Markus Jakob

2. September 2009

Zlatan Ibrahimovic Diagonal Paseo de Gracia



Der FC Barcelona hat in letzter Minute den ukrainischen Verteidiger Chygrynskiy an Land gezogen und vermutlich für jeden Konsonanten seines Namens noch eine Million draufgelegt; aber natürlich sind Barças Investitionen in neue Spieler, verglichen mit den annähernd 300 Millionen Euro, die Real Madrid plangemäß ausgelegt hat, nachgerade modest. Trainer Guardiola hat in der Vorsaison schon etwa zehn neuen, eigenen Nachwuchsspielern eine Chance in der ersten Mannschaft geboten. Jeffren, Maxwell, Pedro, Bojan etc. - die Quelle versiegt nicht.

Wird es Real Madrid gelingen, Barças berauschenden Stil durch die schiere Artistik seiner millionenschweren Kakás und Cristianos auszuhebeln? On verra. Vorläufig sind diese fussballernden Christenmenschen bloß die nächste Fussball-Bubble. Ans Herz rühren uns solch frömmlerische Stutzer nicht eigentlich Da ist Zlatan Imbrahimovic, den Barça - aus wie guten oder schlechten Gründen, wird sich weisen - als neuen Mittelstürmer für Eto'o eingetauscht hat, doch wesentlich sympathischer. In einem Stockholmer Einwanderviertel geboren, Sohn eines bosnisch-muslimischen Vaters und einer serbisch-christlichen Mutter, repräsentiert er die auf ethnische und religiöse Zugehörigkeiten pfeifenden Ideale des alten Jugoslawiens.

Selbstverständlich ist aber auch Barcelona nicht gefeit gegen den Inszenierungswahn. An der Ecke Diagonal-Paseo de Gracia habe ich gestern den oben abgebildeten Willkommensgruß an Ibra gesehen - es ist das Hochhäuschen der Deutschen Bank, dessen Fassade erst vor einigen Jahren aufgefrischt worden war und das nun, Bankenpleite hin oder her, offenbar schon wieder umgebaut wird.

Am Paseo de Gracia entdeckt man im übrigen weitere Beispiele für diese Mode, bestehenden Gebäuden eine neue Visage zu verpassen. Schräg gegenüber von Gaudís Pedrera versucht dieser ein krümmliches vorgehängtes Blechgewoge Replik zu bieten; weniger albern wirken die vier sauberen Glaskolonnen des Nachbarhauses.




Wenige Schritte weiter oben der Vorschlag von Carlos Ferrater für einen cerdàschen chaflán. Seine Fassade wurde schon vor etwa zwei Jahren enthüllt - aber sie dürfte auch längere Zeit überdauern als die oben gezeigten Exempel.

6. Juni 2009

Gracht

Der Enterich, der hier unter dem kritischen Blick seiner Gesponsin eine Tetrabrikpackung zum Nestbau anliefert, ist offenbar nicht ein barcelonesischer Purist, sondern ein Amsterdamer Grachtenbewohner.

19. Mai 2009

Ruiz-Gelis bewohnbares Reptil



Enric Ruiz-Geli hat in Ampuriabrava (Costa Brava) dieses Gebilde gebaut – ein Einfamilienhaus –, dem derzeit Barcelonas Museu de la Ceràmica eine Ausstellung widmet.
Hier der Link auf die 10. spanische Architekturbiennale, die einen Überblick über Dutzende weiterer teils nicht nur bestaunens-, sondern bewundernswerter neuer Bauten im Lande bietet.

1. April 2009

Sweet Home Chicago (IV)



Der öffentliche Verkehr ist nicht Chicagos Stärke. Und doch gibt es nichts Großartigeres als den Loop, der die Innenstadt rasselnd umkreist. Dann kann es geschehen, und es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass man stadtauswärts zwischendurch auf einen Bus umgeladen wird, weil die Schienen gerade wieder von einer Werkmanns-Crew erneuert werden (dafür bietet sich die Skyline als Photosujet prächtiger denn je dar; hierhier und hier einige andere schöne Videos, über oder aus den CTA Trains gefilmt, und bei denen einem klar wird: man ist nun im Westen angelangt).

