land zur Überbauung frei. Ausgeheckt wurde es natürlich vom Kabinett Aznar, der von 1996 bis 2003 herrschenden, im NZZ-Jargon «konservativ» genannten Rechtsregierung des Partido Popular. Wobei das Wort konservativ in diesem Fall doch ein wenig höhnisch klingt.

Zuständig für Umwidmungen sind die lokalen Behörden: was erst die Schmiergelder, dann den Beton in Strömen fliessen liess. Die jähen Wertsteigerungen – genannt pelotazo oder auf deutsch, im Drogenjargon: Kick – hatten vielenorts Methode. Der archetypische Fall ist Marbella; mehr darüber in dieser Reportage. Näheres zur Madrider Bauwut (aus der noch argloseren Sichtweise des Jahres 2003) hier (.pdf).

Den Ehrentitel als Schurke der Woche macht dem Chef von Air Madrid denn auch ein Lokalpolitiker streitig: Eugenio Hidalgo, der Bürgermeister von Andratx, einem schicken Vorort von Palma de Mallorca, der Mitte Monat wie vor ihm schon etliche seiner Amtskollegen im Knast landete. Er hatte, wie es das Los spanischer Lokalpolitiker zu sein scheint, für Umwidmungen und Baubewilligungen von Promotern und Bauunternehmern Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Euro kassiert (die stets bar entrichteten Bestechungsgelder erklären den auffällig hohen Anteil Spaniens an 500-Euro-Scheinen).

Pikant an dem Fall ist, dass Hidalgo, wie vom Untersuchungsrichter abgehörte Telephongespräche beweisen, kurz vor seiner Verhaftung von seinen Parteikollegen gewarnt wurde und belastendes Material noch vernichten konnte. Er gehört wie die Mehrzahl der inkriminierten Politiker dem Partido Popular an; was freilich keineswegs heisst, dass Sozialisten und Angehörige regionaler Parteien von Sünde frei sind.

Das Finanzministerium will herausfinden, warum
jeder vierte 500-Euro-Schein in Spanien kursiert.

19. Dezember 2006

Gego und Centelles

wellbutrin sr class="alignleft size-full wp-image-1577" title="mob884_1166553936" src="http://markus-jakob.net/wp-content/uploads/2010/08/mob884_1166553936.jpg" alt="" width="341" height="276" />Kurz noch zwei Hinweise auf Ausstellungen: Das Macba zeigt neben der Retrospektive von Palazuelo (die ich noch nicht gesehen habe) die diesem formal nicht unverwandte, 1912 in Hamburg geborene, aber nach ihrer Emigration nach Venezuela 1939 zu einer der wichtigsten Künstlerinnen Südamerikas gewordene Gego. Näheres auf der Website des Museums.



Und die Virreina macht auf selten eindrückliche Art das Drama des Spanischen Bürgerkriegs mit dem Werk des Photographen Agustí Centelles (1909-1985) lebendig. Centelles rettete 1939 Tausende von Negativen über die Grenze nach Frankreich. Sie kamen erst 1975 wieder zum Vorschein. Die Ausstellung dokumentiert erstmals Centelles’ Werdegang, von den Photoreportagen der Vorkriegsjahre über sein Exil bis zur Werbephotographie (Chupa-Chups zum Beispiel) seiner Spätzeit. Im Mittelpunkt stehen indessen die Kriegsjahre 1936-39.

Strandidyll

Und da wir gerade bei Baustellen sind, hie ein Bild aus der Gegend des Barceloneser Forums, gemalt von Martin Fivian, der zur Zeit in der Berner Galerie Krebs ausstellt. Auf seiner Website finden sich übrigens noch weitere barcelonesische Sujets.

Chipperfields einschüchternde Ciudad de la Justicia



Im Modell sieht sie ja beinahe niedlich aus, die etwa eine Milliarde Euro teure Ciudad de la Justicia von David Chipperfield, die an derselben Achse wie die zuvor erwähnten Projekte liegt, etwas weiter stadteinwärts, nahe der Plaza Cerdá. Wie auf Chipperfields Website nachzulesen – weiteres bei seinem barcelonesischen Partner Fermín Vázquez unter Projekt 05 – steckt dahinter die Idee, die bisher über die ganze Stadt verstreuten Dienststellen der Rechtssprechung zu zentralisieren: Richter, Anwälte, Täter, Opfer, Schöffen und Zeugen, sie alle werden sich künftig an der Stadtgrenze zwischen Barcelona und L’Hospitalet wiederfinden, in einer der acht Baulichkeiten, die die Justizstadt bilden.

