Markus Jakob

28. Juni 2006

Maragalls Untergang im Nationalsumpf

Während ich bei 47° durch Córdoba schlurfte, vollführte in Barcelona die Politik ihre Bocksprünge (vgl. Posting vom 6. Februar). Der Präsident der katalanischen Generalitat, wie die Obrigkeit hierzulande heisst, wurde von seinen sozialistischen Parteigenossen sanft entsorgt, nämlich zum Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur bei den kommenden Regionalwahlen genötigt. Pasqual Maragall – so heisst der Mann – hatte als barcelonesischer Bürgermeister zwischen 1983 und 1997 eine wesentliche Rolle bei der urbanistischen Erneuerung der Stadt gespielt, als deren Kulmination gemeinhin die Olympischen Spiele von 1992 gelten. 2003 war Maragall im zweiten Anlauf Präsident der Regionalregierung geworden, einer tripartito genannten Koalition, in der sich die Sozialisten (PSC) mit den Buy elavil erznationalistischen Linksrepublikanern (ERC) und dem postkommunistisch-grünen Bündnis (ICV) zu arrangieren hatten.

Die Koalition zerbrach just in dem Moment, in dem sie das hehre Hauptziel ihrer ersten Legislaturperiode erreicht hatte. Das neue Autonomiestatut, eine Art Regionalverfassung, welche u.a. die Einordnung Kataloniens im spanischen Staatsganzen regelt und die Satzung von 1979 ersetzt, war von den Madrider Cortes gutgeheissen worden. Nun brauchte es bloss noch dem katalanischen Stimmvolk zur Absegnung vorgelegt zu werden. Am 18. Juni wurde der Entwurf, wie nicht anders zu erwarten, mit 74% Ja-Stimmen angenommen; allerdings bei einer Stimmbeteiligung von unter 50%, was den unendlichen Überdruss der Bevölkerung an dem Thema spiegelt. Und mehr noch: die pathetische Überflüssigkeit der ganzen Übung. Das Statut von 1979 war bei einer Stimmbeteiligung von 88% von 60% gutgeheissen worden, mithin von weit über der Hälfte der Stimmberechtigten. Jetzt war es noch gerade ein Drittel. Wie legitim ist ein solches Grundgesetz überhaupt?

Irrwege

Schon vor der Abstimmung hatte Maragall die Linksrepublikaner aus seiner Regierung entlassen und vorgezogene Neuwahlen ankündigen müssen. Grund: die ewigen Stunkmacher von ERC, die ein unabhängiges Katalonien anstreben, waren im letzten Moment aus der Koalition ausgeschert und hatten die Nein-Parole ausgegeben, weil ihnen der in Madrid zurückgestutzte Entwurf nicht weit genug ging. Aus entgegengesetzten Gründen lehnte auch der in Katalonien praktisch einflusslose Partido Popular (PP) den Text ab. Die Konservativen hatten Zeter und Mordio geschrien, ist doch nach ihrer Lesart dieses Statut der Anfang vom Ende der spanischen Einheit.

Es gibt freilich noch andere, wesentlich stichhaltigere Gründe als die von ERC und PP angeführten, diese Satzung für einen Irrweg zu halten. Und nicht allein, weil ihre Ausarbeitung und parlamentarische Diskussion die spanische Politik während des ganzen letzten Jahres vergiftet, die Reformpolitik der katalanischen Regierung gelähmt und im übrigen Spanien eine ins Deliriöse tendierende antikatalanische Stimmung angefacht hat. Nicht Spanien jedoch wird an diesem Machwerk zerbrechen, sondern Katalonien selbst droht sich damit in eine Sackgasse zu manöverieren – die Sackgasse einer imaginären Identität, die mit der sozialen Wirklichkeit nichts zu tun hat, und deren Apologeten sich einen Deut um die Komplexität der katalanischen Gesellschaft scheren.


Identitätskrise eines Einwandererlands par excellence?