Das ist der Weg nach Oak Park, der Vorstadt, in welcher Hemingway aufwuchs, in eben denselben Jahren - kurz nach der Jahrhundertwende - als Frank Lloyd Wright hier mit dem Unity Temple (rechts)


und seinem eigenen Wohn- und Atelierhaus zwei seiner Meisterwerke schuf. Frage: Gibt es in Hemingways Büchern irgendeinen Hinweis auf die architektonischen Preziosen, zwischen denen er aufwuchs?


In eine wahrlich traumhafte Straße biegt man ab, wenn man die Forest Avenue betritt, an der Wright sieben (das Haus am Elizabeth Court mitgerechnet acht) fabelhafte Häuser gebaut hat; freilich ohne dass sich der Prairie Style dadurch als urbanistische Alternative aufdrängte. Doch dieses weite Feld überlassen wir lieber Wright-Kennern.


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31. März 2009

Where to stay in Barcelona

Was hier, ganz nebenbei, auch noch zu bemerken ist: der Autor vermietet tage- und wochenweise ein Apartment (auch als Penthouse zu bezeichnen und gemeinhin die »Schatulle« genannt) in downtown Barcelona. Hier die Links auf den deutschen und den englischen Prospekt:

PENTHOUSE BARCELONA ZU VERMIETEN.PDF
BARCELONA PENTHOUSE FOR RENT.PDF

See also this photo gallery

[caption id="" align="alignnone" width="595" caption="Design Studio for rent in Barcelona"][/caption]

[caption id="" align="alignnone" width="567" caption="City Landscapes"][/caption]

Sweet Home Chicago (III)

wellbutrin sr size-full wp-image-1769" title="mob1124_1238443709" src="http://markus-jakob.net/wp-content/uploads/2010/08/mob1124_1238443709.jpg" alt="" width="292" height="189" />Lässt sich daraus, dass die Sonne am 20. März so haarscharf in der Flucht der Monroe (oder welcher immer) Street unterging, schließen, dass Chicagos Straßenraster exakt nord-südlich bzw. ost-westlich ausgerichtet ist?

29. März 2009

Sweet Home Chicago (II)



So viele Städte sind’s nicht, in denen man sich – meines Erachtens – einmal herumgetrieben haben  m u s s : Paris, New York, Buenos Aires, Tokyo... Wien vielleicht, Lissabon, im D.F. (Mexico), in San Francisco... Eine schon etwas persönlichere Auswahl: Turin, Fes, Casablanca, Budapest, Sevilla... Und Saigon, San Antonio, Fukuoka... Das sind in etwa meine Lieblinge. Von China kenne ich nur Hongkong, aber es zieht mich nicht eigentlich dorthin. Hamburg steht schon lange auf meiner Warteliste, nebst Odessa und Sankt Petersburg, Nairobi vielleicht... Aber wirklich noch gesehen haben muss ich nur Tel Aviv und... Chicago. Und in Chicago bin ich nun endlich gelandet.

Was nach New York in Chicago zunächst auffällt, ist die Liebenswürdigkeit, wenn nicht Zahmheit der Menschen: jeder will dir gleich behilflich sein. »Welcome to the Knickerbocker!«, vis-à-vis vom Drake – weiterhin der ersten Adresse der Stadt –, und flankiert vom Palmolive Building (einem der schönsten Art-Déco-Wolkenkratzer Chicagos); im Rücken das 344 Meter hohen John Hancock Center (immer noch Amerikas exquisitester und zugleich kraftstrotzendster Wolkenkratzer der sechziger Jahre). Und Mies’ Wohntürme am Lake Shore Drive stehen nur zwei Blöcke entfernt.


Das ist das Nordende der Downtown;
ihrer Verlängerung über den Chicago River hinaus. Dahinter: Lake Michigan einerseits, die Stadt gewordene Prärie anderseits.
Die Michigan Avenue als neueres Geschäftszentrum hat architektonisch trotz der erwähnten und anderer Bauten nicht dieselbe Kraft wie der innerstädtische Loop.


Die neuralgische Naht bleibt der Chicago River,



downtown durch das Wrigley Building und den neugotischen, bis heute eher wegen der 1925 nicht gebauten Wettbewerbsprojekte berühmten Tribune Tower geprägt. Direkt hinter  dem Building des Kaumgummifabrikanten ist mit dem 415 Meter hohen Trump Tower nun Chicagos zweithöchstes Gebäude hochgezogen worden. Es stammt wie das Sears Building (1974, 442 m) und das John Hancock Center (1970, 344 m) aus der Küche der lokalen Großmeister Skidmore, Owings & Merrill.