Nähert man sich der Klötzchenlandschaft Chipperfields an, vergehen einem allerdings umgehend alle Diminutive. Nicht sosehr die bis zu 17 Geschosse aufragenden Volumen sind es, die klaustrophobische Gefühle wecken, sondern die massive und – ja: klobige – Wirklichkeit dessen, was im Modell noch so verspielt anmutete. Die obsessiv
vertikalen Fensterreihen gemahnen unweigerlich an Gefängnisgitter – dabei lautete der Auftrag doch nicht, die Angeklagten im Zweifelsfall schon mal hinter selbige zu bringen. Auch die Anwohner, selbst in nicht unbedingt hypersensibel gestylten Wohnkasernen zu Hause, scheinen sich über den Tross neuer Nachbarn schon erschreckt zu haben, trotz deren pastellfarbenen Betongewändern.
P.S. - Anmerkung meines Freundes Jakob Timpe: Ein wenig sehe das Ganze ja auch wie die frisch arrangierten Trümmer des World Trade Centers aus.



Plaza de Europa: Die Bauwüste lebt

Die unten erwähnte Plaza de Europa, halbwegs zwischen dem Flughafen und dem Stadtzentrum gelegen, ist vorläufig lediglich eine Kranlandschaft: im Bild mit einer jener tausendfach über Spanien verbreiteten Tankstellen, die Norman Foster vor etwa zehn Jahren für den Ölkonzern mit dem hässlichen Namen Repsol entworfen hat.

Für die Baulöwen ist die ganze Gegend umso mehr ein gefundenes Fressen, als unweit von hier auch die Trasse für die Hochgeschwindig-
keitsbahn (AVE) Richtung Bahnhof Sants angelegt wird und im Umkreis weniger Kilometer eine ganze Reihe weiterer Grossüberbauungen im Gang sind: von Bofills neuem Flughafenterminal über Chipperfields Ciudad de la Justicia, Jean Nouvels City Metropolitana, den Office Park von Foreign Office Architects bis zu einem ganzen neuen Wohnviertel am Ende der Avenida de la Zona Franca.

An der Plaza de Europa ist als erstes der Stonehenge-artig angeordneten Hochhäuser das niedrigste davon – ein Entwurf von Oscar Tusquets, der sich als umgekehrte Pyramide ausgibt – im Rohbau fertig. Bereits für den Verkehr wiedereröffnet wurde die nunmehr teilüberdachte Autobahn, übrigens die älteste Spaniens, einst als Autovía de Castelldefels bekannt.

18. Dezember 2006

Stonehenge in L’Hospitalet

Nachtrag zur letzten Baustelle des Monats: In einer noch bis am 22. Dezember in einer weissen Zelthalbkugel auf der Plaza de Cataluña eingerichteten Ausstellung, grossspurigMetròpolis Barcelonabetitelt, sind neben allerlei Videofirlefanz auch einige Modelle von Grossprojekten zu sehen, darunter das der Fira 2 von Toyo Ito. Blau die Rambla, die das ganze Messegelände durchzieht, dahinter die wie ein Stonehenge die künftige Plaza de Europa umstehenden Hochhäuser. Unten links dasselbe Modell in der Perspektive der nun teilüberdeckten Gran Vía, daneben zum Vergleich ein Gegenschuss aus dem Jahr 1865: als der Bau der Gran Vía als Teil des Cerdà-Plans aufgenommen wurde.

Auf dem Weg zu den Gated Communities

Noch ein bisschen weiter in den Zeitungen er letzten Wochen geblättert. Dieser Tage erhitzte ein Verbrechen die Gemüter, das manche gar nicht als solches erachten. Der barcelonesische Juwelier Tous – dessen Schmuck sich in über dreissig Ländern verkauft – hat es, wie es in der Natur seines Geschäfts liegt, schon oft mit Räubern zu tun bekommen. Neuerdings nun auch in seiner mit unzähligen Kameras gespickten Privatvilla. Anscheinend war gerade niemand von der Familie anwesend. Für die Überwachung des Hauses ist eine Firma verantwortlich, die vom Freund einer seiner Töchter geleitet wird. Als dieser via CCTV das Eindringen der Missetäter bemerkte, machte er sich umgehend persönlich in die Villa auf. Wenig später lag einer der beiden aus Kosovo stammenden Einbrecher mit einem Kopfschuss tot auf dem Asphalt vor dem Haus. Die ballistischen Untersuchungen ergaben eine Feuerdistanz von maximal einem Meter. Das Opfer wie sein Kumpan waren unbewaffnet.