Das Statut geht über die Tatsache schlicht hinweg, dass Katalonien seit fünfzig Jahren ein Einwandererland ist, dessen Bevölkerung längst mehrheitlich aus andern Teilen Spaniens und mittlerweile zu Buy Prednisone Online 13 Prozent aus dem Ausland stammt (allein in den letzten sechs Jahren haben sich 770'000 Ausländer in den vier katalanischen Provinzen niedergelassen, etwa eine halbe Million davon im Grossraum Barcelona). Die Katalanen sind zu einer Minderheit in ihrem Land geworden – ohne Immigration wäre Katalonien heute eine Region von zwei bis drei Millionen Einwohnern; in Wirklichkeit sind es sieben. In mancher Hinsicht ist die Integration dieser Zuwanderer seit den 1950er Jahren vorbildlich verlaufen. Sie hat auch die katalanische Identität keineswegs geschwächt – wie sonst hätte der sogenannte catalanismo die classe politique von links bis rechts in diesem Ausmass erfasst? Die Hege der katalanischen Wesensreinheit wird von ihr seit dreissig Jahren nachgerade obsessiv betrieben, und die entsprechende, schon in der Grundschule einsetzende Indoktrinierung hat denn auch einen Teil der Bevölkerung – im wesentlichen die katalanischstämmige – auf eine Weise infiziert, die beim Einzelnen ein wenig wie ein Tick anmutet: dieses bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit hervorbrechende Insistieren auf «mein Katalanentum«, «unsere Eigenart», die sich in der Tautologie erschöpft: «Som lo que som».

Sie sind aber eben gerade nicht mehr, was sie glauben, zu sein: die Migration hat die Identität nicht geschwächt, sie hat sie schlicht liquidiert, in ein Nebelgebilde in den Köpfen der Gläubigen aufgelöst. Im Grunde gehört die litaneihafte Beschwörung der katalanischen «Nation» ins Kapitel der kollektiven Psychopathologie.

Die andere Bevölkerungshälfte sieht diesem Katalarifari ziemlich distanziert, ja unbeteiligt zu. Es ist kein reiner Zufall, dass die Stimmenthaltung am 18. Juni bei jenen 51 Prozent lag, die dem Bevölkerungsanteil entsprechen, der nicht katalanischer Muttersprache ist. Das neue Statut postuliert eine katalanische Kulturnation katalanischer Sprache, die als Schimäre zu entlarven ein zweiminütiger Spaziergang durch Barcelonas Strassen genügt. Dennoch werden nun die sprachpolizeilichen Massnahmen, stets unter dem Deckmäntelchen der Sprachförderung und schon bisher teils fragwürdig, nochmals verschärft – anscheinend mit dem absurden Ziel, aus einer zweisprachigen eine einsprachige Gesellschaft zu machen. Dies aber wird schon aus wirtschaftlichen Gründen ein Traum (eher Albtraum) bleiben. In der Praxis ist ja irgendwo die Grenze erreicht, wo eine Gesellschaft sich vor lauter Heimatliebe selbst ins Abseits befödert. Wie es ein von zahlreichen katalanischen und spanischen Intellektuellen unterzeichnetes Manifest gegen das Statut formuliert: «In der Politik ist die Synekdote – einen Teil für das Ganze zu nehmen – keine poetische Lizenz, sondern die Negation der pluralistischen Wirklichkeit.»

Für Spaniens sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero war das Statut ein schwieriger Balanceakt, aus dem er nicht ungeschoren, aber letztlich erfolgreich hervorgegangen ist; sein Partei- und Amtskollege Maragall in Katalonien hingegen, der ihm dieses Ding eingebrockt hatte, muss nun abtreten. Er wird als tüchtiger Bürgermeister der Stadt in Erinnerung bleiben. Doch nach dem erratischen Kurs, den er als Präsident der Generalitat gesteuert hat, hätte er bei den nächsten Wahlen kaum eine Chance gegen den Kandidaten der bürgerlichen Nationalisten (CiU), die Katalonien schon von 1980 bis 2003 wie ihr Privateigentum regiert haben.

Die sozialistische Partei sucht ihr Heil nun erstmals in einem Kandidaten, der selbst jener charnegos genannten Schicht von Einwanderern entstammt, die den Regionalwahlen mehrheitlich fernzubleiben pflegen (was erklärt, dass die Linke in Katalonien zwar bei gesamtspanischen wie bei städtischen Wahlen meist klar vorneliegt, im katalanischen Parlament – in welches fast ausschliesslich Träger katalanischer Namen einzuziehen pflegen – hingegen chronisch untervertreten ist). Im Herbst wird sich weisen, ob der aus Andalusien stammende PSC-Kandidat, der derzeitige Industrieminister José Montilla, jene überwiegend suburbanen Massen zu mobilisieren vermag, die die katalanische Politik bisher für eine Sache der alteingesessenen Katalanen hielten. Sollte er gewinnen, so würde vielleicht auch die irritierende katalanische Heimattümelei zumindest vorübergehend dorthin verbannt, wo sie hingehört, nämlich ins Privatleben.

2 Kommentare:

  1. schon mal dran gedacht, dass so wenig leute abgestimmt haben, weil das Ergebnis schon von vorne herein klar war? Generell zeugt dieser Eintrag von einer unglaublichen kulturellen Intoleranz ("Sprachpolizei", als ob es so etwas gäbe!).