Doch während der Hancock Tower sofort zum Klassiker wurde, und heute auch das anfänglich oft bemäkelte Sears Building mit seinem aus neun Quadraten geometrich in die Höhe schrumpfenden Grundriss unzweifelhaft seine Qualitäten hat, erscheint der Trump Tower weniger der gerundeten Volumen als seiner aufdringlichen Glashaut wegen als Fremdkörper: das weltweit zu beobachtende Phänomen, dass Glas trotz all seiner heute unendlichen Nuancierungsmöglichkeiten oft schlicht zu aufdringlich verwendet wird (was auf dem Bild rechts gewiss nicht der Fall des mittleren Gebäudes ist, des »Correctional Center« sprich der Untersuchungshaftanstalt zwischen Clark und Federal St., deren scharf bemessene Fensteröffnungen exakt den keine Vergitterung erfordernden Normen entsprechen.)



Der Trump Tower ist Chicagos sechstes über 300 Meter hohes Gebäude. Drei weitere sind im Bau – vielmehr, sie waren es. Denn Santiago Calatravas 610 Meter hoher Chicago Spire wurde auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, und die Finanzkrise führte auch beim Waterview Tower zu einem Baustopp – vorläufig ist er eine 26 Geschoße erreichende Bauruine. In der Enge der »Altstadt« fällt so etwas allerdings nicht unbedingt auf.

27. März 2009

Parc de la Ciutadella: Batlle i Roig vor meinem Balkon; Baldeweg, Bohigas und Bonell jenseits des Parks



Vor einigen Jahren gewannen die Architekten Batlle i Roig (Website z.Zt. im Umbau) einen Ideenwettbewerb zwecks Neugestaltung des Parc de la Ciutadella. Eine halbe Ewigkeit schon träumt man von einer Passerelle, die sich von hier über die Gleisanlagen der Estación de Francia und die Ronda Litoral hinweg in die Barceloneta und an den Strand schwingen soll. Ein solcher Übergang war einst, freilich noch weniger Hindernisse überwindend, für die Weltausstellung 1888 gebaut worden. Und die entsprechende Rampe, von der aus man die Partien des C.F. Barceloneta verfolgen kann, steht in der Barceloneta nächst dem Hospital del Mar seit Jahren bereit. Eines fernen Tages wird die Passerelle wohl gebaut werden.

Hingegen hat man die lang gehegten Pläne, den Zoo aus dem Park in einen Naturraum irgendwo im vorstädtischen Vallés auszulagern, nun anscheinend aufgegeben. Zu kostspielig; man wird sich mit der Verlegung der Meeresfauna in den derzeit im Bau befindlichen Zoo Marino beim Forum-Gelände und einer Erneuerung der durchweg schändlichen Tiergehege begnügen, und den durch seine Ummauerungen und Einfriedungen bisher hermetischen Zoo irgendwie passierbarer und passabler zu machen versuchen.





Batlle i Roig (oder werimmer) werden die lang ersehnte Durchläßigkeit des ältesten Parks der Stadt mithin durch den Zoo selbst erzwingen müssen. Dieselben Architekten bauen zur Zeit schräg gegenüber meiner Wohnung ein munizipales Sportzentrum. Es wächst nächst der Estación de Francia auf einem Grundstück am Ende des Paseo de Circun-valación – Ecke Picasso und Marqués de la Argentera –, das zuvor Basketball-spielplätze aufgenommen hatte, auf denen die Kids (mehrheitlich Immigranten) oft bis in alle Nacht herumtollten. Ihr Geschrei war um drei Uhr früh jedenfalls angenehmer als das Geblök der Nachtclub-Klientel.

Diese Ecke der Stadt hat’s im übrigen insofern in sich, als hier auch (nach dem, ca 2004 hier beschriebenenVersuch, sie im nahen Mercado del Borne unterzubringen) die große Provinzbibliothek weiterhin ihren Baugrund sucht; die Markthalle ihrerseits wird nun, mit entnervender Langsamkeit, nach der Offenlegung der in ihrem Untergrund verborgenen Ruinen, zu einer Dépendance des Museu de Història de la Ciutat umgebaut. Wie schön lag der um 1975 (im Gegensatz zu Les Halles in Paris) durch den Widerstand der Anwohner vor dem Abriss bewahrte, dann renovierte Großmarkt vollkommen nutzlos jahrelang mitten im Quartier.