Natürlich wurde der Scharfschütze und Juweliersschwiegersohn in spe festgenommen, nur schon weil das Delikt ausserhalb des Gevierts stattgefunden hatte, dessen Überwachung ihm oblag. Er wird sich vor Gericht zu verantworten haben. Freilich gibt es Leute – Meinungsumfragen zufolge eine Minderheit –, die dies für eine Ungerechtigkeit halten. Das Unwesen der gewöhnlich osteuropäischen Einbrecherbanden, die ihre Freveltaten in den abgelegenen Siedlungen der Reichen begehen, hatte ja schon vor einigen Monaten eine kleine Hysterie ausgelöst. Trotzdem hat sich die entsprechende andere Seuche – die der gated communities nämlich – in Barcelona im Gegensatz zu Madrid noch kaum verbreitet. Was sich indessen allmählich ändern dürfte, zumal inzwischen bereits bei zwei weiteren Einbrüchen ein Kleinkind entführt und ein Hausbesitzer krankenhausreif geschlagen wurden.

15. Dezember 2006

Monumentale Groundings: für Air Madrid und für Stierkämpfe in Barcelona

Heute nachmittag hat die Billigairline Air Madrid sämtliche Flüge eingestellt. Laut ihrem eigenen Communiqué müssen 120’000 Passagiere nun selbst sehen, wie sie wieder nach Hause kommen – die meisten von ihnen über den Südatlantik, hatte Air Madrid sich doch auf diese Routen spezialisiert. Bereits in den nächsten Stunden will das zuständige Ministerium «aus rein humanitären Gründen» mit zwei gecharterten Jumbos, die von Madrid und Barcelona aus Buenos Aires anfliegen, zunächst etwa 1300 Passagieren aus der Patsche helfen. Ironischerweise schiebt die Airline die Schuld für ihr (als noch nicht definitiv bezeichnetes) Grounding eben diesem Ministerium in die Schuhe. Sie hatte durch ihren miserbalen Service – stunden-, teils auch tagelange Verspätungen als Normalfall – für soviel Ärger gesorgt, dass die Regierung ihr öffentlich mit dem Entzug der Lizenz drohte. Nun wirft Air Madrid dem Luftfahrtminister vor, ihr Image vorsätzlich zerstört und sie dadurch in diese Krise manövriert zu haben.



Heute ist ausserdem bekannt geworden, dass die nächste Stierkampfsaison in Barcelona voraussichtlich die letzte sein wird. Zwar hat die Stadtregierung schon im Frühling 2004 die Stadt als «antitaurina» definiert, ohne Stierkämpfe jedoch zu verbieten. Nun haben die Impressarios der Plaza de Toros Monumental bekanntgegeben, die vom April bis in den Herbst dauernde Saison sei für sie schon länger ein Verlustgeschäft, weshalb sie es auf die Saison 2008 hin aufzugeben gedächten.

2. Dezember 2006

Die Campana Brothers – von Sâo Paulo nach Istanbul



Über Design ist hier kaum je die Rede, aus dem einfachen Grund, weil diese Stadt davon überquillt. Wo anfangen? So schweife ich zwischendurch in die Ferne, zu Entwerfern aus São Paulo und Istanbul, die auch weiterhin von dort aus arbeiten. Vor einigen Tagen hielten die Campana Brothers aus Brasilien im FAD einen Vortrag. Zugegen war auch Massimo Morozzi, Chef von edra, ihrem italienischen Fabrikanten. Präsentiert wurden – im Gegensatz zu den Katalogbildern freilich in jugendfreier Manier – einige neue, an der Dschungelfauna inspirierte und wahrlich bequeme Sofas oder Liegelandschaften.



Sensationell ist auch die Website der brasilianischen Brüder. Sie haben ihre Karriere von Anfang an auf der «Local/global»-Schaukel aufgebaut, die sie umgehend an die mollge Spitze der Designerszene katapultiert hat.

Schon ihr angeblich erster Entwurf, der Vermelha Chair (links), wurde in die Sammlung des New Yorker MoMA aufgenommen. Morozzi erläuterte recht charmant den Unterschied zwischen ihrem (auch seinem) Vorgehen und dem «einer Firma wie, sagen wir, Sony, die dreitausend Designer beschäftigt». Bei den Campana Brothers sei zuerst eine Idee da, deren Ausführung vielleicht eine Menge Probleme stelle. Mit ein bisschen Kopfzerbrechen finde man jedoch immer eine Lösung – «na, fast immer». Bei den Japanern hingegen seien a priori eine Menge Lösungen da; die Probleme stellten sich dann später ein.