    Dein Argument mit der EInwanderung betreffend: Nur weil 50% der in Katalonien lebenden Leute eingewandert sind - übrigens machen die wenigsten von denen sich Mühe, Katalanisch zu lernen (du anscheinend auch nicht, sonst würdest du nicht vom "tripartito" (tripartit) und "som lo que som" (som el que som) schreiben), die Katalanen hingegen müssen alle SPanisch sprechen - sollte man jegliche Bemühungen, die SPrache zu schützen, unterlassen???

    Soll man in bestimmten Gegenden in Deutschland nun die türkische Sprache zur Schulsprache machen, nur weil so viele Türken eingewandert sind und die Klassen kaum noch aus Deutschen bestehen?

    Die Sprachpolitik geht in die richtige Richtung, aber sie wird auch so nicht viel bringen: Katalonien ist de fakto schon großteis monolingual, aber nicht katalanisch, sondern spanisch. Und jetzt sag nicht, du hättest in Barcelona mehr Katalanisch als SPanisch gehört. UNd wenn du immer noch meinst, dass das normal ist, dann weiß ich nicht, wie du dich als Deutscher in Deutschland fühlen würdest, wenn auf einmal die Hälfte der Bevölkerung eine andere Sprache sprechen würde. Ich kann die Angst der Katalanen, ihre Identität zu verlieren, gut verstehen. Anscheinend fehlt dir das Einfühlungsvermögen. Ein Staat, eine Sprache, das geht leider nicht überall.

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  2. im blog gestatte ich mir, ein wenig unausgewogen zu sein, mitunter wider den stachel zu löcken. ich halte die sprachliche immersionspolitik an sich für richtig, um nicht eine zweiklassengesellschaft entstehen zu lassen* – allerdings ist dann auf höherer stufe vorsicht geboten, damit da kein brain drain stattfindet einerseits, andererseits fähige köpfe katalonien fernbleiben, falls auch die universitäten, die unternehmen usw. zu stark katalanisiert werden.

    eine sprachpolizei im buchstäblichen sinne gibt es tatsächlich nicht. aber es gibt eine kulturförderung, die alles spanischsprachige ignoriert. viele nationalisten beharren zum beispiel darauf, dass katalonien als gastland an der frankfurter buchmesse 2007 nur mit katalanischsprachigen autoren vertreten sein soll; ein aberwitz, zumal barcelona nach wie vor die editorische hauptstadt des ganzen spanischen sprachraums ist und die meisten seiner auch international bekannten autoren nun mal spanisch schreiben.

    es gibt so alberne vorschriften wie die, dass jeder laden auf katalanisch angeschrieben sein muss – nur werden sie zum glück nicht eingehalten. das ist ein bisschen symptomatisch für die ganze mühsal um die katalanische sprache. als amtssprache gibt es nur katalanisch. auch sämtliche öffentlich-rechtlichen radio- und fernsehanstalten meiden das spanische wie der teufel das weihwasser. um die sprachliche wirklichkeit des landes foutiert sich diese sprachpolitik einfach.

    umso leichtherziger erlaube ich mir, «tripartito» zu schreiben, auch paseo de gracia (statt passeig) und avenida (nicht avinguda) diagonal. es entspricht dem mischmasch im alltag. was ich – du bezweifelst es – ganz und gar nicht behauptet habe, ist, auf barcelonas strassen sei mehr katalanisch als spanisch zu hören. ganz im gegenteil. es ist allerdings von barrio zu barrio verschieden.

    der vergleich mit dem türkischen in deutschland ist nicht sehr glücklich. erstens ist das türkische dem deutschen nicht so nahe verwandt wie das katalanische dem spanischen. zweitens liegt der anteil der von haus aus türkischsprachigen bevölkerung in deutschland wohl kaum bei 50 und mehr prozent. und drittens hat das türkische in deutschland, anders als das spanische in barcelona, nicht eine jahrhunderte alte tradition als eigentliche hochsprache. katalanisch war ja nach seiner mittelalterlichen blüte bis ins 19. jahrhundert, als es vom katalanischen nationalismus wieder zur schriftsprache getrimmt wurde, praktisch zum dialekt verkümmert. aber das darf man natürlich kaum aussprechen, es ist das eigentliche tabu. denn welche argumente blieben dem nationalismus, wenn er nicht die sprache für seine zwecke instrumentieren könnte?

    * noch vernünftiger erschiene mir freilich, das katalanische als dialekt zu betrachten und zu behandeln, so wie es die schweizer mundarten sind, mit denen es so viel gemein hat.

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