Was aus der Estación de Francia werden wird, wenn eines Tages der letzte Zug hier ein- oder ausgefahren sein wird, ist weiterhin unklar.

Am andern Parkende – Calle Wellington – hat die Universität Pompeu Fabra für ihre Baupolitik, in alten Stadtteilen verstreute Gebäude für ihre Zwecke umzunutzen, die überzeugendsten Lösungen gefunden. Die beiden Militärkasernen – die eine von Esteve Bonell, die andere von Oriol Bohigas (MBM) umgebaut – sind heimliche Sehenswürdigkeiten Barcelonas. Erst recht gilt dies für die Bibliothek im Depósito de Agua, die in ihren nachgerade an die Moschee von Córdoba erinnernden Mauerbögen u.a. die 40'000 Bände der Biblioteca Mystica et Philosophica des Schweizer Gelehrten Alois Haas aufnimmt. Und wer sich je veranlasst sähe, Hussrls zwei Regalmeter einnehmendes Gesamtwerk im Original zu studieren, hätte hier exquisite Gelegenheit dazu.

Schmerzhaft ist, dass die Reihe alter Wohnhäuser vis-à-vis der Zoomauer Neubauten zu weichen hat. Während das Projekt von Benedetta Tagliabue (EMBT) noch auf Eis liegt, hat Navarro Baldeweg an der einst als Straßenstrich bekannten, inwischen jedoch bis auf die neue Straßenbahn nach Badalona ganz verkehrsfreien Calle Wellington bereits ein vielleicht zu exzentrisches, aber deswegen nicht unglückliches Universitätsgebäude hingepflanzt. – Warten wir ab, was weiter geschieht.

27. Februar 2009

Via Layetana

recht augenfällig ist auch diese Auskernung an der Via Layetana, Ecke Condal (gleich neben der aus faschistischen Zeiten berüchtigten Jefatura de Policía)

26. Februar 2009

4 Torres – Madrids neue Skyline



Das ehemalige Trainingsgelände von Real Madrid wurde – vgl. dazu den letzten Beitrag – nach einem typisch spanischen Umwidmungsdeal für eine Neuüberbauung freigegeben, die volumetrisch die verschiedensten Möglichkeiten zugelassen hätte. Man entschied sich – von Ove Arup beraten, und zweifellos in der Absicht, Madrids himmelstürmende Ambitionen zu verdeutlichen – für vier je annähernd 250 Meter hohe Wolkenkratzer.

Ohne auf diese urbanistisch fragwürdige Entscheidung oder auf die nicht unbedingt erhebende Architektur der vier Bauten einzugehen, hier einige Bilder. Oben ein Blick von der Zufahrt zu Richard Rogers’ Terminal 4 des Flughafens Barajas auf die neue Stadtsilhouette. Aus ähnlichem Blickwinkel, schon stadtwärts unterwegs, eine Vorahnung der kolossalen Strukturen, mit denen nun auch dieser privilegierte airportnahe Standort zugekleckert wird: so mit der noch unvollendeten, aber schon in Betrieb genommenen »Ciudad Real Madrid«, die das einstige Trainingsgelände ersetzt, und der »Justizstadt«, an der u.a. Zaha Hadid mitwirkt.

In der Verlängerung der Castellana, von der Plaza Castilla aus gesehen, beherrscht Norman Fosters Bau (links) das Bild, von Norden her gibt I.M. Peis bulliger Glasturm den Ton an (beide hier noch im Bau).



Strukturell und formal vielleicht am interessantesten – nur schon weil sie ihre Teilung in drei Kreissegmente verbirgt und stattdessen von allen Seiten wie ein halbiertes Oval erscheint – ist die Torre SyV der spanischen Architekten Rubio & Álvarez-Sala. Foster hingegen bleibt schon fast erbärmlich hinter seinen in Hongkong oder Frankfurt realisierten Hochbauten zurück.



Erstaunlich fad wirkt aus dieser Höhe betrachtet das sich so ungehemmt in die Meseta ausbreitende Madrid. Selbs die Flucht der Castellana (links zwischen den schiefen KIO-Türmen, einem unverzeihlichen Spätwerk von Philip Johnson) entbehrt aller Grandezza.

19. Februar 2009

Gläserner Kommunikations-Konvent



Rafael de la Hoz' geheimnisvolle Raumgeometrien für Telefónica in Madrid

Madrids rasante Entwicklung hat gerade im privilegierten Norden diffuse, von der Spekulation verunstaltete Stadträume hervorgebracht. In dieser in Autobahnschlingen erstickenden Peripherie liegt in sich gekehrt, eine gläserne Insel, der weitläufige neue Firmensitz des Kommunikationskonzerns Telefónica.

Laut der Rating-Agentur Standard & Poor's nimmt Madrid unter den Schaltzentren der Weltwirtschaft heute den sechsten Rang ein. Die geballte Finanzmacht hat auch im Stadtbild ihre Spuren hinterlassen, zumal Spaniens Wachstum starkauf der boomenden, nun ihren absehbaren Einbruch erleidenden Bauwirtschaft basierte. Für die vier jüngst vollendeten, je knapp 250 Meter hohen Wolkenkratzer im Madrider Norden zeichnen so renommierte Firmen wie Norman Foster (rechts) und Pei Cobb Freed verantwortlich. In formaler Hinsicht interessanter ist der einzige von einem spanischen Architekten, Carlos Rubio, projektierte Turm; von routinierter Eleganz jener Cesar Pellis (unten links). Den Deal eingefädelt hatte der Bauunternehmer und einstige Präsident des Fussballvereins Real Madrid, Florentino Pérez. Dem Klub trug er durch die Umwidmung und den Verkauf seines Trainingsgeländes über 500 Millionen Euro ein. Acht Jahre später gehören die «galaktischen» Fussballer Figo, Ronaldo, Zidane und Beckham, erste Aktivposten dieses Geschäfts, zum Alteisen, indes die vier stählernen Recken die Madrider Skyline noch auf lange Sicht dominieren werden. (Mehr dazu in Kürze.)




Ungewisser ist ihr kommerzieller Erfolg – Madrids Bedarf an Büroflächen ist gedeckt, und nur bei Rubios Bau wurde eine partielle Hotelnutzung vorgesehen. Für viele Unternehmen scheint Höhe als Statussymbol ausgedient zu haben, gelten am Bau ablesbare Hierarchien nicht mehr als repräsentativ. So plant BBVA, Spaniens zweitgrösste Bank, den Verkauf des 1971 von Saenz de Oiza entworfenen, bis heute elegantesten Madrider Hochhauses, um ihren Hauptsitz aus dem 107 Meter hohen Glasturm an der Castellana in die Peripherie zu verlegen – wie vor ihr schon der Banco Santander.


Spaniens expansionsfreudigstes Finanzinstitut liess sich vom US-Postmodernisten Kevin Roche 15 Kilometer vor der Stadt eine ganze Konzernsiedlung inklusive Golfplatz errichten. Inzwischen ist die Bank, die klugerweise kurz vor dem Platzen der Immobilienblase sämtliche Liegenschaften abgestosssen hat, hier zur Miete untergebracht.In die Breite statt in die Höhe strebt auch der in diesem Frühjahr bezogene Distrito C von Telefónica. Organisatorisch basieren beide Cluster auf einem ähnlichen Konzept, in architektonischer Hinsicht hingegen trennen sie Welten. Der einstige Staatsbetrieb, seit seiner Privatisierung zum Weltkonzern aufgestiegen, sah sich bei der Planung des neuen Firmensitzes durch das eigene bauliche Erbe herausgefordert.





Das von Ignacio de Cárdenas entworfene Edificio Telefónica, 1927 für kurze Zeit Europas höchster Bau, schliesst das erste Teilstück der Gran Vía triumphal ab, deren neobarocken Prunk es nicht verleugnet, jedoch der imposanten, an amerikanischen Vorbildern orientierten Struktur unterordnet.

Um sämtliche Madrider Abteilungen mit ihren 12'000 Mitarbeitern unter einem Dach zu vereinen, wählte Telefónica ein Grundstück in der Überbauung Las Tablas. Das längliche Rechteck, mit 18 Hektaren so gross wie der Tiananmen-Platz, wird von vier würfelförmigen Ecktürmen gefasst, die der Anlage aus der Ferne etwas Wehrhaftes verleihen – myteriöse Festung in diffuser Umgebung, fremdartig gerade durch die Klarheit ihrer Konturen. Dem hermetischen Anschein zutrotz erweist sich indessen ihre Durchlässigkeit als Grundmerkmal. Um die vier elfgeschossigen Turmbauten öffnen sich, durch ihre unterschiedliche Gliederung charakterisiert, ebensoviele Zugangsbereiche; und längsseits – stadtseitig – lädt ein fünfter, der Haupteingang, unter dem Direktionsgebäude hindurch ins Innere des Gevierts. Wie eine Pforte in eine andere Welt gibt diese präzis gerahmte Passage den Blick auf das nun erst seinen eigentlichen Reichtum entfaltende Ensemble frei.




Im weitläufigen Innenhof, Staffelung sich verschränkender Flächen, bildet der Teich in der Mitte den ruhenden Pol. Ebenso sind die elf drei- bis siebengeschossigen Baukörper, die die Parkanlage seitlich umschliessen, Elemente einer zugleich heterogenen und unitären Ordnung. So differenziert sie bestimmte funktionale Anforderungen erfüllen, so leicht fügen sie sich in die übergeordnete Geometrie: Fragmente eines in sich geschlossenen Ganzen, zusammengehalten durch die grosse architektonische Geste des das ganze Geviert umlaufenden Flugdachs – Widerspiel der Wasserfläche und nebenbei Europas grösste in ein Gebäude integrierte photovoltaische Anlage.



Dieses einen Kilometer lange schwebende Band bewirkt, indem es auch die zwischen den niedrigeren Bauten und den Ecktürmen sich öffnenden Plätze und versenkten Patios überkragt und diese durch monumentale Himmelfenster in Licht und Schatten taucht, erst die räumliche Verzauberung, die in der Verschränkung der Volumen vorgebildet ist. Wenn der Distrito C sich durch seine kastellartige Erscheinung von der unansehnlichen Umgebung abschottet, um dann desto lieblicher zum Verweilen in seinem Patio zu verlocken, so wird man auf der promenade architecturale zunehmend durch etwas anderes in Bann gezogen. Trotz seinen ganz andern Dimensionen, und obwohl durchwandelt von an ihren Handys hängenden Konzerndienern, wirkt er geheimnisvoll wie ein mittelalterliches Kloster.



Rafael de la Hoz – Sohn des gleichnamigen, aus Córdoba stammenden Architekten, dessen Renommee er nicht erst mit diesem Meisterstück gerecht wird – hat solch klösterliche Reminiszenzen bewusst gesucht. Die innere Organisation der 400 000 Quadratmeter Nutzfläche kann hier nur gestreift werden. Sie ist gleichfalls ökologischen Grundsätzen und der einem Kommunikationskonzern gebührenden Flexibilität und Transparenz verpflichet, zumal die meisten Mitarbeiter höchstens die Hälfte ihrer Zeit an ihren angestammten Arbeitsplätzen verbringen.



Es ist eine vollkommen gläserne Welt, in der sie sich bewegen. Denn mehr noch als das Flugdach verleiht das modulare, aus 4x2 Meter messenden Scheiben gebildete Fassadensystem der Anlage ihren einheitlichen Charakter. Der Baustoff Glas wird dabei in verschiedenen Beschaffenheiten verwendet. Die doppelte Haut kombiniert transparente mit eigens für dieses Projekt entwickelten serigrafierten – und daher von aussen opak erscheinenden – Elementen, während die obsessiv quer dazu auskragenden Brisesoleis fast immateriell wirken. Die Nuancen der Lichtbrechungen, die so im Lauf des Tages das Geviert umspielen, sind von höchstem ästhetischen Reiz.



Mit diesem von Glas und nichts als Glas umschlossenen Gartenhof hat Madrid einen seiner schönsten Aussenräume gewonnen. An Wochenenden wird er denn auch von den in dieser Hinsicht nicht verwöhnten Anwohnern aufgesucht, ist er doch im Gegensatz zum Banco-Santander-Komplex öffentlich zugänglich und mit der Metrostation «Ronda de la Comunicación» ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Kein Golfplatz hier, aber Cafeterias, Läden, ein Fitnesscenter und die in die Ecktürme geschnittenen Terrassen tragen zum urbanen Charakter bei, den die Umgebung schmerzlich vermissen lässt. Auch die ferne Silhouette der vier neuen Wolkenkratzer mutet, aus dem Schatten des Flugdachs betrachtet, eher als monströser Auswuchs einer Metropole an, vor deren Gefrässigkeit nur noch solche Klosteranlagen für Digitalmönche Schutz bieten.