Ideen hat sicherlich auch Derin Sariyer in Istanbul, um stilistisch gleichwohl zu ziemlich andern Ergebnissen als die Campana Brothers zu gelangen. Unlängst hat die Firma recdi8 hier im Barrio, in der Gasse mit dem schönen Namen Flor del Lliri, einen Showroom mit Derins Entwürfen eröffnet. So etwa dem Sofa Mass, das indessen eher auf die Sinnlichkeit eines Airports zugeschnitten scheint.

29. November 2006

Im Lauf der barcelonesischen Zeit

Die Weihnachtsklunker hängen schon über den Gassen, obwohl wir tags noch immer über 20 Grad haben; auch die Nächte weiterhin mild, danke. In einer derselbigen habe ich nach langer Zeit wieder den Palau de la Música aufgesucht. Eine meiner Lieblingssängerinnen, Madeleine Peyroux, trat dort auf. Und es geschah, was im Palau immer geschieht: sowohl die auftretenden Künstler als auch das Publikum erschienen durch den ornamentalen Wahn des Saals zunächst wie erschlagen. Wie kann man in diesem aufgerissenen Maul, unter Tonnen wabernden Stucks Dance Me To the End of Love singen? Allenfalls bei den Zugaben setzt sich die Musik jeweils gegen diese ebenso sektiererische wie grandiose Architektur durch. – Der Palau war ja von Domènech i Muntaner 1905-1909 im Grunde als Konzerthalle für die damals höchst populären Chöre errichtet worden – L'Orfeó Català – und eignet sich schon akustisch nicht für symphonische Musik, geschweige denn für Jazz. Trotzdem widersteht kein Veranstalter seinem Glamour.

Oscar Tusquets hat dieses Monstergebäude in den letzten Jahren renoviert und um einen kleinen Konzertsaal erweitert. Das Foyer und die Terrasse wurden mit einer ganze Reihe Bars und Restaurants ausgestattet, und einen Moment lang weiss man nicht mehr, hat man sich eigentlich zu Tapas oder zu einem Konzert verabredet?

Ich wollte hier bloss kurz die vergangene Woche resümieren: die Fragonard-Ausstellung, das Konzert von Madeleine Peyroux... – Über die Einsetzung der neuen katalanischen Regierung sei hinweggegangen: zumal sich die klapprige Linkskoalition nochmals glücklich zusammengerauft hat gegen die bürgerlichen Nationalisten (CiU).

Was war da sonst noch? Ah, Natalie Jeremijenko, «a new media artist who works at the intersection of contemporary art, science, and engineering». Eine russische Ingenieurskünstlerin bzw. Kunstingenieurin? Ich eilte ins CCCB, um mir Gewissheit zu verschaffen. In der Hall eine für die Veranstaltungsreihe now präparierte Mac-Landschaft; auf der aus Holzpaletten errichteten Bühne referierte erst ein Soziologe, dann ein Molekularbiologe zum Thema des Abends: unseren Ängsten vor der galoppierenden Entwicklung der Biotechnologie und ihrem Einbruch in unseren Alltag. Zwischen den beiden struppigen spanischen Wissenschaftern wartete Natalie auf ihren Auftritt. Sie ist nicht Russin, sondern Australierin. Heute lebt sie in New York und San Diego und entwickelt an den dortigen Eliteuniversitäten ihre Projekte. In einer E-Mail versuchte ich einem Freund den denkwürdigen Abend zu schildern: natalie, très belle, très chic dans sa robe mini rouge écarlate, avec des bottes noires, sur son fauteuil rouge et avec son iBook tout aussi rouge! inutile de dire que c'est une communiste. jeremijenko! c'est avec des animaux manipulés in silico, voire moyennant pseudopodie fagocitante, qu'elle veut donc faire la révolution. Na ja, vielleicht eine etwas enganliegende Zusammenfassung. Aber man soll sich ja kurz fassen.

Anschliessend gingen wir ins Kino: Peckinpahs The Getaway, einer meiner Kinofetische, seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Diese Woche steht er auf dem stets wunderbaren Programm des Reprisenkinos Méliès.

Am Samstag verpasste ich dann Ronaldinhos schon legendären Fallrückzieher zum 4:0 gegen Villarroel. Wer hat da was von Barças Niedergang gemunkelt?

24. November 2006

Vom schwarzen Stockfisch zum Billet doux

Da wir gerade bei Messen waren (s. den vorherigen Eintrag): auf dem Weg zur Fragonard-Ausstellung im CaixaForum habe ich in der alten Messehalle 8 einen Blick in die Ausstellung BCNFUTUR geworfen, auch Salón internacional de lo último genannt – des Letzten mithin. Ob vor dem Weltuntergang oder eher im Sinn von «das ist nun wirklich das Letzte», sei dahingestellt. Viel zu sehen gab es da ehrlich gesagt nicht; schwarzen Bacalao aus Alaska und Golfplätze Tokyo Style und eine Menge Massagesessel, in deren einen ich mich legte und mir eine Weile den Rücken maschinell bearbeiten liess. Ich machte noch ein paar Photos und trollte mich wieder.

