Rafael de la Hoz' geheimnisvolle Raumgeometrien für Telefónica in Madrid
Madrids rasante Entwicklung hat gerade im privilegierten Norden diffuse, von der Spekulation verunstaltete Stadträume hervorgebracht. In dieser in Autobahnschlingen erstickenden Peripherie liegt in sich gekehrt, eine gläserne Insel, der weitläufige neue Firmensitz des Kommunikationskonzerns Telefónica.
Laut der Rating-Agentur Standard & Poor's nimmt Madrid unter den Schaltzentren der Weltwirtschaft heute den sechsten Rang ein. Die geballte Finanzmacht hat auch im Stadtbild ihre Spuren hinterlassen, zumal Spaniens Wachstum stark
Im weitläufigen Innenhof, Staffelung sich verschränkender Flächen, bildet der Teich in der Mitte den ruhenden Pol. Ebenso sind die elf drei- bis siebengeschossigen Baukörper, die die Parkanlage seitlich umschliessen, Elemente einer zugleich heterogenen und unitären Ordnung. So differenziert sie bestimmte funktionale Anforderungen erfüllen, so leicht fügen sie sich in die übergeordnete Geometrie: Fragmente eines in sich geschlossenen Ganzen, zusammengehalten durch die grosse architektonische Geste des das ganze Geviert umlaufenden Flugdachs – Widerspiel der Wasserfläche und nebenbei Europas grösste in ein Gebäude integrierte photovoltaische Anlage.
Dieses einen Kilometer lange schwebende Band bewirkt, indem es auch die zwischen den niedrigeren Bauten und den Ecktürmen sich öffnenden Plätze und versenkten Patios überkragt und diese durch monumentale Himmelfenster in Licht und Schatten taucht, erst die räumliche Verzauberung, die in der Verschränkung der Volumen vorgebildet ist. Wenn der Distrito C sich durch seine kastellartige Erscheinung von der unansehnlichen Umgebung abschottet, um dann desto lieblicher zum Verweilen in seinem Patio zu verlocken, so wird man auf der promenade architecturale zunehmend durch etwas anderes in Bann gezogen. Trotz seinen ganz andern Dimensionen, und obwohl durchwandelt von an ihren Handys hängenden Konzerndienern, wirkt er geheimnisvoll wie ein mittelalterliches Kloster.
Rafael de la Hoz – Sohn des gleichnamigen, aus Córdoba stammenden Architekten, dessen Renommee er nicht erst mit diesem Meisterstück gerecht wird – hat solch klösterliche Reminiszenzen bewusst gesucht. Die innere Organisation der 400 000 Quadratmeter Nutzfläche kann hier nur gestreift werden. Sie ist gleichfalls ökologischen Grundsätzen und der einem Kommunikationskonzern gebührenden Flexibilität und Transparenz verpflichet, zumal die meisten Mitarbeiter höchstens die Hälfte ihrer Zeit an ihren angestammten Arbeitsplätzen verbringen.
Es ist eine vollkommen gläserne Welt, in der sie sich bewegen. Denn mehr noch als das Flugdach verleiht das modulare, aus 4x2 Meter messenden Scheiben gebildete Fassadensystem der Anlage ihren einheitlichen Charakter. Der Baustoff Glas wird dabei in verschiedenen Beschaffenheiten verwendet. Die doppelte Haut kombiniert transparente mit eigens für dieses Projekt entwickelten serigrafierten – und daher von aussen opak erscheinenden – Elementen, während die obsessiv quer dazu auskragenden Brisesoleis fast immateriell wirken. Die Nuancen der Lichtbrechungen, die so im Lauf des Tages das Geviert umspielen, sind von höchstem ästhetischen Reiz.
Mit diesem von Glas und nichts als Glas umschlossenen Gartenhof hat Madrid einen seiner schönsten Aussenräume gewonnen. An Wochenenden wird er denn auch von den in dieser Hinsicht nicht verwöhnten Anwohnern aufgesucht, ist er doch im Gegensatz zum Banco-Santander-Komplex öffentlich zugänglich und mit der Metrostation «Ronda de la Comunicación» ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Kein Golfplatz hier, aber Cafeterias, Läden, ein Fitnesscenter und die in die Ecktürme geschnittenen Terrassen tragen zum urbanen Charakter bei, den die Umgebung schmerzlich vermissen lässt. Auch die ferne Silhouette der vier neuen Wolkenkratzer mutet, aus dem Schatten des Flugdachs betrachtet, eher als monströser Auswuchs einer Metropole an, vor deren Gefrässigkeit nur noch solche Klosteranlagen für Digitalmönche Schutz bieten.
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