À propos Fira sei noch erwähnt, dass der ursprünglich in Berlin gestartete, gleichfalls als Trendmesse konzipierte Salon Bread & Butter künftig nur noch in Barcelona stattfindet, nächstmals im Januar. Wir wollen hoffen, es gehe dabei etwas weniger betulich zu.

Garantiert die Nadelstreifenhölle los ist dann im Februar beim Weltkongress der Mobiltelephonie, 3GSM genannt, den Barcelona Cannes entrissen hat und zu dem 60'000 Besucher aus 190 Ländern erwartet werden. Für die betreffende Woche ist die Stadt bereits jetzt ausgebucht, bei Verdoppelung der Hotelpreise (im Arts z.B.: an die 600 Euro).

Und nun geht’s endlich weiter zu einer wirklich mondänen, galanten Veranstaltung, der Fragonard-Ausstellung im CaixaForum. Links ein Ausschnitt aus Le combat de Minerve contre Mars (um 1780), rechts ein Detail des berühmten Billet doux (ca. 1778).

22. November 2006

Toyo Ito – die Messe wächst



Da die jüngste, kleine feine «Baustelle des Monats» in Wirklichkeit längst keine Baustelle mehr ist, wellbutrin sr sondern vielmehr Architekturgeschichte, hier eine zweite, entdeckt bei einem Spaziergang in der in diesem Eintrag besprochenen Gegend, die ein einziger Chantier schon fast chinesischen Ausmasses ist. Es handelt sich um den Pavillon 0 der Messeerweiterung von Toyo Ito, der offenbar gegenüber dem ursprünglichen Projekt einige Änderungen erfahren hat. Obwohl die Expansion (für europäische Verhältnisse) zügig vorangeht, ist von den beiden als Messeeingang fungierenden Hochhäusern zurzeit noch wenig zu sehen.



21. November 2006

Barças schwierigste Partie

Nein, gemeint ist nicht das Spiel gegen Levski Sofia, das Barça am Mittwoch unbedingt gewinnen muss, um böse Überraschungen in der Champions League zu vermeiden. Denn sollte Werder Bremen gegen Chelsea gewinnen, wäre Barça selbst mit einem Unentschieden bereits ausgeschieden!

Barças most difficult game kann man sich auf der Homepage des Clubs zu Gemüte führen: Es geht um das Joint-Venture (um es irgendwie zu nennen) mit der Unicef, mit dem der FC Barcelona sich nach seinem alten Motto «Mehr als ein Club» als Wohltäter der Menschheit zu profilieren versucht. Man hat ja vielleicht bemerkt, dass Barça diese Saison erstmals auch einen Werbeschriftzug auf der Brust trägt – bloss eben, im Unterschied zu allen andern Vereinen dieser Welt, nicht einen schnöd kommerziellen, sondern den der Unicef. Um das Trikot unbefleckt zu halten, liess man sich bisher jährlich 15 bis 20 Millionen Euro durch die Lappen gehen. Ich weiss nicht genau, wie der Deal mit der Unicef läuft; will auch lieber gar keine Meinung zu dem Gutmenschentum haben, das hier an den Tag gelegt wird – irgedwie zahlt sich’s ja vielleicht aus.

Eine andere schwierige Partie für den Club ist die Neugestaltung der Stadionumgebung. In den Medien war davon zufällig am selben Tag wieder einmal die Rede, an dem der Tod des Stadionarchitekten Mitjans gemeldet wurde. Der Widerstand der Anwohner brachte vor einigen Jahren das Projekt des damaligen Vereinspräsidenten (und Bauunternehmers) Núñez zu Fall: eine Art Barçalandia - zu viele kommerzielle Nutzungen, obwohl die Architekten Batlle & Roig diese auf intelligente Weise in einer künstlichen Landschaft praktisch verschwinden liessen.

Auch der jetzige Präsident Laporta soll nun bereits ein Projekt in der Schublade haben, das neben der Erhöhung des Fassungsvermögens des Stadions von 98'000 auf 120'000 Zuschauer die Ersetzung desPalau Blaugrana durch eine neue Sporthalle für Basket- und Handball sowie den Abriss des Miniestadi vorsieht (s. den gegenwärtigen Zustand, unten links). Das Grundstück des Miniestadi soll Wohn- und Hotelbauten aufnehmen – und nebenbei die Clubkasse zum Klingeln bringen. Zufällig habe ich auf der Website des Architekten Vicente Guallart, unter dem Stichwort «The re-naturalisation of territory», das rechts zu sehende Rendering gefunden, das zeigt, wie eine solche Neunutzung aussehen könnte. – Wir bleiben am Ball.

Francesc Mitjans gestorben, der Architekt des Camp Nou

Er war einer der langlebigsten, aber auch wichtigsten Architekten der Stadt: am 20. November ist Francesc Mitjans im Alter im Alter von 97 Jahren gestorben. Am bekanntesten gemacht hat ihn natürlich der Bau des Barça-Stadions 1954. Von seinen zahlreichen weiteren Entwürfen seien hier nur drei gezeigt: links ein Wohnhaus von 1957 am Carrer Mestre Nicolau, in der Mitte das heute noch höchst mondän wirkende Edificio Seide an der Avenida Sarrià (1958), rechts der an Pontis Pirelli-Hochhaus inspirierte Banco Atlántico (1965) an der Ecke Diagonal/Balmes.

20. November 2006

Iimura und die sturmfreien Buben

«Toi toi toi» wünscht uns Barzen mein Kamerad Rrronaldo alias Zincky von seinem lieblichen digitalen Wirtshaus Zum runden Leder aus, das längst jedem Schweuzer Sportsfreund ans Herz oder jedenfalls ans Knie gewachsen ist. Ob Sion, Thun oder gar wieder Wil in der Schweizer Super Lüge obenausschwingen, nie tun sie’s ohne Zinckys und seiner fünf Kollegen tiefschürfendes Gespötte, das auch das Fussballgeschehen jenseits der Schwätz nicht verschont. Daher dieses höhnische "toi toi toi", gemünzt auf Barças angeblichen Niedergang –

da aber muss ich energisch Einspruch erheben. Think about it, Zincky. Es scheine zu harzen bei den Barzen? Vor einer Woche klammerte ich mich hier um die Ecke an einen Bartresen, nur um bei der Art und Weise, in der Barça das grossartig aufspielende Zaragoza niederrang – Art im Sinn von hoher Kunst, und weise wie unser unerklärlich abgeklärter Trainer Rijkaard –, nicht gänzlich abzuheben. Solche Fussballspiele kriegt man an keiner WM und an keiner EM je zu sehen. Selten mal in der Champions League. Aber im Grunde – es braucht ja immer zwei dazu! – gibt es so ekstatischen Fussball nur in Spanien. Vielleicht – ein bisschen holzhackriger – noch in England.

Das gestrige Spiel gegen Mallorca habe ich trotzdem ausgelassen. Sah stattdessen einige Filme des japanischen Konzeptkünstlers Takahiko Iimura aus den 70er und 80er Jahren. Harter Stoff – ein bisschen wie On Kawara, bloss in 25 Bildern pro Sekunde. Die Leinwand meist eine weisse oder schwarze, manchmal durch einen schmalen vertikalen Streifen geteilte Fläche; allenfalls ratterten Zahlen durch. Der Regisseur war auch anwesend – war das wohl der Grund dafür, dass praktisch niemand aus der Vorstellung lief? Aus Höflichkeit? Danach erwies sich allerdings, dass das Publikum diese abstrakten Filme – «Bilder» gab es nur in dem Essay über den Steingarten von Ryoan-Ji, den Iimura mit dem Architekten Arato Isozaki gedreht hat – sehr wohl goûtiert hatte. Wurde er doch mit Fragen geradezu überhäuft. Noch erstaunlicher war, dass mich diese Filme in eine seltsam abgehobene Stimmung versetzten – ich levitierte den ganzen restlichen Abend.

Ist vielleicht auch dieser grosse Fussballjongleur, der nach längerer Abwesenheit auf unsere Strassen zurückgekehrt ist, insgeheim eine Art Zenkünstler?


Zurück zum Spiel Mallorca-Barcelona. Ging 1:4 aus, Gudjohnson schoss zwei Tore. Fürs erste ist mithin die Frage beantwortet, ob der Barça-Sturm auch ohne Eto’o, ohne Messi und ohne Saviola, die alle kaputtgetreten wurden und monatelang ausfallen, funktioniert. Die sturmfreien Buben!

Gudjohnson, der Isländer, stand vor einigen Wochen in Madrid buchstäblich im Regen, aber gegen weniger abgebrühte Gegner wird Barça mit ihm wohl über den Winter kommen. Ob Gudjohnson seine Brötchen in der hier unlängst erwähnten isländischen Bäckerei kauft? Inzwischen habe ich mir dort einen Laib Spelt- bzw. Dinkelbrot und eine Zimtmadeleine gekauft. Lässt ein Hauch Zen sich übrigens nicht auch in dieser Bäckerei ausmachen? Oder bin bloss i c h schon gänzlich abgehoben?

15. November 2006

Die Schatulle. Ein Projekt von Markus Grob



Es war einmal ein Gemäuer, bloss ein Waschhaus eigentlich, schlecht und recht auf ein um 1930 errichtetes Wohnhaus im Stadtteil Pueblo Seco gepfropft. Später dann auch bewohnt – zuletzt von einer kinderreichen karibischen Familie, wie ich aus den vom Regen verwaschenen Photoalben schloss, die auf der Terrasse liegen geblieben waren. Die genaue Ausmessung ergab eine Fläche von 25 Quadratmetern, zusätzlich 12 Quadratmeter Terrasse. Böden wie Mauern so schief wie in einer erdbebengeschädigten mexikanischen Kirche.



Das Gemäuer hatte indessen auch einige Vorteile. Zum Beispiel schöne, nach der geltenden Bauordnung unverbaubare Aussichten. Das Quartier ist längst fast durchweg fünf- bis achtgeschossig überbaut. Heute sind in so schmalen Strassen jedoch nur noch zwei Geschosse zulässig, und gerade die benachbarten Bauten, ob älter oder neuer, weisen eine geringe Höhe auf.

Zu Fuss ist man in drei Minuten am Paralelo, an der Metrostation der Linien 2 und 3; anderseits geht die Stadt nur hundert Schritt bergaufwärts abrupt in die letzten Wildräume und in die Pärke von Montjuïc über. Das Pueblo Seco oder Poblesec (der ganze Streifen südlich des Paralelo) hat einen sehr bestimmten, eher herben, in der barcelonesischen Stadtgeschichte verwurzelten Quartiercharakter; mittlerweilen ist die Bevölkerung zu mindestens 30 Prozent nicht-europäischer Herkunft. Das mag teils den relativ günstigen Kaufpreis erklären. Man schrieb das Jahr 2002, schon mitten im seit 1996 anhaltenden Immobilienboom, vielmehr –wahn; seither ist der Wert eines Quadratmeters Wohnfläche im barcelonesischen Durchschnitt auf annähernd 6000 Euro gestiegen.

Wir kauften die Ruine, und ich lud meinen Freund Markus Grob ein, Architekt und damals Dozent in Karlsruhe. Umgehend lagen zwei Entwurfsskizzen vor. Die eine spielte die durch den Grundriss – eher Umriss – gegebene Dreiteilung durch, mit einem sechs Matten umfassenden Tatamiraum am der Terrasse gegenüberliegenden Ende. Wir entschieden uns für die andere, wagemutigere der beiden Varianten. Sie schafft einen 10 Meter langen, aber lediglich 1,97 Meter breiten Raum, von dem einerseits Küche und Bad abgetrennt werden; andererseits erweitert sich dieser Schlauch am Ende in eine Schlafnische, seitlich und oben umrahmt von einem Schrank-«Kabinett». Die Schlafstätte auch hier mit Tatami ausgelegt, darunter weiterer Stauraum: kein Millimeter durfte ungenutzt bleiben. Zwei identische, quadratische Fensteröffnungen ersetzen die bestehenden Zufallslöcher. - Das Modell sah höchst attraktiv aus:





Hier weitere Aufnahmen des Urzustands und dieser Maquette, hier eine instruktive Projektbeschreibung (.pdf) von der Hand des Architekten, hier eine Axonometrieskizze des Kabinetts (.pdf) und hier ein Kabinett- und Tatamiplan (.pdf).

Die Bauerei war ebenso witzig wie enervierend. Sie dauerte glatt neun Monate. Die erste Bauleiterin erlitt eine Frühgeburt. Manches musste zweimal gebaut werden, zumal der 1200 Kilometer entfernt lebende Architekt die sachgerechte Ausführung nur via Telephon und E-Mail überwachen konnte. Unsere sorgenvolle Korrespondenz ist schon Literaturgeschichte; ich werde Teile davon vielleicht gelegentlich ins Netz stellen.

In dieser Galerie einige Bilder der Baufortschritte. Oh Herrlichkeit der frisch gegipsten Wände! Am meisten Verdruss gab’s mit den Fenstern. Es sollten Stahlfenster sein, so schlank wie möglich, und erst noch preisgünstig. Nachträglich würde man sich vielleicht doch eher mit marktgängigen Aluminiumprofilen abfinden. Bautechnische Komplikationen gab’s auch mit den Einblicke verhindernden Glasbausteinen des Tatami-Fensters.

Der Architekt setzte sich, obwohl es für mich eigentlich nur weisse Wände gibt, bei der Farbwahl durch: goldoliv für den Hauptraum, chinarot für Bad und Küche, rosa für das Innere des Kabinetts.

Eine Lust war natürlich die Auswahl der Accessoires, des WCs etwa (spanisch auch váter genannt). Für die Armaturen leistete man sich Vola. Der Boden: italienische Fliesen, die der Fabrikant ossidianfarben nennt. Und dann die Hölzer: nach langen und genüsslichen Abwägungen in einem Holzlager bei der Plaza España sollte es für das Bad schliesslich Sequoia sein, für die Tatami- und Fliesenrahmung Iroko.

25 Quadratmeter! Wenig später brach in Spanien eine Debatte los, ob – angesichts der Wohnungsnot junger Menschen – das Baugesetz wieder Wohnungen von 30 Quadratmetern zulassen und selbige staatlich fördern sollte. Partout nicht begreifen konnten deren Notwendigkeit einige Altlinke, da offenbar auf immer von der Vorstellung jener kleinzelligen 50-Quadratmeter-Wohnungen verfolgt, in denen sie – wie Millionen Spanier – in den 1960er und 70er Jahren zu viert oder zu fünft eingepfercht aufwuchsen.

Ende Februar 2003 (das ist nicht die Baustelle des Monats, sondern die Baustelle des Jahrzehnts) war die Schatulle fertig. So nannten wir sie jetzt: el estuche.

Noch heute erstaunlich ist, wie die Querbelüftung im Sommer den Raum kühlt. Noch erstaunlicher, wie auf einer gerade mal 10x2 Meter messenden Fläche eine Abfolge stimmungsmässig völlig verschiedener Sphären entstanden ist: ein Schlafkabinett, ein winziger Salon und ein Speiseraum mit Aussicht. Und dazwischen blieb sogar eine Leerfläche, um eine Skulptur aufzustellen: den Nappa-Leder-Beamer des deutschen Künstlers Bernhard Martin, der natürlich zugleich als Ablagefläche dient.

Die weitere Möblierung wurde vorwiegend aus älteren Stücken bestritten: zwei Thut-Sesseln (Prototypen) und einem Aalto-Tisch; daneben einem Kleiderkarren, der im Kabinett die Regale ergänzt. Und für die Musik der (einstweilen etwas antiquierte) Muji-Player.



Ein bisschen japanisch mutet die Schatulle nicht nur wegen der Matten an, sondern ich hatte auch eine japanische Holzbadewanne in Auftrag gegeben. Zufällig war ich mit dem einzigen japanischen Holzschreiner in Spanien (und möglicherweise in Europa) befreundet. Er weigerte sich jedoch, japanisch umwunden, die Aufgabe zu übernehmen, da dies in Japan Sache von Spezialisten sei. Schliesslich fand sich ein junger Schiffbauer aus Mallorca, der sich daran wagte und den wunderbaren Zederbalken (das weiche Zedernholz kam dem unbezahlbaren oder nicht zu erlangenden japanischen Hinoko am nächsten) in eine fein verfugte Wanne verwandelte: o furo.



Als Miniatur der Miniaturen darf schliesslich die Küche mit ihren eleganten Regalen und den wiederum japanischen Schubladenboxen gelten. Hier eine Reihe weiterer Bilder des Intérieurs.

Die Terrasse bleibt hinter der zweiflügligen Tür zunächst verborgen: als das Geheimjuwel der Schatulle, ausserhalb der Schatulle! In deren Flucht bietet, sowie die Tür geöffnet wird, vis-à-vis zwischen zwei höheren Bauten ein begrünter Steilhang dem Blick sich dar: ein glücklicher Zufall.

Der abschüssige Boden der Terrasse wurde mit einem Holzrost ausgelegt, strassenseits als stattliche Sitzbank ausgeführt. Et voilà: das Frühstück kann serviert werden:



Der Blick von Montjuïc zeigt, anders als der vom Tibidabo, nicht das im Cerdá-Raster wohlgeordnete Barcelona; vielmehr eine liederliche, zerzauste Stadt, von der die Schatulle ein winziger Teil ist (Preisfrage: welcher? Rechts der Blick von Miramar durch die zuvor erwähnte Lücke).




Und unten am Paralelo scheint nachts eine Leuchtschrift dem estuche noch einen zweiten Namen zu geben: